14. Juni 2025
A short story about „Smile“ :-)
In der Musikgeschichte gibt es kaum ein Projekt mit ähnlich mythischem Status wie „Smile“ von Brian Wilson. Geplant als Nachfolger zu „Pet Sounds“ (1966, Capitol), wollte der Beach-Boys-Mastermind 1966/67 ein neuartiges, anspruchsvolles Klangmosaik erschaffen.
Dafür holte er den poetisch-versponnenen Texter Van Dyke Parks ins Studio. Gemeinsam wollten sie dem britischen Pop ein eigenständiges amerikanisches Gegengewicht entgegensetzen – und zeigen, dass populäre Musik auch Kunst sein kann. Zwar hatten die Beatles mit „Revolver“ diesen Anspruch bereits formuliert, doch „Smile“ sollte noch weiter gehen: kein Album im klassischen Sinn, sondern ein modular gebautes Kunstwerk. Visionär, verspielt, dissonant – und, unausgesprochen, auch ein Wettbewerb mit den Beatles.
Die Aufnahmen, später als „Smile Sessions“ bekannt, waren geprägt von wuselnder Kreativität – und wachsendem Chaos. Wilson arbeitete nicht mehr in herkömmlichen Songstrukturen, sondern in musikalischen Fragmenten – ein damals revolutionärer, aber auch herausfordernder Ansatz. Parallel verschlechterte sich sein psychischer Zustand, der Drogenkonsum nahm zu. In seinem Wohnzimmer ließ er einen Sandkasten um das Klavier errichten, um „wie ein Kind“ barfuß im Sand komponieren zu können. Die Bandkollegen waren zunehmend überfordert.
Im Mai 1967 wurde das Projekt schließlich abgebrochen. Stattdessen erschien das (inzwischen ebenfalls hochgeschätzte) Album „Smiley Smile“ (Brother) – mit einigen „Smile“-Songs in stark vereinfachten Versionen. Einzelstücke wie „Good Vibrations“ erschienen separat – und wurden Welthits. Das Gesamtprojekt selbst blieb jahrzehntelang, als heiliger Gral der Popgeschichte, Fragment.
Einen besonderen Einblick in diese Zeit bietet eine Aufnahme von Wilsons Auftritt in Leonard Bernsteins TV-Dokumetation „Inside Pop: The Rock Revolution“ (1967): Wilson allein am Klavier mit einer fragilen Frühfassung von „Surf’s Up“.
Legendär auch Paul McCartneys Studiobesuch im selben Jahr. Der Mythos besagt dass er auf einer Selleriestange mitspielte – ein Geräusch, das später in „Vegetables“ zu hören sei. Ob der Take tatsächlich verwendet wurde, ist unklar. Sicher ist nur: Gemüse kam zum Einsatz – Möhren als Schlaginstrumente, das Knacken von abgebissenem Sellerie und Radieschen als rhythmische Effekte. Der Song selbst ist einer der Bausteine im psychedelisch gefärbten Puzzle von „Smile“: ein ironisches Loblied auf gesunde Ernährung, aber auch eine subtile Rebellion gegen den Drogenkult der damaligen Zeit.
Erst 2004, nach fast 40 Jahren, nahm Wilson den Faden wieder auf. Gemeinsam mit der Band „Wondermints“, dem Arrangeur Darian Sahanaja und dem zurückgekehrten Van Dyke Parks rekonstruierte er das Werk als „Brian Wilson Presents Smile“ (Nonesuch) – und lüftete damit das langegehütete Geheimnis. Die Uraufführung in der Londoner Royal Festival Hall geriet zum Triumph: ein würdiger Schlusspunkt einer jahrzehntelangen Odyssee.
2011 folgte schließlich die Veröffentlichung der ursprünglichen „Smile Sessions“ (Capitol) – roh, fragmentiert und voller magischer Studiomomente. Diese bieten einen faszinierenden Blick in die Werkstatt des Projekts und zeigen, wie weit Wilson seiner Zeit voraus war.
Brian Wilson starb nun am 11. Juni 2025 im Alter von 82 Jahren. Sein Werk bleibt – ein rätselhafter genialer Schatz, der hoffentlich noch lange weiter wirken wird.
Übrigens:
Ein zentraler Einfluss in Brian Wilsons musikalischem Denken war George Gershwin, dessen Werk er zeitlebens bewunderte. 2010 setzte er diesem Vorbild ein Denkmal mit dem Album „Brian Wilson Reimagines Gershwin“ (Walt Disney). Eine liebevolle Hommage eines großen Verehrers, für Gershwin-Fans aber sicherlich gewöhnungsbedürftig.