12. September 2023

Staunen

Diesmal geht es darum, ein Auge auf zwei Bücher zu werfen, die diesen Sommer ihren Weg zu mir gefunden und mich mit großem Staunen zurückgelassen haben. Beide sind auf Französisch, aber wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, sind sie ganz gut zu verstehen.

Das erste Buch handelt von „Don Cherry – Le petit prince du free“ (Le mot et le reste), der selbst nie aufgehört hat zu staunen, dadurch an vielen Entwicklungen in der Jazzmusik mitgewirkt hat und auch anderen Stilen gegenüber sehr offen war (1) (2). Der Autor Nicolas Fily beschreibt chronologisch alle (bislang bekannten) Alben, an denen der Musiker beteiligt war und fügt dabei biografische Informationen hinzu. Und selbst wenn man glaubt, Cherry bereits zu kennen, verbirgt sich hinter fast jeder neuen Seite eine neue Überraschung.

Ähnliches gilt für Guy le Querrecs Fotobuch über „Michel Portal – Au fur et à mesure“ (Les Éditions de Juillet). Guy le Querrec, passionierter Jazz-Fan und Magnum-Fotograf, der das Jazzgeschehen in Frankreich seit vielen Jahren begleitet, hat für diese Publikation Fotos ausgewählt auf denen der Klarinettisten Michel Portal – allein und im Kreise zahlreicher Kollegen – (3) in der Zeit zwischen 1964 und 2011 zu sehen ist.

Das liest sich wie die Geschichte des französischen Jazz, in der auch immer wieder große amerikanische Namen auftauchen. Und auch der Begleittext von Jean Rochard erzählt von immer wieder ungeahnten Konstellationen, die Frankreich ab den 1960er Jahren zu einem Drehkreuz der improvisierten Musik machten.

Die poetische und kompositorische Qualität von Le Querrecs Bildern ist so hoch, dass man auch hier aus dem Staunen nicht herauskommt. (Eine Eigenschaft, von der leider heutzutage viel zu wenig Gebrauch gemacht wird). 

Übrigens:
Anfang dieses Jahres wurde eine 45 Jahre alte Live-Aufnahme Roundtrip“ (1977, Transversales) gefunden und veröffentlicht, auf der Don Cherry und Michel Portal mit dem Pionier der elektroakustischen Musik Jean Schwarz (und Jean-François Jenny-Clark und Naná Vasconcelos) gemeinsam musizieren. Eine Mischung aus spirituellem Jazz und elektronischen Klängen, die keinen Zweifel an der Spielwütigkeit und Klasse dieser beiden Freigeister lässt …