25. Januar 2026

Resonanz

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob die Geschichte eines Albums die Musik interessanter macht – oder ob die Musik auch einfach für sich genommen gut ist. Die Entstehungsgeschichte zu > „REX“ von Christopher Hoffman (Out Of Your Head) ist auf jeden Fall sehr spannend.

Im August 2023 zog der Cellist und Komponist Christopher Hoffman mit seiner Familie als Mieter in das ehemalige Haus von Rex Brasher, einem amerikanischen Maler und Ornithologen, nach Amenia – einem kleinen Ort im ländlichen Hudson Valley im Bundesstaat New York. Das Apartment wird von der Rex Brasher Association verwaltet, die sich um den Nachlass kümmert und eine sehr ausführliche, sehenswerte Website betreibt. Brasher hatte über viele Jahre hinweg an Birds and Trees of North America gearbeitet, einem groß angelegten Buchprojekt, in dem er sein jahrzehntelanges Studium nordamerikanischer Vögel und Bäume festhielt. Mehr als 1.200 Aquarelle entstanden dabei – präzise Studien aus direkter, geduldiger Beobachtung.

Hoffman wusste zunächst kaum etwas über Brasher. Erst vor Ort begann er, sich mit dessen Texten und Gedichten sowie mit der Geschichte des Hauses auseinanderzusetzen. Diese langsame Annäherung wurde schließlich zum Ausgangspunkt für die Musik auf diesem Album.

Hoffman verzichtet bewusst auf Vogelklänge und übersetzt stattdessen Eindrücke, Sprachrhythmen, Atmosphäre und persönliche Erfahrungen in Klang – in einer Arbeitsweise, die Brashers Perfektionismus widerspiegelt: ausprobieren, verwerfen, neu beginnen, bis das Ergebnis wirklich stimmt. Die Aufnahmen entstanden direkt in dem Haus, während Hoffman dort lebte und arbeitete.

„REX” ist Hoffmans erstes Solo-Album, vollständig von ihm selbst komponiert, aufgenommen, produziert, gemischt und gemastert. Teils akustisch, teils elektrisch erzeugt er mit dem Cello Loops, Überlagerungen und Verzerrungen und entwickelt mit unterschiedlichen Spieltechniken einen eigenständigen Sound, der der vergleichsweise überschaubaren Geschichte von Solo-Cello-Aufnahmen viele neue Perspektiven hinzufügt.

Ein entscheidender Katalysator für diese Veröffentlichung war Henry Threadgill, der US-amerikanische Komponist und Multiinstrumentalist, ein Pionier des Jazz und der Improvisationsmusik, mit dem Hoffman regelmäßig zusammenarbeitet. Threadgill ermutigte ihn, das zunächst privat gedachte Material live vor Publikum zu spielen. Dadurch nahmen die Stücke ihre endgültige Form an, und Hoffman fand den Mut, sich selbstbewusst in die Tradition der Solo-Cello-Aufnahmen einzureihen.

Neben den Bezügen zu Brasher – unter anderem seiner Frau Marie oder seinem Hund Pal – fließen auch persönliche Ebenen Hoffmans ein: Einige Stücke sind Menschen gewidmet, die ihm nahestanden, andere reflektieren sein Familienleben auf dem Land.

Das Ergebnis selbst ist großartig, und dass es dazu noch eine so interessante Geschichte gibt, macht das Album nur umso stärker.

P.S. Auf Christopher Hoffman wurde ich übrigens vor einigen Jahren über sein hochgelobtes Album > Asp Nimbus (Out Of Your Head, 2021) aufmerksam, das er im Quartett mit Vibraphon, Bass und Schlagzeug aufgenommen hatte.