27. Juni 2025
Heftig swingender Barock-Jazz
„The Dissection and reconstruction of music from the past as performed by the inmates of Lalo Schifrin’s demented ensemble as a tribute to the memory of the Marquis De Sade“ ist der Titel eines 1966 veröffentlichten Albums des gestern im Alter von 93 Jahren verstorbenen argentinischen Filmkomponisten, Pianisten, Arrangeurs und Dirigenten Lalo Schifrin.
Trotz des dramatischen Titels und der bizarren Covergestaltung handelt es sich keineswegs um ein düsteres Werk. Stattdessen bietet das Album fröhlich-verspielten Third-Stream-Jazz – eine Kombination aus Jazz und klassischer europäischer Musik. Easy Listening auf hohem Niveau.
Der ungewöhnlich lange und theatralische Titel verweist auf das Theaterstück des deutschen Dramatikers Peter Weiss: „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ (meist kurz Marat/Sade genannt). Das Stück wurde 1964 uraufgeführt und 1967 von Peter Brook mit der Royal Shakespeare Company eindrucksvoll verfilmt. Schifrin greift diese Anspielung auf, indem er klassische Musikformen und Themen des 18. Jahrhunderts „zerlegt“ und „rekonstruiert“ – allerdings mit einem humorvoll-musikalischen Zugang.
Das Album wurde im April 1966 im renommierten Van Gelder Studio in Englewood Cliffs, New Jersey, aufgenommen und erschien bei Verve Records. Zur Besetzung gehörten einige der führenden Jazzmusiker dieser Zeit, darunter Clark Terry (Trompete), J. J. Johnson (Posaune) und Richard Davis (Bass). Schifrin selbst spielte Klavier und Cembalo und übernahm Arrangement und musikalische Leitung. Die Stücke heißen „The Blues for Johann Sebastian“ oder „Bossa Antique“, und greifen barocke und klassische Motive auf, die in einen swingenden Jazz-Kontext übertragen wurden.
Obwohl die Aufnahme bei ihrer Veröffentlichung nur wenig Beachtung fand, gilt sie heute als frühes Beispiel für Schifrins Cross-Over-Ansatz und als kurioser Geheimtipp. Sie entstand nur ein Jahr vor Schifrins weltweitem Erfolg mit der Titelmelodie für die Serie „Mission Impossible“ - und markiert seinen Übergang vom experimentellen Jazz-Musiker zum gefragten Filmkomponisten.