21. Januar 2026
Der Magnet
Meine Kinder sind der Meinung, Louis Sclavis sei mein Lieblingsmusiker. Ich wehre mich eigentlich dagegen, einen über andere zu stellen, denn es gibt so viele großartige Musiker, die ich schätze. Dennoch: Seit vielen Jahren warte ich gespannt auf jedes neue Album von ihm; keinen Künstler habe ich so oft, an so vielen verschiedenen Orten, live erlebt.
Louis Sclavis ist kein Star im gängigen Sinn. Ich bezeichne ihn eher als stillen Magneten, der mit seiner charakteristischen Mischung aus federnder Eleganz, lyrischer Ruhe und pulsierender Rhythmik eine große Anziehungskraft ausübt. Er spielt mit wem und bei wem er Lust hat – und genau daraus ist ein überaus variationsreiches Werk gewachsen. Neue Musik, alte Musik, Orientalisches, Rap oder Spoken Word – alles ist bei ihm gut aufgehoben. Sein Klang auf der Klarinette ist unverkennbar, und kaum hat er eines seiner charakteristischen Soli begonnen, ist er kaum mehr zu bremsen – während mancher Mitmusiker dann schmunzelnd länger auf seinen Einsatz wartet.
Sein zuletzt erschienenes Album „India“ (Yolk, 2025) knüpft an den Ansatz von Chine aus dem Jahr 1987 an – keine ethnologische Studie, keine exotistische Anlehnung, sondern eine persönliche, europäische Reflexion über die Eindrücke aus fernen Ländern. Mehr Reflexion als Imitation. Wie so oft bei Sclavis erschließt sich das Album nicht sofort. Es sind Klanglandschaften, die Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, die nach und nach ihre Geschichten offenbaren.
Das seit einigen Jahren bewährte Ensemble mit Sarah Murcia (Bass), Benjamin Moussay (Piano/Keyboards) und Christophe Lavergne (Schlagzeug) wird hier um den Trompeter Olivier Laisney erweitert und öffnet den Klangraum wieder einmal in eine neue Richtung. Besonders schön sind bei dieser Aufnahme übrigens auch die solistischen Passagen der Bassistin, die immer wieder aufhorchen lassen.
Und vielleicht haben meine Kinder ja doch ein kleines bisschen Recht …