22. Mai 2026
Hidden Gems – 2
Anlässlich des Todes von Gunter Hampel am 18. Mai habe ich entschieden, dieses Album in die Reihe der Hidden Gems aufzunehmen. Es gehört verdient dazu – auch wenn es vor allem unter Jazzkennern nicht ganz so „hidden“ ist wie die anderen vorgestellten Alben.
Gunter Hampel Quintet
Heartplants
Am 30. Januar 1965 saßen fünf Musiker in einem Studio am Rand des Schwarzwalds – dem legendären Saba-Studio, das später unter dem Namen MPS weltbekannt werden sollte – und nahmen fünf Stücke auf. 35 Minuten. Als das Ergebnis erschien, bekam es im amerikanischen Down Beat sofort fünf Sterne.
Das Quintett bestand aus dem Multiinstrumentalisten Gunter Hampel (1937–2026), dem Trompeter Manfred Schoof (1936–2023), dem Pianisten Alexander von Schlippenbach (*1938), dem Bassisten Buschi Niebergall (1938–1990) und dem Schlagzeuger Pierre Courbois (*1940) aus den Niederlanden.
Hampel hatte Architektur studiert und klassisches Schlagzeug gelernt – Jazzstudiengänge existierten damals noch nicht – bevor er sich zu einem zentralen Freigeist des europäischen Jazzszene entwickelte und dabei auch immer den Kontakt zur afroamerikanischen Freejazz-Szene pflegte, etwa zu Anthony Braxton oder Jeanne Lee, die Mutter seiner beiden Kinder. Bis zu seinem Tod diese Woche blieb er musikalisch stets wach und aktiv in ganz verschiedenen Projekten.
Schlippenbach und Schoof gingen von diesem Quintett aus direkt weiter zur Gründung des Globe Unity Orchestra (1966) – eines der wichtigsten europäischen Free-Jazz-Ensembles der folgenden Jahrzehnte, zeitweise mit bis zu 14 Musikern und zahlreichen weiteren internationalen Vernetzungen.
Der Bassist Buschi Niebergall wechselte nach Studien der Medizin und Psychologie zum Jazz und spielte später unter anderem mit Peter Brötzmann, Don Cherry und Albert Mangelsdorff.
Der Schlagzeuger Pierre Courbois wiederum gehörte, wie der niederländische Saxophonist Willem Breuker einmal sagte, zu den ersten Europäern, die mit Free Jazz und offenen Improvisationsformen experimentierten.
Musikalisch bewegt sich das Album meist noch in Formen, in denen Melodie, Rhythmus und Zusammenspiel klar erkennbar bleiben – allerdings bereits mit deutlich erweitertem Horizont. Eine Ausnahme ist „Iron Perceptions“: ein wildes, spannungsgeladenes Duell zwischen Courbois und Schoof, das sich jeder eindeutigen Ordnung entzieht. Es gilt als eines der frühesten aufgenommenen Free-Jazz-Stücke einer europäischen Band.
„Heartplants“ klingt insgesamt, als suche sich die Vergangenheit einen Weg in die Zukunft. Ein guter Grund, dieses Album heute noch zu hören.
Produziert hat es übrigens Joachim Ernst Berendt – Journalist, Autor, Programmmacher, und in den folgenden Jahren eine der prägenden Figuren des deutschen Jazz.
1965, MPS
Gunter Hampel: Vibraphon, Flöte
Manfred Schoof: Trompete
Alexander von Schlippenbach: Piano
Buschi Niebergall: Kontrabass
Pierre Courbois: Schlagzeug