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6. April 2026
Randy Weston – 100
Am 6. April 1926 wurde der Pianist und Komponist Randy Weston in Brooklyn geboren. Er wäre heute hundert geworden.
Sein Vater lehrte ihn früh, stolz auf seine afrikanische Herkunft zu sein. Weston nahm das ernst. Seine musikalischen Wurzeln liegen bei Thelonious Monk, Duke Ellington und Count Basie, doch schon bald war zu hören, dass Weston weiter wollte.
1967 reiste er nach Afrika und blieb fünf Jahre in Marokko. Dort begegnete er den Gnawa, einer spirituellen Bruderschaft mit Wurzeln in der Geschichte versklavter Westafrikaner. Ihre Musik – getragen vom tief surrenden Gembri (ein dreisaitiges Zupfinstrument) und den metallisch klackernden Karkaba (Handkastagnetten) – dient rituellen Heilungszeremonien. Für Weston war das kein Exotismus, sondern Heimkehr. Er sah darin den Beweis, dass Jazz und Blues afrikanische Musik sind – unterschiedliche Ausprägungen einer gemeinsamen Quelle.
1992 versuchte er, das auf “The Spirits of Our Ancestors“ (Decca) festzuhalten. Ursprünglich sollte das Album in Marokko mit einem Gnawa-Ensemble entstehen. Doch dann kam der Golfkrieg dazwischen und letztendlich wurde das Album in New York aufgenommen mit u.a. Pharoah Sanders, Dewey Redman, Dizzy Gillespie und Yassir Chadly, einem in den USA lebenden Gnawa-Musiker.
Es ist ein Doppelalbum von überraschender Wucht: vielschichtige Rhythmen, in denen afroamerikanischer Jazz und nordafrikanische Trance aufeinandertreffen. Stücke von bis zu zwanzig Minuten Dauer wirken weniger wie Songs als wie Zeremonien. Darunter „African Cookbook“, „Blue Moses“ und das traditionelle marokkanische „La Elaha-Ella Allah“, bei dem Weston auf das Klavier verzichtet.
Die Arrangements stammen von Melba Liston, seiner langjährigen Weggefährtin, die sie nach einem Schlaganfall einhändig am Computer ausarbeitete und sind das Ergebnis einer über Jahrzehnte entwickelten gemeinsamen Sprache.
Das erklärte Ziel des Albums ist es, den musikalischen Vorfahren zu huldigen und die universelle Sprache der Musik zu feiern, die Hautfarbe und Nationalität überschreitet.
Bis zu seinem Tod 2018 blieb Weston aktiv. Er hat ein Werk hinterlassen, das wegweisend war für die Verbindung von Jazz mit traditioneller afrikanischer Musik.
2. April 2026
Passionszeit Vol. 6
Wie jedes Jahr in der Karwoche stelle ich hier Musik vor, die zur Zeit passt und meist aus dem klassischen Bereich kommt (weitere Empfehlungen im index unter Passionszeit). Heuer ist Johann Sebastian Bach dran, meine musikalische Grundnahrung.
Vor kurzem ist eine beeindruckende neue Aufnahme seiner Johannes-Passion unter der Leitung von Raphaël Pichon und dessen Ensemble „Pygmalion“ erschienen — ein überwältigendes Gefühlsbad mit vielen Nuancen.
Der Chor bildet das Gerüst. Er kommentiert oder ist unmittelbar am Geschehen beteiligt (letzteres nennt man dann Turba-Chor): mal zart, mal getragen, flott und eben als schrille Menschengruppe, die Jesus ans Kreuz bringen will. Das Orchester spielt mit federnder Energie auf historischen Instrumenten, die einen milden, warmen Klang erzeugen. In einzelnen Sätzen begegnet man zum Beispiel einer Viola d’amore (Liebesgeige), einer Gambe oder einer Oboe da caccia (Jagdoboe) — und unter anderem einer Theorbe, die zwar nicht in Bachs Partitur vorgesehen ist, aber dennoch mitspielen darf. Blechinstrumente waren übrigens in der Passionszeit (und im Advent) verboten.
Julian Prégardien ist in der Rolle des Evangelisten derjenige, der sehr abwechslungsreich durch das Oratorium führt. Die Sopranistin Ying Fang bringt in ihren Arien eine weiche, glockenhafte Klarheit mit, und Lucile Richardot als Alt zeigt eine eindrucksvolle Bandbreite. Und dann ist da noch mein ehemaliger Schulklassenkamerad Christian Immler, der die Partie des Pilatus singt. Die Stimme, die es mir allerdings am meisten angetan hat, ist die des Tenors Laurence Kilsby. Warum kann ich leider nicht genau sagen.
Unter den Höhepunkten der Aufnahme sind der Eingangs- und Schlusschor, in dem sich alle Elemente wie Wolken ineinanderschieben, scharf konturierte Rezitative sowie ergreifende Arien wie „Es ist vollbracht“ (Nr. 30) oder „Mein teurer Heiland“ (Nr. 32), wo sich Chor und Bass-Rezitativ leise umschlingen. Pichon verpasst dem Werk eine unaufgeregte, aber sehr expressive Note: theatralisch, dramatisch, mit einer Emotionalität auf höchstem Niveau, die zeigt, dass Text und Musik dieser Passion bis heute eine starke Botschaft haben.
Johann Sebastian Bach Johannes-Passion
Ensemble Pygmalion Raphaël Pichon, Leitung
Julian Prégardien, Tenor, Evangelist Huw Montague Rendall, Bariton, Jesus Ying Fang, Sopran, Ancilla Lucile Richardot, Alt Laurence Kilsby, Tenor, Servus Christian Immler, Bass, Pilatus Étienne Bazola, Bass, Petrus
2026, harmonia mundi
27. März 2026
Summertime, please.
Es ist Ende März, es ist kalt und beginnt wieder zu schneien. Die Sehnsucht nach Wärme und Sonne wird langsam dringlich. Zeit, die wärmere Jahreszeit mit ein paar Einspielungen von George Gershwins „Summertime“ heraufzubeschwören. Der bekannteste Song aus seiner Oper „Porgy and Bess“ ist als Schlaflied komponiert und der Text von DuBose Heyward besingt die Leichtigkeit des Sommers und gibt einem verlassenen Kind die Hoffnung, eines Tages diese Leichtigkeit zu finden. Die unzähligen Aufnahmen sind kaum überschaubar, dennoch stelle ich hier nun ein paar höchst unterschiedliche zusammen, die ganz verschiedene Aspekte dieses Songs beleuchten und mir besonders gefallen.
1 ― Joe Pass an der Gitarre und Oscar Peterson exklusiv am Clavichordzeigen die hoffnungsvolle Melancholie und tasten sich behutsam an der Melodie entlang, die gar nicht so eingängig ist wie man es bei einem solchen Evergreen vermutet.
2 ― Roland Kirk verstärkt den spieluhrartigen Aspekt der vorhergehenden Version noch mehr und erzeugt ein kleines Sommer-Wunderland, das von wohligem Glucksen begleitet wird und dessen Zauber leider bereits nach 1:41 Minuten wieder vorbei ist (auf „Boogie-Woogie String Along For Real“, 1978).
3 ― Eine ergreifende Lesart hat Nina Simone im Rahmen ihres genialen Town Hall-Konzerts am 12. September 1959 geliefert, bei der sie den Song nicht nur singt, sondern auch lebt.
4 ― Eine andere Intensität liefert Janis Joplin mit ihrer Band Big Brother & The Holding Company. Markerschütternd und mit bemerkenswerter Instrumentalbegleitung –unvergesslich für jeden, der diese Interpretation einmal gehört hat.
5 ― Ähnlich intensiv, aber die menschliche Stimme durch Saxofon ersetzt, windet sich Albert Ayler klagend, winselnd und jaulend sehr beeindruckend durch den Song („My Name Is Albert Ayler“, 1963). Eine meine liebsten Einspielungen …
Doch nun noch ein paar längere Aufnahmen, für die es sich immer wieder lohnt, Geduld mitzubringen:
6 ― Möglicherweise die berühmteste ist die von John Coltrane (auf „My Favorite Things“, 1960), der das Stück in zeitlose Jazzgeschichte verwandelt, die man immer wieder genussvoll verfolgen kann.
7 ― Eine eher unbekannte Interpretation des glorreichen Triumvirats des europäischen Jazz: Kühn / Jenny-Clark / Humair schmücken in äußerst flotter und komplexer Weise die Gershwin-Komposition ausführlich und kurzweilig aus.
8 ― Den glänzenden Abschluss dieser Zusammenstellung bildet die Zeitlupenversion von Masabumi Kikuchi, dem Maister der Langsamkeit am Jazzpiano, die einen nochmals gute 11 Minuten in Atem hält (auf „Hanamichi“, 2021).
Ob das nun den Sommer heraufbeschwört, weiß ich nicht – aber musikalische Glücksgefühle haben oft auch einen sehr wärmenden Effekt …
Immer freitags erscheinen neue Alben. In dieser Woche gab es gleich drei beeindruckende Werke, die ich hier nun zusammen vorstellen werde.
1 ―„Love at Last Sight“ (BMC) ist das erste Duoalbum der ansonsten lange in vielen verschiedenen Konstellationen tätigen Musiker, der Vibrafonistin Evi Filippou und des Kontrabassisten Robert Lucaciu. Wie hier die Finger bzw. der Bogen geschmeidig über die Saiten gleiten und die Klöppel elastisch übers Metall schwingen, ist ein wirklich großes Vergnügen. Kleine bekannte Melodien ziehen ebenso vorbei wie durch intensives Aufeinanderhören erzeugte Dichte – eine Kombination, die extremen Schwung und viel Poesie in sich trägt. Gelegentlich setzt unwiderstehlich bezaubernder Gesang ein, an anderer Stelle taucht der Saxofonist und Produzent des Albums Hayden Chisholm als Gast auf. Das innige, telepathische Vergnügen, das die beiden live auf der Bühne entwickeln, ist ein Erlebnis, das man auf dem Album nicht sehen, aber dennoch – um diese Erfahrung reicher – in jedem Ton zu spüren meint. > Album unter BCM
2 ― Akkordeon – Serpent, E-Gitarre, Tuba – Percussion und Schlagzeug sind die hervorragend bewährte Kombination der Herren Luciano Biondini, Michel Godard und Lucas Niggli. Die Drei fabulieren sich in „Fabels of Time“ (Intakt) durch Zeit und Raum, sodass man in Gedanken schwebenden Tango tanzt, sich von geheimnisvollen heiseren Serpent-Tönen verführen lässt oder sich einfach mit kindlichem Vergnügen an Nigglis fein verspieltem Schlagwerk erfreut. Und irgendwie hat man den Eindruck, beim Hören dieses Albums immer ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Das Album endet mit einer schönen Reminiszenz: Das vorletzte Stück „Lawns“ ist von Carla Bley, das letzte eine Komposition ihres langjährigen Partners Steve Swallow. > Album auf bandcamp
3 ― Ein sehr (ein)druckvolles Werk ist das Album „Entrance“ (Sauajazz) des Bassisten Nicolas Leirtrø. Kein Wunder – an seiner Seite spielen der mit allen Wassern gewaschene Saxofonist und Flötist Mats Gustafsson und der ebenso umtriebige Kit Downes hauptsächlich an der Hammondorgel, die das ganze Geschehen energiereich durchtreibt. Ergänzt wird das Quartett durch die junge Schlagzeugerin Veslemøy Narvesen. Leirtrø schrieb alle Stücke, denen als kompositorische Grundlage grafische Partituren in Form von Linolschnitten dienen. Die Musik bewegt sich entsprechend zwischen Komposition und freier Improvisation. Sie siedelt sich zwischen Free Jazz und Gnawa – der rituellen Trance-Musik Marokkos – an und ist gespickt mit Zitaten aus der Jazzgeschichte, deren Titel mir sicher noch irgendwann einfallen werden. > Album auf bandcamp
Die Musik von Duke Ellington kann man nachspielen, interpretieren, ganz anders interpretieren oder ihm einfach seinen eigenen Stempel aufdrücken. Letzteres macht Jason Moran mit seiner unverkennbaren Handschrift hier alleine am Klavier so überzeugend, dass man als Hörer gut daran tut, sich gelegentlich bei den Originalstücken rückzuversichern. Das soeben erschienene Album „Jason Moran plays Duke Ellington“ ist das Ergebnis einer langjährigen Leidenschaft und Beschäftigung mit Duke Ellingtons Musik sowie einer Konzerttournee zu seinem 125. Geburtstag vor zwei Jahren. Es enthält zehn Ellington-Kompositionen sowie zwei Eigenkompositionen Morans.
Jason Moran vertreibt seine Musik über sein eigenes Label Yes Records und Bandcamp. Dadurch haben seine Publikationen leider weniger Reichweite. Es ändert aber nichts daran, dass er in regelmäßigen Abständen hervorragende Alben wie hier und hier herausbringt und dass man ihm als einem der wichtigsten Vertreter, Forscher und Erneuerer des zeitgenössischen Jazz unbedingt zuhören sollte.
PS: Morans perlende Version der Fleurette Africaine würde sicherlich auch in diesem Artikel gut passen und ein weitere Artikel auf dieser Seite zu Duke Ellington findet sich hier.
2. März 2026
Michel Portal II
Vor zwei Wochen ist Michel Portal im Alter von 90 Jahren in Paris gestorben. Seitdem überschlagen sich vor allem in Frankreich die Würdigungen eines großen Musikers – einer der schillerndsten Figuren der europäischen Musikszene. Einer, der früh mit Free Jazz experimentierte, französische Chansonstars begleitete, Neue Musik interpretierte, Filmmusik schrieb und das Bandoneon seiner Jugend nie aus der Hand legte. Sogar ein Album mit Musikern aus dem Umfeld von Prince gehörte zu seinem Werk. Radio France hat > hier viele Facetten seiner außergewöhnlichen Karriere zusammengestellt.
Michel Portal wurde 1935 im baskischen Bayonne geboren. Mit sechs Jahren begann er Klarinette zu lernen, um in der Blaskapelle seines Großvaters mitzuspielen und verinnerlichte dabei die Folklore seiner Heimat. Über das Radio entdeckte er bald eine Welt jenseits der Volksmusik mit europäischer Klassik und amerikanischen Jazz.
Am Pariser Konservatorium schloss er sein Studium 1958 mit dem ersten Preis ab. Eine glänzende Laufbahn als klassischer Musiker hätte ihm offengestanden, doch sein Weg führte in viele andere Richtungen. Trotzdem blieb die klassische Musik immer ein wichtiger Teil seines Schaffens.
Zwei Alben mit solchem Repertoire höre ich immer wieder gerne. Sie sind das Ergebnis einer langen musikalischen Partnerschaft mit dem Klarinettisten Paul Meyer (*1965) und zeigen, wie hier ganz bei sich war:
1 – Rencontre (1998, EMI) ist das intimere der beiden. Zwei Klarinetten, kein Orchester. Das Programm besteht aus u.a. aus Duos von Haydn, Mozart und C.P.E. Bach. Portal und Meyer spielen diese Musik mit gegenseitiger Aufmerksamkeit und einer swingenden Leichtigkeit, die man sonst eher im Jazz erlebt.
2 –Double (2020, Alpha Classics), 22 Jahre später aufgenommen, entstand mit dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie. Das Repertoire reicht von Telemanns Konzert für zwei Chalumeaux, dessen Ton die beiden wunderbar nachahmen, über ein Werk von Carl Stamitz bis hin zu Mendelssohn-Bartholdy. Portal war damals 84 Jahre alt und man hört ihm an, dass ihn das nicht im Geringsten interessierte.
Übrigens: Wenn man auf dieser Seite über „index“ nach Michel Portal sucht, finden sich weitere Beiträge zu ihm. Er gehört seit vielen Jahren zu den Musikern, deren Werk ich besonders aufmerksam verfolge.
6. Februar 2026
Das Chamäleon
Wadada Leo Smith (*1941) ist ein Musiker, dessen Trompetenspiel und kompositorisches Denken immer wieder andere Gestalt annehmen kann, ohne seine Identität zu verlieren. In den letzten beiden Jahren hat er Duo-Alben mit drei sehr unterschiedlichen Pianist:innen verschiedener Generationen eingespielt, auf denen dies besonders deutlich wird. Diese Aufnahmen zeigen eindrucksvoll, wie flexibel und zugleich unverwechselbar Smith arbeitet und dass seine Kunst nicht in einem Stil besteht, sondern in der Fähigkeit, jedem Dialog die passende musikalische Sprache zu geben. Gleichzeitig schaffen seine Kollaborationen Räume, in denen sich ästhetische Welten berühren und gegenseitig verändern.
1 – „Defiant Life“ mit Vijay Iyer (2025, ECM) Ein erhabenes Album, auf dem über den Zustand des Menschen meditiert wird: über das, was im Argen liegt, aber auch über den Glauben daran, dass er die Widrigkeiten überwinden kann. Die Töne schweben luftig durch den Raum. Man verfolgt sie, lauscht ihnen nach, lässt sie ziehen und fängt sie wieder ein. Iyers (*1971) oft zurückgenommenes Spiel auf Piano und Fender Rhodes, gelegentlich durch elektronische Texturen erweitert, schafft einen kargen, offenen Raum, in dem Smiths Trompete wie eine sprechende Stimme wirkt. Wie auf einer Wippe balancieren sie ihre Töne gegenseitig aus und tupfen sie vorsichtig in den Resonanzraum.
2 – „Angel Falls“ mit Sylvie Courvoisier (2025, Intakt) Der Austausch auf diesem Album ist ein Fortführen von Gedankensträngen und ein Ineinanderweben von Tönen. Gegenseitiges Belauern ist Konzept und treibt immer neue Blüten. Courvoisiers (*1968) Piano, das sie unter anderem klopfend, zupfend und drückend bearbeitet, liefert ein detailliertes, vielseitiges Klangspektrum, das mal ruhig, mal impulsiv ist. Smiths Trompete reagiert darauf mit klaren, präzisen Linien, wodurch ein kontinuierlicher Dialog entsteht. Dieses Album ist das experimentellste der drei und erfordert ein besonders waches Zuhören.
3 – „Central Park’s Mosaics of Reservoir, Lake, Pathways and Gardens“ mit Amina Claudine Myers (2024, Red Hook) Das Album ist lose inspiriert von verschiedenen Orten im New Yorker Central Park. Myers’ (*1943) Spiel am Piano und an der Orgel bringt hörbar Gospel-, Blues- und spirituelle Traditionen ein. Smiths Spiel reagiert darauf mit einem deutlich lyrischeren Ton. Im Vergleich zu den anderen beiden Alben herrscht hier mehr Konsens als Reibung, und das Album ist, wie auch das Cover suggeriert, von enormer Leuchtkraft. Es schließt mit dem Titel „Imagine, A Mosaic for John Lennon“, in dem immer wieder, gleichsam zeitlupenartig, der bekannte Song durchblitzt.
25. Januar 2026
Resonanz
Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte eines Albums die Musik interessanter macht – oder ob die Musik auch einfach für sich genommen gut ist. Die Entstehungsgeschichte zu > REX von Christopher Hoffman (Out Of Your Head) ist auf jeden Fall sehr spannend.
Im August 2023 zog der Cellist und Komponist Christopher Hoffman mit seiner Familie als Mieter in das ehemalige Haus von Rex Brasher, einem amerikanischen Maler und Ornithologen, nach Amenia – einem kleinen Ort im ländlichen Hudson Valley im Bundesstaat New York. Das Apartment wird von der Rex Brasher Association verwaltet, die sich um den Nachlass kümmert und eine sehr ausführliche, sehenswerte Websitebetreibt. Brasher hatte über viele Jahre hinweg an Birds and Trees of North America gearbeitet, einem groß angelegten Buchprojekt, in dem er sein jahrzehntelanges Studium nordamerikanischer Vögel und Bäume festhielt. Mehr als 1.200 Aquarelle entstanden dabei – präzise Studien aus direkter, geduldiger Beobachtung.
Hoffman wusste zunächst kaum etwas über Brasher. Erst vor Ort begann er, sich mit dessen Texten und Gedichten sowie mit der Geschichte des Hauses auseinanderzusetzen. Diese langsame Annäherung wurde schließlich zum Ausgangspunkt für die Musik auf diesem Album.
Hoffman verzichtet bewusst auf Vogelklänge und übersetzt stattdessen Eindrücke, Sprachrhythmen, Atmosphäre und persönliche Erfahrungen in Klang – in einer Arbeitsweise, die Brashers Perfektionismus widerspiegelt: ausprobieren, verwerfen, neu beginnen, bis das Ergebnis wirklich stimmt. Die Aufnahmen entstanden direkt in dem Haus, während Hoffman dort lebte und arbeitete.
REX ist Hoffmans erstes Solo-Album, vollständig von ihm selbst komponiert, aufgenommen, produziert, gemischt und gemastert. Teils akustisch, teils elektrisch erzeugt er mit dem Cello Loops, Überlagerungen und Verzerrungen und entwickelt mit unterschiedlichen Spieltechniken einen eigenständigen Sound, der der vergleichsweise überschaubaren Geschichte von Solo-Cello-Aufnahmen viele neue Perspektiven hinzufügt.
Ein entscheidender Katalysator für diese Veröffentlichung war Henry Threadgill, der US-amerikanische Komponist und Multiinstrumentalist, ein Pionier des Jazz und der Improvisationsmusik, mit dem Hoffman regelmäßig zusammenarbeitet. Threadgill ermutigte ihn, das zunächst privat gedachte Material live vor Publikum zu spielen. Dadurch nahmen die Stücke ihre endgültige Form an, und Hoffman fand den Mut, sich selbstbewusst in die Tradition der Solo-Cello-Aufnahmen einzureihen.
Neben den Bezügen zu Brasher – unter anderem seiner Frau Marie oder seinem Hund Pal – fließen auch persönliche Ebenen Hoffmans ein: Einige Stücke sind Menschen gewidmet, die ihm nahestanden, andere reflektieren sein Familienleben auf dem Land.
Das Ergebnis selbst ist großartig, und dass es dazu noch eine so interessante Geschichte gibt, macht das Album nur umso stärker.
P.S. Auf Christopher Hoffman wurde ich übrigens vor einigen Jahren über sein hochgelobtes Album > Asp Nimbus (Out Of Your Head, 2021) aufmerksam, das er im Quartett mit Vibraphon, Bass und Schlagzeug aufgenommen hatte.
21. Januar 2026
Der Magnet
Meine Kinder sind der Meinung, Louis Sclavis sei mein Lieblingsmusiker. Ich wehre mich eigentlich dagegen, einen über andere zu stellen, denn es gibt so viele großartige Musiker, die ich schätze. Dennoch: Seit vielen Jahren warte ich gespannt auf jedes neue Album von ihm; keinen Künstler habe ich so oft, an so vielen verschiedenen Orten, live erlebt.
Louis Sclavis ist kein Star im gängigen Sinn. Ich bezeichne ihn eher als stillen Magneten, der mit seiner charakteristischen Mischung aus federnder Eleganz, lyrischer Ruhe und pulsierender Rhythmik eine große Anziehungskraft ausübt. Er spielt mit wem und bei wem er Lust hat – und genau daraus ist ein überaus variationsreiches Werk gewachsen. Neue Musik, alte Musik, Orientalisches, Rap oder Spoken Word – alles ist bei ihm gut aufgehoben. Sein Klang auf der Klarinette ist unverkennbar, und kaum hat er eines seiner charakteristischen Soli begonnen, ist er kaum mehr zu bremsen – während mancher Mitmusiker dann schmunzelnd länger auf seinen Einsatz wartet.
Sein zuletzt erschienenes Album India (Yolk, 2025) knüpft an den Ansatz von Chine aus dem Jahr 1987 an – keine ethnologische Studie, keine exotistische Anlehnung, sondern eine persönliche, europäische Reflexion über die Eindrücke aus fernen Ländern. Mehr Reflexion als Imitation. Wie so oft bei Sclavis erschließt sich das Album nicht sofort. Es sind Klanglandschaften, die Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, die nach und nach ihre Geschichten offenbaren.
Das seit einigen Jahren bewährte Ensemble mit Sarah Murcia (Bass), Benjamin Moussay (Piano/Keyboards) und Christophe Lavergne (Schlagzeug) wird hier um den Trompeter Olivier Laisney erweitert und öffnet den Klangraum wieder einmal in eine neue Richtung. Besonders schön sind bei dieser Aufnahme übrigens auch die solistischen Passagen der Bassistin, die immer wieder aufhorchen lassen.
Und vielleicht haben meine Kinder ja doch ein kleines bisschen Recht …
Kansas City, 1926. In den Clubs der Stadt wurde bis tief in die Nacht gespielt, Jazzrhythmen drangen aus Tanzlokalen und Radios. In dieser pulsierenden Musikmetropole wurde am 13. Januar ein Mädchen geboren, das diese Welt entscheidend mitprägen sollte: Melba Doretta Liston.
Durchsetzungsstarke Anfänge Mit sieben Jahren entdeckte Melba im Schaufenster eines Musikgeschäfts eine Posaune. Das glänzende Instrument faszinierte sie zutiefst – es war das Schönste, was sie je gesehen hatte. Obwohl die Posaune viel zu groß für sie war, ließ sie sich nicht entmutigen und fand gemeinsam mit ihrem musikbegeisterten Großvater einen Weg, das sperrige Instrument trotz ihrer kurzen Arme zu beherrschen. Sie erlernte es weitgehend autodidaktisch und nach Gehör. Bereits nach einem Jahr trat sie mit einem Solo in einer örtlichen Radiosendung auf – ein erstes, strahlendes Zeichen ihres außergewöhnlichen Talents und ihres unerschütterlichen Willens.
1936 zog Melba mit ihrer Mutter nach Los Angeles. An der High School begegnete sie > Alma Hightower, einer unkonventionellen Musikpädagogin, die ihre Schüler nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in Parks unterrichtete und in den Straßen auftreten ließ. Zu ihren Schülern zählten unter anderem Charles Mingus und Dexter Gordon. Hightower erkannte Melbas außergewöhnliches Potenzial und förderte sie gezielt. Unter ihrer Anleitung machte Melba nicht nur große technische Fortschritte, sondern entwickelte auch das Selbstvertrauen, sich in der nahezu ausschließlich männlich dominierten Jazzwelt zu behaupten.
Erste Erfahrungen Mit 16 Jahren beschloss Melba, Berufsmusikerin zu werden, und trat der Musikergewerkschaft bei. Kurz darauf erhielt sie als erste Frau eine Anstellung im Lincoln Theatre Orchestra, wo sie Begleitmusik für Filme und Varieté-Shows spielte. In dieser Zeit begann sie, eigene Arrangements zu schreiben, und arbeitete parallel als Studio- und Rundfunkmusikerin.
Mit etwa 18 Jahren wechselte sie zur Big Band von Gerald Wilson und wuchs zunehmend in die Rolle der Arrangeurin hinein. Wilson zeigte sich begeistert von ihr: „Diese Frau war unglaublich – sie konnte komponieren, arrangieren, orchestrieren, sie konnte einfach alles.“
Ihr früherer Mitschüler Dexter Gordon lud sie zu gemeinsamen Aufnahmen ein – ihre ersten Studioerfahrungen. Zudem widmete er ihr ein Stück: > Mischievous Lady („Schelmische Lady“), das auf ihre besondere Ausstrahlung anspielte.
Erfolg, Ernüchterung und Rückzug Nach der Auflösung von Wilsons Band im Jahr 1948 ging Melba nach New York und schloss sich der progressiven Big Band des Trompeters Dizzy Gillespie an, zu der in dieser Zeit auch John Coltrane gehörte. Die Arbeit in dieser Formation war musikalisch aufregend und inspirierend. Als sich die Band jedoch bereits 1949 wieder auflöste, begleitete sie erneut Gerald Wilson auf einer Tournee mit Billie Holiday durch den Süden der USA.
Dort erlebte sie die harte Realität der damaligen Rassentrennung: Die afroamerikanischen Musiker waren vielerorts unerwünscht, Restaurants verweigerten ihnen den Service, die Unterkünfte waren erbärmlich. Und das Publikum? Das wollte lieber vertraute Tanzmusik als den Bebop, diese aufregend neue Musik.
Völlig desillusioniert verließ Melba die Truppe und kehrte – erschöpft von den Strapazen des ständigen Reisens – nach Los Angeles zurück. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als Verwaltungsangestellte im Bildungsamt und übernahm kleinere Statistenrollen in Hollywood-Produktionen, unter anderem als Mitglied des Palastorchesters in The Ten Commandments, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Posaune legte sie vorübergehend beiseite, komponierte und arrangierte jedoch weiterhin mit großer Leidenschaft.
Rückkehr und künstlerische Reife Während dieser Auszeit meldete sich überraschend Dizzy Gillespie und holte sie 1956 zurück in seine Band. Unter anderem für eine der sogenannten Goodwill Tours durch den Nahen Osten – ein kulturpolitisches Programm des US-Außenministeriums zur Verbesserung des internationalen Images der USA. (> interessante Quelle).
In dieser Phase arbeitete Melba als Arrangeurin und Solistin und schuf einige ihrer bedeutendsten Werke, darunter Annie’s Dance und > My Reverie (= Video mit ML als Solistin), beide auf Gillespies Album Birks Works (1956) zu hören. Auf dem 1995 hinzugefügten Bonustrack > You’ll be sorryist sie sogar als Sängerin zu hören.
Aus einem Tourprogramm
Anfangs begegneten ihr einige männliche Kollegen mit großer Skepsis, doch aufgrund ihrer musikalischen Fähigkeiten setzte sie sich schnell durch. Das „große, anmutige junge Mädchen mit dem tausendfachen Lächeln“, wie sie beschrieben wurde, gewann rasch die Herzen von Publikum und Mitmusikern – auch wenn sie weiterhin mit traditionellen Rollenzuschreibungen konfrontiert wurde und etwa zum Flicken von Kleidung oder Haareschneiden herangezogen wurde.
Ein eigenes Album 1958 veröffentlichte Melba ihr einziges Album unter eigenem Namen: Melba Liston and Her ’Bones, auf dem unter anderem sechs weitere Posaunisten zu hören sind. Die Aufnahmen zeigen eindrucksvoll ihre Qualitäten als Instrumentalistin und Bandleaderin und verdeutlichen, dass sie zu den ersten Frauen gehörte, die sich auch instrumental auf höchstem Niveau im Jazz behaupteten.
Zusammenarbeit und Lehre In den folgenden Jahrzehnten arbeitete sie eng mit dem Pianisten Randy Weston zusammen. Gemeinsam realisierten sie zahlreiche Projekte und leisteten Pionierarbeit bei der Verbindung afrikanischer Musiktraditionen mit amerikanischem Jazz. Zusammen nahmen sie rund zehn Alben auf, darunter Little Niles (1959) und The Spirits of Our Ancestors (1992).
Darüber hinaus arrangierte Liston für Größen wie Quincy Jones, Duke Ellington, Abbey Lincoln oder Diana Ross und ihr Name ist in den Credits unzähliger Aufnahmen zu lesen. Parallel engagierte sie sich intensiv in der musikalischen Nachwuchsförderung und arbeitete mit verschiedenen Jugendorchestern.
Lehrtätigkeit in Jamaika 1973 zog Melba Liston auf Einladung der jamaikanischen Regierung nach Jamaika, wo sie mehrere Jahre lebte. Sie unterrichtete an der Jamaica School of Music, einer der wichtigsten Ausbildungsstätten der Karibik, und leitete die Abteilung für Popular- und Jazzmusik. In dieser Funktion entwickelte sie Lehrpläne, unterrichtete Komposition, Arrangement und Improvisation und trug maßgeblich zur Etablierung einer fundierten Jazz-Ausbildung in der Region bei. Neben ihrer Lehrtätigkeit arbeitete sie unter anderem als Arrangeurin für jamaikanische Produktionen.
Die Zeit auf der Insel brachte ihr Ruhe, neue Inspiration und eine willkommene Distanz vom intensiven Tour- und Studiobetrieb der USA.
Die letzten Jahre 1979 kehrte sie schließlich in die USA zurück und gründete die Melba Liston Company, ein Frauen-Jazzensemble, das auf Festivals und im Konzertleben Beachtung fand.
Ein schwerer Schlaganfall in den 1980er Jahren beendete ihre Karriere als Posaunistin und fesselte sie an den Rollstuhl. Doch ihr starker Wille blieb ungebrochen und so setzte sie nun mit Hilfe von Computertechnik ihre musikalischen Ideen weiter um. 1987 wurde sie mit dem NEA Jazz Masters Award geehrt, der höchsten amerikanischen Auszeichnung im Jazz – eine späte verdiente Anerkennung ihres Schaffens.
Nach weiteren Schlaganfällen starb Melba Liston schließlich am 23. April 1999 in Los Angeles.
Sie gehört zu den großen, lange übersehenen Persönlichkeiten des Jazz. Ihr nachhaltiger Einfluss liegt vor allem in ihrer Arbeit als Arrangeurin – in ihrer einzigartigen Fähigkeit, komplexe musikalische Ideen klar zu strukturieren und unterschiedliche Klangwelten präzise zu formen.
aus: „Frauen im Jazz“ (unveröffentlicht) – Text und Illustration: Anne Schmidt
8. Januar 2026
Das Instrument des Jahres 2026
Dass ich ein großer Akkordeonfan bin, ist hier bisher ein wenig untergegangen. Dabei begleiten mich viele Akkordeonspieler schon seit langem. Jean-Louis Matinier als Ensemblepartner von Michael Riessler und Louis Sclavis. Richard Galliano mit Michel Portal oder auch Claude Nougaro, Otto Lechner unter anderem mit den „Betlehem Allstars“, Vincent Peirani als Alles-Wegfeger zusammen mit seinem Duo-Partner in Crime Emile Parisen und auch vielen anderen.
Ich erinnere mich immer wieder gern an ein Konzert von Kimmo Pohjonen beim Jazzfestival in Saalfelden 2001, bei dem er das ganze Zelt zum Schweben bracht. Ebenso an Marc Perrone, der zwischen Bäumen in Uzeste spielte und der Jahre später dort bei einem Konzert, bei dem gleichzeitig ein Film über sein Leben gezeigt wurde, von seinen Musikerkollegen gewürdigt wurde und der ganze Saal seine Kompositionen mitsang.
Stellvertretend für viele andere Alben empfehle ich hier drei dehr unterschiedliche Solowerke die ich viel gehört habe: Perrones Klassiker „Jacaranda” (1995), Guy Klucevseks Album „The Heart of the Andes” (2002), erschienen bei Winter & Winter, und Kimmo Pohjonens äußerst abenteuerliches Album „Cluster” (2005).
Der im Mai letzten Jahres verstorbene Guy Klucevsek bewegte sich auf dem weitesten Feld von allen. Ob im Dunstkreis von John Zorns Avantgarde, mit Bill Frisell, in der Neuen Musik oder im klassischen Repertoire – er war einer der Musiker, die sich vor keiner Grenze scheuten.
17. Dezember 2025
Mein Musikhörverhalten im Jahr 2025
Am Ende des Jahres zeigt mir mein „vitaminhaltiges“ Streaming-Abo, was ich am meisten gehört habe.* Vielleicht sagt diese Liste weniger über die Qualität als über die Hörbarkeit aus, aber genau dieser Unterschied ist aufschlussreich: zwischen dem, was einen begleitet, und dem, was man als bedeutend einstufen würde.
Ich schätze sperrige Meisterwerke im Jazz sehr, aber ich finde, dass gerade in dieser Domäne der Schönklang oft unterbewertet wird. Als Begriff wird er von Jazz-Puristen oft abwertend verwendet, als wäre Zugänglichkeit ein Makel. Aber genau dieser Schönklang bekommt in der folgenden Aufzählung seinen gebührenden Platz:
Platz 1 ―Die Herren Kühn / Jenny-Clark / Humair, das Triumvirat des europäischen Jazz, gerne sperrig, aber auf diesen Konzertmitschnitten in ihrer Sperrigkeit von besonderer Schönheit und Spielwütigkeit.
Was auf den nächsten Plätzen folgt, ist noch mehr Schönklang, der auf keinen Fall gefällig klingt, sondern der von tiefer musikalischer Substanz getragen wird. (Jazz-)Musik, die Herz und Verstand zu erreichen weiß:
2 ―Der Bassist Stéphane Kerecki und Konsorten mit Interpretationen von Charlie Hadens „Liberation Music“, die fast als Inbegriff von intelligentem Schönklang gelten können.
3 ―Josefine Cronholm mit ihrer Band „Near the Pond“ und den Vertonungen des japanischen Dichtermönchs Saigyô (12. Jh.) in zeitgenössischem Anstrich.
4 ―Die grandios-archaischen Joni-Mitchell-Interpretationen des israelischen Sängers Haim Isaacs, an die ich inzwischen immer denken muss, wenn draußen Krähen krächzen – Geräusche, die auf dem Album „Joni Mitchell in Jerusalem“ kongenial den Song „Black Crow“ begleiten.
5 ― Claude Tchamitchian und sein Ausflug in die Klangwelt eines imaginierten Zirkus.
Das nächste Album ist, wie einige in dieser Liste auch, eine Neuinterpretation von Altem. Ein Dialog mit der Vergangenheit, der zeigt, wie lebendig Tradition sein kann:
6 ―Die phantasievollen John-Dowland-Reminiszenzender Pianistin Delphine Deau an den großen alten Meister.
7 ―Ein weiterer Pianist: Shai Maestro und sein teilweise sehr überwältigendes Soloalbum „Solo: Miniatures & Tales“.
Auch auf den Plätzen 8–15 dominiert die Melodie, doch auch Grenzgänge und ein Ausflug in die frühe Klassik sind dabei:
Schönklang ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss sich behaupten gegen Vorurteile und schnelles Hören. Und wenn er gewinnt, wirkt er als intellektuelles Vergnügen, als tiefes emotionales Erlebnis und schafft vielleicht Zugang zu einer neuen Musikwelt.
Unter „Neue Alben“ finden sich noch viele weitere Werke, die mich auf unterschiedliche Weise dieses Jahr beeindruckt haben und eine „Best of“-Liste sähe sicher ein wenig anders aus. Doch in diesem Jahr gefiel mir der Gedanke, mein Hörverhalten entscheiden zu lassen.
Dennoch möchte ich zwei weitere Alben erwähnen, die mich 2025 besonders beeindruckt haben und die auf einer Liste mit rein qualitativen Gesichtspunkten sicher weiter oben stehen würden:
Das ist zum einen „Hemlocks, Peacocks“ des Will Mason Quartets das sich an der Grenze zur Neuen Musik bewegt und mich nach wie vor mit seinen schwirrend schwebenden Klängen vollkommen betört. Und ähnlich beeindruckend »„Unseparate“ der Webber/Morris Big Band, eine Großformation unter weiblicher Führung mit herausragenden Kompositionen. Die Saxophonistin Anna Webber ist übrigens bei beiden Projekten dabei.
* Dass es sich hier (fast) nur um Neuerscheinungen aus dem Jahr 2025 handelt, hängt sicherlich auch mit der Arbeit an diesem Blog zusammen und mit meiner natürlichen Neugier auf Neues.
13. Dezember 2025
Marylin Mazur 1955-2025
aus: „Frauen im Jazz“ - Illustration und Text: Anne Schmidt
27. November 2025
Michel Portal
zum 90. Geburtstag ein Artikel vom 22. März 2021:
Michel Portal ist ein feste Größe in der internationalen Musikwelt – leider wissen das ausserhalb Frankreichs nur wenige. Der 1935 geborene Klarinettist, Saxophonist, Bandoneonspieler und Komponist macht vor keiner musikalischen Grenze halt. Hier eine Auswahl an Alben, die das vielleicht deutlich macht:
1 ― Splendid Yzlement (1972): Vor etwa 30 Jahren mein erster Kontakt zu Michel Portal. Ist nicht sein zugänglichstes Werk, aber die 1970er Jahre waren eben auch die Zeit der großen musikalischen Experimente. Und dieses hier ist dafür ein sehr spaßiges Beispiel. Aus dem gleichen Jahr findet man im Web die für den französischen Jazz wegweisende Live-Aufnahme „Michel Portal Unit – Chateauvallon 1972“.
2 ― Dejarme solo (1970): Die Sehnsucht nach Einsamkeit – nach jahrelangem Spielen im Kollektiv – führte zu diesem Soloalbum, das im Multitrack-Verfahren unter Verwendung fast der gesamten Saxophon- und Klarinettenfamilie entstand. Am Ende wird es gekrönt mit einer ausgelassenen Bandoneon-Performance. Vielleicht Portals schönstes Album.
3 ― Arrivederci Le Chouartse (1980): Ein Live-Aufnahme mit den Schweizern Pierre Favre am Schlagzeug und Léon Francioli am Bass. Für geübte Ohren ein Genuss.
4 ― Musiques de cinémas (1995): Ein Fusion-Ausflug – oft sehr emotionale aber auch kraftvolle Filmusikkompositionen mit großartigen Musikerkollegen. 5 ― Bailador (2010): Französisch-amerikanische Zusammenarbeit voller mitreissender Spiellust. Eigentlich (fast schon) tanzbar …
6 ― Eternal Stories (2017): Ein Jazztrio (inkl. Monsieur Portal) und das Streichquartett „Quatuor Ébène“ – das ist Musik die man eigentlich gar nicht näher definieren möchte. Gespielt wird Portal, Astor Piazzolla und mehr. Einfach selbst hören wie das klingt.
Übrigens: Das Allerschönste gibt es leider nicht auf Platte: ein » Duomit dem Pianisten Roberto Negro.
Und sonst: Tangomusik mit Richard Galliano („Blow up“, 1996); Klarinettenkonzerte von Mozart, Brahms, etc. (z.B. „Double“ mit Paul Meyer, 2020); Hommagen an den amerikanischen Jazz („Minneapolis“, 2000), Afrika („Burundi“, 2000) u.v.m.
Fussnote: Frühes in Erscheinung treten Michel Portals im französischen Chanson u.a. bei Serge Gainsbourg („Machin choses“, 1964) und Barbara („Pierre“, 1964).
Ein großartiger Tribut an Charlie Haden und sein Liberation Music Orchestra, an den Protestsong als Ausdruck des Widerstands, an die Freiheit als bleibenden Auftrag und an die Schönheit, deren Kraft diese Musik bis heute erfahrbar macht. Stéphane Kerecki gelingt es, Hadens Vision sensibel weiterzutragen: Mit sorgfältigen Arrangements, virtuoser Instrumentierung und einer klaren Linie zwischen Improvisation und Komposition interpretiert er mit seinem Ensemble diese zeitlosen Songs mit viel Respekt und eigener künstlerischer Handschrift neu.
Charlie Haden, Carla Bley, Gato Barbieri, Sam Brown, Don Cherry, Andrew Cyrille, Howard Johnson, Mike Mantler, Paul Motian, Bob Northern, Dewey Redman, Perry Robinson, Roswell Rudd
10. November 2025
Ein Wald aus Tönen
Zu den sehenswerten Filmen über Jazz gehört > „Music for Black Pigeons“. Darin wird unter anderem der BassistThomas Morgan gefragt, wie er sich fühle, wenn er Musik spielt. Bevor er antwortet, verharrt er rund eine halbe Minute in Schweigen – und selbst danach spricht er nur zögerlich. Auch in seiner Musik spielen Pausen und das Nachdenken eine zentrale Rolle. Am deutlichsten zeigt sich das für mich auf seiner Aufnahme mit Masabumi Kikuchi, „Sunrise“.
Seit Jahren spielt Morgan als vielseitiger Sideman mit einigen der Großen des Jazz, und erstaunlicherweise bringt er erst jetzt sein erstes eigenes Album heraus: „Around You Is a Forest“, ein Werk, das wiederum mich beinahe sprachlos macht.
Denn es zeigt noch eine andere Seite von ihm: die des Programmierers und Computerliebhabers. Der Sohn eines Informatikprofessors hat für dieses Album ein virtuelles Saiteninstrument namens WOODS entwickelt – ein lebendiges Klangsystem, das sich ständig wandelt und auf keine vorgefertigten Sounds angewiesen ist. Jeder Ton, jede Struktur entsteht in Echtzeit und reagiert auf die musikalische Umgebung. Es vereint Eigenschaften westafrikanischer Lautenharfen, asiatischer Zithern, Cimbalom und Marimba, klingt aber wie ein neues, akustisches Instrument. Ein Instrument, das trotz elektronischer Herkunft natürlich wirkt.
Morgan eröffnet das Album selbst am Kontrabass im Duo mit seinem elektronischen Gegenüber WOODS. In der Folge begleitet und ergänzt jeweils ein anderer Musiker ein eigens für ihn programmiertes und vorab aufgenommenes Stück.
Die mitwirkenden Musiker sind einige von Thomas Morgans engsten Weggefährten:
Dan Weiss – Tabla Craig Taborn – Farfisa, Fender Rhodes, Synthesizer, Field Recordings Gerald Cleaver – Schlagzeug Henry Threadgill – Flöten Ambrose Akinmusire – Trompete Bill Frisell – Gitarren Immanuel Wilkins – Altsaxophon
Wie der Albumtitel „Around You Is a Forest“ suggeriert, legt sich die Musik wie ein Wald aus Tönen, Pausen und subtilen Nuancen um den Hörer, und bei dem man immer wieder neue Details entdeckt.
Insgesamt wirkt das Album wie eine Meditation, mit einer Sogwirkung, wie ich sie selten erlebt habe. Es scheint einem beständig zuzuflüstern: „Lass dich nicht ablenken – hör genau zu.“
Am Ende des Albums rezitiert der Dichter Gary Snyder sein Poem ‚Here‘, das Morgan 2016, als er begann, WOODS zu programmieren, in der New Yorker U-Bahn entdeckte und sofort als eine Basis für das Projekt erkannte.
Erschienen ist die Aufnahme auf dem Label > Loveland des dänischen Gitarristen Jakob Bro, das einiger Zeit durch besonders schöne Cover auffällt – oft bunt und verspielt wie Kinderzeichnungen, gestaltet von dem Künstler > Tal R. Unter anderem ist dort in diesem Jahr auch ein sehr beachtenswertes Duoalbum „Colours“ von Thomas Morgan mit der Sängerin Maria Laurette Friis erschienen.
PS: Und irgenwie erinnert mich das Album auch ein wenig an die „Schwarzwaldfahrt“ von Peter Brötzmann und Han Bennink …
7. November 2025
Lines for Lions
Es ist November, und ich beginne zu sinnieren, welche Alben wohl meine Favoriten des Jahres werden könnten. Und just am heutigen Tag erscheinen zwei starke Anwärter darauf.
Zunächst drei mir wohlbekannte Musiker, in deren Adern viel Poesie fließt – und die für diese Aufnahme ihre Jimmy-Giuffre-Lektion besonders gut verinnerlicht haben. Vincent Courtois spielt sein Cello, als wäre er eine Inkarnation des Gitarristen Jim Hall. Die beiden Bläser, Daniel Erdmann am Tenorsaxofon und Robin Fincker an der Klarinette bzw. ebenfalls am Tenorsaxofon, bilden mit Courtois ein perfekt eingespieltes Trio, das von fein abgestimmtem Gleich- und Gegenklang lebt.
„Lines For Lions“ (La Buissonne) heißt das Album und ist eine Reminiszenz an den West-Coast-Jazz, der in den 1950er-Jahren als relaxtes Pendant zum eher komplexen Bebop entstand. Die drei formen daraus eine extrem dichte Musik, der man immer wieder begeistert lauschen kann.
Die Vorstellung des anderen Albums folgt in den nächsten Tagen – denn das ist ziemlich herausfordernd.
27. Oktober 2025
Jack DeJohnette (1942–2025)
Es ist eine leises, rhythmisches Klopfen im Hintergrund, fast überhört man es im Dialog von Bass und Klavier. Doch gerade dieses Klopfen macht „Vignette“ – das Eröffnungsstück von „Tales of Another“ (1977, ECM) – zu einem der bemerkenswertesten Werke der Jazzgeschichte.