23. September 2026

Olé – die Einstiegsdroge

Anfang der 90er-Jahre veränderte sich schlagartig die Chemie in meinem Gehirn. Dieser Schuss kam allerdings nicht durch eine Nadel, sondern über einen Lasertonabnehmer im Atelier einer Freundin im Westen Frankreichs.

Ein Basslauf eröffnet, das Klavier liefert das spanische Motiv, dezentes Trommeln baut den Rhythmus auf, ein zweiter, gestrichener Bass schichtet sich darüber. Dann schleicht sich ein Sopransaxophon ein, bevor es im Wechselspiel mit Flöte und Trompete zur Explosion kommt. Pure Wucht. Olé!

John Coltrane griff 1961 die Idee seines ehemaligen Bandleaders Miles Davis aus dessen orchestralem Meisterwerk „Sketches of Spain“ (mit Gil Evans) auf und antwortete mit geballter Energie. Dafür holte er sich eine Besetzung ins Studio, die für heftige Klangdichte sorgte: Zwei Kontrabassisten – Reginald Workman mit hypnotischem Groove und Art Davis mit frei gestrichenen Bögen – legten ein Fundament, das sich tief in die Synapsen frisst.

Am Klavier saß McCoy Tyner, am Schlagzeug Elvin Jones – zwei Musiker, die in den folgenden Jahren gemeinsam mit Coltrane Geschichte schreiben sollten. An der Trompete glänzte der junge Freddie Hubbard. Und hinter dem Pseudonym „George Lane“ verbarg sich Eric Dolphy, der Flöte und Altsaxophon spielte und wegen seines Vertrags mit dem Konkurrenzlabel Prestige nicht unter seinem eigenen Namen auf dem Cover erscheinen durfte. 

Das Album „Olé Coltrane“ entstand am 25. Mai 1961 in den A&R Studios in New York. Coltrane schuldete Atlantic noch eine Platte; nur zwei Tage zuvor hatte er für sein neues Label Impulse! Material für „Africa/Brass“ aufgenommen.

Neben dem mehr als 18-minütigen Titelstück enthält das Album „Dahomey Dance“ und die Ballade „Aisha“, eine Komposition von McCoy Tyner. 

Die Melodie des Titelstücks greift das spanische Volkslied „El Vito“ auf. Das Motiv wurde später auch für „El Quinto Regimiento“ verwendet, ein Lied aus der Tradition des Spanischen Bürgerkriegs, das unter anderem durch Pete Seeger international bekannt wurde.

John Coltrane gehörte zu jener legendären, aber auch tragischen Generation von Jazzmusikern der 1950er-Jahre, für die Heroin und Alkohol zum Alltag gehörten. Der Konsum war Betäubung, Ritual und für viele schleichender Ruin. John Coltrane schaffte jedoch 1957 im Schlafzimmer seiner Mutter den Entzug, um fortan nur noch musikalische Drogen zu produzieren.

Heute vor hundert Jahren wurde John Coltrane geboren. Selbst im Rock hallt „Olé“ nach: Ray Manzarek, Organist der Doors, nannte es 1998 in einem Interview neben „My Favorite Things“ als Einfluss auf sein Solo in „Light My Fire“.

Für mich und viele andere – etwa die französische Jazzradiolegende Alex Dutilh – wurde „Olé“ zur Einstiegsdroge in Coltranes riesigen Kosmos und in die Welt des Jazz ganz allgemein.