6. Juni 2025
Pianistische Erkundungen - II
Über Delphine Deaus “Prepare for Dowland“ erinnerte ich mich an ein Album, das vor einiger Zeit erschien: „Regarding Beethoven“ (2023, Bethold) von Markus Becker, einem renommierten klassischen Pianisten, der nicht nur virtuos spielt, sondern auch musikalisch reflektiert.
Was er hier wagt, ist mehr als eine Hommage, es ist ein persönlicher Blick auf den Komponisten Ludwig van Beethoven (1770–1827) durch etwas, das man im Klassikbetrieb nicht unbedingt erwartet: die Improvisation. „Solche Erfahrungen schärfen das Bewusstsein dafür, dass das Bekannte immer neu erfahrbar gemacht werden muss“, sagt Becker in einem Interview auf seiner Website. Und genau das tut er auf diesem Album.
Den Auftakt bilden die elf Bagatellen op. 119 – kurze, prägnante Stücke, die wie Skizzenbücher wirken und Becker Raum für seine improvisatorischen Erkundungen bieten. Dazu kommen weitere frei bearbeitete Stücke, darunter “La Marmotte“ (op. 52/7), ein Lied über Savoyer Wanderkinder, die mit dressierten Murmeltieren (frz. marmotte) auf Jahrmärkten auftraten. Der originelle abwechselnd deutsch- und französischsprachige Text, der dem Stück zugrunde liegt, stammt von Johann Wolfgang von Goethe. Die volkstümliche Melodie nistet sich gerne tief ins Ohr ein – und erscheint auf dieser Aufnahme in verschiedensten Gestalten mehrfach wieder.
Einen Kontrapunkt setzt die Klaviersonate Nr. 23 in f-Moll, op. 57, die sogenannte „Appassionata“ – Beethovens markerschütterndes Meisterwerk (Gulda und S. Richter anhören!). Becker spielt sie stark gerafft, fast wie ein Konzentrat – und dennoch bleibt ihre Wucht spürbar, ebenso wie die lyrische Kraft des langsamen Satzes.
Markus Becker begibt sich in die lange Tradition der klavieristischen Improvisation, die vom Barock über Mozart und Beethoven bis hin zu den oft auch niedergeschriebenen „Paraphrasen“ Franz Liszts reicht. Diese lebendige Praxis blühte bis ins späte 19. Jahrhundert, bevor sie im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend in Vergessenheit geriet. Mit feinem Gespür nimmt Becker diese Tradition behutsam wieder auf und lässt sie in seiner Aufnahme in Richtung Jazz fließen.
Improvisation, freie Kadenzen und Verzierungen waren vom Barock bis ins 19. Jahrhundert selbstverständlich – und möglicherweise sogar beim mittelalterlichen Choral. Der Begriff „Werktreue“, wie er heute oft verstanden wird, entstand erst viel später (im vorgerückten 20. Jahrhundert) als Ideal einer möglichst genauen Wiedergabe des Notentexts, oft ohne Blick auf dessen lebendige Praxis.
Höchste Zeit, diesen Raum wieder zu öffnen – und Alt und Neu in ein fruchtbares Gespräch treten zu lassen, bei dem sich die Genregrenzen ganz bewusst weiten.
Für wagemutige Beethoven-Fans empfehle ich außerdem weiterhin Carlos Bicas „Playing with Beethoven“.