6. Februar 2026
Das Chamäleon
Wadada Leo Smith (*1941) ist ein Musiker, dessen Trompetenspiel und kompositorisches Denken immer wieder andere Gestalt annehmen kann, ohne seine Identität zu verlieren. In den letzten beiden Jahren hat er Duo-Alben mit drei sehr unterschiedlichen Pianist:innen verschiedener Generationen eingespielt, auf denen dies besonders deutlich wird. Diese Aufnahmen zeigen eindrucksvoll, wie flexibel und zugleich unverwechselbar Smith arbeitet und dass seine Kunst nicht in einem Stil besteht, sondern in der Fähigkeit, jedem Dialog die passende musikalische Sprache zu geben. Gleichzeitig schaffen seine Kollaborationen Räume, in denen sich ästhetische Welten berühren und gegenseitig verändern.
1 – „Defiant Life“ mit Vijay Iyer
(2025, ECM)
Ein erhabenes Album, auf dem über den Zustand des Menschen meditiert wird: über das, was im Argen liegt, aber auch über den Glauben daran, dass er die Widrigkeiten überwinden kann. Die Töne schweben luftig durch den Raum. Man verfolgt sie, lauscht ihnen nach, lässt sie ziehen und fängt sie wieder ein. Iyers (*1971) oft zurückgenommenes Spiel auf Piano und Fender Rhodes, gelegentlich durch elektronische Texturen erweitert, schafft einen kargen, offenen Raum, in dem Smiths Trompete wie eine sprechende Stimme wirkt. Wie auf einer Wippe balancieren sie ihre Töne gegenseitig aus und tupfen sie vorsichtig in den Resonanzraum.
2 – „Angel Falls“ mit Sylvie Courvoisier
(2025, Intakt)
Der Austausch auf diesem Album ist ein Fortführen von Gedankensträngen und ein Ineinanderweben von Tönen. Gegenseitiges Belauern ist Konzept und treibt immer neue Blüten. Courvoisiers (*1968) Piano, das sie unter anderem klopfend, zupfend und drückend bearbeitet, liefert ein detailliertes, vielseitiges Klangspektrum, das mal ruhig, mal impulsiv ist. Smiths Trompete reagiert darauf mit klaren, präzisen Linien, wodurch ein kontinuierlicher Dialog entsteht. Dieses Album ist das experimentellste der drei und erfordert ein besonders waches Zuhören.
3 – „Central Park’s Mosaics of Reservoir, Lake, Pathways and Gardens“ mit Amina Claudine Myers
(2024, Red Hook)
Das Album ist lose inspiriert von verschiedenen Orten im New Yorker Central Park. Myers’ (*1943) Spiel am Piano und an der Orgel bringt hörbar Gospel-, Blues- und spirituelle Traditionen ein. Smiths Spiel reagiert darauf mit einem deutlich lyrischeren Ton. Im Vergleich zu den anderen beiden Alben herrscht hier mehr Konsens als Reibung, und das Album ist, wie auch das Cover suggeriert, von enormer Leuchtkraft. Es schließt mit dem Titel „Imagine, A Mosaic for John Lennon“, in dem immer wieder, gleichsam zeitlupenartig, der bekannte Song durchblitzt.