15. März 2026

Eine gute Freitagsernte

Immer freitags erscheinen neue Alben. In dieser Woche gab es gleich drei beeindruckende Werke, die ich hier nun zusammen vorstellen werde.

1 ― „Love at Last Sight“ (BMC) ist das erste Duoalbum der ansonsten lange in vielen verschiedenen Konstellationen tätigen Musiker, der Vibrafonistin Evi Filippou und des Kontrabassisten Robert Lucaciu. Wie hier die Finger bzw. der Bogen geschmeidig über die Saiten gleiten und die Klöppel elastisch übers Metall schwingen, ist ein wirklich großes Vergnügen. Kleine bekannte Melodien ziehen ebenso vorbei wie durch intensives Aufeinanderhören erzeugte Dichte – eine Kombination, die extremen Schwung und viel Poesie in sich trägt. Gelegentlich setzt unwiderstehlich bezaubernder Gesang ein, an anderer Stelle taucht der Saxofonist und Produzent des Albums Hayden Chisholm als Gast auf. Das innige, telepathische Vergnügen, das die beiden live auf der Bühne entwickeln, ist ein Erlebnis, das man auf dem Album nicht sehen, aber dennoch – um diese Erfahrung reicher – in jedem Ton zu spüren meint.
> Album unter BCM

2 ― Akkordeon – Serpent, E-Gitarre, Tuba – Percussion und Schlagzeug sind die hervorragend bewährte Kombination der Herren Luciano Biondini, Michel Godard und Lucas Niggli. Die Drei fabulieren sich in „Fabels of Time“ (Intakt) durch Zeit und Raum, sodass man in Gedanken schwebenden Tango tanzt, sich von geheimnisvollen heiseren Serpent-Tönen verführen lässt oder sich einfach mit kindlichem Vergnügen an Nigglis fein verspieltem Schlagwerk erfreut. Und irgendwie hat man den Eindruck, beim Hören dieses Albums immer ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben. Das Album endet mit einer schönen Reminiszenz: Das vorletzte Stück „Lawns“ ist von Carla Bley, das letzte eine Komposition ihres langjährigen Partners Steve Swallow.
> Album auf bandcamp

3 ― Ein sehr (ein)druckvolles Werk ist das Album „Entrance“ (Sauajazz) des Bassisten Nicolas Leirtrø. Kein Wunder – an seiner Seite spielen der mit allen Wassern gewaschene Saxofonist und Flötist Mats Gustafsson und der ebenso umtriebige Kit Downes hauptsächlich an der Hammondorgel, die das ganze Geschehen energiereich durchtreibt. Ergänzt wird das Quartett durch die junge Schlagzeugerin Veslemøy Narvesen. Leirtrø schrieb alle Stücke, denen als kompositorische Grundlage grafische Partituren in Form von Linolschnitten dienen. Die Musik bewegt sich entsprechend zwischen Komposition und freier Improvisation. Sie siedelt sich zwischen Free Jazz und Gnawa – der rituellen Trance-Musik Marokkos – an und ist gespickt mit Zitaten aus der Jazzgeschichte, deren Titel mir sicher noch irgendwann einfallen werden.
> Album auf bandcamp