27. Mai 2025

Erbe

Vor kurzem sah ich am Münchner DOK.fest Legacy“ (2025) von Manal Masri – ein spannender, gut gemachter Dokumentarfilm über afroamerikanische Jazzmusiker, die in den 1950er bis 1970er Jahren nach Skandinavien auswanderten, um dem Rassismus und der Segregation in den USA zu entkommen. In Schweden und anderen Ländern fanden sie kreative Freiheit und Anerkennung und prägten die lokale Musikszene.

Einige von ihnen gründeten dort auch Familien. Der Film erzählt ihre Geschichte aus der Perspektive ihrer Kinder, die heute als Erwachsene auf ihr Leben mit den berühmten Vätern zurückblicken. Dabei geht es um Themen wie Musik, aber auch um Identität, abwesende Väter und die Herausforderung in einer überwiegend weißen Gesellschaft aufzuwachsen.

Neben Dexter Gordon war auch Don Cherry einer dieser Musiker – ein musikalischer Nomade, der die Rhythmen der Welt in sich aufsog und sie mit einer spirituellen, offenen Haltung neu formte. In Schweden lernte er die Künstlerin Moki kennen, ließ sich mit ihr in einem alten Schulhaus auf dem Land nieder und führte mit ihr und den Kindern ein bunt-kreatives Leben.

Einer seiner schwedischen Mitmusiker aus dieser Zeit war der Bassist Christer Bothén, den ich vor kurzem über sein Album „L’invisible“ (>NEUES) entdeckte. Zusammen mit Mats Gustafsson, anderen Musikern der schwedischen Szene und einer Vielzahl von Instrumente bildete er die Gruppe Cosmic Ear. Ihr hervorragendes Album „Traces“ atmet den Geist Don Cherrys und ist ganz in seinem Sinne eine sehr offene, zeitgemäße Annäherung an sein musikalisches Erbe.

Don Cherry war der erste Jazzmusiker, den ich mit Anfang 20 alleine entdeckte und der mich bis heute beeindruckt (1) (2) (3). Für ihn waren Improvisation und Freiheit elementar– angetrieben von einer großen Neugier, die mir extrem sympathisch ist. „Traces“ birgt in seinen zahlreichen Zitaten viele vertraute Klänge und überrascht gleichzeitig mit neuen Elementen - von tranceartig bis eruptiv.

Und Mats Gustafsson, der seine Seele immer wieder tief ins Saxophon legt, ist ebenfalls einer der Musiker, denen ich schon lange vertrauensvoll in jedes neue Projekt folge.


Cosmic Ear
Traces

2025, We Jazz

Christer Bothén: Donso n’goni, Bassklarinette, Kontrabassklarinette, Klavier (und Gemälde auf dem Cover)
Mats Gustafsson: Tenorsaxophon, Flöte, Slide-Flöte, Ab-Klarinette, Live-Elektronik, Orgel, Mundharmonika
Goran Kajfeš: Trompete, Taschentrompete, Synthesizer, Elektronik, Perkussion
Juan Romero: Congas, Berimbau und Schlagzeug
Kansan Zetterberg: Bass, Donso n’goni

Gast: Marianne N’Lemwo: Karignan

Filmtipp:

Manal Masri
Legacy
Schweden, USA 2025
71 min.