2. April 2026

Passionszeit Vol. 6

Wie jedes Jahr in der Karwoche stelle ich hier Musik vor, die zur Zeit passt und meist aus dem klassischen Bereich kommt (weitere Empfehlungen im index unter Passionszeit). Heuer ist Johann Sebastian Bach dran, meine musikalische Grundnahrung.

Vor kurzem ist eine beeindruckende neue Aufnahme seiner Johannes-Passion unter der Leitung von Raphaël Pichon und dessen Ensemble „Pygmalion“ erschienen — ein überwältigendes Gefühlsbad mit vielen Nuancen.

Der Chor bildet das Gerüst. Er kommentiert oder ist unmittelbar am Geschehen beteiligt (letzteres nennt man dann Turba-Chor): mal zart, mal getragen, flott und eben als schrille Menschengruppe, die Jesus ans Kreuz bringen will. Das Orchester spielt mit federnder Energie auf historischen Instrumenten, die einen milden, warmen Klang erzeugen. In einzelnen Sätzen begegnet man zum Beispiel einer Viola d’amore (Liebesgeige), einer Gambe oder einer Oboe da caccia (Jagdoboe) — und unter anderem einer Theorbe, die zwar nicht in Bachs Partitur vorgesehen ist, aber dennoch mitspielen darf. Blechinstrumente waren übrigens in der Passionszeit (und im Advent) verboten.

Julian Prégardien ist in der Rolle des Evangelisten derjenige, der sehr abwechslungsreich durch das Oratorium führt. Die Sopranistin Ying Fang bringt in ihren Arien eine weiche, glockenhafte Klarheit mit, und Lucile Richardot als Alt zeigt eine eindrucksvolle Bandbreite. Und dann ist da noch mein ehemaliger Schulklassenkamerad Christian Immler, der die Partie des Pilatus singt. Die Stimme, die es mir allerdings am meisten angetan hat, ist die des Tenors Laurence Kilsby. Warum kann ich leider nicht genau sagen.

Unter den Höhepunkten der Aufnahme sind der Eingangs- und Schlusschor, in dem sich alle Elemente wie Wolken ineinanderschieben, scharf konturierte Rezitative sowie ergreifende Arien wie „Es ist vollbracht“ (Nr. 30) oder „Mein teurer Heiland“ (Nr. 32), wo sich Chor und Bass-Rezitativ leise umschlingen. Pichon verpasst dem Werk eine unaufgeregte, aber sehr expressive Note: theatralisch, dramatisch, mit einer Emotionalität auf höchstem Niveau, die zeigt, dass Text und Musik dieser Passion bis heute eine starke Botschaft haben.

Johann Sebastian Bach
Johannes-Passion

Ensemble Pygmalion
Raphaël Pichon,
Leitung

Julian Prégardien, Tenor, Evangelist
Huw Montague Rendall, Bariton, Jesus
Ying Fang, Sopran, Ancilla
Lucile Richardot, Alt
Laurence Kilsby, Tenor, Servus
Christian Immler, Bass, Pilatus
Étienne Bazola, Bass, Petrus

2026, harmonia mundi