27. September 2025

Auf dem Zenit

Vor kurzem erreichte mich eine besondere Zeitkapsel: Aufnahmen aus den beginnenden Neunzigerjahren, eine Auswahl aus drei verschiedenen Konzerten (Metz, Chambéry und Mainz). Zu hören ist das Trio um den deutschen Pianisten Joachim Kühn, den Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair und den französischen Bassisten Jean-François Jenny-Clark, das für meine Begriffe den Olymp des europäischen Jazz darstellt.

Die drei Musiker trafen erstmals Mitte der siebziger Jahre im Umfeld der Aufnahmen zum Soundtrack von Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ aufeinander. Ihre große Zeit als Trio erlebten sie jedoch ab den achtziger Jahren. Ein Kapitel, das mit dem Tod Jean-François Jenny-Clarks 1998 schmerzlich endete.

Die beeindruckenden Einzelkarrieren belegen, welch außergewöhnliche Künstler sich hier zusammenfanden.

Joachim Kühn (* 1944) gilt als einer der bedeutendsten europäischen Jazz-Pianisten, ein stilistischer Grenzgänger von klassischen Anfängen über Rock bis hin zu Weltmusik. Einer der bis heute seine Grenzen auslotet.

Daniel Humair (*1938), ein herausragender Schlagzeuger mit unverkennbarem Stil, der mit zahlreichen Mitwirkungen auf wichtigen Aufnahmen bleibende Spuren hinterlässt und neben der Musik auch als bildender Künstler tätig ist.

Jean-François Jenny-Clark (1944-98), eine prägende Figur des französischen Jazz, einer der größten Kontrabassisten seiner Generation - jemand, für den die kompromisslose Hingabe an die Musik zählte. Seine Vielseitigkeit zeigt sich in seiner Diskografie wo sich neben viel Jazz jeglicher Couleur, auch Werke aus Chanson, Pop und Neuer Musik finden.

Dieses Trio war eine einzigartige Konstellation, die aus jedem Beteiligten das Allerbeste herausholte. Seine Musik lebt von enormer Energie und ist zugleich von einer Poesie getragen, die selbst in den druckvollsten Passagen nicht verloren geht. Das Zusammenspiel der drei wirkt wie Zahnräder, die perfekt ineinandergreifen und auch in den virtuosesten Soli geht es nie um Kräftemessen, sondern um ein aufmerksames Aufeinanderhören und Raum lassen.

Gerade in den Live-Aufnahmen erreicht dieses Trio schwindelerregende Intensität. Davon zeugt auch dieses im Juli erschienene Album „On Tour, 1992–1993“ (Frémeaux & Associés), das neben drei eigenen Kompositionen, zwei markante Neuinterpretationen enthält: eine Reminiszenz an John Coltranes „India“ zu Beginn und als krönender Abschluss die wahrscheinlich schnellste und kräftigste Version von George Gershwins „Summertime“. Im zentralen Stück, „Guylène“, greift Joachim Kühn – für ihn eher ungewohnt – zum präparierten Klavier, was zu einem der magischsten Augenblicke der gesamten Aufnahme führt.

Für mich wird dieses Album gerade zu einem neuen Lieblingswerk. Lediglich die typografische Gestaltung des Covers, das wie oft ein Werk von Daniel Humair ziert, hätte etwas mehr Eleganz verdient – aber das ist bei der Qualität dieser Musik vielleicht auch nebensächlich.