Die Welt umarmen mit sperrigen Tönen

Impressionen vom 63. Jazzfest Berlin, das vom 28. Oktober bis zum 1. November 2026 stattfand. Viel Papier auf der Bühne – und beseelte Konzerte mit Saxophonist Immanuel Wilkins und Cellistin Tomeka Reid sowie einem neu verlebendigten Ensemble der modernen Jazz-Geschichte.
Die bewegendsten Momente gab es ganz zum Schluss. Es waren Augenblicke mit jazzhistorischer Dimension. Denn auf der Bühne saßen, nebeneinander an einem Flügel und vom Publikum im Halbprofil von hinten zu sehen, die Pianistin Aki Takase und ihr musikalischer Partner und Ehemann Alexander von Schlippenbach, umgeben von einem guten Dutzend mitteljunger und alter Recken der möglichst radikalen Spielart des Jazz. Das vierhändige Pianisten-Paar bildete den Mittelpunkt des „Globe Unity Orchestra“, das in seiner aktuellen Ausgabe an ein Ereignis erinnerte, das vor sechzig Jahren beim selben Festival stattfand.
Damals stellte der zu jener Zeit 28-jährige Pianist Alexander von Schlippenbach ein 13-köpfiges Ensemble zusammen, um am 3. November 1966 in der Berliner Philharmonie, einer heiligen Halle der Kunstmusik, ein Stück mit dem Titel „Globe Unity“ uraufzuführen. Das Festival hieß damals noch „Berliner Jazztage“, war eine wichtige kulturelle Luftbrücke zwischen der geteilten Stadt und der Welt, und Schlippenbach samt seinen damaligen Kollegen wie Trompeter Manfred Schoof und Saxophonist Peter Brötzmann sorgten für ein stark gespaltenes Echo: von „Männerulk in der Philharmonie“ bis „Jazz, mit Kunstmusik verschmolzen“ reichten die Schlagzeilen darüber.

Jetzt also das Konzert zum 60. Geburtstag des Ensembles – in dem von der Urbesetzung nur noch Alex von Schlippenbach (88) und der jetzt 90-jährige Trompeter Manfred Schoof vertreten sind. Ergebnis: Energie! Mit vorwärtstreibender Kraft schwirrte, donnerte und fiepte da ein überraschend frisch tönender Jazz über die Rampe, scharfkantige Bläsertutti peitschten lustvoll von einer Solo-Einlage zur nächsten. Lauter starke Jazz-Individualstimmen: etwa die sich schlängelnden Sopransaxophon-Linien von Evan Parker, der versöhnlich weiche Trompetenklang von Manfred Schoof, der vieltönende Posaunenklang von George Lewis und das mit beherzten Griffen in klirrende Saiten gewürzte Doppel-Solo von Takase und Schlippenbach, die dabei beide den Flügel im Stehen bearbeiteten. Am Ende ein sich fast manisch steigerndes Crescendo der kompletten Band und ein trocken-abrupter Schluss. Sowie: begeistert aufbrandender Jubel im vollen großen Theatersaal des Hauses der Berliner Festspiele. Und ein berührendes Bild: Aki Takase im langen grünen Kleid und mit großer roter Tasche führt den stark gebückt gehenden Alexander von Schlippenbach in langsamen Schritten hinaus, nicht ohne ihren Partner vor dem Erreichen der Bühnenseite noch kurz an den Kopf zu stupsen, damit er sich nochmals zum immer weiter jubelnden Publikum umdrehe.
Festival-Augenblicke wie diesen vergisst man nie: Es sind Momente, in denen sich starke musikalische Eindrücke mit besonderen menschlichen Begegnungen verbinden. Es war ein Augenblick, wie er bei der diesjährigen Ausgabe des Festivals nach den ersten Tagen kaum mehr zu erwarten schien: Denn auffällig trocken, spröde und papierlastig präsentierte sich der Jazz da auf weiten Strecken. Die künstlerische Leiterin Nadin Deventer hatte unter dem sinnlich klingenden Motto „Dream Baby Dream“ viel stark durchkomponierten Jazz aufgeboten. Das Programm am Hauptspielort prägten lang angelegte Auftragswerke, die dem Publikum eine gut trainierte Aufmerksamkeitsspanne abforderten. Darunter etwa das „Large Ensemble“ der in Berlin lebenden, argentinischen Saxophonistin Camila Nebbia, die in dem 50-minütigen Werk „the darkness, overwhelming and imposing, compelled me to light my own fires“ Free-Jazz-Ausbrüche mit feinen komponierten Passagen abwechseln ließ. Das Stück verband auch Video-Produktionen mit der Musik und war inspiriert von der Migrationsgeschichte von Camila Nebbias Urgroßvater, der einst vom Libanon nach Argentinien auswanderte.
Schon am Abend zuvor hatte der amerikanische Altstar des komplexen Freitöner-Jazz, Anthony Braxton (*1945 in Chicago), eine neue Komposition für Septett (vier Saxophone und drei Tuben) präsentiert, die in langsamen, schwer fassbaren Bewegungen rund eine Stunde lang nonstop dahin mäanderte. Und am dritten Festival-Abend wartete der Schlagzeuger Christian Lillinger mit einer Uraufführung namens „Christian Lillinger’s Open Form For Society II“ auf, die mit fünf Tasteninstrumenten (unter anderem zwei Flügel und Celesta), drei Kontrabässen sowie Vibraphon und Schlagzeug besetzt war: Als „radikal verdichtete Kammermusik“ war die Komposition angekündigt; sie spielte mit dem Reiz komplexer klanglicher Überlagerungen und entwickelte im unablässigen Fortspinnen von klirrendem Tastensound, nervösem Zischeln und kräftigem Rumoren fast etwas Meditatives.
In Konzerten wie diesen musste sich das Publikum die Musik geduldig hörend erarbeiten. Eine Programmgestaltung wie diese hat ihre volle Berechtigung, denn in Zeiten, in denen politische Kräfte gern davon tönen, wie einfach die Welt sei, ist es wichtig, dass die Künste demonstrieren können, wie komplex sie eigentlich ist. Die künstlerische Leiterin des Jazzfests fordert dem – offenbar sehr bereitwilligen - Publikum da mit gutem Recht Einiges ab; allerdings hatte sie diesmal nicht immer ein gutes Gespür für die richtige Mischung an den jeweiligen Konzertabenden.

Der Applaus war stets achtungsvoll, doch wie befreit prasselte er bei anderen Konzerten los. Eines davon war dasjenige des 29-jährigen afroamerikanischen Altsaxophonisten Immanuel Wilkins mit seiner Band. Dieser seit einigen Jahren international bewunderte Musiker wirkte in seinen freundlich-ruhigen Ansagen geradezu lässig, spielte aber dann mit seinen Partnern Micah Thomas, Klavier, Ryoma Takenaga, Kontrabass, und Kweku Sumbry, Schlagzeug, eine ungemein dichte und kraftvolle Musik, die sofort mitriss. Der Schlagzeuger dieses Quartetts hielt den Klang mit powervoll-präzisen Detonationen auf einem ganz hohen Energie-Level – und das Spiel des Bandleaders schmiegte sich mit feinen Kantilenen ins flackernd groovende Geschehen hinein. In einem langsamen Stück reicherte Immanuel Wilkins seinen ohnehin unverwechselbaren Saxophon-Ton mit einer Sinnlichkeit an, die etwas von der warmtönenden Schönheit einer tiefen Gesangsstimme in einem Gospel-Song hatte. Neben vielen kopflastigen Momenten dieses Jazzfests war der Auftritt von Wilkins ein besonders beseelter.
Ein anderer stark bejubelter Glücksmoment auf der Festival-Hauptbühne war das Konzert der afroamerikanischen Cellistin Tomeka Reid mit Gitarristin Mary Halvorson, Bassist Jason Roebke und Schlagzeuger Tomas Fujiwara. Die Stücke dieses Quartetts haben die Aura subtiler instrumentaler Songs und leben nicht zuletzt von gekonnten Stimmführungen in oft wiederkehrenden und variierten Motiven, von feinen Klangwirkungen und einem ganz leisen Humor. Die Klänge von Tomeka Reids Karbonfiber-Cello und der anderen Instrumente griffen raffiniert ineinander, Töne schillerten zwischen den Bandmitgliedern hin und her, und die ohnehin vielerorts gefeierte Gitarristin Mary Halvorson steuerte in diesem Konzert eine schier unfassbare Klangvielfalt bei. Musik mit sehr viel eigener Kontur und zugleich sehr hohem Genuss-Potenzial.

Es gab bei dieser Ausgabe eines der weltweit bedeutendsten Jazzfestivals, das stets auch unter hohem Profilierungsdruck steht, auch erstaunlich schwache Augenblicke: etwa das Konzert der amerikanischen Singer-Songwriterin Wendy Eisenberg im Club Quasimodo: Sie hatte zwar elegante selbstgeschriebene Songs mit Folk- und Country-Elementen im Repertoire ihres Auftritts, blieb aber stimmlich deutlich unter einer akzeptablen Trefferquote.
An einem anderen Seitenspielort, im Jazzclub A-Trane, war hingegen ein Highlight zu erleben, das eigentlich auf die große Bühne gehört hätte: „Elin Forkelid Plays For Trane“. Es war eine Hommage der schwedischen Saxophonistin Elin Forkelid (*1984) an den afroamerikanischen Saxophon-Giganten John Coltrane (der 2026 hundert Jahre alt geworden wäre). In ihrem Quintett, unter anderem mit David Stackenäs an der Gitarre und Jon Fält am Schlagzeug, spielte sie Coltrane-Klassiker wie „After The Rain“ und „Peace on Earth“ in konturenscharfer und zugleich zarter Erhabenheit. Musik für Neuentdeckungs-Freudige.
Das Festival-Motto „Dream Baby Dream“, geliehen von einem Film des Jazzfests, der 2025 als Community-Projekt des Jazzfests von sechzig Mitwirkenden unterschiedlicher Initiativen gedreht wurde und die kreative Gemeinsamkeit von Menschen unterschiedlichster Herkunft feiert, setzte eine Sängerin am letzten Abend besonders konsequent um. Es war die indisch-amerikanische Interpretin ganavya, die ihren warmen, verzierungsreichen Gesang nur von Harfe und Kontrabass begleiten ließ. Zwischen zwei Liedern sagte sie dem Publikum, sie wolle ihm gerne jemanden vorstellen. Dann ließ sie von ihrem Ehemann ihre vor sieben Wochen geborene Tochter auf die Bühne bringen, nahm das Kind auf der Bühne in den Arm und erklärte dem Publikum, dass die Zuhörer:innen in Konzerten im Augenblick eines Auftritts zu ihrer Familie gehörten. Etwas später brachte sie das Publikum dazu, zwei Liedzeilen über den Zauber der Liebe und des Seins innig mitzusingen. Sehr elementare Wellen eines Gemeinschaftsgefühls wogten da zwischen Publikum und Bühne hin und her. Bei einem Festival, dessen Botschaft es war, Menschen in Zeiten der Spaltungen miteinander zu verbinden, wirkte ganavyas Auftritt erstaunlicherweise weder aufgesetzt noch rührselig. Und er verdeutlichte die Spannweite der Musik und der Empfindungen, die bei solch einem Festival möglich sind. Eine Spannweite, etwa so groß wie der Altersunterschied des jüngsten und des ältesten Menschen am letzten Jazzfest-Abend 2026 auf der Bühne: ganavyas sieben Wochen alte Tochter und der 90-jährige Trompeter Manfred Schoof. Jazz in Berlin: ein Treffen der Generationen!
Roland Spiegel