14. Juni 2026

Sir Paul

Auch wenn ich gerne viel komplexe Musik wie Free Jazz, Avantgarde und ähnliches Zeug höre, habe ich gelegentlich das Bedürfnis nach Klarheit und Harmonie. Dann lande ich manchmal bei Paul McCartney.

Obwohl ich zeitweise den Bohemien John Lennon interessanter fand, war mein Lieblings-Beatle trotzdem immer Paul. Einerseits ist er natürlich der Hübscheste (hey, I’m a girl!), andererseits hat er die seltene Gabe, Melodien zu schreiben, die etwas sehr Geradliniges haben, aber voller Liebe zum Detail stecken und zu den großen Kompositionen der Musikgeschichte gehören.

Seine Stimme erkenne ich sofort – wie vor kurzem im Café, in dem ich oft morgens meinen Kaffee trinke, anhand eines für ihn untypischen Songs: My Valentine.

Mittlerweile ist seine Stimme brüchig geworden. Einer der Gründe, warum ich McCartney III unmittelbar ins Herz geschlossen habe. Er hat das Album während Corona mehr oder weniger im Alleingang aufgenommen und dabei einen modernen Sound entwickelt, der ihn immer noch auf der Höhe der Zeit zeigt.

Gerade ist ein neues Album erschienen. Etwas weniger experimentell als der Vorgänger, aber unter anderem mit Never Know (mit Blockflöten-Einlage!) wieder um ein weiteres McCartney-Juwel reicher. Und davon gibt es bekanntlich viele, sehr viele. Da das alles eigentlich ein Fass ohne Boden ist, hänge ich diesem Text einfach eine kleine Playlist mit ein paar persönlichen Favoriten an.

Der eigentliche Anlass für diesen Beitrag ist die grandiose Graphic Novel Paul des eingefleischten Beatles-Fans Hervé Bourhis, die vor kurzem auf Deutsch erschienen ist. Erzählt wird aus McCartneys Perspektive, in der ersten Person, von der Zeit unmittelbar nach dem Ende der Beatles: vom Rückzug nach Schottland, wo Paul sein heruntergekommenes Bauernhaus eigenhändig renovierte, vom Familienleben und von der Entstehung der Wings. Linda McCartney steht dabei konsequent an seiner Seite – als enge Vertraute und kreative Partnerin, die Paul in dieser Phase den nötigen Halt gab. Zu Recht hat sie in der Graphic Novel die zweite Hauptrolle.

Bourhis hat intensiv recherchiert und vermittelt dabei so manche neue Erkenntnis. Die Graphic Novel ist stilistisch abwechslungsreich, farbenfroh und stets liebevoll gezeichnet. Man sieht einen McCartney, der trotz aller Hochs und Tiefs nie aufgehört hat weiterzumachen – seinem Spieltrieb folgend, musikalisch wie menschlich. Vielleicht wirkt er deshalb bis heute wie jemand, der nie wirklich alt geworden ist.

Hervé Bourhis
Paul. Die Auferstehung von James Paul McCartney (1969–1973)
Bahoe Books, 2026

Playlist:
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