18. November 2024

We live in a political world

Die Alben Stimmen vom Eva Klesse Quartett aus Köln und Gentle Destruction von Pauline Réage aus Leipzig zeigen eindrucksvoll, wie Musik als Werkzeug für politische Botschaften und gesellschaftliche Reflexion genutzt werden kann. Beide Formationen setzen unterschiedliche Stilmittel ein, um gesellschaftliche Fragen, persönliche und kollektive Erfahrungen sowie soziale Herausforderungen zu beleuchten.

Eva Klesse Quartett – Stimmen

… kreist um die Suche nach der „inneren Stimme“ und den Stimmen der Gesellschaft. Zentrale Themen wie Meinungsfreiheit, Identität und Diversität stehen im Mittelpunkt. Beginnend mit einem Streichquartett und endend mit einer optimistischen Hymne – einer Spezialität der Komponistin Eva Klesse – ist das Album in drei Themenbereiche unterteilt, die jeweils von einem Bandmitglied konzipiert und komponiert wurden:

Der erste „whitnesses“ von Philip Frischkorn beschäftigt sich mit dem Leben in der DDR und die Teilnahme an der  Friedlichen Revolution im Jahr 1989. Die Stücke basieren auf Berichten der Schauspielerin Ellen Hellwig. Den zweiten Beitrag „peaceful warriorresses“ widmet Evgeny Ring, gebürtig aus Russland, zwei russischen Aktivistinnen, die mutig gegen das Regime aufbegehrt haben. Eva Klesse lässt im dritten Teil des Albums „pass the mic“ verschiedene Stimmen zu Wort kommen, die ermutigen sollen, sich gegen Ungerechtigkeiten einzusetzen.

projekt-stimmen.de

Pauline Réage – Gentle Destruction

… geht noch radikaler vor. Die energiegeladene Musik schöpft aus Genres wie Noise, a-cappella-Gesang, Punk, Spoken Word und Jazz – letzterer, ein Genre, das ohnehin „immer alles sein kann“. Das Quartett hat sich nach dem Pseudonym der französischen Schriftstellerin Anne Desclos benannt, deren Werk The Story of O normative Geschlechterrollen hinterfragt.

Die humorvoll bis düsteren Texte (mit der Ausnahme „Alone with Everybody“, einem Gedicht von Charles Bukowski) und die Melodien stammen größtenteils von der Bandgründerin Anne Munka. Durch die Interpretation der anderen Bandmitglieder – der Pianistin Olga Reznichenko, dem Bassisten Robert Lucaciu und dem Schlagzeuger Maximilian Breu – wird das Werk vielschichtig und dynamisch.

Der Titel Gentle Destruction („Sanfte Zerstörung“) verweist auf die Idee, alte Strukturen und Systeme nicht mit Gewalt, sondern durch Poesie und Fantasie zu dekonstruieren. Musikalische Vielfalt, Spoken Word-Darbietungen und konfrontative Inhalte verschmelzen hier zu einem kraftvollen Gesamtkunstwerk.

Die lange Tradition, Musik als Werkzeug zur Infragestellung sozialer Normen und Machtstrukturen einzusetzen, ist tief im Jazz verwurzelt. Seit seinen Ursprüngen in afroamerikanischen Communities ist Jazz ein Medium des Widerstands – gegen Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und politische Unterdrückung. Musiker wie Max Roach mit We Insist! oder Charles Mingus mit Fables of Faubus nutzten Jazz, um auf Missstände aufmerksam zu machen und Veränderungen zu fordern. Auch in der deutschen Tradition politischer Kunst, etwa bei Bertolt Brecht und Kurt Weill, sowie in der englischen Canterbury-Szene finden sich relevante Parallelen, die den Jazz als gesellschaftskritisches Medium bereichern. 

Die Musiker*innen des Eva Klesse Quartetts und Pauline Réage setzen diese Tradition fort. Sie greifen aktuelle Themen auf und zeigen, dass Jazz auch heute ein lebendiges Medium für gesellschaftliche Reflexion ist. Beide Alben laden dazu ein, sich bewusst mit der Vielfalt der Gesellschaft und ihren Herausforderungen auseinanderzusetzen. „Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext ist Jazz nach wie vor ein starkes Mittel, um Veränderungen voranzutreiben. Wir müssen ihn nur in die Verantwortung nehmen“, erklärt Anne Munka.