13. Januar 2026
Melba Liston – 100
Kansas City, 1926. In den Clubs der Stadt wurde bis tief in die Nacht gespielt, Jazzrhythmen drangen aus Tanzlokalen und Radios. In dieser pulsierenden Musikmetropole wurde am 13. Januar ein Mädchen geboren, das diese Welt entscheidend mitprägen sollte:
Melba Doretta Liston.
Durchsetzungsstarke Anfänge
Mit sieben Jahren entdeckte Melba im Schaufenster eines Musikgeschäfts eine Posaune. Das glänzende Instrument faszinierte sie zutiefst – es war das Schönste, was sie je gesehen hatte. Obwohl die Posaune viel zu groß für sie war, ließ sie sich nicht entmutigen und fand gemeinsam mit ihrem musikbegeisterten Großvater einen Weg, das sperrige Instrument trotz ihrer kurzen Arme zu beherrschen. Sie erlernte es weitgehend autodidaktisch und nach Gehör. Bereits nach einem Jahr trat sie mit einem Solo in einer örtlichen Radiosendung auf – ein erstes, strahlendes Zeichen ihres außergewöhnlichen Talents und ihres unerschütterlichen Willens.
1936 zog Melba mit ihrer Mutter nach Los Angeles. An der High School begegnete sie > Alma Hightower, einer unkonventionellen Musikpädagogin, die ihre Schüler nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in Parks unterrichtete und in den Straßen auftreten ließ. Zu ihren Schülern zählten unter anderem Charles Mingus und Dexter Gordon. Hightower erkannte Melbas außergewöhnliches Potenzial und förderte sie gezielt. Unter ihrer Anleitung machte Melba nicht nur große technische Fortschritte, sondern entwickelte auch das Selbstvertrauen, sich in der nahezu ausschließlich männlich dominierten Jazzwelt zu behaupten.
Erste Erfahrungen
Mit 16 Jahren beschloss Melba, Berufsmusikerin zu werden, und trat der Musikergewerkschaft bei. Kurz darauf erhielt sie als erste Frau eine Anstellung im Lincoln Theatre Orchestra, wo sie Begleitmusik für Filme und Varieté-Shows spielte. In dieser Zeit begann sie, eigene Arrangements zu schreiben, und arbeitete parallel als Studio- und Rundfunkmusikerin.
Mit etwa 18 Jahren wechselte sie zur Big Band von Gerald Wilson und wuchs zunehmend in die Rolle der Arrangeurin hinein. Wilson zeigte sich begeistert von ihr: „Diese Frau war unglaublich – sie konnte komponieren, arrangieren, orchestrieren, sie konnte einfach alles.“
Ihr früherer Mitschüler Dexter Gordon lud sie zu gemeinsamen Aufnahmen ein – ihre ersten Studioerfahrungen. Zudem widmete er ihr ein Stück: > Mischievous Lady („Schelmische Lady“), das auf ihre besondere Ausstrahlung anspielte.
Erfolg, Ernüchterung und Rückzug
Nach der Auflösung von Wilsons Band im Jahr 1948 ging Melba nach New York und schloss sich der progressiven Big Band des Trompeters Dizzy Gillespie an, zu der in dieser Zeit auch John Coltrane gehörte. Die Arbeit in dieser Formation war musikalisch aufregend und inspirierend. Als sich die Band jedoch bereits 1949 wieder auflöste, begleitete sie erneut Gerald Wilson auf einer Tournee mit Billie Holiday durch den Süden der USA.
Dort erlebte sie die harte Realität der damaligen Rassentrennung: Die afroamerikanischen Musiker waren vielerorts unerwünscht, Restaurants verweigerten ihnen den Service, die Unterkünfte waren erbärmlich. Und das Publikum? Das wollte lieber vertraute Tanzmusik als den Bebop, diese aufregend neue Musik.
Völlig desillusioniert verließ Melba die Truppe und kehrte – erschöpft von den Strapazen des ständigen Reisens – nach Los Angeles zurück. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als Verwaltungsangestellte im Bildungsamt und übernahm kleinere Statistenrollen in Hollywood-Produktionen, unter anderem als Mitglied des Palastorchesters in The Ten Commandments, um finanziell über die Runden zu kommen. Die Posaune legte sie vorübergehend beiseite, komponierte und arrangierte jedoch weiterhin mit großer Leidenschaft.
Rückkehr und künstlerische Reife
Während dieser Auszeit meldete sich überraschend Dizzy Gillespie und holte sie 1956 zurück in seine Band. Unter anderem für eine der sogenannten Goodwill Tours durch den Nahen Osten – ein kulturpolitisches Programm des US-Außenministeriums zur Verbesserung des internationalen Images der USA. (> interessante Quelle).
In dieser Phase arbeitete Melba als Arrangeurin und Solistin und schuf einige ihrer bedeutendsten Werke, darunter Annie’s Dance und > My Reverie (= Video mit ML als Solistin), beide auf Gillespies Album Birks Works (1956) zu hören. Auf dem 1995 hinzugefügten Bonustrack > You’ll be sorry ist sie sogar als Sängerin zu hören.
Anfangs begegneten ihr einige männliche Kollegen mit großer Skepsis, doch aufgrund ihrer musikalischen Fähigkeiten setzte sie sich schnell durch. Das „große, anmutige junge Mädchen mit dem tausendfachen Lächeln“, wie sie beschrieben wurde, gewann rasch die Herzen von Publikum und Mitmusikern – auch wenn sie weiterhin mit traditionellen Rollenzuschreibungen konfrontiert wurde und etwa zum Flicken von Kleidung oder Haareschneiden herangezogen wurde.
Ein eigenes Album
1958 veröffentlichte Melba ihr einziges Album unter eigenem Namen: Melba Liston and Her ’Bones, auf dem unter anderem sechs weitere Posaunisten zu hören sind. Die Aufnahmen zeigen eindrucksvoll ihre Qualitäten als Instrumentalistin und Bandleaderin und verdeutlichen, dass sie zu den ersten Frauen gehörte, die sich auch instrumental auf höchstem Niveau im Jazz behaupteten.
Zusammenarbeit und Lehre
In den folgenden Jahrzehnten arbeitete sie eng mit dem Pianisten Randy Weston zusammen. Gemeinsam realisierten sie zahlreiche Projekte und leisteten Pionierarbeit bei der Verbindung afrikanischer Musiktraditionen mit amerikanischem Jazz. Zusammen nahmen sie rund zehn Alben auf, darunter Little Niles (1959) und The Spirits of Our Ancestors (1992).
Darüber hinaus arrangierte Liston für Größen wie Quincy Jones, Duke Ellington, Abbey Lincoln oder Diana Ross und ihr Name ist in den Credits unzähliger Aufnahmen zu lesen. Parallel engagierte sie sich intensiv in der musikalischen Nachwuchsförderung und arbeitete mit verschiedenen Jugendorchestern.
Lehrtätigkeit in Jamaika
1973 zog Melba Liston auf Einladung der jamaikanischen Regierung nach Jamaika, wo sie mehrere Jahre lebte. Sie unterrichtete an der Jamaica School of Music, einer der wichtigsten Ausbildungsstätten der Karibik, und leitete die Abteilung für Popular- und Jazzmusik. In dieser Funktion entwickelte sie Lehrpläne, unterrichtete Komposition, Arrangement und Improvisation und trug maßgeblich zur Etablierung einer fundierten Jazz-Ausbildung in der Region bei. Neben ihrer Lehrtätigkeit arbeitete sie unter anderem als Arrangeurin für jamaikanische Produktionen.
Die Zeit auf der Insel brachte ihr Ruhe, neue Inspiration und eine willkommene Distanz vom intensiven Tour- und Studiobetrieb der USA.
Die letzten Jahre
1979 kehrte sie schließlich in die USA zurück und gründete die Melba Liston Company, ein Frauen-Jazzensemble, das auf Festivals und im Konzertleben Beachtung fand.
Ein schwerer Schlaganfall in den 1980er Jahren beendete ihre Karriere als Posaunistin und fesselte sie an den Rollstuhl. Doch ihr starker Wille blieb ungebrochen und so setzte sie nun mit Hilfe von Computertechnik ihre musikalischen Ideen weiter um. 1987 wurde sie mit dem NEA Jazz Masters Award geehrt, der höchsten amerikanischen Auszeichnung im Jazz – eine späte verdiente Anerkennung ihres Schaffens.
Nach weiteren Schlaganfällen starb Melba Liston schließlich am 23. April 1999 in Los Angeles.
Sie gehört zu den großen, lange übersehenen Persönlichkeiten des Jazz. Ihr nachhaltiger Einfluss liegt vor allem in ihrer Arbeit als Arrangeurin – in ihrer einzigartigen Fähigkeit, komplexe musikalische Ideen klar zu strukturieren und unterschiedliche Klangwelten präzise zu formen.
aus: „Frauen im Jazz“ (unveröffentlicht) –
Text und Illustration: Anne Schmidt