20. April 2026

Deutsch-französische Freundschaft

Solche großen Gesten sind in der Politik kaum noch zu finden. Helmut Kohl und François Mitterrand, sich spontan beim Erklingen der Marseillaise die Hände haltend, vor der Gedenkstätte von Verdun, wo die Gebeine von 130.000 unbekannten Soldaten beider Nationen ruhen – dieses ikonische Bild ziert das Cover des neuen Albums von Daniel Erdmanns Formation „Thérapie de couple“, das dann konsequenterweise den Titel „I wanna hold your hand, François!“ trägt.

Der seit langem in Frankreich lebende Saxophonist hat ein sorgfältig zusammengestelltes Ensemble versammelt: zwei Bläser, drei Streicher, ein Schlagzeug – paritätisch deutsch und französisch besetzt. Das Klangbild verortet sich bewusst in der französischen Jazztradition: melodiebetont, farbenreich, offen für Chanson, Kammermusik und freie Improvisation, ohne sich in einem dieser Felder festzusetzen.

Auch die Titel der einzelnen Stücke deuten Stationen der bewegten Geschichte beider Länder an.

„Fatal Attraction“ beginnt als verhaltenes Zögern voller Anziehungskraft, das sich nach etwa drei Minuten schließlich hingibt – ein treffendes Bild für das komplizierte Verhältnis zweier Nachbarn.
„I wanna hold your hand, François“ gehört Vincent Courtois, dessen Cello mit einer Intensität singt, dass man allzu gern nach einer anderen Hand greifen möchte.
„Muskatnuss, Herr Müller“ destilliert > die Szene eines Louis-de-Funès-Films, in der ein geschichtsträchtiger Schatten auf den Koch fällt, der gerade ein Rezept rezitiert – dessen Rhythmus Robert Lucacius Bass hier aufgreift und imitiert, bevor er tänzelnd in eine federleichte Melodie gleitet.

„Göttingen“ – das Chanson der Sängerin Barbara, geschrieben 1964 – ist ihre bewegende Reminiszenz an Deutschland und die Stadt, die ihr kurz nach Kriegsende herzlich Aufnahme gewährt hatte. Die Instrumente reichen sich die Melodie wie bei einem Staffellauf weiter und ergeben dabei einen wunderschönen Reigen aus reiner Instrumentalpoesie.
„Romy“ zeichnet einen Bogen von lyrischer Zartheit zu kantiger Souveränität. Die stimmige Charakterstudie einer Frau, die in zwei Ländern zwei völlig verschiedene Mythen hinterlassen hat.
„On the Road to Verdun“ verzichtet auf jede Beschönigung: Die pochenden Dissonanzen erzeugen ein Gefühl der Beklemmung, das sich so schnell nicht abschütteln lässt.
„Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“ – sinnbildlich für Erdmanns eigene Situation zwischen zwei Kulturen, und wer diesen Blog länger verfolgt, weiß, dass mir das nicht fremd ist – übersetzt das Goethe-Zitat in kontrapunktische Rhythmen, die gegeneinander ankämpfen und sich am Ende doch einander ergeben.
„Eva in Paris“, ein weiterer Melodienzauber, ist der Schlagzeugerin gewidmet.
Den Abschluss bildet eine Instrumentalversion des sehr > charmanten Songs „Je ne parle pas français“ der deutsch-marokkanischen Sängerin Namika aus dem Jahr 2018 – als Zugabe inszeniert, bei der noch einmal alle ihr Bestes geben dürfen. Eine herrliche Verbeugung vor der Leichtigkeit, die am Ende dieser Geschichten stehen darf.

„I wanna hold your hand, François!“ zeigt mit reichlich Witz und Reflexion, dass Musik gut Dinge zusammenhalten kann, die die Politik längst aus den Händen gelassen hat.

Wie schön das alles rein musikalisch ist, und wie sehr es mich freut, dass mir hier so vieles vertraut ist und mich doch immer wieder überrascht, lässt sich schwer in noch mehr Worte fassen. Insofern: einfach anhören, genau hinhören und immer wieder daran erfreuen.

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Daniel Erdmann: Saxofon
Hélène Duret: Klarinette
Théo Ceccaldi: Violine
Vincent Courtois: Cello
Robert Lucaciu: Kontrabass
Eva Klesse: Schlagzeug

BMC, 2026