4. Juli 2025
Django Unchained
Gypsy Swing, die Musik, zu der man mit den Fingern schnippte und mit dem Fuß wippte, hatte ich vor allem in orchestrierter Form weniger im Blick. Auch dass Django Reinhardt, einer der bedeutendsten Wegbereiter dieses Genres, Franzose war, wurde mir erst spät bewusst.
Geboren wurde er 1910 in Belgien als Sohn einer Familie französischer Manouches – einer Gruppe innerhalb der Sinti und Roma. Trotz eines schweren Unfalls, bei dem er drei Finger seiner linken Hand teilweise verlor, entwickelte er eine einzigartige Spieltechnik, die seine Musik bis heute unverwechselbar macht. Seine Mischung aus Swing, Jazz und musikalischen Traditionen seiner Manouche-Kultur schuf eine erfindungsreiche Klangwelt, die weltweit viele Musiker inspiriert. Zudem gilt er als der erste europäische Jazzmusiker von Weltrang. Mehr dazu hier (frz.).
Aufmerksam geworden bin ich durch zwei Alben französischer Musiker, die in den letzten Jahren erschienen sind. Beide haben Reinhardts Kompositionen von orchestralen Arrangements befreit und auf ihre melodische Essenz reduziert. Diese Befreiung bringt erstaunlich schöne und komplexe Melodien zum Vorschein.
Das eine Album trägt den prägnanten Titel „Django!“ und stammt vom Saxophonisten Baptiste Herbin, der es 2024 mit seinem Trio veröffentlichte. Sylvain Romano spielt Kontrabass, André Ceccarelli Schlagzeug. Die Melodieführung übernimmt Baptiste Herbin, der mit seinem virtuosen Saxophonspiel die weichen Klänge von Reinhardts Gitarre nachzeichnet und aufs Schönste verziert. Obwohl das Ganze eher wie kammermusikalischer Jazz klingt, swingt dieses Album enorm. Baptiste Herbin wurde übrigens dieses Jahr für die Victoires du Jazz nominiert, den wichtigsten französischen Jazzpreis.
„Django’s Songs“ heißt das andere Album, aufgenommen 2023 vom Gitarristen Adrien Moignard und Diego Imbert am Bass. Diese Neuinterpretationen schaffen eine noch größere Intimität und Klarheit. Entfesselt von orchestralen Zwängen werden die Noten auf das Wesentliche reduziert, was von der außerordentlichen Kraft der Kompositionen und dem tiefen Verständnis der Musiker zeugt. Ein Werk, das man immer und immer wieder anhören kann.
Beide Alben enden mit überraschenden Versionen von „Nuages“, Reinhardts bekanntester Komposition aus den 1940er-Jahren. Entstanden während der deutschen Besatzung in Paris, wurde das Stück zu einer Art Ersatz-Nationalhymne und gilt bis heute als sein musikalisches Markenzeichen. Die Wolken wurden dabei oft als Sinnbild für die Sehnsucht nach Frieden und die Heimatlosigkeit der Sinti und Roma gedeutet.
Derzeit erlebt Djangos Musik ein echtes Revival. Junge Musiker auf der ganzen Welt greifen seine Kompositionen auf, interpretieren sie neu und entwickeln den Gypsy Swing kreativ weiter. Es lohnt sich sicher, diese Entwicklung künftig genauer zu verfolgen.
Baptiste Herbin, Django!
2024, Matrisse Productions
Adrien Mognard ◆ Diego Imbert, Django’s Songs
2023, Label Ouest