21. Juli 2025

Eine gelungene Verbindung

Das Album beginnt mit sanften Folk-Klängen wie denen von Peter, Paul and Mary – die Älteren erinnern sich vielleicht, alle anderen müssen wohl die Suchmaschine bemühen. Doch plötzlich schleicht sich etwas Seltsames in den Gesang. Schräge Töne? Ist das etwa … Jazz?

Aber Geduld. Nächstes Stück: “Wild Goose“. Gab’s das nicht bereits vor einiger Zeit? Nein, das war Wild Geese. Und dann – ein Bass! Gesang. Eine Posaune, Saxofongetöse. Doch Jazz! Ein Schlagzeug setzt ein. Wie schön das mit dem Gesang verschmilzt. Es wird wilder … Free Jazz?

Kein Zweifel: Das ist interessant! Nein – das ist sogar sehr interessant, wie hier der Folkgesang von freien Melodien umspielt wird, wie alles sich gegenseitig kommentiert, ergänzt, herausfordert. Eine überraschende Kombination, die so gut funktioniert, dass man sich fragt, warum es sie nicht öfter gibt.

Aber wer spielt da eigentlich?
Der Gesang stammt vom britischen Folkduo Colin Wilkie und Shirley Hart, das in den 60er Jahren Deutschland zu seiner Wahlheimat machte und sich tief in die dortige Liedermacherszene einschrieb. Weitere Instrumente spielen unter anderem Emil Mangelsdorff und Heinz Sauer – beides große Namen des deutschen Jazz.

Die Leitung aber hatte Albert Mangelsdorff (Emils Bruder), dessen Todestag sich diese Woche zum 20. Mal jährt. Mangelsdorff war einer der bedeutendsten Jazzposaunisten Europas. Er erforschte die Möglichkeiten seines Instruments bis an die Grenzen und benutzte zum Beispiel eine Spieltechnik, bei der er durch zusätzliches Singen ins Mundstück eine Mehrstimmigkeit erzeugte. Zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 bestritt er übrigens das erste von zahlreich folgenden Solokonzerten mit dieser Technik.

Er prägte den deutschen Free Jazz entscheidend mit und war zudem stets offen für neue Begegnungen über Genregrenzen hinweg, wofür auch dieses kuriose Album „Wild Goose“ (MPS) aus dem Jahr 1969 als guter Beweis steht.

Weitere interssante Alben von Albert Mangelsdorff (Auswahl):

  • das, das man gehört haben muss
    Tension!, 1963, CBS
  • das mit dem schönsten Cover
    Folk Mond and Flower Dream, 1967, MPS
  • ganz allein: Tromboneliness, 1977, MPS
  • zu zweit (mit Lee Konitz): Art of the Duo, 1988, Enja
  • abenteuerlich mit Peter Brötzmann und Günther Sommer: Pica, Pica, 1983, FMP