3. Juni 2026

Der 200. Eintrag: Carla Bley

Zweihundert Texte über Musik, die mich beschäftigt – Geschichte, Geschichten, Zusammenhänge. Ohne größere Absicht kommen darin viele Frauen vor – auffallend viele. Frauen sind im Jazz noch immer keine Selbstverständlichkeit. Und doch stammen unter den Neuerscheinungen (> NEUE ALBEN) inzwischen viele der spannendsten Produktionen von Musikerinnen.

Carla Bley gehörte zu jenen, die ihren Weg von Anfang an mit beinahe trotzig anmutender Konsequenz gingen. Humor, Ironie, Theatralik, Zirkushaftes, Pompöses, Zerbrechliches, Politisches, Rumpeliges, starke Texte, eigensinnige Menschen. Vieles von dem, worum dieser Blog immer wieder kreist, findet sich bei ihr wieder. Nach Archie Shepp als 100. Eintrag, schien mir niemand würdiger, diesen zweihundertsten Eintrag zu tragen.

Ihre Geschichte beginnt in Oakland, Kalifornien, wo sie 1936 als Tochter eines Kirchenmusikers geboren wird. Als Kind fragt sie ihren Vater, woher die Musik komme, die er spiele. Er erklärt ihr, dass Musik immer von jemandem geschrieben werde, nimmt ein Blatt Papier und setzt Noten darauf. Carla will das ebenfalls tun und erscheint am nächsten Tag mit einem Notenblatt voller kleiner Punkte. Ihr Vater rät ihr, nicht ganz so viele Noten zu schreiben und Carla nimmt einen Radierer, um einige wieder zu entfernen. Ein Pragmatismus, der sie ihr Leben lang begleiten sollte.

Sie wächst mit Kirchenmusik und klassischen Klängen auf und gibt ihren Eltern schon mit drei Jahren erste Klavierkonzerte – mit den Fäusten. Die Versuche von Vater und Mutter, ihr Unterricht zu geben, scheitern; vieles entwickelt sich von selbst. Mit acht vertritt sie ihren Vater bereits an der Orgel bei Beerdigungen und Hochzeiten. Ihren ersten entscheidenden Einfluss entdeckt sie im Radio: Erik Saties „Parade“ – ein Stück, das sie fortan unablässig hört.

Den endgültigen Funken zündet ein Konzert mit Chet Baker und Gerry Mulligan, zu dem sie mit vierzehn von den Brüdern einer Freundin mitgenommen wird. Sie sammelt erste Bühnenerfahrungen und fährt mit siebzehn per Anhalter nach New York.

Ihren Lebensunterhalt verdient sie zunächst als Zigarettenverkäuferin („cigarette girl“) im legendären Jazzclub Birdland. Dort erlebt sie die großen Musiker aus nächster Nähe.

Dort lernt sie auch den kanadischen Pianisten Paul Bley kennen, der ihr erster Mann wird. Er braucht Kompositionen und so hat sie nun einen konkreten Anlass zu schreiben. In manchen Nächten entstehen bis zu sechs Stücke. Mit der Zeit kommen Arrangements hinzu und allmählich wird man aufmerksam auf diese Frau, die für andere schreibt, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Frühe Arbeiten entstehen für Jimmy Giuffre und andere Musiker ihres Umfelds.

Eine eigene Sprache entwickeln

Ihre Musik zeichnet sich von Beginn an durch eine eigentümliche Balance aus: Melodien, leichtfüßig und zugleich vertrackt, die im Ohr bleiben und dennoch den Improvisierenden alle Freiheit lassen.

Stilgrenzen interessieren sie nicht: Kirchenmusik, Satie, Weill, Swing, Marschmusik, Rock, Jazz – all das fließt ineinander, scharf gewürzt mit skurrilem Humor.

Inspiration findet sie überall: bei gackernden Hühnern vor der Haustür, Eselsrufen – „Wrong Key Donkey“ entsteht so – oder auf einer Umweltdemonstration in Norwegen, wo sie das Wort Utvikling (= Weiterentwicklung) auf einem Transparent entdeckt und daraus den „Utviklingssang“ formt. Sie denkt in Melodien, sucht die Einfachheit und setzt ihre Noten wie gesprochene Sätze. Musik ist bei ihr nie abstrakt. Beim Komponieren hat sie fast immer die konkrete Person vor Augen, für die sie schreibt.

Erfahrungen sammeln

1964 ist Carla Bley die einzige Frau in der „Jazz Composers Guild“ – einem Zusammenschluss von Avantgardemusikern in New York.

Ernst genommen wird sie dort zunächst nicht. Sun Ra erklärt in einer Sitzung, jedes Schiff mit einer Frau an Bord werde sinken. Sie rastet aus, schreit ihn an. Er entgegnet kühl, sie sei eben die weiße Frau, die den schwarzen Mann anschreie. Bley verlässt das Treffen und ruft eine halbe Stunde später zurück, um sich zu entschuldigen. Sun Ra schweigt dazu – dennoch kamen beide von da an gut miteinander aus. Sie fand, dass er „musikalisch großartig war, aber in Sachen Gender ernsthaft der Zeit hinterherhinkte“ …

Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Michael Mantler entwickelt sie aus dem Umfeld der Guild heraus das „Jazz Composer’s Orchestra“ mit zentralen Figuren der Avantgarde: Cecil Taylor, Don Cherry, Pharoah Sanders. Die Musik verbindet Big-Band-Wucht mit freier Improvisation.

Größere Dimensionen

Als Carla Bley 1967 „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ der Beatles hört, erlebt sie das wie eine Offenbarung. Sie schreibt daraufhin „A Genuine Tong Funeral“ (1968): düster, komisch und vollkommen unkategorisierbar. Sie sucht jemanden, der sich auf ein solches Projekt einlassen würde, aber das Werk gilt den meisten als zu schräg – bis Gary Burton das Potenzial erkennt und es aufnimmt. Ihr Name ist auf dem Cover kaum sichtbar.

Das Herzstück ihres Schaffens ist „Escalator over the Hill“: eine dreiteilige Jazz-Oper mit Texten des kanadischen Dichters Paul Haines, an der Carla Bley fast fünf Jahre arbeitet. Es ist, als hätte sie sich vorgenommen, das gesamte musikalische 20. Jahrhundert in einem einzigen Werk zu bündeln.

Es folgen Arbeiten für Charlie Hadens Liberation Music Orchestra (1970), das Revolutionslieder aus unterschiedlichsten Teilen der Welt verarbeitet. Das Projekt prägt das politische Bewusstsein vieler Beteiligter nachhaltig.

1973 gründet sie mit Michael Mantler das Label Watt, auf dem ihre wichtigsten Arbeiten erscheinen: Kammermusikarbeiten > (3/4) ebenso wie Jazz-Projekte unterschiedlichster Größenordnung. Vom Klavier aus leitet Carla Bley Ensembles vom Trio bis zur Big Band und stößt damit international auf breite Resonanz.

1979 schreibt Carla Bley die Musik für Nick Mason’s Fictitious Sports, das eigentümliche Album des Pink-Floyd-Schlagzeugers Nick Mason, der mit Mantler befreundet war.

Familienangelegenheiten

Carla Bley bezog ihre musikalische „Familie“ stets mit ein: Paul Bley, Michael Mantler, langjährige Weggefährten und ihre Tochter Karen Mantler (*1966), die schon als Kind auf „Escalator …“, unter anderem am Glockenspiel zu hören ist und später auf „Tropic Appetites“ den >Funnybird Song“ mitsingt.

Zu den schönsten Ergebnissen dieser musikalischen Familie gehört der Dialog mit ihrem langjährigen Lebenspartner Steve Swallow. In ihrer gemeinsamen Musik wird eine tiefe Vertrautheit hörbar, wie sie nur über Jahrzehnte entstehen kann.

Nicht zuletzt ist es Steve Swallow, der sie dazu ermutigt, wieder stärker am Klavier in Erscheinung zu treten. Gemeinsam erweitern sie ihr Duo um den Saxophonisten Andy Sheppard zum Trio. 2013 erscheint mit „Trios“ das gemeinsame ECM-Debüt: Vielleicht die intimste Musik einer Frau, die lange vor allem für andere geschrieben hat — und deren eigene Stimme am Instrument nun mit besonderer Klarheit hervortritt.

Carla Bley hat gezeigt, dass Autorschaft im Jazz keine Frage des Geschlechts ist, sondern des Mutes zur eigenen Sprache. Um Gleichberechtigung hat sie nicht gekämpft — sie hat sie gelebt.

Carla Bley starb 2023. Ihre Stücke werden weitergespielt und neu gelesen – nicht immer zu ihrer Zufriedenheit, wie sie zu Lebzeiten gelegentlich anmerkte, aber doch oft mit bemerkenswertem Ergebnis.

Soeben ist With Carla erschienen, das neue Album des > ONJ (Orchestre National de Jazz), jener eigenwilligen Formation staatlich geförderter französischer Musikerinnen und Musiker, die erstmals von einer Frau geleitet wird: der Flötistin Sylvaine Hélary. Zwölf Carla-Bley-Kompositionen, frei arrangiert und mit großem Verve interpretiert.

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