6. September 2026
Tom Cora: Cello Unchained
Thomas Henry Corra – später strich er das zweite „r“ aus seinem Nachnamen –, wurde 1953 in Yancey Mills, Virginia geboren. Er saß zunächst hinter dem Schlagzeug, wechselte dann zur Gitarre in der Hausband eines Washingtoner Jazzclubs und fand schließlich zu jenem Instrument, das er revolutionieren sollte: dem Cello. Er studierte es zunächst klassisch bei einem Casals-Schüler.
In dieser Zeit gründete Cora offenbar ein eigenes Ensemble, für das er zum Teil eigene Instrumente baute, und verließ den Weg der Klassik relativ schnell in andere Richtungen. Dieser führte ans Creative Music Studio (CMS), jener freien Musikakademie, die der deutsche Vibraphonist Karl Berger mit der Avantgardejazzlegende Ornette Coleman gegründet hatte. Dort unterrichtete unter anderem auch der türkische Bläser İsmet Sıral, der Coras lebenslange Begeisterung für türkische und osteuropäische Volksmusik entscheidend geprägt haben dürfte. Mit Bergers groß besetztem Workshop Orchestra ging es auf Europatournee – zu den Mitwirkenden gehörten unter anderem Don Cherry und Lee Konitz.
1979 zog Cora nach New York – mitten hinein in die blühende Downtown-Avantgarde-Szene, deren zentrales Wohnzimmer ab Ende der 1980er Jahre die Knitting Factory werden sollte (und deren Radio ich in den Achtzigern trotz starken Kurzwellenrauschens zu hören versuchte). Dort verschoben Musiker wie John Zorn, Fred Frith, Eugene Chadbourne und Wayne Horvitz die Grenzen zwischen Jazz, Rock und freier Improvisation. Cora passte dort perfekt hinein, brachte aber auch ein ganz eigenes musikalisches Vokabular mit. Sein Cello war präpariert und elektrisch verstärkt – wurde gesägt, geschabt, gezupft, geprügelt und sogar mit dem Bügeleisen bearbeitet, bis es klang wie eine E-Gitarre im Ausnahmezustand.
1980 gründete er mit George Cartwright und Bill Laswell die Artrock-Band Curlew, der er über zehn Jahre treu blieb. Zwei Jahre später hob er mit Fred Frith das Duo Skeleton Crew aus der Taufe. Die beiden Musiker teilten sich ein Schlagzeug und spielten gleichzeitig ihre Hauptinstrumente. Cora entwickelte Fußkontraptionen, mit denen er zusätzliche Klänge erzeugen konnte, während seine Hände anderweitig beschäftigt waren. Fünf Jahre lang tourten sie – später mit Zeena Parkins als Trio – durch Europa, Nordamerika und Japan. Daraus entstand ein völlig neues Bühnenkonzept: komplettes Chaos, das sich live zu Musik ordnete. Einer der Konzertabende war zum Beispiel ausschließlich osteuropäischen Volksliedern gewidmet. > Dieses Video zeigt die Situation ganz gut. 1989 wurden die beiden in einer Probenpause in New York gefilmt – Aufnahmen, die im Film-Poem über Fred Frith > „Step Across the Border“ (1990) der Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel verarbeitet wurden.
Für das Berliner Jazzfestival 1983 tat sich Cora mit Chris Cutler, Heiner Goebbels, Alfred Harth, Dagmar Krause, George Lewis und Fred Frith zum Septett > Duck & Cover zusammen – benannt nach der amerikanischen Schulübung für den atomaren Ernstfall. Dieses sogenannte „Berlin Programme“ wurde zunächst in West-Berlin gespielt, im Mai 1984 dann auch in Ost-Berlin beim Festival der Jugend – mitten in der heißen Phase der Nachrüstungsdebatte. Bemerkenswert dabei war, dass der Mitschnitt sogar im DDR-Rundfunk übertragen wurde.
Cora tauchte weiterhin überall auf, wo es interessant wurde: bei Third Person mit Samm Bennett oder > im Duo mit dem Daxophon-Erfinder Hans Reichel. 1990 legte Cora während einer Europatournee eine Woche Pause ein, um bei der niederländischen Anarcho-Punk-Band The Ex für zwei Konzerte einzusteigen. Im Laufe der Jahre wurden daraus Hunderte gemeinsamer Auftritte und zwei Alben, „Scrabbling at the Lock“ (1991) und „And the Weathermen Shrug Their Shoulders“ (1993), durchzogen von jener türkischen und ungarischen Volksmusik, die ihn seit seiner Zeit am CMS begleitete – und Aufnahmen, die mich durch meine Jugend begleiteten.
In den späten 90ern gründete Cora zusammen mit Luc Ex, dem Bassisten von The Ex, dem Vokalvirtuosen Phil Minton und dem Schlagzeuger Michael Vatcher das Quartett Roof. Musikalisch bewegte sich die Band zwischen Free Jazz, Songform und der unberechenbaren, expressiven Stimme Mintons – schwer einzuordnen und wie ein französischer Rezensent schrieb: „Man wisse auch nach mehrmaligem Hören nicht so recht, wohin diese Musik gehöre …“ – bei mir gehört sie jedoch zu der Musik die ich auf eine einsame Inselmitnehmen würde. Nach Coras Tod übernahm übrigens der Pianist Veryan Weston seinen Platz und die Band nannte sich fortan 4 Walls – denn es fehlte nun das Dach - und produzierte zwei weitere famose Alben.
Obwohl Tom Cora die Vorstellung, einen ganzen Konzertabend allein zu bestreiten, Angst machte, reizte ihn genau dies sehr. Eine kleine Anekdote von einem seiner Soloauftritte erzählt, dass er vor einer Show auf einem Spaziergang Kinder spontan zum Konzert eingeladen habe. Als diese tatsächlich auftauchten, stellte er sie dem Publikum vor und spielte ihnen ein Potpourri aus Zeichentrickmelodien. Seine einzige Studioaufnahme als Solist erwähnte ich bereits hier vor einiger Zeit. Hier ist >ein interessantes Video einer seiner Soloperformances.
1998 starb Tom Cora mit nur 44 Jahren in Frankreich an Krebs – nur wenige Monate, nachdem er in Colmar wohl sein letztes Konzert gegeben hatte, festgehalten auf der erst 2015 veröffentlichten Aufnahme „Madame Luckerniddle“.
Einen Monat nach seinem Tod fand in der Knitting Factory ein Benefizkonzert für seine Familie statt, mit Auftritten seiner Frau, der Sängerin Catherine Jauniaux, und weiteren Weggefährten. John Zorn kümmerte sich um seinen Nachlass: Er produzierte für sein Label Tzadik den Live-Mittschnitt „It’s a Brand New Day“ (2000) und stellte die Tribute-Compilation „Hallelujah, Anyway – Remembering Tom Cora“ (1999) zusammen.
Tom Cora war ein Musiker, der an fast jedem wichtigen Knotenpunkt der improvisierten Musik seiner Zeit auftauchte, ohne dass er je die Bekanntheit erlangte, die er verdiente. Sein Werk zeigt, wie wenig ein Cello an klassische Rollenvorstellungen gebunden sein muss. Unter seinen Händen klang es oft wie etwas, das sich jeder Einordnung entzog. Die einzige Schublade, in die Tom Cora nie wirklich passte, war ausgerechnet die, aus der er ursprünglich kam: die des klassisch ausgebildeten Cellisten.
Eine chronologische Auswahl:
Karl Berger & Woodstock Workshop Orchestra
Live at the Donaueschingen Music Festival
1979, Edel
Skeleton Crew
Learn to Talk (1984)
The Country of Blinds (1986)
Tom Cora
Gumption in Limbo
1991, Sound Aspects
einzige Solo-Studioaufnahme
The Ex
Scrabbling at the Lock
1991
And the Weathermen Shrug Their Shoulders
1993, beide RecRec/Ex Music
Roof
The Untraceable Cigar
1996, Red Note
Trace
1999, beide Red Note
Hallelujah, Anyway – Remembering Tom Cora
1999, Tzadik
Tom Cora
It’s A Brand New Day
Live At The Knitting Factory
2000, Knitting Factory Works