17. Dezember 2025
Mein Musikhörverhalten im Jahr 2025
Am Ende des Jahres zeigt mir mein „vitaminhaltiges“ Streaming-Abo, was ich am meisten gehört habe.* Vielleicht sagt diese Liste weniger über die Qualität als über die Hörbarkeit aus, aber genau dieser Unterschied ist aufschlussreich: zwischen dem, was einen begleitet, und dem, was man als bedeutend einstufen würde.
Ich schätze sperrige Meisterwerke im Jazz sehr, aber ich finde, dass gerade in dieser Domäne der Schönklang oft unterbewertet wird. Als Begriff wird er von Jazz-Puristen oft abwertend verwendet, als wäre Zugänglichkeit ein Makel. Aber genau dieser Schönklang bekommt in der folgenden Aufzählung seinen gebührenden Platz:
Platz 1 ― Die Herren Kühn / Jenny-Clark / Humair, das Triumvirat des europäischen Jazz, gerne sperrig, aber auf diesen Konzertmitschnitten in ihrer Sperrigkeit von besonderer Schönheit und Spielwütigkeit.
Was auf den nächsten Plätzen folgt, ist noch mehr Schönklang, der auf keinen Fall gefällig klingt, sondern der von tiefer musikalischer Substanz getragen wird. (Jazz-)Musik, die Herz und Verstand zu erreichen weiß:
2 ― Der Bassist Stéphane Kerecki und Konsorten mit Interpretationen von Charlie Hadens „Liberation Music“, die fast als Inbegriff von intelligentem Schönklang gelten können.
3 ― Josefine Cronholm mit ihrer Band „Near the Pond“ und den Vertonungen des japanischen Dichtermönchs Saigyô (12. Jh.) in zeitgenössischem Anstrich.
4 ― Die grandios-archaischen Joni-Mitchell-Interpretationen des israelischen Sängers Haim Isaacs, an die ich inzwischen immer denken muss, wenn draußen Krähen krächzen – Geräusche, die auf dem Album „Joni Mitchell in Jerusalem“ kongenial den Song „Black Crow“ begleiten.
5 ― Claude Tchamitchian und sein Ausflug in die Klangwelt eines imaginierten Zirkus.
Das nächste Album ist, wie einige in dieser Liste auch, eine Neuinterpretation von Altem. Ein Dialog mit der Vergangenheit, der zeigt, wie lebendig Tradition sein kann:
6 ― Die phantasievollen John-Dowland-Reminiszenzen der Pianistin Delphine Deau an den großen alten Meister.
7 ― Ein weiterer Pianist: Shai Maestro und sein teilweise sehr überwältigendes Soloalbum „Solo: Miniatures & Tales“.
Auch auf den Plätzen 8–15 dominiert die Melodie, doch auch Grenzgänge und ein Ausflug in die frühe Klassik sind dabei:
Schönklang ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss sich behaupten gegen Vorurteile und schnelles Hören. Und wenn er gewinnt, wirkt er als intellektuelles Vergnügen, als tiefes emotionales Erlebnis und schafft vielleicht Zugang zu einer neuen Musikwelt.
Unter „Neue Alben“ finden sich noch viele weitere Werke, die mich auf unterschiedliche Weise dieses Jahr beeindruckt haben und eine „Best of“-Liste sähe sicher ein wenig anders aus. Doch in diesem Jahr gefiel mir der Gedanke, mein Hörverhalten entscheiden zu lassen.
Dennoch möchte ich zwei weitere Alben erwähnen, die mich 2025 besonders beeindruckt haben und die auf einer Liste mit rein qualitativen Gesichtspunkten sicher weiter oben stehen würden:
Das ist zum einen „Hemlocks, Peacocks“ des Will Mason Quartets das sich an der Grenze zur Neuen Musik bewegt und mich nach wie vor mit seinen schwirrend schwebenden Klängen vollkommen betört. Und ähnlich beeindruckend »„Unseparate“ der Webber/Morris Big Band, eine Großformation unter weiblicher Führung mit herausragenden Kompositionen. Die Saxophonistin Anna Webber ist übrigens bei beiden Projekten dabei.
* Dass es sich hier (fast) nur um Neuerscheinungen aus dem Jahr 2025 handelt, hängt sicherlich auch mit der Arbeit an diesem Blog zusammen und mit meiner natürlichen Neugier auf Neues.