21. Oktober 2025

Fred Hersch zum Siebzigsten

V
I do not know which to prefer,   
The beauty of inflections   
Or the beauty of innuendoes,   
The blackbird whistling   
Or just after.
   

V
Ich weiß nicht, was ich bevorzugen soll:
Die Schönheit der Modulationen
Oder die Schönheit der Anspielungen –
Das Pfeifen der Amsel
Oder kurz danach.

Fred Hersch wird heute 70 Jahre alt. Sein Werk ist groß, sein Leben bewegt – er gilt als der Poet unter den Jazzpianisten. Sein Soloalbum „Silent, Listening“ war für mich klar die beste Neuerscheinung im letzten Jahr, mehr dazu hier und hier.

In diesem Artikel möchte ich aber nur auf ein einziges Stück eingehen, das seine besondere Verbindung von Jazz und geschriebener Lyrik zeigt:
die Vertonung von Wallace Stevens’ Gedicht „Thirteen Ways of Looking at a Blackbird“ (1917), die er mit Michael Moore an der Bassklarinette und Gerry Hemingway am Schlagwerk, u. a. einer Steeldrum, realisiert hat. Das Stück findet sich auf dem gleichnamigen (auch sonst ausgezeichneten) Album, das 1997 erschienen ist. Nach „Hemlocks“ ist dies übrigens die zweite ‚Vertonung‘ eines Gedichtes von Wallace Stevens, die ich hier vorstelle.

„Thirteen Ways of Looking at a Blackbird“ besteht aus dreizehn unterschiedlich langen Strophen – haikuhaft verdichtet, jede ein atmosphärischer Splitter mit Blick auf die Amsel und auf das Sehen selbst. Hersch druckte die Verse direkt auf die Partitur, um sie den Musikern als Inspiration für Improvisationen zu geben. Die drei Musiker spielen in wechselnden Kombinationen – Solo, Duo, Trio – wodurch eine dynamische‭, ‬vielschichtige Klanglandschaft entsteht‭.‬ Sie greifen in zartem, oft schwebendem Spiel die Ambivalenz und die dunklen Untertöne von Stevens’ Text auf. Eine Musik, die sparsam und von schlichter Schönheit ist, fast durchsichtig – eine seltene Verbindung von Jazz‭, ‬Intuition und Lyrik‭, ‬die Herschs Sensibilität als Pianist und Komponist zeigt‭.‬

Ich lade nun dazu ein, den Text – der als Datei diesem Artikel beigefügt ist – auszudrucken, idealerweise einmal durchzulesen und dann das Stück mit dem Ausdruck als Gedächtnisstütze, etwa auf » YouTube anzuhören. So verbinden sich Musik und Wort zu einem feinen Hörerlebnis – und man darf als Hörer selbst erspüren, wann ein Vers in den nächsten übergeht.

zum Gedichttext:
> PDF-Datei zum Ausdrucken
> JPG als Bild auf Smartphones

Übrigens:
„Leaves of Grass“ (2005, Palmetto) ist ein weiteres Album auf dem sich Hersch intensiv und mit großem Ensemble und Gesang mit dem Werk eines anderen großen amerikanischen Lyrikers – Walt Whitman – auseinandersetzt.