22. Juli 2026
Hidden Gems – 3
Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Eigentlich widmet sich diese „Hidden Gems“-Reihe ausschließlich europäischen Jazz-Schätzen. Doch dieses US-amerikanische Album tanzt in Dave Brubecks Diskografie derart aus der Reihe, dass es hier doch einen Platz findet. Außerdem ist es eines meiner absoluten Lieblingsalben.
The Dave Brubeck Quartet
Jazz Impressions of Japan
Darius Milhaud war Ende der 1940er-Jahre am Mills College in Kalifornien Dave Brubecks Kompositionslehrer. Von ihm übernahm Brubeck die Freude an ungewöhnlichen Rhythmen. Milhaud gab seinen Studenten aber noch etwas mit auf den Weg: den Rat, die Welt zu bereisen, die Ohren offenzuhalten und die Eindrücke unterwegs wie in einem Tagebuch festzuhalten, um sie später in Musik zu verwandeln.
Brubeck folgte diesem Rat und als er 1964 mit seinem Quartett durch Japan tourte, hielt er fortlaufend Eindrücke, Anekdoten und musikalische Motive fest. Zurück in New York entstand daraus im Juni desselben Jahres das Album “Jazz Impressions of Japan“.
In seinen Liner Notes erklärt Brubeck das Konzept des Albums: Ein Land lässt sich bei einem kurzen Besuch nicht wirklich begreifen. Was bleibt, sind flüchtige, aber starke Eindrücke. Er vergleicht seine Musik deshalb mit Haikus – jener knappen japanischen Gedichtform, die nichts ausformuliert, sondern nur andeutet und dem Zuhörer den Rest überlässt. Statt japanische Instrumente zu benutzen, übersetzte das Quartett die fernöstlichen Klänge in seine eigene musikalische Sprache, den Jazzstil, wie er in den 1950er-Jahren an der US-Westküste entstanden war.
Das Album erzählt in acht Stücken von einem Land zwischen rasantem Wandel und jahrhundertealter Tradition:
1 – Tokyo Traffic beginnt mit einer filigranen, traditionellen japanischen Melodie und schaltet schnell in pulsierenden West-Coast-Jazz um. Dabei fängt es das Verkehrschaos Tokios – das die Band auf der Tour mehrfach erlebte – perfekt ein.
2 – Rising Sun beschreibt den Moment, in dem die ersten goldenen Sonnenstrahlen die Landschaft erhellen. Fast komplett ohne Schlagzeug konzentriert sich das Stück auf ein intimes Zwiegespräch zwischen Brubecks warmen Akkorden und Desmonds weichem Saxophon.
3 – Toki’s Theme wurde ursprünglich für die TV-Serie Mr. Broadway geschrieben. Sein federnder, hüpfender Rhythmus erinnert stellenweise ein bisschen an Skamusik und macht sehr gute Laune.
4 – Fujiyama gestaltet sich extrem ruhig und schwebend. Man stellt sich förmlich den dichten Nebel vor, der den Berggipfel des Mont Fuji umhüllt, bevor er langsam sichtbar wird. Paul Desmond spielt hier völlig schwerelos – für mich eines schönsten Soli seines gesamten Schaffens. Wobei auch der Pianopart das Zeug dazu hat, einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
5 – Zen Is When – hier hat das Saxophon Pause. Es ist das einzige Stück des Albums, das nicht aus Brubecks Feder stammt. Er hörte es in einer Broadway-Produktion und fand, dass es in seiner schlichten Eleganz den Geist des Zen-Buddhismus so treffend einfängt, dass es sich perfekt in das Konzept dieses Albums einfügte.
6 – The City Is Crying ist inspiriert von einem Moment, als die Band vom Hotelzimmer aus einen plötzlichen Frühlingsregen auf den Straßen beobachtete. Das Stück, mein persönliches Highlight des Albums, klingt überraschend wenig nach dem typischen Brubeck-Stil, sondern vielmehr wie eine schwermütige Charles-Mingus-Suite, die ihre einzelnen Motive wie Perlen aneinanderreiht und tiefe Großstadt-Melancholie ausstrahlt.
7 – Osaka Blues verwebt japanische Weisen mit einer Blues-Struktur und greift das Thema von Toki’s Theme wieder auf. Eugene Wrights wiederkehrende Bassfigur bildet das ruhende Fundament des Stücks und erinnert dabei ebenfalls stark an Charles Mingus.
8 – Koto Song ist ohne Zweifel die ausführlichste Auseinandersetzung mit der traditionellen japanischen Musik. Brubeck war vom Klang der Koto (der 13-saitigen japanischen Wölbbrettzither) so berührt, dass er spezielle Anschlagtechniken suchte, um ihren Charakter auf den Flügel zu übertragen. Währenddessen beschränkt sich das Schlagzeug auf sanfte Besenstriche und der Bass hält sich fast ganz zurück – und das Saxophon phrasiert wie mit feinen Pinselstrichen ein bisschen darüber. So entsteht viel Raum zwischen den Tönen – eine Verneigung vor Ma, dem japanischen Konzept des bedeutungsvollen Zwischenraums. Dieses Stück wurde übrigens zu einem Brubeck-Standard.
Nach 13 Jahren als eingespieltes Quartett – Dave Brubeck am Klavier, Paul Desmond am Altsaxophon, Eugene Wright am Kontrabass, Joe Morello am Schlagzeug – spielten die vier hier mit einer beinahe traumwandlerischen Selbstverständlichkeit. Die musikalischen Wurzeln dieses Quartetts reichen bis ins Jahr 1946 zurück, als Brubeck und Desmond im > Dave Brubeck Octet erstmals gemeinsam im Studio standen – der Beginn einer außergewöhnlichen musikalischen Partnerschaft, die den Modern Jazz nachhaltig prägte.
Jazz Impressions of Japan zeigt das Dave Brubeck Quartet auf dem Höhepunkt seines Könnens – mit einer ungewohnt feinfühligen, fast impressionistischen Klangsprache. Ein gar nicht gealtertes Album, das ganz sicher mehr Aufmerksamkeit verdienen würde.
1964, Columbia
Dave Brubeck: Piano
Paul Desmond: Altsaxophon
Eugene Wright: Kontrabass
Joe Morello: Schlagzeug
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