17. September 2026

Hidden Gems – 4

Die Grande Dame des britischen Jazz, die Sängerin Norma Winstone, feiert nächste Woche am 23. September ihren 85. Geburtstag. Mit ein Grund, einen Blick zurück an den Anfang ihrer Karriere zu werfen:

Joe Harriott & Amancio D'Silva Quartet
Hum Dono

„Hum Dono“ ist ein Album, das eigentlich nur aus Höhepunkten besteht und völlig zu Recht als einer der großen Meilensteine des britischen Jazz gilt. Der Titel ist Hindi und bedeutet „Wir beide“. Diese „Beiden“ sind zum einen der in Jamaika geborene Altsaxofonist Joe Harriott, der zur sogenannten Windrush-Generation gehörte (jener Gruppe karibischer Einwanderer, die ab 1948 nach Großbritannien kamen), und zum anderen der im indischen Goa aufgewachsene Gitarrist Amancio D’Silva (Goa stand über Jahrhunderte unter portugiesischer Herrschaft, was seinen europäischen Nachnamen erklärt).

Ergänzt wird die Band durch Dave Green am Kontrabass und Bryan Spring am Schlagzeug, die ein elastisches, tief swingendes Fundament liefern, sowie Ian Carr, der den Sound an passender Stelle mit Flügelhorn veredelt. Als besonderer Gast trat Norma Winstone für ihre allererste Studioaufnahme überhaupt vor das Mikrofon.

Schon das Eröffnungsstück „Stephano’s Dance“ macht großen Spaß: D’Silva schrieb die fröhliche Nummer für seinen damals zweijährigen Sohn, dessen Heilung nach schwerer Krankheit überhaupt erst der Grund für die Übersiedlung der Familie nach London gewesen war.

Es folgt „Swing Low, Sweet Harriott“ – ein kurzes, augenzwinkerndes Intermezzo - als Verbeugung vor dem Gospel-Klassiker „Swing Low, Sweet Chariot“ - das als fabelhaftes Duo mit Saxofon und Schlagzeug glänzt. Die anschließende „Ballad for Goa“ swingt ungemein und lebt vom hypnotischen Wechselspiel mit Winstones sirenenhaften Gesangslinien.

Rasant sprudelnde Gitarrenläufe prägen das rätselhaft betitelte „N.N.N.T.“, in dem D’Silva immer wieder das musikalische Staffelholz an seine Mitmusiker weiterreicht. Das Titelstück „Hum Dono“ überrascht wiederum mit einem federleichten Bossa-Nova-Groove, über den D’Silva seine indischen Raga-Linien gleiten lässt – ein faszinierendes Crossover dreier Kontinente, das brasilianische Rhythmik, indische Melodik und europäischen Jazz auf den Punkt bringt.

Das Album schließt mit „Jaipur“, bei dem die Raga-Klänge der E-Gitarre am deutlichsten hervortreten: Mit sitarartig gleitenden Tönen beschwört D’Silva die magische Energie der „rosafarbenen Stadt“ herauf.

Das Album wurde an nur zwei Tagen im Jahr 1969 aufgenommen und ist ein frühes Zeugnis dafür, wie verschiedene Kulturen zu einem zeitlosen Jazzgemälde verschmelzen. Auch 57 Jahre nach seiner Entstehung hat es, wie ich finde, absolut keinen Hauch von Staub angesetzt.

1969, Columbia

Joe Harriott: Altsaxophon
Amancio D’Silva: Gitarre
Dave Green: Kontrabass
Bryan Spring: Schlagzeug
Ian Carr: Flügelhorn
Norma Winstone: Stimme