15. Oktober 2025
Ein Haufen Herbstlaub
Das Jahr schreitet voran. Die Tage werden kürzer, das Licht milder, und die Blätter beginnen, sich zu verfärben – um schließlich von den Ästen zu fallen. Zeit also, ein paar von ihnen zusammenzurechen:
Das Chanson „Les feuilles mortes“ (frz. die toten Blätter) hat eine bewegte Geschichte. Joseph Kosma schrieb die Melodie ursprünglich 1945 für das Ballett „Le Rendez-vous“ (Choreografie: Roland Petit, Szenenvorhang: Pablo Picasso, Bühnenbild: Brassaï), dessen Handlung von Jacques Prévert stammt. Der französische Lyriker verfasste später auch den Text – eine zarte, melancholische Erinnerung an eine vergangene Liebe und an die Zeit, die unaufhaltsam vergeht. „C’est une chanson qui nous ressemble…“ – „Es ist ein Lied, das uns ähnelt.“
1947 griff Marcel Carné das Stück für seinen Film „Les Portes de la nuit“ auf – eigentlich sollte Marlene Dietrich das Lied singen, doch sie lehnte ab. Im Film erklingt es in mehreren Varianten: vom Orchester, auf der Mundharmonika, kurz von Yves Montand gesummt und schließlich von Irène Joachim gesungen. Erst später machte Montand das Stück zu seinem eigenen und trug es unzählige Male in Konzerten vor.
Irgendwann wanderte die Komposition auch über den Atlantik und wurde dort als „Autumn Leaves“ zum ersten europäischen Jazzstandard. Johnny Mercer schrieb 1947 den englischen Text, und bald eroberte das Stück die großen Namen des Jazz: Nat King Cole, Frank Sinatra, Sarah Vaughan, Miles Davis, Cannonball Adderley, Bill Evans. (Quelle)
Die Melodie des Chansons raschelt wie Blätter im Wind – leicht und schwer zugleich, in sanften Bögen nach unten wehende Linien. Ein wehmütiges Motiv, wie geschaffen, ihm immer neue Leben zu geben – gesungen wie instrumental:
1 – Yves Montand hat das Lied nach dem Film viele Male gesungen und aufgenommen. Besonders schön ist seine Live-Version von 1981 im „L’Olympia“, in der er nach einem mit sonorer Stimme gesprochenem Intro, Text und Melodie in jeder Silbe und jeder Note auskostet.
2 – Die Aufnahme des Tyshawn Sorey Trios (2022) liefert eine ungemein dichte, kraftvolle Interpretation, die das bekannte Thema in flirrende Klangschichten auflöst. Trotz häufiger Tempiwechsel swingt sie wunderbar und gehört für mich zu den schönsten Instrumentalversionen.
3 – Ebenfalls faszinierend: das Duo des Pianisten Martial Solal und Niels-Henning Ørsted Pedersen am Kontrabass, die das Stück mit schwindelerregender Virtuosität zerlegen und neu zusammensetzen – ein reines Vergnügen für die Ohren (1976).
4 – Noch abstrakter, noch wilder ist die Version des Matthew Shipp Trios (2008) das sich rasant und kraftvoll durch das Stück bewegt und man sich manchmal fragt, ob man nicht in eine Beethoven-Sonate geraten ist.
5 – Der Klarinettist Rolf Kühn (2016 mit Mandolinenbegleitung von Hamilton de Holanda) wiederum zeigt, wie intensiv dieses Stück auch in reduzierter Form wirken kann.
6 – Eine elegant-leichte Gesangsversion (1962) gibt es von Caterina Valente, unter anderem von Harfe und Streichorchester so begleitet, dass man die herumwirbelnden Herbstblätter direkt vor sich sieht.
7 – Die Version von Eric Clapton (2010) ist schlicht, ehrlich und emotional, mit warmem Gitarrenton unterlegt – und ich mag sie einfach sehr gern.
8 – Auch sehr charmant: Iggy Pop singt das Stück (2009) im französischen Original, mit charmant holprigen Akzent, der den Zauber des Liedes noch erhöht.
9 – Und wer die ganze emotionale Wucht dieses Liedes spüren möchte, sollte die Solo-Version von Eva Cassidy anhören – nur Stimme und Gitarre, fast schmerzhaft schön.
Serge Gainsbourg schrieb 1961 eine ergreifende Reminiszenz an das Stück: „La chanson de Prévert“. Als junger, noch unbekannter Musiker besuchte Gainsbourg Jacques Prévert schüchtern und ehrfürchtig in dessen Haus, um persönlich um Erlaubnis zu bitten, seinen Namen im Liedtext nennen zu dürfen. (Quelle) Es ist eines seiner schönsten Chansons – eine Hommage an die Melancholie und eine Verneigung vor den alten Meistern.
Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Stücks darin, dass „Les feuilles mortes“ bzw. „Autumn Leaves“ nicht nur von der Liebe erzählt, sondern vom Erinnern – vom Versuch, die Wärme vergangener Tage zu bewahren. Und so erklingt es immer weiter, nicht nur im Herbst: ein Lied, das uns ähnelt – und immer wieder von Neuem interpretiert wird.
Playlisten: > Apple Music, > Deezer (ohne 2)