10. November 2025

Ein Wald aus Tönen

Zu den sehenswerten Filmen über Jazz gehört > „Music for Black Pigeons“. Darin wird unter anderem der Bassist Thomas Morgan gefragt, wie er sich fühle, wenn er Musik spielt. Bevor er antwortet, verharrt er rund eine halbe Minute in Schweigen – und selbst danach spricht er nur zögerlich. Auch in seiner Musik spielen Pausen und das Nachdenken eine zentrale Rolle. Am deutlichsten zeigt sich das für mich auf seiner Aufnahme mit Masabumi Kikuchi, „Sunrise“.

Seit Jahren spielt Morgan als vielseitiger Sideman mit einigen der Großen des Jazz, und erstaunlicherweise bringt er erst jetzt sein erstes eigenes Album heraus: „Around You Is a Forest“, ein Werk, das wiederum mich beinahe sprachlos macht.

Denn es zeigt noch eine andere Seite von ihm: die des Programmierers und Computerliebhabers. Der Sohn eines Informatikprofessors hat für dieses Album ein virtuelles Saiteninstrument namens WOODS entwickelt – ein lebendiges Klangsystem, das sich ständig wandelt und auf keine vorgefertigten Sounds angewiesen ist. Jeder Ton, jede Struktur entsteht in Echtzeit und reagiert auf die musikalische Umgebung. Es vereint Eigenschaften westafrikanischer Lautenharfen, asiatischer Zithern, Cimbalom und Marimba, klingt aber wie ein neues, akustisches Instrument. Ein Instrument, das trotz elektronischer Herkunft natürlich wirkt.

Morgan eröffnet das Album selbst am Kontrabass im Duo mit seinem elektronischen Gegenüber WOODS. In der Folge begleitet und ergänzt jeweils ein anderer Musiker ein eigens für ihn programmiertes und vorab aufgenommenes Stück.

Die mitwirkenden Musiker sind einige von Thomas Morgans engsten Weggefährten:

Dan Weiss – Tabla
Craig Taborn – Farfisa, Fender Rhodes, Synthesizer, Field Recordings
Gerald Cleaver – Schlagzeug
Henry Threadgill – Flöten
Ambrose Akinmusire – Trompete
Bill Frisell – Gitarren
Immanuel Wilkins – Altsaxophon

Wie der Albumtitel „Around You Is a Forest“ suggeriert, legt sich die Musik wie ein Wald aus Tönen, Pausen und subtilen Nuancen um den Hörer, und bei dem man immer wieder neue Details entdeckt.

Insgesamt wirkt das Album wie eine Meditation, mit einer Sogwirkung, wie ich sie selten erlebt habe. Es scheint einem beständig zuzuflüstern: „Lass dich nicht ablenken – hör genau zu.“

Am Ende des Albums rezitiert der Dichter Gary Snyder sein Poem ‚Here‘, das Morgan 2016, als er begann, WOODS zu programmieren, in der New Yorker U-Bahn entdeckte und sofort als eine Basis für das Projekt erkannte.

Erschienen ist die Aufnahme auf dem Label > Loveland des dänischen Gitarristen Jakob Bro, das einiger Zeit durch besonders schöne Cover auffällt – oft bunt und verspielt wie Kinderzeichnungen, gestaltet von dem Künstler > Tal R. Unter anderem ist dort in diesem Jahr auch ein sehr beachtenswertes Duoalbum „Colours“ von Thomas Morgan mit der Sängerin Maria Laurette Friis erschienen.

> Hier ist übrigens der sehr interessante Booklet-Text von Morgan selbst, in dem er die Entstehungsgeschichte von Instrument und Album genau erklärt, sowie auch die einzelnen Stücke genauer beschreibt.


PS: Und irgenwie erinnert mich das Album auch ein wenig an die
„Schwarzwaldfahrt“ von Peter Brötzmann und Han Bennink …