21. Mai 2025

Pianistische Erkundungen – I

Ich bin überzeugt, dass wirklich gutes Neues nur im Bewusstsein der Vergangenheit entstehen kann. Diese Verbindung muss nicht immer so offensichtlich sein wie bei diesem Projekt, aber das Album „Prepare for Dowland“ (Pégazz & l’Hélicon) von Delphine Deau ist hier doch ein hervorragendes Beispiel. Die Pianistin ist Gründerin des beachtenswerten Nefertiti Quartetts – benannt nach einer Komposition von Wayne Shorter – und arbeitet in vielen weiteren Musik-Kollektiven mit.

Durch Zufall entdeckte sie während des Corona-Lockdowns die Kompositionen des englischen Lautenisten John Dowland (ca. 1563-1626) und begann, diese Renaissance-Lieder regelmäßig mit Freunden zu singen. Dabei fand sie eine musikalische Substanz, die überraschende Ähnlichkeiten zu Jazzstandards weckte.

Für ihr erstes Solowerk griff Deau daher auf Dowlands zwischen 1597 und 1603 entstandenen Lautenlieder zurück, und gestaltete sie an einem präparierten Piano radikal neu. Mithilfe verschiedenartiger Gegenstände – Patafix, Münzen, Schrauben, Grillspieße und weitere Kleinteile – die sie im Inneren des Instruments zwischen den Saiten anbringt, verwandelt sie es so in eine wundervolle Zauberkiste.

Für jedes Stück bereitet sie das Instrument anders vor, wodurch eine Vielfalt unterschiedlicher Klangfarben entsteht, die teils an Dowlands ursprüngliches Instrument, die Laute, erinnern, teils an kunstvolle Spieluhren oder geheimnisvolle elektronische Klanggebilde.

Die sechs ausgewählten Stücke werden durch eigene Betrachtungen zu Dowlands zentralen Themen wie Hell, Darkness oder Sweetness ergänzt und zeichnen vielschichtige Stimmungsbilder. Mit spielerischer Meisterschaft gelingt es der Musikerin, aus Dowlands dunkler Melancholie etwas Helles zu formen, das Einflüsse des Boogie, der Minimal Music und des Jazz vereint und ein außergewöhnliches Hörvergnügen bereitet.

Wer John Dowlands Lautensongs mit Gesang erleben möchte, dem empfehle ich das sagenhaft schöne Album „English Folksongs & Lute Songs“ des Countertenors Andreas Scholl (1996, Harmonia Mundi) oder die Aufnahmen mit Peter Pears und Julian Bream.