16. Juli 2025

Hemlocks

Joan Mitchell (1925–1992) zählte zu den wenigen Frauen der „New York School“ des Abstrakten Expressionismus (nicht zu verwechseln mit der Musikerin Joni Mitchell, die auch malt, aber eher figurativ). Ihr Malstil ist geprägt von expressiven, gestischen Pinselstrichen und einem großen Gespür für Farbe. 1956 schuf sie ein Gemälde mit dem Titel „Hemlock“ (engl. Schierlingstanne): ein Geflecht kalligrafisch horizontaler Linien in Grün, Schwarz und Weiß, durchsetzt von blauen und roten Akzenten. 

Mitchell ließ sich dafür vom Gefühl des finsteren Gedichts „Domination of Black“ (1916) des amerikanischen Lyrikers Wallace Stevens (1879–1955) inspirieren, in dem es unter anderem heißt:

“Out of the window,
I saw how the planets gathered
Like the leaves themselves
Turning in the wind.
I saw how the night came,
Came striding like the color of the
heavy hemlocks…”

Worte, die den abstrakten Linien und Farbfelder des Bilds eine tiefere Bedeutung geben und die Form eines Nadelbaums erahnen lassen – während das Gedicht selbst Wind, Herbstlaub und den Schrei der Pfauen zu einer dunklen, unheimlich kreisenden Atmosphäre verdichtet.

Der New Yorker Schlagzeuger und Komponist Will Mason greift diese beiden Bezüge auf und erweitert sie um eine klangliche Ebene. Die Stücke seines bereits im Januar erschienenen Albums „Hemlocks, Peacocks“ (New Focus) tragen Titel aus dem Gedicht und entwerfen daraus musikalische Klangbilder von expressiver Schönheit.

Weiter orientiert sich Mason an La Monte Youngs (geb. 1935) „The Well-Tuned Piano“, einem monumentalen Werk der Minimal Music, mit mikrotonaler Stimmung und hypnotischen Wiederholungen. (Young prägte mit seinen Ideen auch Musiker wie John Cale, der in seinem Ensemble mitwirkte und später die Band „Velvet Underground“ entscheidend mitgestaltete.)

Das ungewöhnlich besetzte Musiker-Quartett besteht neben Will Mason am Schlagzeug, aus Anna Webber am Tenorsaxophon und Daniel Fisher-Lochhead am Altsaxophon und schließlich deVon Russell Gray mit zwei übereinander angeordneten Keyboards. Diese Keyboards sind auf sogenannte Just-Intonation-Skalen gestimmt – ein System „reiner“, natürlicher Frequenzverhältnisse statt gleichmäßig temperierter Klaviertöne. Sie sind zudem leicht gegeneinander verstimmt und erzeugen so besonders schwebende Klänge.

Alle Instrumente sind fein verzahnt und die Kompositionen bewegen sich zwischen mikrotonalem Kammerjazz und experimenteller Klangkunst. Wer sich darauf einlässt, wird mit vielen kleinen Jubelsymptomen im Gehirn belohnt und trotz ihrer Komplexität besitzt diese Musik eine sehr poetische, meditative Melodik.

Und die zusätzliche Verbindung zu den anderen Kunstbereichen macht das Projekt besonders spannend.


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