10. Oktober 2025
Geschichten erzählen
„Ich sitze hier schon den halben Tag und beobachte, wie die Schatten der alten Eiche länger werden. Bald werden sie mich erreichen. Was wird passieren, wenn sie mich erwischen? Werden sie Rache nehmen? Werden sie vergeben? Vielleicht nehmen sie mich in ihre Reihen auf.“
Mit diesen Worten (auf Englisch) beginnt das neue Album „The Stories We Tell“ von Luise Volkmanns Formation Été Large – und sogleich nehmen beschwörende Gitarrenklänge gefangen. Es sind essentielle Fragen, die zum Nachdenken anregen und Erzählungen beginnen lassen. Darum geht auf diesem Album, ums Geschichtenerzählen – um Geschichten, die uns geprägt haben, solche, die wir über Generationen weitertragen und die uns zusammenhalten. Das spiegelt sich in wunderschönen, oft rockopernhaft gesungenen Texten, in ausgelassenen Bläsersätzen und in symphonischen Klanggemälden wider, die an einen modernen “Sacre du Printemps“ erinnern. Stimmungen die weitertragen – schwebend, manchmal drohend, immer lebendig.
Wie so oft bei Projekten von Luise Volkmann sollte man gar nicht erst versuchen, ihre Musik einzuordnen. Es reicht, sie zu hören und zu genießen, wie sie ist. Für “Été Large“ hat sie eine bunte Mischung von elf Musiker:innen aus Deutschland, Frankreich und Schweden zusammengebracht – jede und jeder mit einer eigenen Stimme, einem eigenen musikalischen Hintergrund und viel Sinn fürs Experiment. Auf dieser großen Klangspielwiese dürfen sich alle austoben: singend, spielend, suchend. Das Ergebnis ist ein wilder, poetischer Strom aus Tönen und Worten – ein großer Haufen verdammt guter Musik.
Im achten Stück „I’m Not a Poet“ heißt es schließlich: „I use words to make music – my force is the silent talking.“ („Ich benutze Worte, um Musik zu machen – meine Kraft ist das stille Sprechen.“) Und damit ist das Wichtigste eigentlich schon „gesagt“.
Èté Large sind: Luise Volkmann (Altsaxophon), Casey Moir (Stimme), Laurin Oppermann (Stimme), Conni Trieder, Nicolas Schwabe (Flöte), Peter Ehwald (Tenorsaxophon), Rémi Fox (Baritonsaxophon), Johannes Böhmer (Trompete), Marleen Dahms (Posaune), Johanna Stein (Cello), Athina Kontou (Bass), Yannick Lestra (Keyboard und Electronics), Paul Jarret (Gitarre) und Max Santner (Schlagzeug)
Bereits im Frühjahr hat Luise Volkmann auf YouTube eine Reihe von Gesprächen und Sessions mit ihren früheren Idolen aus der Punkszene veröffentlich. Daraus entstanden die grandiosen „Punk Jazz Sessions“, bei denen sie gemeinsam mit diesen und anderen Musiker:innen improvisierte und die unter anderem im Kasettenformat veröffentlicht wurden. Ein faszinierendes Dokument über musikalische Wurzeln, über den Dialog zwischen Generationen und Genres.
Demnächst erscheint außerdem ein Album ihres Trios Cheel mit Paul Jarret (Gitarre) und Max Andrzejewski (Schlagzeug). Deren Musik durfte ich bereits mit großem Genuss live in der Münchner Seidlvilla im Rahmen der Reihe Jazz+ erleben – ein Trio, das ebenso frei und kompromisslos klingt wie alles, was Luise Volkmann anfasst, und sicherlich ein weiteres wunderbares Album hervorbringen wird.