11. Mai 2026
Hidden Gems – 1
Es gibt einen ausgesprochenen Jazz-Konsens, dass man gewisse Alben kennen muss, weil sich alle einig sind, dass sie die besten sind. „Kind of Blue“ von Miles Davis, „A Love Supreme“ von John Coltrane – zum Beispiel. Das ist völlig okay, das sind wirklich hörenswerte Platten. Was dabei aber immer untergeht, ist, dass es etwa auch in Europa seit vielen Jahren herausragenden Jazz gibt – eine der Kernbotschaften dieser Seiten :-) Zugegebenermaßen wird das dann ein wenig unübersichtlich, da Europa aus sehr unterschiedlichen Jazztraditionen besteht und die klaren Galionsfiguren nicht so eindeutig benennbar sind wie in den USA.
Ich werde hier nun in loser Folge ein paar „Hidden Gems“ der europäischen Jazzgeschichte vorstellen, von denen ich denke, dass sie es wert sind, ein paar Ohren drauf zu werfen.
Den Anfang macht ein Album aus Norwegen:
Svein Finnerud Trio
Plastic Sun
Das Svein Finnerud Trio setzt sich aus dem Pianisten Svein Finnerud (1945–2000), dem Bassisten Bjørnar Andresen (1945–2004) und dem Schlagzeuger Espen Rud (*1948) zusammen. Alle drei kannten sich aus dem Umfeld des Fußball – Finnerud als Torwart, Andresen im Feld – bevor sie um 1967 beschlossen, sich komplett der Musik zu widmen.
Svein Finneruds Klavierspiel öffnete neue melodische und rhythmische Räume, behielt aber stets Groove und Seele bei. Ein Konzert des Pianisten Paul Bley im Jahr 1965 in Oslo wurde für Finnerud zur musikalischen Offenbarung. Er war (und ist) außerhalb Norwegens so gut wie unbekannt. Dennoch ebnete er mit seiner Arbeit Musikern wie Jan Garbarek, Arild Andersen und Terje Rypdal den Weg.
Bjørnar Andresen spielt Bass mit einem eigenwilligen, schnarrenden Ton. Wenn er bei „Touching“ singt, klingt seine Stimme merkwürdig ähnlich wie seine Basssaiten – eine seltsame Verdoppelung, die das Stück zu etwas reichlich Mysteriösem macht.
Espen Rud kam aus einem jazzbegeisterten Schulmilieu und sein großes Vorbild war Jack DeJohnette, der für ihn rhythmische Präzision und freies Spiel vereinte.
Plastic Sun ist eigenständig und unberechenbar. Performative Elemente wechseln mit rockigen Jazzgrooves und wirken trotzdem wie aus einem Guss. Voller verschiedener Klangideen und experimenteller Spieltechniken betraten die drei Norweger musikalisches Neuland und waren ihrer Zeit weit voraus, als dieses Album im Sommer 1970 erschien. Es gibt kleine Dialoge zwischen den Instrumenten – besonders in „Cartoon“, das wie ein musikalischer Comicstrip klingt – ebenso wie schmissig Melodiöses. Präpariertes Klavier kommt zum Einsatz, eine Bohrmaschine oder das Banjo des Bassisten. Das Album ist ausgesprochen spielerisch, ohne je albern zu wirken – was alle drei verbindet, ist ein konzentriertes Aufeinanderhören (> Hier ein 11-minütiges Video einer Liveperformance des Trios in dem man dies beobachten kann).
Die meisten Stücke stammen von Finnerud und Andresen und dienen oft als Ausgangspunkt für weitere Improvisation. „Cartoon“ und „Touching“ sind zwei Kompositionen von Annette Peacock, Paul Bleys damaliger Ehefrau, eine weitere ist von Ornette Coleman, allesamt vom Trio vollständig verwandelt.
Bei der Aufnahme war keiner der drei älter als 25. Es wurde am 6. Februar 1970 im Henie-Onstad Art Center bei Oslo aufgenommen – einem Ort, an dem damals Avantgarde-Musik, bildende Kunst, Lyrik und Performance zusammenkamen und wo das Trio Stammgast war. Ihre Auftritte waren oft Happenings - mit außergewöhnlichen Kostümen, Tombolas und Haufenbildung der Musiker auf der Bühne. Einmal ging das Licht aus, ein Spot flammte auf und plötzlich regnete es Erbsen von der Decke auf das Publikum. Performativer Übermut, bei dem dennoch die Musik stets im Mittelpunkt blieb. (> Quelle)
Svein Finnerud, der auch Maler und Grafiker war, gestaltete das auffällige Cover mit dem Bild einer farbenfrohen, sonnenförmig gefalteten Papierrosette und auch die Zeichnung auf der Rückseite stammt von ihm. Als er sich Mitte der 1970er Jahre stärker der Malerei zuwandte, war das vermutlich mit ein Grund dafür, dass sich das Trio auflöste und seine musikalischen Produktionen zunehmend in Vergessenheit gerieten.
Im April 2018 wurde dieses jahrzehntelang schwer zu findende Sammlerstück neu aufgelegt, remastert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. 35 Minuten Musik, die es tatsächlich richtig in sich haben.
1970, Sonet
Svein Finnerud: Piano
Bjørnar Andresen: Bass, Banjo, Stimme
Espen Rud: Schlagzeug