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22. Juli 2026

Hidden Gems – 3

Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Eigentlich widmet sich diese „Hidden Gems“-Reihe ausschließlich europäischen Jazz-Schätzen. Doch dieses US-amerikanische Album tanzt in Dave Brubecks Diskografie derart aus der Reihe, dass es hier doch einen Platz findet. Außerdem ist es eines meiner absoluten Lieblingsalben.

The Dave Brubeck Quartet
Jazz Impressions of Japan

Darius Milhaud war Ende der 1940er-Jahre am Mills College in Kalifornien Dave Brubecks Kompositionslehrer. Von ihm übernahm Brubeck die Freude an ungewöhnlichen Rhythmen. Milhaud gab seinen Studenten aber noch etwas mit auf den Weg: den Rat, die Welt zu bereisen, die Ohren offenzuhalten und die Eindrücke unterwegs wie in einem Tagebuch festzuhalten, um sie später in Musik zu verwandeln.

Brubeck folgte diesem Rat und als er 1964 mit seinem Quartett durch Japan tourte, hielt er fortlaufend Eindrücke, Anekdoten und musikalische Motive fest. Zurück in New York entstand daraus im Juni desselben Jahres das Album “Jazz Impressions of Japan“.

In seinen Liner Notes erklärt Brubeck das Konzept des Albums: Ein Land lässt sich bei einem kurzen Besuch nicht wirklich begreifen. Was bleibt, sind flüchtige, aber starke Eindrücke. Er vergleicht seine Musik deshalb mit Haikus – jener knappen japanischen Gedichtform, die nichts ausformuliert, sondern nur andeutet und dem Zuhörer den Rest überlässt. Statt japanische Instrumente zu benutzen, übersetzte das Quartett die fernöstlichen Klänge in seine eigene musikalische Sprache, den Jazzstil, wie er in den 1950er-Jahren an der US-Westküste entstanden war.

Das Album erzählt in acht Stücken von einem Land zwischen rasantem Wandel und jahrhundertealter Tradition:

1 – Tokyo Traffic beginnt mit einer filigranen, traditionellen japanischen Melodie und schaltet schnell in pulsierenden West-Coast-Jazz um. Dabei fängt es das Verkehrschaos Tokios – das die Band auf der Tour mehrfach erlebte – perfekt ein.

2 – Rising Sun beschreibt den Moment, in dem die ersten goldenen Sonnenstrahlen die Landschaft erhellen. Fast komplett ohne Schlagzeug konzentriert sich das Stück auf ein intimes Zwiegespräch zwischen Brubecks warmen Akkorden und Desmonds weichem Saxophon.

3 – Toki’s Theme wurde ursprünglich für die TV-Serie Mr. Broadway geschrieben. Sein federnder, hüpfender Rhythmus erinnert stellenweise ein bisschen an Skamusik und macht sehr gute Laune.

4 – Fujiyama gestaltet sich extrem ruhig und schwebend. Man stellt sich förmlich den dichten Nebel vor, der den Berggipfel des Mont Fuji umhüllt, bevor er langsam sichtbar wird. Paul Desmond spielt hier völlig schwerelos – für mich eines schönsten Soli seines gesamten Schaffens. Wobei auch der Pianopart das Zeug dazu hat, einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

5 – Zen Is When – hier hat das Saxophon Pause. Es ist das einzige Stück des Albums, das nicht aus Brubecks Feder stammt. Er hörte es in einer Broadway-Produktion und fand, dass es in seiner schlichten Eleganz den Geist des Zen-Buddhismus so treffend einfängt, dass es sich perfekt in das Konzept dieses Albums einfügte.

6 – The City Is Crying ist inspiriert von einem Moment, als die Band vom Hotelzimmer aus einen plötzlichen Frühlingsregen auf den Straßen beobachtete. Das Stück, mein persönliches Highlight des Albums, klingt überraschend wenig nach dem typischen Brubeck-Stil, sondern vielmehr wie eine schwermütige Charles-Mingus-Suite, die ihre einzelnen Motive wie Perlen aneinanderreiht und tiefe Großstadt-Melancholie ausstrahlt.

7 – Osaka Blues verwebt japanische Weisen mit einer Blues-Struktur und greift das Thema von Toki’s Theme wieder auf. Eugene Wrights wiederkehrende Bassfigur bildet das ruhende Fundament des Stücks und erinnert dabei ebenfalls stark an Charles Mingus.

8 – Koto Song ist ohne Zweifel die ausführlichste Auseinandersetzung mit der traditionellen japanischen Musik. Brubeck war vom Klang der Koto (der 13-saitigen japanischen Wölbbrettzither) so berührt, dass er spezielle Anschlagtechniken suchte, um ihren Charakter auf den Flügel zu übertragen. Währenddessen beschränkt sich das Schlagzeug auf sanfte Besenstriche und der Bass hält sich fast ganz zurück – und das Saxophon phrasiert wie mit feinen Pinselstrichen ein bisschen darüber. So entsteht viel Raum zwischen den Tönen – eine Verneigung vor Ma, dem japanischen Konzept des bedeutungsvollen Zwischenraums. Dieses Stück wurde übrigens zu einem Brubeck-Standard.

Nach 13 Jahren als eingespieltes Quartett – Dave Brubeck am Klavier, Paul Desmond am Altsaxophon, Eugene Wright am Kontrabass, Joe Morello am Schlagzeug – spielten die vier hier mit einer beinahe traumwandlerischen Selbstverständlichkeit. Die musikalischen Wurzeln dieses Quartetts reichen bis ins Jahr 1946 zurück, als Brubeck und Desmond im > Dave Brubeck Octet erstmals gemeinsam im Studio standen – der Beginn einer außergewöhnlichen musikalischen Partnerschaft, die den Modern Jazz nachhaltig prägte.

Jazz Impressions of Japan zeigt das Dave Brubeck Quartet auf dem Höhepunkt seines Könnens – mit einer ungewohnt feinfühligen, fast impressionistischen Klangsprache. Ein gar nicht gealtertes Album, das ganz sicher mehr Aufmerksamkeit verdienen würde.

1964, Columbia

Dave Brubeck: Piano
Paul Desmond: Altsaxophon
Eugene Wright: Kontrabass
Joe Morello: Schlagzeug


9. Juli 2026

Raum

„Io Pur Respiro“ entstand in Florenz in der Sala Vanni, Teil des Klosters Santa Maria del Carmine. Die Wände dieses Saals ziert unter anderem ein Fresko von Giovan Battista Vanni – das Motiv, das auch auf dem Albumcover zu sehen ist. Unmittelbar nebenan liegt übrigens die Brancacci-Kapelle, eines der bedeutendsten Zeugnisse der Frührenaissance mit Gemälden von Masaccio, der nach der flächigen Darstellung in der Gotik Räumlichkeit, Lichtsetzung und emotionalen Ausdruck in die Malerei einführte.

An diesem geschichtsträchtigen Ort begegneten sich der österreichische Pianist Elias Stemeseder und der amerikanische Bassist Thomas Morgan. Zwei Musiker, die sich seit Langem kennen, aber noch nie im Duo gespielt hatten. Das Konzert wurde sowohl mit als auch ohne Publikum mitgeschnitten und man entschied sich bewusst für die Aufnahme mit Publikum, weil sie – trotz einiger Huster – in ihrer Direktheit die eindrücklichere war. Es entstand ein Album, das den Ort seiner Entstehung hörbar mitatmen lässt.

Der Titel „Io Pur Respiro“ („Ich atme noch“) trägt diesen Kontext in sich. Er ist einem Madrigal des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo aus dem frühen 17. Jahrhundert entlehnt, das zugleich die harmonische Grundlage des Eröffnungstracks „Madrigal, Variation, Courante“ bildet. Zwischen Klavier und Bass entsteht ein aufmerksames, konzentriertes Zusammenspiel: Stemeseder und Morgan lassen sich Raum, hören einander genau zu und finden gemeinsam ihren Weg von den strengen Linien des Gesualdo-Madrigals zu freieren, jazzigeren Tönen. Der flirrende Eröffnungstrack gibt ein Versprechen, das im Folgenden mit den beiden Jazz-Standards „Love Came“ und „I Have the Room Above Her“ aus den 1930er-Jahren sowie zwei Eigenkompositionen Stemeseders aufs Schönste eingelöst wird.

Ein vielseitiges Album, das von Suchen und Finden geprägt ist – melodiös wie kontrapunktisch, mit viel Zeit für beides. Zwei Musiker an Flügel, Spinett und Bass, die in einen tiefen Dialog gehen, der viel Freiräume lässt.

Vierhundert Jahre musikalischer Entwicklung, verdichtet auf gut vierzig Minuten. So wie die Fresken nebenan immer noch zeitgemäß und lebendig wirken, klingt auch diese Musik frei von Zeit und Raum. Vielleicht eines der bemerkenswertesten Alben des Jahres.

Elias Stemeseder & Thomas Morgan
Io Pur Respiro
2026, Squama

Elias Stemeseder: Flügel, Spinett
Thomas Morgan: Kontrabass

> bandcamp


1. Juli 2026

1. Muniq Jazz Festival

Gefühlt zum ersten Mal seit den Neunzigerjahren fand in München wieder ein formidables Jazzfest statt. In einer Zeit, in der sinkende Subventionen, steigende Reisekosten und schwindende Angebote die Organisation solcher Events massiv erschweren, hat das vor gut drei Jahren formierte Münchner > niq-kollektiv, – eine unerschrockene Gruppe von Jazz-Akteur*innen – nun im Juni im Münchener Kreativquartier ein zweitägiges Festival auf die Beine gestellt.

Die Konzertorte wechselten zwischen dem fabrikhallenartigen ZIRKA-Space und einer temporär umgewandelten Skaterhalle. Begleitet von großartigem Licht und bestens mit Essen und Trinken versorgt, herrschte auf dem Festivalgelände eine echte Wohlfühlatmosphäre.

Musikalisch präsentierten sich vor allem die Musiker des Kollektivs sowie geladene Gäste aus allen Altersklassen. Eine mit vier sehr reflektierten Frauen besetzte Panel-Diskussion zum Thema „Jazz für alle – wie und für wen?“ gab einen eher positiven Ausblick auf die aktuelle Jazzszene – divers, offen, vernetzt und motiviert – , lieferte aber auch einigen Stoff zum Nachdenken. Zudem gab es Kinderbetreuung und einen Drum-Workshop.

Sehr zufrieden, zwei Tage lang gute und interessante Musik gehört zu haben, wünsche ich mir für die nächste Ausgabe noch ein bisschen mehr Kontraste bei der Auswahl der Musik, aber das war ja erst der Anfang …


15. Juni 2026

Abdullah Ibrahim 1934–2026

Wie einen langen, ruhigen Fluss lässt der südafrikanische Pianist Abdullah Ibrahim (bekannt geworden als Dollar Brand) sein Leben und seine Gedanken auf Dream Time (2019, enja) an uns vorüberziehen. Mit traumwandlerischer Leichtigkeit gleitet er über die Tasten, als würde er nicht spielen, sondern sich erinnern. Wie ein kleiner Fisch taucht immer wieder Blue Bolero auf – eine Art persönlicher Erkennungsmelodie, die einen nicht mehr loslässt, sobald man sie einmal gehört hat. Nun ist der Fluss ins Meer gemündet. Grund genug, diese wundervolle Aufnahme wieder einmal zu hören.

Viele seiner Alben begleiten mich seit langem, darunter:

Dollar Brand /
Johnny Dyani
Good News From Africa
1974, enja

Dollar Brand / Don Cherry / Carlos Ward
The Third World-Underground
1974, Trio

Archie Shepp /
Dollar Brand
Duet
1978, Denon

Abdullah Ibrahim
Yarona
1995, enja


14. Juni 2026

Sir Paul

Auch wenn ich gerne viel komplexe Musik wie Free Jazz, Avantgarde und ähnliches Zeug höre, habe ich gelegentlich das Bedürfnis nach Klarheit und Harmonie. Dann lande ich manchmal bei Paul McCartney.

Obwohl ich zeitweise den Bohemien John Lennon interessanter fand, war mein Lieblings-Beatle trotzdem immer Paul. Einerseits ist er natürlich der Hübscheste (hey, I’m a girl!), andererseits hat er die seltene Gabe, Melodien zu schreiben, die etwas sehr Geradliniges haben, aber voller Liebe zum Detail stecken und zu den großen Kompositionen der Musikgeschichte gehören.

Seine Stimme erkenne ich sofort – wie vor kurzem im Café, in dem ich oft morgens meinen Kaffee trinke, anhand eines für ihn untypischen Songs: My Valentine.

Mittlerweile ist seine Stimme brüchig geworden. Einer der Gründe, warum ich McCartney III unmittelbar ins Herz geschlossen habe. Er hat das Album während Corona mehr oder weniger im Alleingang aufgenommen und dabei einen modernen Sound entwickelt, der ihn immer noch auf der Höhe der Zeit zeigt.

Gerade ist ein neues Album erschienen. Etwas weniger experimentell als der Vorgänger, aber unter anderem mit Never Know (mit Blockflöten-Einlage!) wieder um ein weiteres McCartney-Juwel reicher. Und davon gibt es bekanntlich viele, sehr viele. Da das alles eigentlich ein Fass ohne Boden ist, hänge ich diesem Text einfach eine kleine Playlist mit ein paar persönlichen Favoriten an.

Der eigentliche Anlass für diesen Beitrag ist die grandiose Graphic Novel Paul des eingefleischten Beatles-Fans Hervé Bourhis, die vor kurzem auf Deutsch erschienen ist. Erzählt wird aus McCartneys Perspektive, in der ersten Person, von der Zeit unmittelbar nach dem Ende der Beatles: vom Rückzug nach Schottland, wo Paul sein heruntergekommenes Bauernhaus eigenhändig renovierte, vom Familienleben und von der Entstehung der Wings. Linda McCartney steht dabei konsequent an seiner Seite – als enge Vertraute und kreative Partnerin, die Paul in dieser Phase den nötigen Halt gab. Zu Recht hat sie in der Graphic Novel die zweite Hauptrolle.

Bourhis hat intensiv recherchiert und vermittelt dabei so manche neue Erkenntnis. Die Graphic Novel ist stilistisch abwechslungsreich, farbenfroh und stets liebevoll gezeichnet. Man sieht einen McCartney, der trotz aller Hochs und Tiefs nie aufgehört hat weiterzumachen – seinem Spieltrieb folgend, musikalisch wie menschlich. Vielleicht wirkt er deshalb bis heute wie jemand, der nie wirklich alt geworden ist.

Hervé Bourhis
Paul. Die Auferstehung von James Paul McCartney (1969–1973)
Bahoe Books, 2026

Playlist:
> Apple Music, > Deezer


3. Juni 2026

Der 200. Eintrag: Carla Bley

Zweihundert Texte über Musik, die mich beschäftigt – Geschichte, Geschichten, Zusammenhänge. Ohne größere Absicht kommen darin viele Frauen vor – auffallend viele. Frauen sind im Jazz noch immer keine Selbstverständlichkeit. Und doch stammen unter den Neuerscheinungen (> NEUE ALBEN) inzwischen viele der spannendsten Produktionen von Musikerinnen.

Carla Bley gehörte zu jenen, die ihren Weg von Anfang an mit beinahe trotzig anmutender Konsequenz gingen. Humor, Ironie, Theatralik, Zirkushaftes, Pompöses, Zerbrechliches, Politisches, Rumpeliges, starke Texte, eigensinnige Menschen. Vieles von dem, worum dieser Blog immer wieder kreist, findet sich bei ihr wieder. Nach Archie Shepp als 100. Eintrag, schien mir niemand würdiger, diesen zweihundertsten Eintrag zu tragen.

Ihre Geschichte beginnt in Oakland, Kalifornien, wo sie 1936 als Tochter eines Kirchenmusikers geboren wird. Als Kind fragt sie ihren Vater, woher die Musik komme, die er spiele. Er erklärt ihr, dass Musik immer von jemandem geschrieben werde, nimmt ein Blatt Papier und setzt Noten darauf. Carla will das ebenfalls tun und erscheint am nächsten Tag mit einem Notenblatt voller kleiner Punkte. Ihr Vater rät ihr, nicht ganz so viele Noten zu schreiben und Carla nimmt einen Radierer, um einige wieder zu entfernen. Ein Pragmatismus, der sie ihr Leben lang begleiten sollte.

Sie wächst mit Kirchenmusik und klassischen Klängen auf und gibt ihren Eltern schon mit drei Jahren erste Klavierkonzerte – mit den Fäusten. Die Versuche von Vater und Mutter, ihr Unterricht zu geben, scheitern; vieles entwickelt sich von selbst. Mit acht vertritt sie ihren Vater bereits an der Orgel bei Beerdigungen und Hochzeiten. Ihren ersten entscheidenden Einfluss entdeckt sie im Radio: Erik Saties „Parade“ – ein Stück, das sie fortan unablässig hört.

Den endgültigen Funken zündet ein Konzert mit Chet Baker und Gerry Mulligan, zu dem sie mit vierzehn von den Brüdern einer Freundin mitgenommen wird. Sie sammelt erste Bühnenerfahrungen und fährt mit siebzehn per Anhalter nach New York.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie zunächst als Zigarettenverkäuferin („cigarette girl“) im legendären Jazzclub Birdland. Dort erlebt sie die großen Musiker aus nächster Nähe.

Dort lernt sie auch den kanadischen Pianisten Paul Bley kennen, der ihr erster Mann wird. Er braucht Kompositionen und so hat sie nun einen konkreten Anlass zu schreiben. In manchen Nächten entstehen bis zu sechs Stücke. Mit der Zeit kommen Arrangements hinzu und allmählich wird man aufmerksam auf diese Frau, die für andere schreibt, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Frühe Arbeiten entstehen für Jimmy Giuffre und andere Musiker ihres Umfelds.

Eine eigene Sprache entwickeln

Ihre Musik zeichnet sich von Beginn an durch eine eigentümliche Balance aus: Melodien, leichtfüßig und zugleich vertrackt, die im Ohr bleiben und dennoch den Improvisierenden alle Freiheit lassen.

Stilgrenzen interessieren sie nicht: Kirchenmusik, Satie, Weill, Swing, Marschmusik, Rock, Jazz – all das fließt ineinander, scharf gewürzt mit skurrilem Humor.

Inspiration findet sie überall: bei gackernden Hühnern vor der Haustür, Eselsrufen – „Wrong Key Donkey“ entsteht so – oder auf einer Umweltdemonstration in Norwegen, wo sie das Wort Utvikling (= Weiterentwicklung) auf einem Transparent entdeckt und daraus den „Utviklingssang“ formt. Sie denkt in Melodien, sucht die Einfachheit und setzt ihre Noten wie gesprochene Sätze. Musik ist bei ihr nie abstrakt. Beim Komponieren hat sie fast immer die konkrete Person vor Augen, für die sie schreibt.

Erfahrungen sammeln

1964 ist Carla Bley die einzige Frau in der „Jazz Composers Guild“ – einem Zusammenschluss von Avantgardemusikern in New York.

Ernst genommen wird sie dort zunächst nicht. Sun Ra erklärt in einer Sitzung, jedes Schiff mit einer Frau an Bord werde sinken. Sie rastet aus, schreit ihn an. Er entgegnet kühl, sie sei eben die weiße Frau, die den schwarzen Mann anschreie. Bley verlässt das Treffen und ruft eine halbe Stunde später zurück, um sich zu entschuldigen. Sun Ra schweigt dazu – dennoch kamen beide von da an gut miteinander aus. Sie fand, dass er „musikalisch großartig war, aber in Sachen Gender ernsthaft der Zeit hinterherhinkte“ …

Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Michael Mantler entwickelt sie aus dem Umfeld der Guild heraus das „Jazz Composer’s Orchestra“ mit zentralen Figuren der Avantgarde: Cecil Taylor, Don Cherry, Pharoah Sanders. Die Musik verbindet Big-Band-Wucht mit freier Improvisation.

Größere Dimensionen

Als Carla Bley 1967 „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles hört, erlebt sie das wie eine Offenbarung. Sie schreibt daraufhin „A Genuine Tong Funeral“ (1968): düster, komisch und vollkommen unkategorisierbar. Sie sucht jemanden, der sich auf ein solches Projekt einlassen würde, aber das Werk gilt den meisten als zu schräg – bis Gary Burton das Potenzial erkennt und es aufnimmt. Ihr Name ist auf dem Cover kaum sichtbar.

Das Herzstück ihres Schaffens ist „Escalator over the Hill“: eine dreiteilige Jazz-Oper mit Texten des kanadischen Dichters Paul Haines, an der Carla Bley fast fünf Jahre arbeitet. Es ist, als hätte sie sich vorgenommen, das gesamte musikalische 20. Jahrhundert in einem einzigen Werk zu bündeln.

Es folgen Arbeiten für Charlie Hadens Liberation Music Orchestra (1970), das Revolutionslieder aus unterschiedlichsten Teilen der Welt verarbeitet. Das Projekt prägt das politische Bewusstsein vieler Beteiligter nachhaltig.

1973 gründet sie mit Michael Mantler das Label Watt, auf dem ihre wichtigsten Arbeiten erscheinen: Kammermusikarbeiten > (3/4) ebenso wie Jazz-Projekte unterschiedlichster Größenordnung. Vom Klavier aus leitet Carla Bley Ensembles vom Trio bis zur Big Band und stößt damit international auf breite Resonanz.

1979 schreibt Carla Bley die Musik für Nick Mason’s Fictitious Sports, das eigentümliche Album des Pink-Floyd-Schlagzeugers Nick Mason, der mit Mantler befreundet war.

Familienangelegenheiten

Carla Bley bezog ihre musikalische „Familie“ stets mit ein: Paul Bley, Michael Mantler, langjährige Weggefährten und ihre Tochter Karen Mantler (*1966), die schon als Kind auf „Escalator …“, unter anderem am Glockenspiel zu hören ist und später auf „Tropic Appetites“ den >Funnybird Song“ mitsingt.

Zu den schönsten Ergebnissen dieser musikalischen Familie gehört der Dialog mit ihrem langjährigen Lebenspartner Steve Swallow. In ihrer gemeinsamen Musik wird eine tiefe Vertrautheit hörbar, wie sie nur über Jahrzehnte entstehen kann.

Nicht zuletzt ist es Steve Swallow, der sie dazu ermutigt, wieder stärker am Klavier in Erscheinung zu treten. Gemeinsam erweitern sie ihr Duo um den Saxophonisten Andy Sheppard zum Trio. 2013 erscheint mit „Trios“ das gemeinsame ECM-Debüt: Vielleicht die intimste Musik einer Frau, die lange vor allem für andere geschrieben hat — und deren eigene Stimme am Instrument nun mit besonderer Klarheit hervortritt.

Carla Bley hat gezeigt, dass Autorschaft im Jazz keine Frage des Geschlechts ist, sondern des Mutes zur eigenen Sprache. Um Gleichberechtigung hat sie nicht gekämpft — sie hat sie gelebt.

Carla Bley starb 2023. Ihre Stücke werden weitergespielt und neu gelesen – nicht immer zu ihrer Zufriedenheit, wie sie zu Lebzeiten gelegentlich anmerkte, aber doch oft mit bemerkenswertem Ergebnis.

Soeben ist With Carla erschienen, das neue Album des > ONJ (Orchestre National de Jazz), jener eigenwilligen Formation staatlich geförderter französischer Musikerinnen und Musiker, die erstmals von einer Frau geleitet wird: der Flötistin Sylvaine Hélary. Zwölf Carla-Bley-Kompositionen, frei arrangiert und mit großem Verve interpretiert.

Vermutlich hätte ihr das gefallen.


26. Mai 2026

Miles & a little more

Erstkontakt: 1989
Dann sporadisch, punktuell, aber immer wieder mal …
Und „Tutu“ ist immer noch sehr vertraut.


22. Mai 2026

Hidden Gems – 2

Anlässlich des Todes von Gunter Hampel am 18. Mai habe ich entschieden, dieses Album in die Reihe der Hidden Gems aufzunehmen. Es gehört verdient dazu – auch wenn es vor allem unter Jazzkennern nicht ganz so „hidden“ ist wie die anderen vorgestellten Alben.

Gunter Hampel Quintet
Heartplants

Am 30. Januar 1965 saßen fünf Musiker in einem Studio am Rand des Schwarzwalds – dem legendären Saba-Studio, das später unter dem Namen MPS weltbekannt werden sollte – und nahmen fünf Stücke auf. 35 Minuten. Als das Ergebnis erschien, bekam es im amerikanischen Down Beat sofort fünf Sterne.

Das Quintett bestand aus dem Multiinstrumentalisten Gunter Hampel (1937–2026), dem Trompeter Manfred Schoof (1936–2023), dem Pianisten Alexander von Schlippenbach (*1938), dem Bassisten Buschi Niebergall (1938–1990) und dem Schlagzeuger Pierre Courbois (*1940) aus den Niederlanden.

Hampel hatte Architektur studiert und klassisches Schlagzeug gelernt – Jazzstudiengänge existierten damals noch nicht – bevor er sich zu einem zentralen Freigeist des europäischen Jazzszene entwickelte und dabei auch immer den Kontakt zur afroamerikanischen Freejazz-Szene pflegte, etwa zu Anthony Braxton oder Jeanne Lee, die Mutter seiner beiden Kinder. Bis zu seinem Tod diese Woche blieb er musikalisch stets wach und aktiv in ganz verschiedenen Projekten.

Schlippenbach und Schoof gingen von diesem Quintett aus direkt weiter zur Gründung des Globe Unity Orchestra (1966) – eines der wichtigsten europäischen Free-Jazz-Ensembles der folgenden Jahrzehnte, zeitweise mit bis zu 14 Musikern und zahlreichen weiteren internationalen Vernetzungen.

Der Bassist Buschi Niebergall wechselte nach Studien der Medizin und Psychologie zum Jazz und spielte später unter anderem mit Peter Brötzmann, Don Cherry und Albert Mangelsdorff.

Der Schlagzeuger Pierre Courbois wiederum gehörte, wie der niederländische Saxophonist Willem Breuker einmal sagte, zu den ersten Europäern, die mit Free Jazz und offenen Improvisationsformen experimentierten.

Musikalisch bewegt sich das Album meist noch in Formen, in denen Melodie, Rhythmus und Zusammenspiel klar erkennbar bleiben – allerdings bereits mit deutlich erweitertem Horizont. Eine Ausnahme ist „Iron Perceptions“: ein wildes, spannungsgeladenes Duell zwischen Courbois und Schoof, das sich jeder eindeutigen Ordnung entzieht. Es gilt als eines der frühesten aufgenommenen Free-Jazz-Stücke einer europäischen Band.

Heartplants“ klingt insgesamt, als suche sich die Vergangenheit einen Weg in die Zukunft. Ein guter Grund, dieses Album heute noch zu hören.

Produziert hat es übrigens Joachim Ernst Berendt – Journalist, Autor, Programmmacher, und in den folgenden Jahren eine der prägenden Figuren des deutschen Jazz.

1965, MPS

Gunter Hampel: Vibraphon, Flöte
Manfred Schoof: Trompete
Alexander von Schlippenbach: Piano
Buschi Niebergall: Kontrabass
Pierre Courbois: Schlagzeug


17. Mai 2026

Eltern

Udo Lindenberg wird heute achtzig. Er gehört zu den interessanteren deutschen Musikerpersönlichkeiten. Zwischen seinen frühen Jahren als Jazzschlagzeuger (u.a. bei Klaus Doldingers „Passport“) und vor einiger Zeit dem Duo mit dem Rap-Musiker Apache 207 liegt eine lange Karriere als Rockmusiker mit deutschen Texten.

Das meiste davon fällt nicht unbedingt in mein Hörspektrum. Sehr bemerkenswerter finde ich allerdings zwei Alben, die er 1988 und 1991 seinen Eltern widmete: „Hermine“ der Mutter, „Gustav“ dem Vater – mit eigenen Kompositionen und Liedern aus deren Jugend. Beide sind es historisch wie musikalisch wert, dass man ein Ohr darauf wirft.


11. Mai 2026

Hidden Gems – 1

Es gibt einen ausgesprochenen Jazz-Konsens, dass man gewisse Alben kennen muss, weil sich alle einig sind, dass sie die besten sind. „Kind of Blue“ von Miles Davis, „A Love Supreme“ von John Coltrane – zum Beispiel. Das ist völlig okay, das sind wirklich hörenswerte Platten. Was dabei aber immer untergeht, ist, dass es etwa auch in Europa seit vielen Jahren herausragenden Jazz gibt – eine der Kernbotschaften dieser Seiten :-) Zugegebenermaßen wird das dann ein wenig unübersichtlich, da Europa aus sehr unterschiedlichen Jazztraditionen besteht und die klaren Galionsfiguren nicht so eindeutig benennbar sind wie in den USA.

Ich werde hier nun in loser Folge ein paar „Hidden Gems“ der europäischen Jazzgeschichte vorstellen, von denen ich denke, dass sie es wert sind, ein paar Ohren drauf zu werfen.

Den Anfang macht ein Album aus Norwegen:

Svein Finnerud Trio
Plastic Sun

Das Svein Finnerud Trio setzt sich aus dem Pianisten Svein Finnerud (1945–2000), dem Bassisten Bjørnar Andresen (1945–2004) und dem Schlagzeuger Espen Rud (*1948) zusammen. Alle drei kannten sich aus dem Umfeld des Fußball – Finnerud als Torwart, Andresen im Feld – bevor sie um 1967 beschlossen, sich komplett der Musik zu widmen.

Svein Finneruds Klavierspiel öffnete neue melodische und rhythmische Räume, behielt aber stets Groove und Seele bei. Ein Konzert des Pianisten Paul Bley im Jahr 1965 in Oslo wurde für Finnerud zur musikalischen Offenbarung. Er war (und ist) außerhalb Norwegens so gut wie unbekannt. Dennoch ebnete er mit seiner Arbeit Musikern wie Jan Garbarek, Arild Andersen und Terje Rypdal den Weg.

Bjørnar Andresen spielt Bass mit einem eigenwilligen, schnarrenden Ton. Wenn er bei „Touching“ singt, klingt seine Stimme merkwürdig ähnlich wie seine Basssaiten – eine seltsame Verdoppelung, die das Stück zu etwas reichlich Mysteriösem macht.

Espen Rud kam aus einem jazzbegeisterten Schulmilieu und sein großes Vorbild war Jack DeJohnette, der für ihn rhythmische Präzision und freies Spiel vereinte.

Plastic Sun ist eigenständig und unberechenbar. Performative Elemente wechseln mit rockigen Jazzgrooves und wirken trotzdem wie aus einem Guss. Voller verschiedener Klangideen und experimenteller Spieltechniken betraten die drei Norweger musikalisches Neuland und waren ihrer Zeit weit voraus, als dieses Album im Sommer 1970 erschien. Es gibt kleine Dialoge zwischen den Instrumenten – besonders in „Cartoon“, das wie ein musikalischer Comicstrip klingt – ebenso wie schmissig Melodiöses. Präpariertes Klavier kommt zum Einsatz, eine Bohrmaschine oder das Banjo des Bassisten. Das Album ist ausgesprochen spielerisch, ohne je albern zu wirken – was alle drei verbindet, ist ein konzentriertes Aufeinanderhören (> Hier ein 11-minütiges Video einer Liveperformance des Trios in dem man dies beobachten kann).

Die meisten Stücke stammen von Finnerud und Andresen und dienen oft als Ausgangspunkt für weitere Improvisation. „Cartoon“ und „Touching“ sind zwei Kompositionen von Annette Peacock, Paul Bleys damaliger Ehefrau, eine weitere ist von Ornette Coleman, allesamt vom Trio vollständig verwandelt.

Bei der Aufnahme war keiner der drei älter als 25. Es wurde am 6. Februar 1970 im Henie-Onstad Art Center bei Oslo aufgenommen – einem Ort, an dem damals Avantgarde-Musik, bildende Kunst, Lyrik und Performance zusammenkamen und wo das Trio Stammgast war. Ihre Auftritte waren oft Happenings - mit außergewöhnlichen Kostümen, Tombolas und Haufenbildung der Musiker auf der Bühne. Einmal ging das Licht aus, ein Spot flammte auf und plötzlich regnete es Erbsen von der Decke auf das Publikum. Performativer Übermut, bei dem dennoch die Musik stets im Mittelpunkt blieb. (> Quelle)

 

Svein Finnerud, der auch Maler und Grafiker war, gestaltete das auffällige Cover mit dem Bild einer farbenfrohen, sonnenförmig gefalteten Papierrosette und auch die Zeichnung auf der Rückseite stammt von ihm. Als er sich Mitte der 1970er Jahre stärker der Malerei zuwandte, war das vermutlich mit ein Grund dafür, dass sich das Trio auflöste und seine musikalischen Produktionen zunehmend in Vergessenheit gerieten.

Im April 2018 wurde dieses jahrzehntelang schwer zu findende Sammlerstück neu aufgelegt, remastert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. 35 Minuten Musik, die es tatsächlich richtig in sich haben.

1970, Sonet

Svein Finnerud: Piano
Bjørnar Andresen: Bass, Banjo, Stimme
Espen Rud: Schlagzeug


2. Mai 2026

Buchtipp: Free Jazz und freie Improvisation

Seit etwa zwei Wochen bewege ich mich intensiv im musikalischen Wunderland des Free Jazz. Das ist dem Kauf des Buches Now Jazz Now: 100 Essential Free Jazz & Improvisation Recordings 1960-80 (Ecstatic Peace Library) zu verdanken.

Unter anderem zwei von mir sehr geschätzte Musiker, Thurston Moore (Mitgründer und Gitarrist der Band Sonic Youth, seit deren Ende immer wieder solo oder in anderen aufregenden Projekten aktiv) und der Ausnahmesaxofonist Mats Gustafsson und als dritter im Bunde der Musikkritiker Byron Coley haben es sorgfältig zusammengestellt. Alle drei sind leidenschaftliche Musiksammler mit exquisiten Plattensammlungen, tiefem Fachwissen, viel Leidenschaft und einem unterhaltsamen Schreibstil. Die Freundschaft zwischen Moore und Coley dauert übrigens bereits mehr als vierzig Jahre.

Die Auswahl der 100 Alben – von den Anfängen des Free Jazz bis ins Jahr 1980 – haben sie unter sich aufgeteilt, über einen längeren Zeitraum durchdiskutiert und dann gemeinsam festgelegt.

Das Ergebnis ist ein reich bebilderter Buchband mit 277 Seiten, der viel geschätztes Bekanntes, aber auch viele Neuentdeckungen in sich birgt. Ein Vorwort stammt von Don Cherrys Tochter, der Sängerin Neneh Cherry, und ein poetisches Nachwort vom Multiinstrumentalisten Joe McPhee.

Die meisten Alben sind ganz gut zu finden – als „Streamer“ stößt man teilweise an seine Grenzen. Bandcamp ist da eine hilfreiche Lösung, YouTube hilft manchmal ebenfalls weiter.

Als Grafikerin freut es mich besonders, dass der Covergestaltung viel Beachtung geschenkt wird. Die Cover sind oft aufregend künstlerisch gestaltet, einige sogar individuell mit der Hand.

Das Buch ist auf Englisch verfasst – gut verständlich auch für Nicht-Muttersprachler. Man kann (und sollte) es für etwa 58 Euro online bestellen – wer in München wohnt, gehe bitte zu Optimal Records, dort ist es vorrätig bzw. bestellbar.


22. April 2026

Klavier-Variationen

Der New Yorker Pianist Mathis Picard (*1995), französischer und madagassischer Herkunft, ist ein stilistisch sehr breiter, technisch versierter Jazzkünstler mit klassischen Wurzeln. Seine Faszination galt früh dem Stride Piano der 1920er und 1930er Jahre, und in seinem Spiel verbindet er meisterhaft Jazztradition mit zeitgenössischen Einflüssen aus R&B und Hip-Hop. An der Juilliard School in New York wurde er von Kenny Barron betreut und teilt inzwischen die Bühne mit Künstlern wie Ron Carter, Christian McBride, Joel Ross oder Savannah Harris.

Soeben ist sein neues Solo-Album „Preludes & Fugues“ (> NEUE ALBEN) erschienen; bereits im Januar 2022 habe ich hier sein Solo-Debüt „Live at the Museum“ vorgestellt.

Am 21. Juli 2025 gab er ein ungewöhnlich unterhaltsames Solokonzert im Münchener Einstein, das zeigte, dass er sein Instrument nicht nur virtuos beherrscht, sondern zugleich ein außerordentlich guter, quirliger Entertainer ist:


20. April 2026

Deutsch-französische Freundschaft

Solche großen Gesten sind in der Politik kaum noch zu finden. Helmut Kohl und François Mitterrand, sich spontan beim Erklingen der Marseillaise die Hände haltend, vor der Gedenkstätte von Verdun, wo die Gebeine von 130.000 unbekannten Soldaten beider Nationen ruhen – dieses ikonische Bild ziert das Cover des neuen Albums von Daniel Erdmanns Formation „Thérapie de couple“, das dann konsequenterweise den Titel „I wanna hold your hand, François!“ trägt.

Der seit langem in Frankreich lebende Saxophonist hat ein sorgfältig zusammengestelltes Ensemble versammelt: zwei Bläser, drei Streicher, ein Schlagzeug – paritätisch deutsch und französisch besetzt. Das Klangbild verortet sich bewusst in der französischen Jazztradition: melodiebetont, farbenreich, offen für Chanson, Kammermusik und freie Improvisation, ohne sich in einem dieser Felder festzusetzen.

Auch die Titel der einzelnen Stücke deuten Stationen der bewegten Geschichte beider Länder an.

„Fatal Attraction“ beginnt als verhaltenes Zögern voller Anziehungskraft, das sich nach etwa drei Minuten schließlich hingibt – ein treffendes Bild für das komplizierte Verhältnis zweier Nachbarn.
„I wanna hold your hand, François“ gehört Vincent Courtois, dessen Cello mit einer Intensität singt, dass man allzu gern nach einer anderen Hand greifen möchte.
„Muskatnuss, Herr Müller“ destilliert > die Szene eines Louis-de-Funès-Films, in der ein geschichtsträchtiger Schatten auf den Koch fällt, der gerade ein Rezept rezitiert – dessen Rhythmus Robert Lucacius Bass hier aufgreift und imitiert, bevor er tänzelnd in eine federleichte Melodie gleitet.

„Göttingen“ – das Chanson der Sängerin Barbara, geschrieben 1964 – ist ihre bewegende Reminiszenz an Deutschland und die Stadt, die ihr kurz nach Kriegsende herzlich Aufnahme gewährt hatte. Die Instrumente reichen sich die Melodie wie bei einem Staffellauf weiter und ergeben dabei einen wunderschönen Reigen aus reiner Instrumentalpoesie.
„Romy“ zeichnet einen Bogen von lyrischer Zartheit zu kantiger Souveränität. Die stimmige Charakterstudie einer Frau, die in zwei Ländern zwei völlig verschiedene Mythen hinterlassen hat.
„On the Road to Verdun“ verzichtet auf jede Beschönigung: Die pochenden Dissonanzen erzeugen ein Gefühl der Beklemmung, das sich so schnell nicht abschütteln lässt.
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ – sinnbildlich für Erdmanns eigene Situation zwischen zwei Kulturen, und wer diesen Blog länger verfolgt, weiß, dass mir das nicht fremd ist – übersetzt das Goethe-Zitat in kontrapunktische Rhythmen, die gegeneinander ankämpfen und sich am Ende doch einander ergeben.
„Eva in Paris“, ein weiterer Melodienzauber, ist der Schlagzeugerin gewidmet.
Den Abschluss bildet eine Instrumentalversion des sehr > charmanten Songs „Je ne parle pas français“ der deutsch-marokkanischen Sängerin Namika aus dem Jahr 2018 – als Zugabe inszeniert, bei der noch einmal alle ihr Bestes geben dürfen. Eine herrliche Verbeugung vor der Leichtigkeit, die am Ende dieser Geschichten stehen darf.

„I wanna hold your hand, François!“ zeigt mit reichlich Witz und Reflexion, dass Musik gut Dinge zusammenhalten kann, die die Politik längst aus den Händen gelassen hat.

Wie schön das alles rein musikalisch ist, und wie sehr es mich freut, dass mir hier so vieles vertraut ist und mich doch immer wieder überrascht, lässt sich schwer in noch mehr Worte fassen. Insofern: einfach anhören, genau hinhören und immer wieder daran erfreuen.

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Daniel Erdmann: Saxofon
Hélène Duret: Klarinette
Théo Ceccaldi: Violine
Vincent Courtois: Cello
Robert Lucaciu: Kontrabass
Eva Klesse: Schlagzeug

BMC, 2026


13. April 2026

Mike Westbrook – Ja, Pathos!

Ein weiterer Held ist in den Musikerhimmel aufgestiegen:
Mike Westbrook, 21. März 1936 – 11. April 2026

Dies war hier am 9. April 2021 der achte Blogeintrag:

Neben den kleinen, intimen musikalischen Formaten, habe ich ein großes Faible für die voluminösen, pathetischen Produktionen. Ein Meister in zweiterem ist Mike Westbrook, der im März seinen 85. Geburtstag gefeiert hat. Ebenso hat er einen nicht unerheblichen Verdienst an der Entwicklung und Emanzipation des britischen und auch europäischen Jazz ab den 1960er Jahren bis heute. Als Pianist, Komponist, Arrangeur, Orchester- und Bandleader in kleinen bis größten Formationen hat er vieles auf den Weg gebracht. Um eine Vorstellung der enormen Bandbreite seines Schaffens bekommen, habe ich ein paar Alben, die ich interessant finde, herausgesucht:


1 ― Marching Song , Vol. 1 & Vol. 2
(1969): Eine Anti-Kriegs-Symphonie, mit brennender Intensität gespielt vom Who-is-Who britischer Jazzgrößen wie John Surman, der Westbrooks Schüler war, am Saxophon oder dem Amerikaner Barre Phillips am Bass – insgesamt sind sie 25.

2 ― Metropolis (1971): Das kraftvolle 9-teilige Konzeptalbum mit einer 23-köpfigen Big-Band-Besetzung gilt als Meilenstein des britischen Jazz. Eher dissonant beginnend, gipfelt es nach einem wilden Ritt durch alles Mögliche (z.B. groß- und eigenartiger „Gesang“ von Norma Winstone in Part III) in einem fulminanten Trompetensolo in Part IX. (Es gibt ein gleichnamiges Album vom Willem Breuker Kollektief, aber das ist ein anderes und dennoch ähnliches Kapitel …)

3 ― Piano (1978): Die Vertonung britischer Gedichte (Emily Bronte, Edward Lear, Rudyard Kipling) für Klavier, solo – ohne Gesang. Abwechslungreich und schön anzuhören.

4 ― The Westbrook Blake: Bright as Fire (1980): Vertonung von Gedichten William Blakes (1757–1827). Kraftvoll gesungen von Phil Minton und Kate Westbrook (und einem Kinderchor) und begleitet von Westbrooks Brass Band. Grandios in Brecht/Weillscher Tradition. Herausragender Song: „Let the Slave“

5 ― Westbrook-Rossini, Zürich Live (1986): Interpretationen von Werken des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini (1792–1868), Nicht komplett durch den musikalischen Fleischwolf gedreht, aber schon ein bisschen (sehr) … Dies alles sehr glänzend und facettenreich. Besonders toll: die wild-rhythmische Version der Ouvertüre des „Barbiers von Sevilla“. Ein eher instrumentales Album, aber ein paar schmissige Opernarien sind auch dabei.


6 ― Off Abbey Road
(1990): Beatles covern können viele (und auch gut), aber so konsequent (alles komplett in Originalreihenfolge) und phantasievoll nur wenige. „I Want You“ mit der Tuba und derbem Gesang (Phil Minton), „Because“: äusserst schmachtend (Kate Westbrook), „Mean Mr. Mustard“: ganz schön schrill, u.v.m. Das Ganze macht richtig Spaß – so wie das Original auch!

7 ― The Serpent Hit (2013): Texte und Gesang um das Thema der Vertreibung aus dem Paradies von Mike Westbrooks (der die Arrangements komponiert hat) langjähriger Mitstreiterin und Ehefrau Kate – un- und außergewöhnlich begleitet von einem Saxophonquartett und einem Schlagzeug.

8 ― Catania – Live in Sicily 1992 (2019): Aufgenommen an drei Tagen im Juli 1992 in Catania, Sizilien, während des Mike-Westbrook-Festivals, das dort von lokalen Jazz-Liebhabern organisiert wurde. Sehr schöner, mitreissend gespielter Überblick über Westbrooks Gesamtwerk. Großes Orchester, viel Pathos und Solomusiker wie Dominique Pifarely an der Geige und der italienische Posaunist Danilo Terenzi.

» gutes Interview mit Mike Westbrook aus dem Jahr 2022


6. April 2026

Randy Weston – 100

Am 6. April 1926 wurde der Pianist und Komponist Randy Weston in Brooklyn geboren. Er wäre heute hundert geworden.

Sein Vater lehrte ihn früh, stolz auf seine afrikanische Herkunft zu sein. Weston nahm das ernst. Seine musikalischen Wurzeln liegen bei Thelonious Monk, Duke Ellington und Count Basie, doch schon bald war zu hören, dass Weston weiter wollte.

1967 reiste er nach Afrika und blieb fünf Jahre in Marokko. Dort begegnete er den Gnawa, einer spirituellen Bruderschaft mit Wurzeln in der Geschichte versklavter Westafrikaner. Ihre Musik – getragen vom tief surrenden Gembri (ein dreisaitiges Zupfinstrument) und den metallisch klackernden Karkaba (Handkastagnetten) – dient rituellen Heilungszeremonien. Für Weston war das kein Exotismus, sondern Heimkehr. Er sah darin den Beweis, dass Jazz und Blues afrikanische Musik sind – unterschiedliche Ausprägungen einer gemeinsamen Quelle.

1992 versuchte er, das auf “The Spirits of Our Ancestors“ (Decca) festzuhalten. Ursprünglich sollte das Album in Marokko mit einem Gnawa-Ensemble entstehen. Doch dann kam der Golfkrieg dazwischen und letztendlich wurde das Album in New York aufgenommen mit u.a. Pharoah Sanders, Dewey Redman, Dizzy Gillespie und Yassir Chadly, einem in den USA lebenden Gnawa-Musiker.

Es ist ein Doppelalbum von überraschender Wucht: vielschichtige Rhythmen, in denen afroamerikanischer Jazz und nordafrikanische Trance aufeinandertreffen. Stücke von bis zu zwanzig Minuten Dauer wirken weniger wie Songs als wie Zeremonien. Darunter „African Cookbook“, „Blue Moses“ und das traditionelle marokkanische „La Elaha-Ella Allah“, bei dem Weston auf das Klavier verzichtet.

Die Arrangements stammen von Melba Liston, seiner langjährigen Weggefährtin, die sie nach einem Schlaganfall einhändig am Computer ausarbeitete und sind das Ergebnis einer über Jahrzehnte entwickelten gemeinsamen Sprache.

Das erklärte Ziel des Albums ist es, den musikalischen Vorfahren zu huldigen und die universelle Sprache der Musik zu feiern, die Hautfarbe und Nationalität überschreitet.

Bis zu seinem Tod 2018 blieb Weston aktiv. Er hat ein Werk hinterlassen, das wegweisend war für die Verbindung von Jazz mit traditioneller afrikanischer Musik.


2. April 2026

Passionszeit Vol. 6

Wie jedes Jahr in der Karwoche stelle ich hier Musik vor, die zur Zeit passt und meist aus dem klassischen Bereich kommt (weitere Empfehlungen im index unter Passionszeit). Heuer ist Johann Sebastian Bach dran, meine musikalische Grundnahrung.

Vor kurzem ist eine beeindruckende neue Aufnahme seiner Johannes-Passion unter der Leitung von Raphaël Pichon und dessen Ensemble „Pygmalion“ erschienen — ein überwältigendes Gefühlsbad mit vielen Nuancen.

Der Chor bildet das Gerüst. Er kommentiert oder ist unmittelbar am Geschehen beteiligt (letzteres nennt man dann Turba-Chor): mal zart, mal getragen, flott und eben als schrille Menschengruppe, die Jesus ans Kreuz bringen will. Das Orchester spielt mit federnder Energie auf historischen Instrumenten, die einen milden, warmen Klang erzeugen. In einzelnen Sätzen begegnet man zum Beispiel einer Viola d’amore (Liebesgeige), einer Gambe oder einer Oboe da caccia (Jagdoboe) — und unter anderem einer Theorbe, die zwar nicht in Bachs Partitur vorgesehen ist, aber dennoch mitspielen darf. Blechinstrumente waren übrigens in der Passionszeit (und im Advent) verboten.

Julian Prégardien ist in der Rolle des Evangelisten derjenige, der sehr abwechslungsreich durch das Oratorium führt. Die Sopranistin Ying Fang bringt in ihren Arien eine weiche, glockenhafte Klarheit mit, und Lucile Richardot als Alt zeigt eine eindrucksvolle Bandbreite. Und dann ist da noch mein ehemaliger Schulklassenkamerad Christian Immler, der die Partie des Pilatus singt. Die Stimme, die es mir allerdings am meisten angetan hat, ist die des Tenors Laurence Kilsby. Warum kann ich leider nicht genau sagen.

Unter den Höhepunkten der Aufnahme sind der Eingangs- und Schlusschor, in dem sich alle Elemente wie Wolken ineinanderschieben, scharf konturierte Rezitative sowie ergreifende Arien wie „Es ist vollbracht“ (Nr. 30) oder „Mein teurer Heiland“ (Nr. 32), wo sich Chor und Bass-Rezitativ leise umschlingen. Pichon verpasst dem Werk eine unaufgeregte, aber sehr expressive Note: theatralisch, dramatisch, mit einer Emotionalität auf höchstem Niveau, die zeigt, dass Text und Musik dieser Passion bis heute eine starke Botschaft haben.

Johann Sebastian Bach
Johannes-Passion

Ensemble Pygmalion
Raphaël Pichon,
Leitung

Julian Prégardien, Tenor, Evangelist
Huw Montague Rendall, Bariton, Jesus
Ying Fang, Sopran, Ancilla
Lucile Richardot, Alt
Laurence Kilsby, Tenor, Servus
Christian Immler, Bass, Pilatus
Étienne Bazola, Bass, Petrus

2026, harmonia mundi


27. März 2026

Summertime, please.

Es ist Ende März, es ist kalt und beginnt wieder zu schneien. Die Sehnsucht nach Wärme und Sonne wird langsam dringlich. Zeit, die wärmere Jahreszeit mit ein paar Einspielungen von George Gershwins „Summertime“ heraufzubeschwören. Der bekannteste Song aus seiner Oper „Porgy and Bess“ ist als Schlaflied komponiert und der Text von DuBose Heyward besingt die Leichtigkeit des Sommers und gibt einem verlassenen Kind die Hoffnung, eines Tages diese Leichtigkeit zu finden. Die unzähligen Aufnahmen sind kaum überschaubar, dennoch stelle ich hier nun ein paar höchst unterschiedliche zusammen, die ganz verschiedene Aspekte dieses Songs beleuchten und mir besonders gefallen.

1 ― Joe Pass an der Gitarre und Oscar Peterson exklusiv am Clavichord zeigen die hoffnungsvolle Melancholie und tasten sich behutsam an der Melodie entlang, die gar nicht so eingängig ist wie man es bei einem solchen Evergreen vermutet.

2 ― Roland Kirk verstärkt den spieluhrartigen Aspekt der vorhergehenden Version noch mehr und erzeugt ein kleines Sommer-Wunderland, das von wohligem Glucksen begleitet wird und dessen Zauber leider bereits nach 1:41 Minuten wieder vorbei ist (auf „Boogie-Woogie String Along For Real“, 1978).

3 ― Eine ergreifende Lesart hat Nina Simone im Rahmen ihres genialen Town Hall-Konzerts am 12. September 1959 geliefert, bei der sie den Song nicht nur singt, sondern auch lebt.

4 ― Eine andere Intensität liefert Janis Joplin mit ihrer Band Big Brother & The Holding Company. Markerschütternd und mit bemerkenswerter Instrumentalbegleitung –unvergesslich für jeden, der diese Interpretation einmal gehört hat.

5 ― Ähnlich intensiv, aber die menschliche Stimme durch Saxofon ersetzt, windet sich Albert Ayler klagend, winselnd und jaulend sehr beeindruckend durch den Song („My Name Is Albert Ayler“, 1963). Eine meine liebsten Einspielungen …

Doch nun noch ein paar längere Aufnahmen, für die es sich immer wieder lohnt, Geduld mitzubringen:

6 ― Möglicherweise die berühmteste ist die von John Coltrane (auf „My Favorite Things“, 1960), der das Stück in zeitlose Jazzgeschichte verwandelt, die man immer wieder genussvoll verfolgen kann.

7 ― Eine eher unbekannte Interpretation des glorreichen Triumvirats des europäischen Jazz: Kühn / Jenny-Clark / Humair schmücken in äußerst flotter und komplexer Weise die Gershwin-Komposition ausführlich und kurzweilig aus.

8 ― Den glänzenden Abschluss dieser Zusammenstellung bildet die Zeitlupenversion von Masabumi Kikuchi, dem Maister der Langsamkeit am Jazzpiano, die einen nochmals gute 11 Minuten in Atem hält (auf „Hanamichi“, 2021).

Ob das nun den Sommer heraufbeschwört, weiß ich nicht – aber musikalische Glücksgefühle haben oft auch einen sehr wärmenden Effekt …

»»»» Playlisten: > Apple Music, > Deezer


15. März 2026

Eine gute Freitagsernte

Immer freitags erscheinen neue Alben. In dieser Woche gab es gleich drei beeindruckende Werke, die ich hier nun zusammen vorstellen werde.

1 ― „Love at Last Sight“ (BMC) ist das erste Duoalbum der ansonsten lange in vielen verschiedenen Konstellationen tätigen Musiker, der Vibrafonistin Evi Filippou und des Kontrabassisten Robert Lucaciu. Wie hier die Finger bzw. der Bogen geschmeidig über die Saiten gleiten und die Klöppel elastisch übers Metall schwingen, ist ein wirklich großes Vergnügen. Kleine bekannte Melodien ziehen ebenso vorbei wie durch intensives Aufeinanderhören erzeugte Dichte – eine Kombination, die extremen Schwung und viel Poesie in sich trägt. Gelegentlich setzt unwiderstehlich bezaubernder Gesang ein, an anderer Stelle taucht der Saxofonist und Produzent des Albums Hayden Chisholm als Gast auf. Das innige, telepathische Vergnügen, das die beiden live auf der Bühne entwickeln, ist ein Erlebnis, das man auf dem Album nicht sehen, aber dennoch – um diese Erfahrung reicher – in jedem Ton zu spüren meint.
> Album unter BCM

2 ― Akkordeon – Serpent, E-Gitarre, Tuba – Percussion und Schlagzeug sind die hervorragend bewährte Kombination der Herren Luciano Biondini, Michel Godard und Lucas Niggli. Die Drei fabulieren sich in „Fabels of Time“ (Intakt) durch Zeit und Raum, sodass man in Gedanken schwebenden Tango tanzt, sich von geheimnisvollen heiseren Serpent-Tönen verführen lässt oder sich einfach mit kindlichem Vergnügen an Nigglis fein verspieltem Schlagwerk erfreut. Und irgendwie hat man den Eindruck, beim Hören dieses Albums immer ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Das Album endet mit einer schönen Reminiszenz: Das vorletzte Stück „Lawns“ ist von Carla Bley, das letzte eine Komposition ihres langjährigen Partners Steve Swallow.
> Album auf bandcamp

3 ― Ein sehr (ein)druckvolles Werk ist das Album „Entrance“ (Sauajazz) des Bassisten Nicolas Leirtrø. Kein Wunder – an seiner Seite spielen der mit allen Wassern gewaschene Saxofonist und Flötist Mats Gustafsson und der ebenso umtriebige Kit Downes hauptsächlich an der Hammondorgel, die das ganze Geschehen energiereich durchtreibt. Ergänzt wird das Quartett durch die junge Schlagzeugerin Veslemøy Narvesen. Leirtrø schrieb alle Stücke, denen als kompositorische Grundlage grafische Partituren in Form von Linolschnitten dienen. Die Musik bewegt sich entsprechend zwischen Komposition und freier Improvisation. Sie siedelt sich zwischen Free Jazz und Gnawa – der rituellen Trance-Musik Marokkos – an und ist gespickt mit Zitaten aus der Jazzgeschichte, deren Titel mir sicher noch irgendwann einfallen werden.
> Album auf bandcamp


3. März 2026

Stempel

Die Musik von Duke Ellington kann man nachspielen, interpretieren, ganz anders interpretieren oder ihm einfach seinen eigenen Stempel aufdrücken. Letzteres macht Jason Moran mit seiner unverkennbaren Handschrift hier alleine am Klavier so überzeugend, dass man als Hörer gut daran tut, sich gelegentlich bei den Originalstücken rückzuversichern. Das soeben erschienene Album „Jason Moran plays Duke Ellington“ ist das Ergebnis einer langjährigen Leidenschaft und Beschäftigung mit Duke Ellingtons Musik sowie einer Konzerttournee zu seinem 125. Geburtstag vor zwei Jahren. Es enthält zehn Ellington-Kompositionen sowie zwei Eigenkompositionen Morans.

Jason Moran vertreibt seine Musik über sein eigenes Label Yes Records und Bandcamp. Dadurch haben seine Publikationen leider weniger Reichweite. Es ändert aber nichts daran, dass er in regelmäßigen Abständen hervorragende Alben wie hier und hier herausbringt und dass man ihm als einem der wichtigsten Vertreter, Forscher und Erneuerer des zeitgenössischen Jazz unbedingt zuhören sollte.

PS: Morans perlende Version der Fleurette Africaine würde sicherlich auch in diesem Artikel gut passen und ein weitere Artikel auf dieser Seite zu Duke Ellington findet sich hier.


2. März 2026

Michel Portal II

Vor zwei Wochen ist Michel Portal im Alter von 90 Jahren in Paris gestorben. Seitdem überschlagen sich vor allem in Frankreich die Würdigungen eines großen Musikers – einer der schillerndsten Figuren der europäischen Musikszene. Einer, der früh mit Free Jazz experimentierte, französische Chansonstars begleitete, Neue Musik interpretierte, Filmmusik schrieb und das Bandoneon seiner Jugend nie aus der Hand legte. Sogar ein Album mit Musikern aus dem Umfeld von Prince gehörte zu seinem Werk. Radio France hat > hier viele Facetten seiner außergewöhnlichen Karriere zusammengestellt.

Michel Portal wurde 1935 im baskischen Bayonne geboren. Mit sechs Jahren begann er Klarinette zu lernen, um in der Blaskapelle seines Großvaters mitzuspielen und verinnerlichte dabei die Folklore seiner Heimat. Über das Radio entdeckte er bald eine Welt jenseits der Volksmusik mit europäischer Klassik und amerikanischen Jazz.

Am Pariser Konservatorium schloss er sein Studium 1958 mit dem ersten Preis ab. Eine glänzende Laufbahn als klassischer Musiker hätte ihm offengestanden, doch sein Weg führte in viele andere Richtungen. Trotzdem blieb die klassische Musik immer ein wichtiger Teil seines Schaffens.

Zwei Alben mit solchem Repertoire höre ich immer wieder gerne. Sie sind das Ergebnis einer langen musikalischen Partnerschaft mit dem Klarinettisten Paul Meyer (*1965) und zeigen, wie er hier ganz bei sich war:

1 – Rencontre (1998, EMI) ist das intimere der beiden. Zwei Klarinetten, kein Orchester. Das Programm besteht aus u.a. aus Duos von Haydn, Mozart und C.P.E. Bach. Portal und Meyer spielen diese Musik mit gegenseitiger Aufmerksamkeit und einer swingenden Leichtigkeit, die man sonst eher im Jazz erlebt.

2 – Double (2020, Alpha Classics), 22 Jahre später aufgenommen, entstand mit dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie. Das Repertoire reicht von Telemanns Konzert für zwei Chalumeaux, dessen Ton die beiden wunderbar nachahmen, über ein Werk von Carl Stamitz bis hin zu Mendelssohn-Bartholdy. Portal war damals 84 Jahre alt und man hört ihm an, dass ihn das nicht im Geringsten interessierte.

Übrigens: Wenn man auf dieser Seite über „index“ nach Michel Portal sucht, finden sich weitere Beiträge zu ihm. Er gehört seit vielen Jahren zu den Musikern, deren Werk ich besonders aufmerksam verfolge.