9. Juli 2026

Raum

„Io Pur Respiro“ entstand in Florenz in der Sala Vanni, Teil des Klosters Santa Maria del Carmine. Die Wände dieses Saals ziert unter anderem ein Fresko von Giovan Battista Vanni – das Motiv, das auch auf dem Albumcover zu sehen ist. Unmittelbar nebenan liegt übrigens die Brancacci-Kapelle, eines der bedeutendsten Zeugnisse der Frührenaissance mit Gemälden von Masaccio, der nach der flächigen Darstellung in der Gotik Räumlichkeit, Lichtsetzung und emotionalen Ausdruck in die Malerei einführte.

An diesem geschichtsträchtigen Ort begegneten sich der österreichische Pianist Elias Stemeseder und der amerikanische Bassist Thomas Morgan. Zwei Musiker, die sich seit Langem kennen, aber noch nie im Duo gespielt hatten. Das Konzert wurde sowohl mit als auch ohne Publikum mitgeschnitten und man entschied sich bewusst für die Aufnahme mit Publikum, weil sie – trotz einiger Huster – in ihrer Direktheit die eindrücklichere war. Es entstand ein Album, das den Ort seiner Entstehung hörbar mitatmen lässt.

Der Titel „Io Pur Respiro“ („Ich atme noch“) trägt diesen Kontext in sich. Er ist einem Madrigal des Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo aus dem frühen 17. Jahrhundert entlehnt, das zugleich die harmonische Grundlage des Eröffnungstracks „Madrigal, Variation, Courante“ bildet. Zwischen Klavier und Bass entsteht ein aufmerksames, konzentriertes Zusammenspiel: Stemeseder und Morgan lassen sich Raum, hören einander genau zu und finden gemeinsam ihren Weg von den strengen Linien des Gesualdo-Madrigals zu freieren, jazzigeren Tönen. Der flirrende Eröffnungstrack gibt ein Versprechen, das im Folgenden mit den beiden Jazz-Standards „Love Came“ und „I Have the Room Above Her“ aus den 1930er-Jahren sowie zwei Eigenkompositionen Stemeseders aufs Schönste eingelöst wird.

Ein vielseitiges Album, das von Suchen und Finden geprägt ist – melodiös wie kontrapunktisch, mit viel Zeit für beides. Zwei Musiker an Flügel, Spinett und Bass, die in einen tiefen Dialog gehen, der viel Freiräume lässt.

Vierhundert Jahre musikalischer Entwicklung, verdichtet auf gut vierzig Minuten. So wie die Fresken nebenan immer noch zeitgemäß und lebendig wirken, klingt auch diese Musik frei von Zeit und Raum. Vielleicht eines der bemerkenswertesten Alben des Jahres.

Elias Stemeseder & Thomas Morgan
Io Pur Respiro
2026, Squama

Elias Stemeseder: Flügel, Spinett
Thomas Morgan: Kontrabass

> bandcamp