12. Juni 2024

Anfänge

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ - diese Zeile stammt aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, in dem er das Leben als fortlaufenden Prozess beschreibt. Ein wenig lässt sich das auch auf das Musikhören übertragen, denn auch wenn man das Vertraute immer wieder gerne hört, kann eine gewisse Offenheit für immer wieder neue Hörerfahrungen nicht schaden.

Ich finde, auch der Anfang eines Albums ist entscheidend für seine Wirkung. Manche Alben beginnen mit einer Ouvertüre, ähnlich wie in der Oper. Die Alben des Labels ECM beginnen mit drei Sekunden Stille, um den Hörer zur Konzentration aufzufordern. Viele Alben der Band Pink Floyd beginnen mit Geräuschen, die allmählich in Melodien übergehen.

Ich mag besonders solche Einstiege, die mich bereits mit den ersten Tönen in das musikalische Geschehen hineinziehen. Dies kann durch beschwörende Rhythmen geschehen, in die explosionsartig eine Melodie hereinbricht (1, 4, 5) oder durch packende Tonfolgen, die sofort Aufmerksamkeit erregen (2, 3, 6) und eine hohe Sogwirkung entfalten. Oft werden Alben mit einem gelungenen Start zu Lieblingsalben, denn ein dramaturgisch gut aufgebautes Musikalbum ist immer wieder ähnlich spannend wie ein guter Film.

Folgende Alben mit außergewöhnlich mitreißenden Einstiegsstücken fallen mir auf Anhieb ein:

1. „Carnet de Routes“ von Sclavis, Romano, Texier
2. „Duke Ellington und John Coltrane
3. The sound will tell you von Jason Moran
4. Mesmerism von Tyshawn Sorey Trio
5. Aldebaran von Kathrine Windfeld Sextett
6. „Violent Femmes

Letzte Woche ist ein neues (großartiges) Album „My Prophet“ von Oded Tzur erschienen, das ebenfalls einen ganz zauberhaften Anfang hat: Es startet mit einem Epilog aus lang gezogenen, flötenartigen Saxofonklängen, die nach knapp 40 Sekunden in das nächste, lebhaftere Stück münden. (> NEUES)


28. Mai 2024

Sonnenaufgang

Es gibt im Moment drei Alben (» NEUES), die mich seit einiger Zeit sehr beschäftigen:

1 ― Das ist zum einen „Silent, Listening“, das erste Soloalbum von Fred Hersch für das Label ECM, zu dem mir leider ein wenig die Worte fehlen, so beeindruckend ist diese Musik. Ein Album, das von Anfang bis Ende sehr sorgfältig durchdacht ist - etwas, das im Zeitalter von Playlisten leider immer mehr in den Hintergrund gerät. Der Aufforderung, es sich in Ruhe anzuhören, sollte man in der Tat nachkommen, denn nur so kann man den atemberaubenden „Pointilismus“ dieser Mischung aus Jazzstandards und Eigenkompositionen richtig genießen. Die Grundstimmung ist „nächtlich“ und mündet in das vorletzte Stück „Softly, as in a Morning Sunrise“ *, das auch auf dem nächsten Album zu finden ist.

2 ― Dieses Album „Beyond this Place“ ist von Herschs Pianistenkollegen Kenny Barron, der eine generationenübergreifende Truppe von fünf exzellenten Musikern um sich versammelt hat, von denen jeder in jedem Moment dieser Aufnahme unglaublich präsent ist und sowohl eigene (Lebens-)Erfahrungen, als auch neue Vorschläge in die Musik einfließen lässt - vom 80-jährigen Kenny Barron bis zum 26-jährigen Saxofonisten Immanuel Wilkins. Die meisten Stücke sind Coverversionen von Barron-Kompositionen wie das pulsierende „Innocence“, aber auch Jazzklassiker wie der unglaublich sanft gespielte Opener „The Nearness of You“, ein swingender Blues des Schlagzeugers Jonathan Blake und eine abschließende Duo-Hommage an Thelonious Monk sind mit dabei.


3 ― Album Nummer drei ist „Aldebaran“ der dänischen Bandleaderin und Pianistin Kathrine Windfeld. Schon das erste Stück „First Speech“ macht vollends süchtig, und das, was dann folgt, ist immer noch ausserordentlich magisch. Satte Bläsersätze, irrlichternde Klaviermelodien, formvollendetes musikalisches Geschichtenerzählen, das auch nach mehrmaligem Hören nicht langweilig wird. Einer der beiden Saxophonisten des Sextetts, Hannes Bennich, hat übrigens vor zwei Jahren das hervorragende Album „When Losing a Dream to Reality“ veröffentlicht. Darauf sollte man, ebenso wie auf Windfelds Debütalbum „Orca“, unbedingt ein Ohr werfen.

*„Softly, as in a Morning Sunrise“ ist ein Lied aus der Operette „The New Moon“ von Sigmund Romberg und Oscar Hammerstein II aus dem Jahr 1928, das ursprünglich als Tango komponiert wurde. Es handelt vom Aufblühen und Vergehen einer Liebe die mit dem Erscheinen und Verschwinden des Tageslicht verglichen wird.

Auch die Version von Fred Hersch, die er im Duo mit dem Gitarristen Bill Frisell aufgenommen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen. Kenny Barron hat den Song ebenfalls mehrfach aufgenommen, unter anderem im Duo mit Stan Getz, an den ich manchmal denken muss, wenn ich Immanuel Wilkins spielen höre. Von Kathrine Windfeld gibt es keine Version des Liedes, aber ihre Musik ist sowieso oft so sanft wie ein Sonnenaufgang am Morgen.


15. Mai 2024

Giovanna Marini

19.1.1937–8.5.2024

Giovanna Marini stammte aus einer Familie klassischer Musiker. Sie studierte klassische Gitarre am Konservatorium und vertiefte ihre Studien in Spanien bei dem großen Gitarrenmeister Andrés Segovia. 

Anfang der sechziger Jahre wurde sie als Gitarristin für ein römisches Fest engagiert, bei dem auch Umberto Eco und Alberto Moravia anwesend waren. Sie spielte Bach, als plötzlich Pier Paolo Pasolini neben ihr saß, und begann ihr unbekannte Lieder vorzusingen. Er erklärte ihr, dass diese Art von Musik lange Zeit nur mündlich überliefert worden sei.

Das war der Wendepunkt in ihrem Leben. Giovanna Marini begann, das Land zu bereisen, um auf Dorffesten, bei den Reisarbeiterinnen, bei religiösen Festen und vielen anderen Gelegenheiten das traditionelle italienische Liedgut aufzuspüren und aufzunehmen.

Mit der Gruppe „Nuovo Canzoniere Italiano“ veröffentlichte sie 1965 die Aufnahme „Bella Ciao“ (2000 bei Harmonia Mundi wiederveröffentlicht) mit einer Auswahl dieser Lieder, die für viele Musiker, vor allem aus der Folkszene, zu einer wichtigen Inspirationsquelle wurde. Die Uraufführung dieses Programms in einem Turiner Theater löste allerdings einen Skandal aus, da das vornehme Publikum empört auf diese „Straßenmusik“ reagierte.

Als Lehrerin, Musikerin und Musikethnologin sorgte sie lehrend und interpretierend dafür dass diese Volksmusik gehört und  bewahrt wurde, und entwickelte dafür sogar eine eigene Notation.

Mit der Zeit begann sie auch eigene Stücke, Polyphonien, Kantaten, politisch motivierte Lieder in dieser Tradition zu komponieren, was sie zunächst vor ihrer klassisch gebildeten Familie verheimlichte.

Pasolini blieb bis zu seinem gewaltsamen Tod ein Fixpunkt in ihrem Leben. Diesem Freund und Mentor widmete sie die wunderbare „Cantata per Pier Paolo Pasolini“ (Nota, 2000), die auf dem traditionellen Trauerlied „Lamento funebre“ basiert, das ausschließlich von Frauen gesungen wird.

Giovanna Marini hinterlässt ein vielseitiges Werk, in dem es sicher noch viel zu entdecken gibt. Ihre Musik begleitet mich seit vielen Jahren und ich bedauere immer ein wenig, dass ich die italienischen Texte nicht verstehen kann.

Gleichzeitig finde ich es wichtig, die Erinnerung an diese traditionelle Musik wach zu halten und frage mich, wie es damit eigentlich in Deutschland aussieht?


3. Mai 2024

Ellington

Obwohl ich keine große Kennerin der Musik von Duke Ellington bin, hat er doch ein paar Meilensteine in meiner Hörbiografie gesetzt. Da ist zum einen das Album mit John Coltrane (1963, Impulse!), bei dem ich immer das Gefühl habe, nach Hause zu kommen, wenn ich es höre.

Auch ein großartiges Album ist „Money Jungle“ (1962, United Artists) mit Max Roach und Charles Mingus, musikalisch ebenfalls herausragend und auch psychologisch bemerkenswert, da die Aufnahmesession mit den sehr unterschiedlichen Musikercharakteren scheinbar alles andere als harmonisch verlief und ich finde, dass man das auch hören kann.

Ein nicht ganz uninteressantes Spätwerk ist “The Afro-Eurasian Eclipse“ (1975, Fantasy), auf das ich durch sein ungewöhnliches Cover aufmerksam wurde.

Und da Duke Ellington der Nachwelt und dem Jazz sehr viele weitere starke und wichtige Kompositionen hinterlassen hat, begegnet man ihm ohnehin mit einer gewissen Regelmäßigkeit.

So ist ihm auch das jüngst erschienene Duo-Album „Ellington“ (2024, enja) der Pianistin Aki Takase und Daniel Erdmann am Saxofon gewidmet. Die beiden Musiker nähern sich diesem Repertoire unglaublich lässig, mit großer Eleganz, und wie schon das Cover vermuten lässt, mit viel Witz und manchmal sogar ziemlich frech. Trotzdem spürt man immer den großen Respekt vor dem Jazz-Ahnen, mit dem sich beide Musiker seit langem intensiv beschäftigen. Eine erfrischende Neuinterpretation von Ellington-Klassikern und einer besonders schönen Version der „Fleurette Africaine“ (African Flower).


15. April 2024

Piccolo

Der Kontrabassist Ron Carter hat an über 2000 Aufnahmen mitgewirkt. Eigene Alben und auch als versierter Begleiter anderer Formationen. Insofern ist es etwas schwierig bei ihm eine Art Essenz herauszuarbeiten. Durch Zufall bin ich kürzlich auf sein Album „Piccolo“ (Milesstone) von 1977 gestoßen, das ich für etwas ganz Besonderes halte. Carter spielt darauf einen sogenannten Piccolo-Bass, den er sich in den 1970er Jahren hat bauen lassen. Das Instrument ist etwas kleiner als ein normaler Kontrabass und mit dünneren Saiten bespannt, um eine höhere Stimmung zu ermöglichen. Seine Tonlage entspricht in etwa der eines Cellos, der Klang ist jedoch wesentlich herber.

Auf dieser Aufnahme übernimmt Ron Carter mit seinem Piccolo-Bass die Melodiestimme und wird rhythmisch von einem zweiten – normalen – Kontrabass, Piano und Schlagzeug unterstützt. Diese Live-Aufnahme besticht durch viele schöne Melodien, gleichzeitig hat man immer wieder den Eindruck, dass Carters Bass ein wenig wie ein alter, ausgeleierter Gartenschlauch klingt. Das macht das Ganze umso charmanter, denn oft ist einfach das sonderbar Undefinierbare genauso interessant wie der virtuos interpretierte Wohlklang. – Alles in allem ein großartiges Album.


1977, Milestone

Ron Carter: Piccolo-Bass
Buster Williams: Kontrabass
Kenny Barron: Piano
Ben Riley: Schlagzeug


27. März 2024

Eine Art Passion

Anstelle eines klassischen Passionswerkes empfehle ich in diesem Jahr in der Karwoche die „Nove Cantici per Francesco d’Assisi“ (Tzadik, 2019) von John Zorn, dessen lyrische Seite leider weniger bekannt ist.

Inspiriert wurde Zorn zu diesem Werk von Giovanni Bellinis Gemälde „Der Heilige Franziskus in der Wüste“ (1480), das auch auf dem Cover des Albums zu sehen ist. Das detailreiche Gemälde der Frührenaissance zeigt den Heiligen Franziskus im Moment seiner Stigmatisation und enthält weitere Anspielungen auf die Passion Christi und dessen Auferstehung, wie die grabähnliche Höhle rechts und die sonnenbeschienene Seite links. 

In Anlehnung an Franz von Assisis Lobgesang auf die Schöpfung, den sogenannten „Sonnengesang“, der als das älteste Zeugnis italienischer Literatur gilt, hat Zorn diese Suite für drei Gitarren komponiert. Julian Lage, Gyan Riley und Bill Frisell entführen den Zuhörer mit meisterhaftem Zusammenspiel schnell in andere Sphären, für die der Komponist seine Pfade der geräuschvollen Avantgarde verlassen hat in Richtung traditioneller spanischer Gitarrenmusik.

Bildquelle


25. März 2024

Yonathan Avishai …

… ist ein Musiker von hoher Sensibilität und ökonomischer Spielweise. Er plaziert Stille dort, wo man sie nicht erwartet, und zündet immer wieder leise bescheidene Feuerwerke. Seinen Minimalismus erklärt er damit, dass er die ersten Jahre seines Lebens mit seinen Eltern in Japan verbracht hat und das Gefühl hat, dass die Erfahrungen aus dieser Zeit in ihm weiterleben (Quelle).

Immer die Geschichte des Jazz von Louis Armstrong bis Cecil Taylor im Hinterkopf, hat er einen Stil entfaltet, der mal luftig swingt, mal im Blues verwurzelt ist oder in freier Fahrt beeindruckt.

Man kennt ihn an der Seite des Trompeters Avishai Cohen mit dem ihn seit Jugendtagen eine enge Freundschaft verbindet und mit dem er unter anderem das Duo-Album „Playing the Room“ (2019) aufgenommen hat. Aber auch mit seinem Trio mit Yoni Zelnik am Kontrabass und Donald Kontomanou am Schlagzeug („Modern Times“, 2015 und „Joys and Solitudes“, 2019) und anderen zahlreichen Formationen gibt es ganz famose Aufnahmen. Vor etwa einem Jahr spielte er für die Reihe „Paradis Improvisé“ das hervorragende Soloalbum „Retrouvailles“ ein, mit dessen Repertoire ich ihn vor einiger Zeit im Münchener Jazzclub Unterfahrt live erleben durfte. Einleitend erklärte er dies sei sein erstes Solokonzert dort und kommentierte es mit den Worten „It feels nice.“. Nach etwa eineinhalb Stunden voller Anmut und Freude stellte er am Ende des Konzerts nach zwei Zugaben kurzerhand fest: „I feel to play another one“ und begann ein letztes Stück, das er zusätzlich mit Gesang begleitete …


21. März 2024

Respekt!

Um besser ein Ohr auf Musik werfen zu können, ist es manchmal gut auch ein paar Hintergründe zu kennen und zu verstehen. Daher empfehle ich hier immer wieder mal auch Bücher, die dahingehend den Horizont erweitern können:

― Die Entwicklung des Jazz ist Teil der kulturellen Selbstbehauptung der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA. Im vergangenen Herbst ist das Buch „The Sound of Rebellion“ (Reclam, 2023) des Musikjournalisten Peter Kemper (*1950) erschienen, das diese Emanzipation am Beispiel einiger prägender Jazzmusiker beschreibt. Das Ganze ist sehr spannend geschrieben und macht vor allem mit Vorwissen und Leidenschaft für Jazz viel Freude beim Lesen. Leider ist der Titel etwas unglücklich gewählt, da er mit dem Untertitel „Zur politischen Ästhetik des Jazz“ suggeriert, dass es um Jazz im Allgemeinen geht. Dabei wird der nicht ganz unbedeutende europäische Jazz weitgehend ausgeklammert, obwohl er auch hier in verschiedenen Ländern wie zum Beispiel Polen, Italien oder der DDR durchaus politische Tendenzen aufwies.

Ein Fazit des Buches, dass Jazzmusik politische Ereignisse zwar begleiten, aber nicht wirklich beeinflussen kann, ist dennoch allgemeingültig.

Das eigentlich Politische im Jazz ist vielmehr der Musiker selbst in seinem gesellschaftlichen Kontext, in dem er nach Veränderung strebt oder Kritik übt. Was die Musik betrifft, ist das widerständige Element, dass sie immer wieder traditionelle Formen in Frage stellt und sich oft in neuen Strömungen weiterentwickelt, sowohl improvisatorisch als auch kompositorisch.

― Auch ohne Vorkenntnisse kann man das vor einigen Jahren erschienene Buch „Respekt!: Die Geschichte der Fire Music“ (Verbrecher, 2011) mit großem Vergnügen lesen. Es enthält 44 Interviews mit überwiegend afroamerikanischen Musikern, die der Publizist Christian Broecking (1957-2021) zwischen 1994 und 2007 geführt hat und in denen diese von ihren persönlichen Erfahrungen erzählen. Entstanden ist eine faszinierende Sammlung von Geschichten und Erinnerungen, die einen tiefen Einblick in die Welt der afroamerikanischen Jazzcommunity gewährt und dabei überraschend viele Widersprüche deutlich werden lässt. Interessant ist, dass Broecking, der hier vor allem zuhört, diese sehr unterschiedlichen Stimmen fast unkommentiert nebeneinander stehen lässt und so dem Leser die Möglichkeit gibt, seine eigenen Schlüsse zu ziehen.

― Eine weitere schöne Ergänzung zum Thema afroamerikanischer Emanzipation sind die kürzlich entdeckten Kurzgeschichten von Diane Oliver (1943-1966) „Nachbarn“ (aufbau, 2024). Es sind fiktive Geschichten über unterschiedliche Schicksale in den 1960er Jahren, als sich die amerikanische Rassentrennung allmählich auflöste und nicht nur die ersehnte Erlösung brachte, sondern oft auch existenzielle Fragen, Ängste und Konflikte auslöste, von denen die Autorin hier mir grandioser stilistischer Vielfalt erzählt.


15. März 2024

Seit 80 Jahren …

… kühn, neugierig, vielseitig, rockig, kosmopolitisch, leger, abwechslungsreich, brüderlich, erinnernd, komponierend, elektronisch, emotional, elegant, suchend, attraktiv, produktiv, freigeistig, virtuos, freiheitsliebend, kollegial, innovativ, experimentierfreudig, cool, rastlos, kantig, berührend, herausfordernd, anspruchsvoll, rebellisch …

Solokonzert Paris 2022


7. März 2024

Musik und Sprache

Die Kombination von Musik und Sprache/Poesie fasziniert mich sehr. Vor allem wenn durch das Verschmelzen von menschlicher Stimme und Instrumenten homogene, rhythmische Klanglandschaften entstehen.

Das Heiner Goebbels-Projekt „Ou bien le débarquement désastreux“ mit dem Schauspieler André Wilms und europäischen und afrikanischen Musikern ist ein herausragendes Beispiel dafür.
Ebenso beeindruckend ist die vibrierende Hommage an den Negritude-Autor Léon-Gontran Damas aus dem Jahr 2022 (NEUES 2022). Nun ist auf dem selben Label ein weiterer starker Meilenstein erschienen:
„Monsieur Rimbaud je vous le dis droit dans l’âme ce monde est mort y compris la France – Texte von französischen und afrikanischen Autoren (Charles Baudelaire, Mia Couto, Sony Labou Tansi, Henri Michaux, Dieudonné Niangouna und Dambudzo Marechera), rezitiert vom Theatermacher Jean-Paul Delore und kongenial ergänzt von Louis Sclavis an der Klarinette und Harmonika und Sébastien Boisseau am Kontrabass.

Alle drei Produktionen sind dem afrikanischen Kontinent verbunden und in französischer Sprache, deren Klang sicherlich auch prädestiniert ist, sich perfekt in ein instrumentales Netz einzuweben. Aber auch ohne Textverständnis entfalten alle drei Werke eine unglaubliche Wirkung und können immer und immer wieder gehört werden.

1– Heiner Goebbels
Ou bien le débarquement désastreux
1995, ECM

2 – Pigments & The Clarinet Choir
Leon​-​Gontran Damas’s Jazz Poetry
2022, Yolk

3 – Langues et Lueurs: Jean-Paul Delore, Louis Sclavis, Sébastien Boisseau
Monsieur Rimbaud je vous le dis droit dans l’âme ce monde est mort y compris la France
2024, Yolk


29. Februar 2024

Georg Riedel …

… ist unter anderem der Komponist der Musik für Astrid Lindgren-Verfilmungen wie „Michel von Lönneberga“ oder „Pippi Langstrumpf“ die mir seit meiner Kindheit sehr vertraut ist.

In den 1960er Jahren begleitete er den Komponisten und Pianisten Jan Johansson am Bass, um Jazz-Versionen alter schwedischer Volkslieder aufzunehmen. Das Ergebnis daraus war das 1964 erschienene Album „Jazz på svenska“ mit extrem ziselierter Duo-Musik, die die nachfolgenden Generationen skandinavischer Jazzmusiker nachhaltig beeinflusste. Georg Riedel verstarb diese Woche im Alter von 90 Jahren.


19. Februar 2024

Erinnerungen

1992 veröffentlichte Dominique A das Album „La Fossette“, das er ganz allein zuhause mit einfachsten Mitteln aufgenommen hatte. Das Album klang faszinierend neu und eröffnete nicht nur mir, sondern auch dem französischen Pop neue Wege. Ich begleitete den Musiker noch einige Alben lang, dann trennten sich unsere Wege. Er wandte sich vermehrt poppigeren Gefilden zu, während ich den Spuren des Jazz und anderen Stilen folgte. Nun bringt uns ein neues Album, „Memento“ (2024, La Buissonne) wieder zusammen.

Das Szenario ist folgendes: Der Journalist und Jazzkritiker Jean-François Mondot, ein begeisterter Leser des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 2014, Patrick Modiano (*1945), schrieb Texte, die von dessen Erinnerungswelt und Sprache inspiriert sind. Sie zeichnen poetisch in chronologischer Reihenfolge das Leben und das Werk des Schriftstellers nach. Mondot schickte die fertigen Texte an Dominique Ané (wie er mit vollem Namen heißt) mit der Anfrage, ob er die Texte interpretieren möchte. Ané stimmt nicht nur zu, sondern schlägt auch vor, die Musik dazu zu schreiben. Für das Projekt konnten außerdem zwei hervorragende Jazzmusiker gewonnen werden – Stephan Oliva am Klavier und Sébastien Boisseau am Kontrabass – und noch der Schlagzeuger Sacha Toorop, ein langjähriger musikalischer Begleiter Dominique Anés, der selbst neben dem Gesang auch den Gitarrenpart übernimmt.

Anés klare und besondere Stimme erweckt nun diese Texte zum Leben und wird dabei behutsam von den Instumenten begleitet. Im Ergebnis klingt das wie eine sehr gelungene Vermählung aus französischem Pop und Jazz, die in Worten und Klängen eine bildhafte, tiefgehende Wirkung entfaltet.

Eine außergewöhliche musikalische Hommage an einen Autor dessen Werk in Deutschland immer noch ein Geheimtipp ist.


9. Februar 2024

Seven Shades of "Afro Blue"

1
Die Komposition des kubanischen Perkussionisten Ramon „Mongo“ Santamaria lässt afrikanische und kubanische Rhythmen in einem 3:2 Kreuzrhythmus verschmelzen. Diese Ur-Version ist beschwörend perkussiv und wird von zauberhaften Flötenklängen übermalt.
» Mongo Santamaria, Afro Roots, Prestige 1972/Reedition

2
Der Dichter, Sänger und Aktivist Oscar Brown jr. schreibt 1959 zur Melodie einen Text und Abbey Lincoln beginnt ihr Album „Abbey is Blue“ mit diesem Song. Es ist die erste gesungene Version des Stücks in der Lincolns eindringlicher Gesang mit markanten Bläsersätzen abwechselt. Der Text handelt von der Sehnsucht nach einer fernen Heimat und feiert die Schönheit des afrikanischen Erbes.
» Abbey Lincoln, Abbey is Blue, Riverside 1959

3
Oscar Brown jr.
sang den Song mit seinem Text ein Jahr später auf seinem Album „Sin & Soul“ auch selbst. Dabei wird seine warme Soulstimme nur von einer Conga-Trommel begleitet. Eine schlichte, aber umso ergreifendere Version.
» Oscar Brown jr., Sin & Soul, Columbia 1960

4
Überbordende Energien setzt das John Coltrane Quartet mit ebendieser Komposition frei, hier jedoch in einem Walzerrhythmus. Elvin Jones trommelt sich die Seele aus dem Leib, McCoy Tyner wirkt, als würde er mit mehr als zwei Händen Klavier spielen, Jimmy Garrison heizt mit seinem Bass aus der Tiefe ein, und über all das legt John Coltrane elegant und raffiniert die Töne seines Saxophons.
» John Coltrane, Live At Birdland, Impulse 1964

5
In einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 1998 (die gerade erst erschienen ist) erhebt sich eine Instrumentalversion von „Afro Blue“ zu einem opulenten Klanggewitter. Der Schlagzeuger Raymond Strid, der Pianist Sten Sandell und Mats Gustafsson am Saxophon laufen zu Höchstform auf, deutlich von der Coltrane-Version inspiriert, aber doch ganz anders und mit knapp 20 Minuten wesentlich ausschweifender und freier.
» Gush, Afro Blue, Trost 2024

6
Eine weitere bemerkenswerte moderne Gesangsversion kommt von der Schweizer Sängerin Lisette Spinnler, die dem Song weite Räume eröffnet und mit lautmalerischen Passagen ergänzt.
» Lisette Spinnler, Sounds Between Falling Leaves, SFR 2 Kultur 2017

7
„Universal Mind“ ist ein Song von Jim Morrison der von seiner Sehnsucht nach Freiheit spricht, eine Botschaft, die sicherlich der von „Afro Blue“ entspricht und in dessen Melodie die Band in der Mitte des Stücks eine Weile hinübergleitet und man den Eindruck hat, dass sie hier ganz selbstverständlich hineinpasst. Von diesem Song existieren übrigens lediglich Live-Versionen.
» The Doors, Abolutely Live, Elektra 1970


23. Januar 2024

Sparks & Visions, Regensburg


“If music be the food of love, play on, Give me excess of it …


― William Shakespeare, Twelfth Night


12. Januar 2024

drei


ein ohr draufwerfen läuft jetzt seit drei Jahren.
Eine gute Gelegenheit das klassische Jazztrio mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, zu würdigen. Mit einer höchst subjektiven Liste, die bei denjenigen, die sich ein wenig auskennen, das Kopfkino losgehen lässt und bei allen anderen vielleicht die Suchmaschine!

Bill Evans
Scott LaFaro
Paul Motian

Oscar Peterson
Ray Brown
Ed Thigpen

Duke Ellington
Charles Mingus
Max Roach

Keith Jarrett
Gary Peacock
Jack DeJohnette

Chick Corea
Miroslav Vitous
Roy Hanes

Joanne Brackeen
Cecil McBee
Billy Hart

Joachim Kühn
J.-F. Jenny-Clark
Daniel Humair

Geri Allen
Charlie Haden
Paul Motian

Esbjörn Svensson
Dan Berglund
Magnus Öström

Brad Mehldau
Larry Grenadier
Jorge Rossy

Aaron Diehl
Matt Brewer
Tyshawn Sorey

Masabumi Kikuchi
Thomas Morgan
Paul Motian


4. Januar 2024

Rückblick 2023

Wenn ich das Jahr hier im Blog und unter Neues rekapituliere, ist es wieder schwierig die Alben gegeneinander aufzuwiegen. Die Post-Corona-Phase ist nach wie vor sehr produktiv und treibt schönste Musikblüten. Viele gute Reminiszenzen – von Brad Mehldau der Beatles-Songs in Ehren hält, Jason Moran der in äußerst geschmeidiger Weise einen der Ur-Väter des Jazz – James Reese Europe – würdigt, Julien Loureau, der sich den Kompositionen des in diesem Jahr verstorbenen Wayne Shorter genähert hat, die Beethoven-Spielewiese von Carlos Bica, die Interpretation der Strawinsky-Frühlingsweihe (Le Sacre du Printemps) von Sylvie Courvoisier … schön, wenn aus Vergangenem immer wieder Neues entsteht! Höhepunkte auch das 43-köpfige Fire! Orchestra und ein posthumes jaimie branch-Album, die beide aber sowieso in dem meisten Best-of-Listen stehen. Auf jeden Fall lohnt es sich die Liste unter Neues nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen.

Explizit möchte ich hier aber vier Produktionen dieses Jahres hervorheben, die auf hohem Niveau neue spannende und lebendige Richtungen aufzeigen und trotzdem fast völlig übersehen wurden:


1 ― Vinnie Sperrazza, „Saturday
Triomusik, die immer wieder von neuem überrascht und fesselt und dabei sehr fein komponiert und gespielt ist. Kein Wunder, denn am Klavier sitzt Ethan Iverson und am Bass Michael Formanek – beides Garanten für Großartiges. Weniger bekannt ist leider der Komponist und Schlagzeuger Vinnie Sperrazza, den man spätestens ab diesem Album auf dem Schirm behalten sollte.

2Selma Savolainen, „Horror Vacui
Die finnische Sängerin hat für ihr Sextett äußerst spannende Arrangements geschrieben, die darauf abzielen, die Angst vor der Leere zu verarbeiten und zu füllen. Voller Überraschungsmomente manövriert das Album bemerkenswert durch Stücke wie „Speak Low“ von Kurt Weill und dem Billy Strayhorn-Klassiker „A Flower Is A Lovesome Thing“ und erinnert manchmal ein wenig an die Musik von Portishead.

3Jo Lawry, „Acrobats
Die Sängerin, die manchen aus ihrer Zusammenarbeit mit Sting bekannt sein könnte, bildet hier in wunderbar rumpeliger Weise mit Linda May Han Oh am Bass und Allison Miller am Schlagzeug einen wunderbaren Dreierreigen. Dabei sind alle drei immer auf Augenhöhe und das klingt zwar ungewöhnlich, aber doch nicht fremd.

4Maya Dunietz, „Thank You Trees
Höchste Zeit dieses israelische Multitalent nicht mehr zu übersehen. Cool und kühn wird hier im Trio (Piano, Bass, Schlagzeug) und mit zahlreichen Gästen (Avishai Cohen an der Trompete) wild gespielt, zitiert und zutiefst gegroovt, wie zum Beispiel über den Elvis-Song „Love Me Tender“.

Alle vier Alben sind zum genau hinhören, denn obwohl man sie nach oftmaligem Hören genau zu kennen glaubt, entdeckt man immer wieder neue Details und Aspekte.


22. Dezember 2023

Weihnachten 2023

Diesen Dezember habe ich damit verbracht einen Adventskalender über „Frauen im Jazz“ zu gestalten und zu schreiben. Dieser lief auf meiner geschäftlichen Homepage, denn in erster Linie bin ich ja selbstständige Grafikdesignerin.

Die Pianistin Geri Allen (1957–2017) ist eine der vorgestellten Frauen und hat mit „A Child is Born“ (2011) ein ganz wundervolles Weihnachtsalbum eingespielt.

Ansonsten wie jedes Jahr: „Keine Experimente zu Weihnachten“


13. Dezember 2023

Der 100. Eintrag

Dies ist hier der hundertste Eintrag und der gehört Archie Shepp!

Warum?

Weil er dabei war, als ich angefangen habe, Jazz zu hören.
Weil er seine Musik historisch und politisch hinterfragt.
Weil er Literatur- und Theaterwissenschaften studiert hat.
Weil er Gedichte schreibt.
Weil er viele Entwicklungen im Jazz begleitet hat.
Weil er gerne junge Musiker unterstützt (Marion Rampal, Charles Pasi).
Weil ich ihn vor 30 Jahren in Uzeste zum ersten Mal live erlebt habe.
Weil er mit dem Poem „Mama Rose“ seiner Großmutter ein Denkmal gesetzt hat.
Weil er ein unglaublich guter Duopartner ist (u.a. Dollar Brand, Jason Moran, Horace Parlan, Joachim Kühn, Max Roach).
Weil er mir im Duo mit Niels Henning Ørsted Pedersen Charlie Parker näher gebracht hat.
Weil er mit Mal Waldron Billie Holiday ehrt.
Weil er sich in keine Schublade stecken lässt.
Weil mir bei seinen Saxophonklängen oft der Atem stockt.
Weil es bei ihm auch die schrägen Töne schön sind.
Weil er eine sonore, kräftige Stimme hat.
Weil er trotz aller Freejazz-Abenteuer weiß wo seine Wurzeln liegen.
Weil er den Blues im Blut hat.
Weil er immer gut angezogen ist.
Weil er nie in Grenzen gedacht hat.
Weil er seine Karriere in der Band von Cecil Taylor begann.
Weil er mit Don Cherry (New York Contemporary Five) gespielt hat.
Weil er sein Wissen an Studierende weitergibt.

Und weil er nach wie vor immer noch dabei ist, wenn ich Jazz höre.


8. Dezember 2023

Hochzeitskapelle


Jaaa. Dieses himmlische Doppelalbum „The Orchestra In The Sky“ ist pure bayerisch-japanische Völkerverständigung, die höchstes Hörvergnügen bringt. Pop, Brass, Jazz, Folk, Country, Marschmusik - alles dabei! Ein Hoch auf die Hochzeitkapelle und bitte immer wieder anhören!! Außerdem bin ich hin und weg von schönen Fotos auf den Covern.


26. November 2023

Captain Kirk

1 – Manzello
2 – Stitch
3 – Tenorsaxofon
4 – Querflöte
5 – Signalhorn
6 – Percussion

Rahsaan Roland Kirk (1935-1977) … mit 2 Jahren erblindet er, mit etwa 6 Jahren baut er sich eine Trompete aus einem Gartenschlauch, in der Blindenschule lernt er Flügelhorn, Trompete, Klarinette und Saxofon, mit 16 begann er zwei Blasinstrumente gleichzeitig zu spielen – Stitch (ein gerades Altsaxofon) und Manzello (ein gebogenes Sopransaxofon), die er sich selbst mit Extraklappen zum jeweils einhändigen Spiel umbaute. Kurze Zeit später kommt noch ein Tenorsaxofon, als drittes Instrument um den Hals gehängt, hinzu.

Und irgendwann beherrscht er um die 50 Instrumente – teilweise selbst gebaut und mit Phantasienamen benannt – die er gerne gleichzeitig aber auch einzeln zum Einsatz bringt. Auch war er einer der ersten der mit primitiven elektronischen Sounds experimentierte oder seine Stimme wie ein zusätzliches Instrument nutzte.

Dies alles hört sich wie eine Zirkusnummer an, doch Rahsaan Roland Kirk war ein hochbegabter Jazzmusiker mit unbändiger Energie und Spiellust, die auch viele seiner Kollegen zum Staunen brachte.

Mein liebstes Album ist die Live-Aufnahme „Volunteered Slavery“ (1969, Atlantic) u.a. mit dem „Roland Kirk Spirit Choir“, das für gehörig Stimmung sorgt und beweist, dass guter Jazz auch äusserst eingängig sein kann. Ein ähnliches, fast noch besseres Konzert von 1970 aus dem Studio 104 von Radio France kann man hier in zwei Teilen anhören.

Wie das Ganze live aussieht, zeigt diese großartige Filmcollage in der Kirks Musikuniversum mit Gedanken eines weiteren großen Forschers der Musik, John Cage, zusammenmontiert wird.

» Quelle und mehr Information


15. November 2023

8 Minuten

Der für mich wichtigste Jarrett-Moment findet sich auf „Solo Concert - Bremen-Lausanne“ (1973) im Lausanne-Teil von Minute 29:52 bis Minute 38:00. (Dieser Herr sieht das ähnlich.) Der Wechsel zwischen der perkussiven Bearbeitung des Flügels, dem lyrischem Tastenspiel und R&B-Rhythmen in diesen acht Minuten absolut faszinierend.

Auch insgesamt ist dieses Album eines der bemerkenswertesten in Keith Jarretts immensem Werk und wurde vor kurzem, 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, von ECM als Faksimile wiederveröffentlicht.


13. November 2023

DAAU

Etwa 1995 tauchte in meinem musikalischen Universum eine Kassette auf, die das erste Album einer belgischen Band namens „Die anarchistische Abendeinhaltung“ enthielt. Der Name war dem Buch „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse entnommen, die Band bestand aus vier klassisch ausgebildeten Musikern die Klarinette, Geige, Cello und Akkordeon spielten. Mit viel Punk-Allüren entwarfen sie eine Musik in der vieles durcheinander geriet und sich zu einer völlig neuen Art von Kammermusik entwickelte.

Im Laufe der Jahre erreichten mich alle anderen Alben kurz nach ihrer Veröffentlichung per Post und enttäuschten nie. Die Zusammensetzung der Band änderte sich immer wieder mal, der Name wurde gelegentlich aus praktischen Gründen zu DAAU verkürzt, der Sound wurde mal elektronischer, mal abstrakter, es gab Ausflüge in die Theatermusik und Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. Die Grundidee einer energiegeladenen Kammermusik blieb immer erhalten.

Das erste Album (1995, Sub Rosa), das zu meinen All-Time-Favoriten gehört, wurde vor kurzem neu aufgelegt und man merkt absolut nicht, dass die Aufnahme bereits 28 Jahre alt ist.


Ebenso vor kurzem erschien das 12. Album der Band, „Musik für animierten Tonspurfilm“ (2023, Sub Rosa) – mit ausgeklügelten Audiocollagen, die das bisherige Schaffen der Band zusammenfassen.


P.S. Im Oktober 1998 spielten DAAU übrigens ihr einziges (?) Konzert in München, das Publikum war nicht sehr zahlreich (etwa 20 Besucher), dennoch gab es eine Zugabe nach der anderen und wurde so zu einem unvergesslichen Abend.

Lesetipp: Hermann Hesses „Steppenwolf“, ein Roman den man oft in jungen Jahren gelesen hat, verliert bei der erneuten Lektüre im Alter von Harry Haller - in den Fünfzigern - nichts von seiner Faszination und Aktualität und enthält unter anderem einige interessante Bezüge zur Jazz-Musik.


27. Oktober 2023

Vater und Sohn



Die Geschichte der Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach (Vater) ist noch lange nicht auserzählt … Soeben erschien eine neue interessante Version des isländischen Pianisten Víkingur Ólafsson (2023, Deutsche Grammophon), auf den ich vor einigen Jahren über eine zauberhafte Einspielung von Klavierwerken von Philip Glass aufmerksam wurde. Er interpretiert nun Bachs Monumentalwerk in teilweise schwindelerregendem Tempo und findet neue rhythmische Varianten, die das Werk auf völlig neue Weise lebendig werden lassen. Insgesamt klingt alles sehr frisch und reiht sich schnell in meine Lieblingsversionen ein.

Ein anderes Album, zu dem ich in letzter Zeit immer wieder zurückkehre, sind die „Württembergischen Sonaten“ von Carl Philipp Emanuel Bach (Sohn), 1995 auf dem Klavier eingespielt von Keith Jarrett (2023, ECM). Sehr geradlinig und doch mit immenser Anmut.

C. P. E. Bach, der im 18. Jahrhundert ein massgebende Theorie über den Klavierunterricht verfasste, den „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“, schreibt in diesem zweibändigen Werk Sätze wie diesen: „§. 13.  Indem ein Musickus nicht anders rühren kan, er sey dann selbst gerührt; so muß er nothwendig sich selbst in alle Affecten setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will; er giebt ihnen seine Empfindungen zu verstehen und bewegt sie solchergestalt am besten zur Mit-Empfindung. Bey matten und traurigen Stellen wird er matt und traurig. Man sieht und hört es ihm an. Dieses geschieht ebenfalls bey heftigen, lustigen, und andern Arten von Gedancken, wo er sich alsdenn in diese Affecten setzet.“ (Quelle). Der Autor hätte sich kaum eine bessere Umsetzung dieser Theorien wünschen können, als die von Keith Jarrett.


P.S. Eine schöne Entspannungsübung für zwischendurch ist es, sich hin und wieder eine Sonate oder ein paar Variationen einzeln zum Anhören vorzunehmen. 


18. Oktober 2023

Farewell to Carla Bley (1936–2023)


„In gewisser Hinsicht kann man
Carla Bley als das weibliche, jazzorientierte Gegenstück zu Frank Zappa bezeichnen. Im kompositorischen Œuvre beider spielen Humor, Spott und Sinn für Skurriles eine ebenso wichtige Rollen wie harmonische und rhythmische Finesse oder das Gespür für einprägsame, aber dennoch unberechenbare Melodien. Und wie Zappa erlernte auch Carla Bley ihr Handwerk größtenteils autodidaktisch.“ (JazzEcho)


12. Oktober 2023

John Zorn …

… feierte am 2. September seinen siebzigsten Geburtstag. Anstelle eines Textes präsentiere ich hier lediglich eine Mindmap, die weit davon entfernt ist vollständig zu sein. Aber sie zeigt – als eine Art persönliche Wimmelgrafik – unter anderem einige der Bezugspunkte, die ich im Laufe vieler Jahre mit John Zorns Werk hatte, und darüber hinaus einiges, was ich gerne noch weiteverfolgen möchte.


10. Oktober 2023

ONJ + KI

Da wir in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr ohne KI auskommen werden, müssen wir eben anfangen, mit ihr auf möglichst intelligente Weise zu leben. Dies ist der Fall beim Orchestre National de Jazz (ONJ), mit ihrem Album „Ex Machina“, das unter der Leitung von François Morin und mit Hilfe des Klangforschers und Saxophonisten Steve Lehman die KI in ihr Ensemble eingegliedert hat. Das Ergebnis ist ein aufregendes Klangerlebnis, bei dem akustische und elektronische Instrumente immer wieder ineinander übergehen und sich neu verknüpfen. Eine faszinierende Reise mit 18 Musikern und einer künstlichen Intelligenz, die Hörgewohnheiten auf den Kopf stellt und dabei trotzdem sehr zugänglich bleibt.

Als ich im Frühjahr das Programm live bewundern konnte, entdeckte ich am Verkaufsstand ein weiteres sehr schönes Projekt des ONJ. Eine von Dracula inspirierte Erzählung mit Text und Musik für ein Publikum von 6 bis 666 Jahren, von zwei Schauspielerinnen und neun Mitgliedern des ONJ auf sehr poetische Weise umgesetzt wurde. Die daraus entstandene CD ist einem opulentes Buch mit Monotypien der Illustratorin Adele Maury beigefügt, die die Geschichte nochmals als eine Art Graphic Novel mit ihren eigenen Bildern nacherzählt. Ein weiteres schönes Beispiel für ein gelungenes Crossover zwischen verschiedenen Künsten.

www.onj.org


25. September 2023

Schubert, gezupft

Es gibt einige Künstler, die sich wie ein roter Faden durch diesen Blog ziehen. Franz Schubert gehört unter anderem dazu. Auf dem kleinen, fein konzipierten Label Vision Fugitive ist soeben das Album „Sehnsucht“ mit einer Auswahl seiner Liedkompositionen in Gitarrenbegleitung erschienen. Anfang des 19. Jahrhunderts, der Zeit in der Schubert mit seinen Kameraden durch Wien und sein Umland zog und in Kneipen und Wohnungen Soireen veranstalteten, war die Gitarre ein gern gesehenes Begleitinstrument. Daher wurden schon damals Liedpartituren nicht nur mit Klavierbegleitung, sondern auch mit Gitarrenbegleitung veröffentlicht, die oft von den Verlegern selbst angepasst wurde.

Aus diesen Versionen wählten nun die Sopranistin María Cristina Kiehr und der Gitarrist Pablo Márquez fünfzehn Lieder aus und interpretieren jedes von Ihnen sehr individuell und ergreifend. Zunächst hat man ein bisschen den Eindruck mittelalterlicher Lautenmusik zu lauschen, doch sehr schnell erkennt man den typischen Duktus der Schubertlieder. Und da die Gitarrenbegleitung überraschend gut dazu passt, könnte man Franz Schubert fast als den Urvater der österreichischen Liedermacher bezeichnen.

Und wenn man im Folgenden dann auch noch die Ausgabe der Winterreise (2011, Christophorus) mit dem Tenor Christoph Prégardien und Tilman Hoppstock an der Gitarre anhört, überlegt man für einen kurzen Moment ob man dieses Werk vielleicht nur noch mit dieser Instrumentalbegleitung hören möchte …


12. September 2023

Staunen

Diesmal geht es darum, ein Auge auf zwei Bücher zu werfen, die diesen Sommer ihren Weg zu mir gefunden und mich mit großem Staunen zurückgelassen haben. Beide sind auf Französisch, aber wenn man die Sprache ein wenig beherrscht, sind sie ganz gut zu verstehen.

Das erste Buch handelt von „Don Cherry – Le petit prince du free“ (Le mot et le reste), der selbst nie aufgehört hat zu staunen, dadurch an vielen Entwicklungen in der Jazzmusik mitgewirkt hat und auch anderen Stilen gegenüber sehr offen war (1) (2). Der Autor Nicolas Fily beschreibt chronologisch alle (bislang bekannten) Alben, an denen der Musiker beteiligt war und fügt dabei biografische Informationen hinzu. Und selbst wenn man glaubt, Cherry bereits zu kennen, verbirgt sich hinter fast jeder neuen Seite eine neue Überraschung.

Ähnliches gilt für Guy le Querrecs Fotobuch über „Michel Portal – Au fur et à mesure“ (Les Éditions de Juillet). Guy le Querrec, passionierter Jazz-Fan und Magnum-Fotograf, der das Jazzgeschehen in Frankreich seit vielen Jahren begleitet, hat für diese Publikation Fotos ausgewählt auf denen der Klarinettisten Michel Portal – allein und im Kreise zahlreicher Kollegen – (3) in der Zeit zwischen 1964 und 2011 zu sehen ist.

Das liest sich wie die Geschichte des französischen Jazz, in der auch immer wieder große amerikanische Namen auftauchen. Und auch der Begleittext von Jean Rochard erzählt von immer wieder ungeahnten Konstellationen, die Frankreich ab den 1960er Jahren zu einem Drehkreuz der improvisierten Musik machten.

Die poetische und kompositorische Qualität von Le Querrecs Bildern ist so hoch, dass man auch hier aus dem Staunen nicht herauskommt. (Eine Eigenschaft, von der leider heutzutage viel zu wenig Gebrauch gemacht wird). 

Übrigens:
Anfang dieses Jahres wurde eine 45 Jahre alte Live-Aufnahme Roundtrip“ (1977, Transversales) gefunden und veröffentlicht, auf der Don Cherry und Michel Portal mit dem Pionier der elektroakustischen Musik Jean Schwarz (und Jean-François Jenny-Clark und Naná Vasconcelos) gemeinsam musizieren. Eine Mischung aus spirituellem Jazz und elektronischen Klängen, die keinen Zweifel an der Spielwütigkeit und Klasse dieser beiden Freigeister lässt …


1. September 2023

Swordfishtrombones


25. August 2023

Zwei Tage

Uzeste Musical - 46ème Hestejada de las arts
Ein Knotenpunkt an dem Musik, Poesie, Literatur, Theater, Film, Sprache, Malerei, Fotografie, Politik, Diskussion, Improvisation, Installation, Vision aufeinandertreffen und man mit dem Bedürfnis einer engeren Verflechtung all dessen in seinen Alltag zurückkehrt. uzeste.org


9. August 2023

Saubere Angelegenheit

Man gebe Ludwig van Beethoven, den portugiesischen Kontrabassisten Carlos Bica - klassisch ausgebildet mit fließenden Übergängen zum Jazz, den mit allen Wassern gewaschenen Saxophonisten Daniel Erdmann, dessen Instrument angenehm rostig klingt, DJ Illvibe alias Vincent von Schlippenbach (seit seiner Kindheit mit Free Jazz geduscht) und einen der renommiertesten Akkordeonisten Europas, João Barradas, mit einer Welle über dem a, in eine Waschmaschine.

In das Waschmittelfach kommen ein bisschen Tom Waits und Tex Avery, dann wird gewaschen und gut geschleudert, und heraus kommt dieses Album „Playing with Beethoven“ von grandiosem Einfallsreichtum. Extrem verspielt, sehr schräg, aber immer auf hohem musikalischem Niveau. Und spätestens wenn die Turntables die Mondscheinsonate zerhackstückeln, muss der eingefleischte Beethoven-Fan ganz stark bleiben ….


20. Juli 2023

Live

Was ein Album nicht ersetzen kann:

Sehen wie die Musiker untereinander agieren, mit Blicken und Gesten kommunizieren, ausschweifend improvisieren, sich gegenseitig wertschätzend zuhören, kleine Ansagen machen, Anekdoten erzählen …

Sich als Zuhörer im Taumel der Musik verlieren, einzigartige Momente einfangen, Stimmungen aufnehmen, Eindrücke kurz mit dem Nachbarn austauschen, applaudieren, eine Zugabe erarbeiten und den Moment erspüren wenn das Konzert zu Ende ist.

Dann im Anschluss mit alten und neuen Bekannten (und einem Glas Wein) den Abend resümierend und diskutierend ausklingen lassen.

Micah Thomas (Piano), Matt Brewer (Bass), Immanuel Wilkins (Saxofon) und Kweku Sumbry (Schlagzeug) in der Münchener Unterfahrt am 16. Juli 2023

Gerald Clayton (Piano), Gregory Tardy (Saxofon, Klarinette), Bill Frisell (Gitarre) und Jonathan Blake (Schlagzeug) im Bürgerhaus Unterföhring am 14. Juli 2023

Trotzdem anhören:
Bill Frisell – Four – Blue Note, 2022
> subtiles Ensemblespiel zwischen Blues und Kammermusik
Immanuel Wilkins – The 7th Hand – Blue Note, 2022
> um den Musikernachwuchs muss man sich keine Sorgen machen …


12. Juli 2023

Peter Brötzmann 1941-2023

Vom 9. bis zum 11. Mai 1977 fuhren Peter Brötzmann und Han Bennink (*1942) jeden Morgen tief hinein in den Schwarzwald. In einem schwarzen Lieferwagen transportierten sie verschiedene Klarinetten und Saxofone, Vogelpfeifen, eine Bratsche, ein Banjo, Becken und ein tragbares Aufnahmegerät. Dies alles bauten sie an immer wieder anderen Stellen auf und spielten (!). Aus dieser Aktion entstand das Album „Schwarzwaldfahrt“ (FMP):

Die Aufnahme beginnt mit einem Dialog der mitgebrachten Blasinstrumente der entfernt an Prokovievs „Peter und der Wolf“ erinnert. Doch im Laufe der Zeit nutzen sie mehr und mehr die von der Natur gebotenen Klangmöglichkeiten. Während Brötzmanns Klarinettentöne noch wie Insekten umherschwirren, geht Han Bennink, der ohne sein Schlagzeug anreiste, dazu über Baumstämme, Steine, den Lieferwagen zu betrommeln. Daraus entwickelt sich ein Rhythmus der dem ritueller Stammestänze alter Naturvölker nahe kommt. Immer wieder pfeift der kalte Wind durch die Mikrofone.

Vogelpfeifen trällern Duette mit ihren Vorbildern, einem vorbeifliegenden Düsenflugzeug wird wild hinterher gepfiffen. Irgendwann gelangen die beiden Musiker an einen See und während die Klarinette noch versucht, die Melodie des Wassers zu imitieren, taucht bereits ein zweites Blasinstrument in den Fluss ein und kurz darauf blubbern beide Instrumente einen fröhlichen Reigen unter der Wasseroberfläche.

Ab und zu schleichen sich kleine Bluesmelodien ein, Jazz-Splitter fliegen durch den Raum – die Saiteninstrumente kommen zum Einsatz und das Spiel mit der Natur wird immer überschwänglicher, während gleichzeitig die Batterie des Aufnahmegeräts langsam leiernd zur Neige geht.

Im Hintergrund erinnert noch das Geräusch einer Motorsäge an Zivilisation … dann wird es still. Steine werden wie hüpfende Noten in das rauschende Wasser geworfen und die Aufnahme endet mit wildem Plantschen. So findet die Musik ganz allmählich zu ihren Ursprüngen, den reinen Geräuschen der Natur, zurück. 

Dieses Album (von dem es noch aus dem Jahr 2005 eine Version mit weiteren bisher unveröffentlichten Titeln gibt) enthält viel von dem, was Peter Brötzmanns (und auch Han Benninks) Schaffen ausmachte: völlige Freiheit in der Improvisation, das oft spielerische Experimentieren mit Materialien und Klängen, die Liebe zur Natur, das Suchen nach archaischen Formen. Daher ist es ein guter Einstieg, um auch seine anderen Werke besser zu verstehen. Seit 2022 ist der Aufnahme ein Fotobuch beigefügt, das mit Bildern einen Eindruck dieser Entdeckungsreise gibt (Wolke Verlag).

So wie Peter Brötzmann leidenschaftlich Musiker war, arbeitete er auch als Maler und Grafiker und beherrschte es aufs schönste diese verschiedenen Genres miteinander zu verbinden. Dieses Album und zahlreiche andere Tonaufnahmen und Werke seines bildnerischen Schaffens werden nun dabei helfen, die Lücke, die sein Tod verursacht hat, immer wieder zu füllen.


9. Juli 2023

Achtzig

Gegen Ende der 1980er Jahre zog ECM bei mir ein. Dunkelgrüne/graue Albumcover mit einzelnen großen farbigen Wörtern (ARBOS, PASSIO, miserere) und kleinem weißen Text – eine weiße Hülle mit hellgrauem Quadrat – die geheimnisvolle sakrale Musik des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Damals ahnte ich nicht, dass mich die Musik und die Ästhetik dieses Labels bis heute begleiten und prägen würden …

Manfred Eicher, der dieses Label vor 54 Jahren gegründet hat, wird heute 80 und ich bin ihm unendlich dankbar für sein konsequentes Hochhalten und Vermitteln einer Kultur, die immer mehr vom Verschwinden bedroht ist.

P.S. Erst viele Jahre später habe ich realisiert, dass das weiße Album mit dem grauen Quadrat (Tabula rasa) meine erste Begegnung mit Keith Jarrett war. 


7. Juli 2023

Denkende Hände

Seit etwa zehn Jahren veranstaltet Hélène Dumez in ihrer Wohnung in der Rue Paradis in Marseille Privatkonzerte. Um die intime Atmosphäre dieser Konzerte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, hat sie nun 14 Pianisten eingeladen, auf ihrem Steinway B-Flügel jeweils ein Soloalbum aufzunehmen. Den zwischen 1945 und 1993 geborenen Pianisten wurde absolut freie Hand gelassen, lediglich die Aufnahmebedingungen im Wohnzimmer waren immer ähnlich. Das Ergebnis sind Momente höchster Konzentration und Anmut: improvisieren, erinnern, zitieren, summen, pfeifen, hier und da kommt eine Gesangsstimme hinzu oder auch nur zufällige Geräusche im Hintergrund wie Vogelgesang durch die geöffneten Fenster. Diese Aufnahmen erscheinen auf dem eigens für diesen Zweck gegründeten Label „Paradis Improvisé“ und werden seit Herbst 2022 paarweise alle zwei Monate veröffentlicht. Zuletzt waren zwei feine Wunderwerke von Bojan Z (*1968) und Yonathan Avishai (*1977) an der Reihe (> NEUES). Auf der Website des Labels finden sich ausführliche Informationen und Videos zu diesem außergewöhnlichen Projekt: www.paradis-improvise.com


2. Juni 2023

Warum Jazz?

Vor kurzen wehte es mir das Buch „Warum Jazz?: 111 gute Gründe“ des amerikanischen Musikkritikers Kevin Whitehead (2014, Reclam) ins Haus. Darin werden gut die Zusammenhänge beschrieben, woher der Jazz stammt, welche Entwicklungen er durchgemacht hat und in welche Strömungen er sich aufteilt. Es geht nicht sehr tief ins Detail, die europäischen Strömungen sind eher kurz angerissen, der französische Jazz ganz weggelassen (für den braucht es eigentlich sowieso mal ein eigenes Werk), aber man bekommt einen sehr guten Überblick über die Definition von Jazz.
Immer wieder eingestreute Hörhinweise führen nebenbei zu manch neuer Entdeckung: zum Beispiel zu einem Album von Billie Holiday, neugierig gemacht durch den Satz: „Es heißt oft, wer ihre frühen Aufnahmen gerne höre, sei unreif, während diejenigen, die die Aufnahmen ihrer letzten Periode am beeindruckendsten finden, oft bezichtigt werden, einen Hang zum Makaberen zu frönen.“  
Da mich vor allem letzteres interessiert gibt es nun einen neuen Eintrag unter > stimmen.


1. Juni 2023

Follow the Rabbit

München hat den Ruf teuer, sauber und schnöselig zu sein. Dass es hier eine ganz hervorragende Subkultur gibt, wissen nur wenige. Und die treibt im Untergrund immer wieder sehr aufregende Blüten: Im letzten Jahr erschien das Album „What are people for?“ (2022, Alien Transistor) das aus einem Vokal-Tanz-Performance-Projekt der Künstlerin Anna McCarthy und der Musikerin Manu Rzytki entstand. Dieses erfahrene Team stellt hier Seh- und Hörgewohneiten mit schwarzem Humor, starken Texten und formvollendeten Musikarrangements völlig auf den Kopf. Das ist schräg, verspielt und hat viel Power! Am Schlagzeug sitzt dabei Tom Wu, der trommelnd, singend und komponierend soeben mit sehr ähnlicher Personalunterstützung  sein neues Album „Tom Wu is Dead“ (2023, Echokammer) herausgebracht hat. Entgegen der der durchaus diskussionswürdigen Plattenpromo ist dieser nach wie vor sehr lebendig und legt hier ein (drittes) vielschichtiges Werk musikalischer Wertarbeit vor, das Elemente des Glamrock mit energiegeladener Elektronik mischt und auch gerne mal Orffsches Schlagwerk verwendet.
Alles in allem ein Wunderland das es verdient hat jenseits des Untergrunds entdeckt zu werden. Auch live!


1. Mai 2023

Ahmad Jamal 1930-2023

“(He) knocked me out with his concept of space, his lightness of touch, his understatement, and the way he phrases notes and chords and passages.” (Miles Davis)


1958, Argo

Ahmad Jamal: Piano
Israel Crosby: Bass
Vernell Fournier: Schlagzeug

1970, Impulse

Ahmad Jamal: Piano
Jamil Nasser: Bass
Frank Gant: Schlagzeug

2015, Jazz Village

Ahmad Jamal: Piano
Reginald Veal: Bass
Herlin Riley: Schlagzeug
Manolo Badrena: Percussion

2017, Jazz Village

Ahmad Jamal: Piano
James Cammack: Bass
Herlin Riley: Schlagzeug
Manolo Badrena: Percussion
Abd Al Malik, Mina Agossi: Stimme


21. April 2023

New Masada Quartet

Obwohl John Zorn auf diesen Seiten noch nicht ein einziges Mal erwähnt wurde, reichen die Einflüsse dieses „Multifunktions-Künstlers“ hier ganz weit hinein. Viele der bereits erwähnten Musiker gingen bei seinen Projekten und seinem Label Tzadik ein und aus. Jamie Saft, Dave Douglas, Chris Speed, Tom Cora und und und. Sein Werk und Universum sind so immens, dass es nicht einfach ist darüber zu schreiben. Im September wird er 70 Jahre alt – vielleicht ein Grund, um diese Herkulesaufgabe bis dahin anzugehen. 

Einstweilen wirft man am Besten sehr viele Ohren auf sein neues Album mit dem New Masada Quartet. Die Besetzung ist edel, das Ergebnis aufregend schön und zeigt wieder einmal, wie wunderbar Zorn seine jüdische Wurzeln in seine raffinierten Kompositionen einfließen lässt.


New Masada Quartet Vol. 2
2023, Tzadik


John Zorn: Altsaxophon, Covercollage
Jorge Roeder: Bass
Julian Lage: Gitarre
Kenny Wollesen: Schlagzeug


8. April 2023

Ostern

Simon-Pierre Bestion ist jemand der mit seinem Ensemble „La Tempête“ Werke der Alten Musik in außergewöhnliche Richtungen führt, die überraschend aber immer sehr plausibel sind. So auch dieses Auferstehungsoratorium „Larmes de résurrection“ in der er freimütig das Chorwerk von Heinrich Schütz (1585-1672) die „Auferstehungshistorie“ (voller Titel: Historia der fröhlichen und siegreichen Auferstehung unseres einigen Erlösers und Seligmachers Jesu Christi) mit dem geistlichen Madrigal „Israels Brünnlein“ von Johann Hermann Schein (1586-1630) im Wechsel kombiniert. Eine Art Verbindungsglied bildet der Gesang des Libanesen George Abdullah der die Rolle des Evangelisten lautmalerisch auf deutsch singt, was dieser Erzählung eine orientalische Anmutung gibt, die dem Ort des Geschehens dieser Auferstehungsgeschichte entspricht.
Ich denke man muss nicht unbedingt religiös sein, aber schon ein wenig abenteuerlustig, um dem Zauber dieser ungewöhnlichen Aufnahme zu erlegen, die diesen alten poetischen Texten der Ostergeschichte musikalisch etwas faszinierend Schwebendes verleiht.


Larmes de Résurrection
La Tempête
Simon-Pierre Bestion, Leitung
2018, alpha


31. März 2023

Pause

Es geht bald weiter.
Bis dahin: Eine Auswahl an guter „Silence“.


21. Februar 2023

Nina Simone


14. Februar 2023

B

Die Namen vieler großartiger Musiker beginnen mit einem B! So wie auch der der Beatles. Und diese wurden zum wiederholten Mal gecovert, diesmal von einem gewissen Brad (Mehldau). Der rauscht auf seinem neuen Album „Your Mother Should Know“ (2023, Nonesuch) allein am Klavier wie eine frische Brise durch ein weniger bekanntes Beatles-Repertoire. Mal ein leichter Hauch von Walzerklängen, mal ein fegender Boogie, meine liebste McCartney-Melodie „For No One“ ist auch dabei. So luftig und schwebend – ein bisschen als hätte man geschlagenen Eischnee (und noch ein paar Zutaten mehr) untergehoben – wurden diese Songs selten interpretiert. Das klingt dann beinahe schon wie ein klassisches Klavierkonzert, denn wenn man jemanden aus der Rock- und Popwelt mit Bach und Beethoven auf eine Stufe stellen möchte, wäre diese Band aus Liverpool ein gute Wahl. Am Ende dieser (Live-)Aufnahme aus der Pariser Philharmonie weht es einen dann noch mit einem anderen B in Richtung Weltraum. Mit David Bowies „Life on Mars?“, in dessen Songtext John Lennon sogar erwähnt wird.

Dies ist bereits das dritte vorgestellte Album auf diesen Seiten, das sich (fast) komplett mit Beatles-Werken beschäftigt – neben Mike Westbrooks „Abbey Road“-Reminiszenz (Blogeintrag vom 9.4.2021) und der Übertragung des „White Albums“ kurz nach seinem Erscheinen durch Ramsey Lewis in dessen musikalisches Universum (Blogeintrag vom 15.4.2021).

Natürlich gibt es zahlreiche Beispiele einzelner hervorragend gecoverter Songs, aber (gute) in Gänze Beatles-Kompositionen gewidmete Alben sind überraschenderweise gar nicht so zahlreich.
Ein weiteres schön lässiges Beispiel, auf das ich immer wieder gerne ein Ohr werfe, ist das 2002 in Japan erschienene Album „Across the Univers“ des Walter Lang Trios mit Klavier, Bass und Schlagzeug.

Übrigens: Die slowenische Band Laibach hat sich 1988 das letzte Beatles-Album „Let It Be“ (Mute) komplett einverlaibt (!). Ein durchaus amüsantes Unterfangen, wenn man eine gewisse Sympathie für dieses seit 1984 existierende Künstlerkollektiv hegt.


1. Februar 2023

A Kind of Magic

Le Cri du Caire – vor etwa einem Jahr habe ich Konzertausschnitte dieser Formation im Netz gefunden und wartete seitdem ungeduldig auf diese Aufnahme die nun endlich erschienen ist:

Im Mittelpunkt steht der ägyptische Dichter, Sänger und Freiheitskämpfer Abdullah Miniawy, der 2017 des Landes verwiesen wurde und seitdem europaweit in verschiedenen Konstellationen arbeitet. An seiner Seite stehen der deutsche Cellist Karsten Hochapfel, der sich immer wieder in interessanten Projekten bemerkbar macht, der vielseitige englische Saxophonist Peter Corser und als Gast der Schweizer Trompeter Erik Truffaz, seit langem eine feste Größe im französischen Jazz.

Aufgenommen in der Zisterzienserabtei Noirlac im Herzen Frankreichs vermischt sich hier Sakrales mit Sufismus, Barock und Improvisation. Gleich einem Muezzin rezitiert Miniawy eindringlich seine Texte, Saxofon und Cello führen rhythmisierend in tranceähnliche Zustände und über all dem schweben luftig die Trompetentöne. Es dürfte schwer werden sich von dieser Musik nicht verführen zu lassen.

Eine Übersetzung der arabischen Texte ins Französische findet sich übrigens hier.


24. Januar 2023

Metamorphosen

2013 erschien ein Album, das meine Hörgewohnheiten beim Jazz gehörig durchrüttelte: zwei Schlagzeuger, die mächtig einheizten, ein Saxophon, das lyrische, energiegeladene Melodien hinzufügte und schließlich eine Tuba, die das alles verband und durchdrang. Die britische Band mit diesem ungewöhnlichen Instrumentarium waren die Sons of Kemet, das Album hieß „Burn“ (> quartett) und brannte afroamerikanisch und karibisch geprägt, durch Elektronik unterstützt, eine neue Markierung in die Geschichte des Jazz. Ebenso wie die drei darauffolgenden Alben. Da alle Mitglieder der Band mittlerweile intensiv in andere Projekte eingebunden sind, wurde die Formation im letzten Jahr aufgelöst.

Sebastian (Seb) Rochford, einer der beiden Schlagzeuger (bis 2019), der an seinem üppigen Haarschopf zu erkennen war, hat nun - mittlerweile kahl - ein Duo-Album mit dem Pianisten Kit Downes veröffentlicht. „A Short Diary“ (ECM) enthält Kompositionen, die Rochford kurz nach dem Tod seines Vaters, dem schottischen Dichter Gerard Rochford, im Jahr 2019 schrieb, um diesen Verlust zu verarbeiten.

Heraus kam eine Musik, die allerdings in eine völlig andere Kategorie, als der vehemente Sound der Sons of Kemet fällt.

Das Album beginnt mit dem packenden Titel „This Tune Your Ear Will Never Hear“ und klingt ungefähr so, als würden die beiden Musiker die Begleitung zu einer nicht vorhandenen Melodie spielen.

Was folgt, ist weiterhin meist von extremer Ruhe getragen und musikalisch nicht weit von Eric Saties „Gnossiennes“ entfernt: andächtige Klavierlinien, das Schlagzeug, im Hintergrund oft kaum hörbar, beziehungsweise in enger, spannender Verschmelzung mit dem Klavier, alles ganz zart, ohne in Sentimentalität abzudriften. Das Album endet mit einer Weise, die Rochfords Vater selbst komponiert und seinem Sohn per Telefon übermittelt hatte. Es lohnt sich übrigens das Album über Kopfhörer anzuhören, um keine der minimalen Schlagzeugberührung zu verpassen. 


13. Januar 2023

zwei



Im Jahr 1973 gab Frank Zappa während eines Konzerts den Satz „Jazz is not dead, it just smells funny“ zum Besten. 

Nun ja, 50 Jahre später ist der Jazz immer noch quicklebendig und nimmt nach wie vor neue faszinierende Duftnoten an. Ich gebe zu es gibt Spielarten des Jazz, die riechen tatsächlich ein bisschen komisch, aber mit gutem Willen und Hörerfahrung wären auch diese mit der Zeit sehr wohl zu ertragen. Darüber hinaus gibt es genug Jazz, der sehr gut riecht und sogar richtig duftet. Dies versuche ich hier nunmehr seit bereits zwei Jahren auf dieser Seite zu vermitteln. Vielleicht hat zu dieser Gelegenheit der eine oder die andere Lust, mir mitzuteilen ob er/sie hier ein paar feine Gerüche gefunden hat?

Wer allerdings tatsächlich seit fast 30 Jahren tot ist, ist Frank Zappa. Sein Vermächtnis ist jedoch nach wie vor hörenswert, obwohl ich die meisten seiner Albumcover abschreckend scheußlich finde. Das rein instrumentale Album „Hot Rats“ von 1969 wäre ein „weicher“ Einstieg, meine Favoriten sind das space-rockige „One Size Fits All“ (1975) oder das cabaretartige „Absolutely Free“ (1967). Oder man beginnt gleich seinem Opus Magnum der zweistündigen Zappa and the Mothers of Invention-Volldröhnung „Uncle Meat“ (1969)!

Da Zappas musikalisch-grenzenlose Denkweise dem Jazz sehr verwandt ist, sollte man sein eingangs erwähntes Zitat nicht allzu ernst nehmen. Eines seiner Live-Alben trägt übrigens den Titel „Does Humor Belong in Music?“ Bei Frank Zappas Werk ist die Antwort eindeutig, ansonsten ist das ein gutes Thema für einen weiteren Blogeintrag …


7. Januar 2023

Ursprünge des Jazz

Das neue Jahr begann ganz hervorragend mit einer „Geschichtsstunde“ des Pianisten Jason Moran über den Komponisten und Bandleader James Reese Europe (1881–1919). Europe schuf Anfang des 20. Jahrhunderts wichtige Grundlagen um afroamerikanischen Musikern Auftrittsmöglichkeiten zu geben und leitete bis zu 150 Musiker starke Orchester, die Konzerte und auf Tanzveranstaltungen spielten. Ragtime, Blues, Dixieland – Musik die zum Wegbereiter des Jazz wurde. Während des 1. Weltkriegs war Europe in Frankreich als Leutnant stationiert und tourte dort sehr erfolgreich mit der Regimentsband „The Hellfighters Band“ und installierte damit diese neue Musik auch in Europa. Bei ihrer Rückkehr in den USA führte diese nur aus afroamerikanischen Musikern bestehende „Hellfighters Band“ die große Siegesparade in New York an.

„From the Dancehall to the Battlefield“ heißt folgerichtig das Album auf dem Moran sein seit langem bewährtes Trio „The Bandwagon“ mit weiteren sieben Bläsern aufspielen lässt. Die Aufnahme beginnt mit einer Voiceover-Einführung in das Thema, dann folgt ein Amalgam aus alten (vor allem von J.R. Europe und W.C. Handys, dem „Vater des Blues“) und neuen Kompositionen, bei denen die Grenzen zwischen dem Beginn des 20. und dem des 21. Jahrhunderts gerne verwischen. Ragtimes und Blues, mit auffallend hoher Geschmeidigkeit intoniert, gehen oft in nachdenkliche Meditationen über. Einer der Höhepunkte der Aufnahme ist „Flee as a bird to your mountain“ ein Stück, das gespielt wurde, wenn ein Kamerad nicht mehr von Schlachtfeld zurückkehrte und das hier in die beschwörenden Formeln der Albert Ayler-Hymne „Ghost“ hinübergleitet. Das Album schließt in ausgelassener Stimmung mit „For James“ einer Collage aus aktuellen Liveaufnahmen, auch mit Gesang, um zu zeigen dass dieses musikalische Erbe immer weiter wirkt.

Das Ende von James Reese Europe war leider weniger schön. Er wurde 1919 von einem seiner beiden Schlagzeuger, der mit dessen strengen Führungsstil nicht einverstanden war, bei einem Streit mit einem Taschenmesser erstochen. „Am Tag darauf wurde die Nachricht im ganzen Land verbreitet und die Stadt New York veranstaltete eine Parade und ein öffentliches Begräbnis, das erste, das jemals einem Afroamerikaner zuteil wurde.“

Das Album ist am 1. Januar bei bandcamp erschienen (zunächst ausschließlich digital erhältlich) und neben James Reese Europe dem Pianisten Randy Weston gewidmet, der Moran vor einigen Jahren zu sich nach Hause zitierte und ihm eine 5-Stunden-Geschichtsstunde eröffnete mit dem Satz: „You need to know about James Reese Europe …“.

Quellen:
über James Reese Europe
über das Album und seine Entstehungsgeschichte


22. Dezember 2022

Weihnachten

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Mit Carla Bley liegt man eigentlich immer richtig, auch zu Weihnachten.

Hinreissende Arrangements bekannter und weniger bekannter Weihnachtslieder mit Carla Bley am Klavier, Steve Swallow am Bass und The Partyka Brass Quintet. Absolut kitsch- und klischeefrei und doch sehr feierlich. Ansonsten: „Keine Experimente zu Weihnachten“ (Blogeintrag vom 21.12.2021)

Carla’s Christmas Carols (ECM, 2009)
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14. Dezember 2022

Highlights 2022

In diesem Jahr gab es vor allem drei Alben, die mich immer wieder in ihren Bann gezogen haben und dies auch noch weiterhin tun:


1 ― Tyshawn Sorey Trio, „Mesmerism“
 „Smart musicians understand their roots, but aren’t afraid to grow beyond them.“ schrieb der renommierte Jazzkritiker Kevin Whitehead in den Liner Notes zu Tom Coras „Gumption in Limbo“ (siehe Blogeintrag vom 23.11.22). Tyshawn Sorey, ein Komponist und Schlagzeuger, der bisher eher im Kontext von Avantgarde und neuer Musik aufgetreten ist, hat sich nun diese Wurzeln zusammen mit dem Pianisten Aaron Diehl und dem Bassisten Matt Brewer sehr genau vorgenommen. Mit Stücken von Horace Silver, Duke Ellington oder dem Klassiker „Autumn Leaves“ eröffnen die drei Musiker große weite Räume, in denen jeder von ihnen genau den richtigen Platz einnimmt. Die perlenden Läufe des Pianisten sind so leicht, als ob die Klaviertasten sich jeglichem Widerstand ergeben hätten, der Bass swingt locker in alle Richtungen und darunter legt Sorey kongenial sein feingliedrig flirrendes Schlagzeugspiel. Dabei entsteht eine Musik die bei jedem erneuten Hören weitere Details ans Licht bringt, ausgiebig reflektiert und gleichzeitig ganz gegenwärtig ist. Eine Besonderheit dieser Aufnahme ist auch, dass sie, ohne viel zu proben direkt eingespielt wurde, was die ganz besondere Klasse dieser Musiker noch verdeutlicht. Das Album war zunächst nur über die Plattform bandcamp erhältlich, wodurch es lange ein absoluter Geheimtipp war.

2 ― Keith Jarrett, „Bordeaux Concert“ 
Keith Jarrett ist mir ein alter, am Klavier manchmal etwas unruhiger, aber sehr sensibler „Freund“, der mir in den letzten Jahren viel Freude bereitet hat. Mit diesem Konzert hat er mich allerdings wie nie zuvor überrascht. Ungewöhnlich kleine Einheiten, die sich immer wieder gegenseitig verspinnen und ein buntes Panorama quer durch Jarretts Werk erschaffen. Immer wieder intensive Melodien, nachdenkliche Läufe und ein Tastenanschlag der mit diesem Konzert an Schönheit kaum zu überbieten ist. (siehe auch Blogeintrag vom 4.10.22

3 ― Kham Meslien, „Fantômes… Futurs“
Kham Meslien, lange Jahre Bassist einer französischen Folk-Rock-Chanson-Band und gelegentlich Begleitmusiker von Größen wie Archie Shepp oder Robert Wyatt, wurde von einem Festivalleiter aufgefordert ein Soloprojekt zu erwägen. Ein weiser Vorschlag, denn die Musik, die dabei herauskam, hat eine schamanische Energie, der man sich kaum entziehen kann. Sie strotzt von rhythmischer Kraft und getragener Weite und wenn der Spoken-Word-Poet Anthony Joseph bei einem der Stücke seinen Text vorträgt tritt der Kontrabass einen Schritt zurück und unterstreicht eindrücklich die Macht der Worte.


6. Dezember 2022

It's a girl!

Vor kurzem habe ich ein Konzert des Saxofonisten Stan Getz aus dem Jahr 1977 entdeckt: „Live at Montmartre“ (Steepl Case). Das Konzert fand nicht in Paris, sondern in einem Kopenhagener Jazzclub gleichen Namens statt. An Getz’ Seite spielte der dänische Bassist Niels-Henning Ørsted-Pedersen (bei dem sich meine Ohren automatisch aufstellen, sobald der Name fällt), Billy Hart am Schlagzeug und - Huch! - eine Frau an Klavier und Rhodes:

Joanne Brackeen (*1938), die bereits in den 50er Jahren in der Männer-dominierten Jazzszene einen festen Platz eingenommen hatte und als erste und einzige Frau Mitglied der Art Blakey Jazz Messengers war, einer wichtigen Talentschmiede des amerikanischen Jazz. Nachdem sie neben ihrer musikalischen Tätigkeit vier Kinder großgezogen hatte begann sie erst spät eigene Formationen zu gründen und in der Lehre an renommierten Musikhochschulen zu arbeiten. Ihr Klavierspiel, das sie sich ab dem Alter von 11 Jahren autodidaktisch beigebracht hatte, ist extrem energiegeladen und vielseitig.

Ihr erstes Album unter eigenem Namen „Snooze“ (1975, später als „Six Ate“ neu aufgelegt) ist ein Klaviertrio mit einem hervorragendem Cecil McBee am Bass und wiederum Billy Hart am Schlagzeug, das sich in einer Reihe mit andern großen Jazzklaviertrioaufnahmen durchaus sehen lassen kann. Sehr schön auch eine Duoaufnahme mit dem Bassisten Eddie Gomez „Prism“ (1979), aber eigentlich ist jede Aufnahme mit Joanne Brackeen, die mir bisher untergekommen ist ein Volltreffer. Und dazu zählt natürlich auch das eingangs erwähnte Konzert mit Stan Getz!


23. November 2022

3x Cello allein

Das Cello ist außerhalb der klassischen Musik eher eine Rarität. Gerade im Jazz wechselten daher Cellisten wie Ron Carter oder Dave Holland oft zu seinem großen Bruder, dem Bass. Diejenigen, die an diesem Instrument festhielten sind oft ganz ungewöhnlich neugierige Grenzgänger. Drei Soloalben solcher Freigeister stelle ich hier nun vor:

1 ― Zunächst „By Myself“ des kürzlich verstorbenen Abdul Wadud (1947–2022) aus dem Jahr 1978. Wadud war einer der ersten impulsgebenden Cellisten, die ihr Instrument perkussiv und frei improvisierend nutzten. Neben seiner Tätigkeit in klassischen Orchestern, wandte er sich vermehrt dem aufkeimenden Free Jazz zu. Auf diesem Album (das leider vergriffen ist, hier aber anhörbar) mischt er seinem frei laufenden Spiel Folk-Elemente zu, die das Album zu einem großen Hörvergnügen machen. Der Pianist Ethan Iverson bezeichnet das Album in seinem lesenswerten Blog als „one of the most friendly and listenable of all avant jazz solo recitals on any instrument“.

2 ― Ein weiterer Großmeister am Cello ist Tom Cora (1953–1998) der dem Instrument Töne entlockte von denen man gar nicht wusste, dass es sie dort gibt. Geformt in Karl Bergers “Creative Music Studio“ und der New Yorker Knitting Factory ist Tom Cora ein äußerst interessanter Musiker, auf den ich sicher nochmals zurückkommen werde. Eines seiner wenigen Soloalben ist „Limbo in Gumption“ (1991), das, mit ein wenig elektronischer Unterstützung, auf eine tollkühne Reise durch diverse Musikuniversen führt. Leider ist auch dieses Album vergriffen, taucht aber hin und wieder antiquarisch auf und sollte, wie auch „By Myself“ unbedingt neu aufgelegt werden!

3 ― Vincent Courtois (*1968) ist ein weiterer extrem breit aufgestellter Cellist, der in fast allen Spielarten des Jazz zuhause ist. In der Zeit des Coronalockdowns hat er sich einen lang gehegten Traum (Quelle) erfüllt und das Solo-Cello-Repertoire der klassischen modernen Musik (Ligeti, Hindenmith, etc.) weitläufig erforscht. Daraus entstand das Album „East“ (2022, La Buissonne), das zeigt, dass Neue Musik gar nicht so kompliziert ist wie es viele erwarten und sich hier vielmehr wie eine Brücke von barocker Gambenmusik („Vorfahren“ des Cellos) zu freier zeitgenössischer Improvisation präsentiert.


20. November 2022

Bei sich

Esbjörn Svensson
Home.s.
2022, Act

Ungeachtet der Sensation, die das posthume Auffinden dieser Aufnahme mit sich bringt, ist dies das Zeugnis eines Musikers der sich nach jahrelanger, erfolgreicher Trioarbeit, in der Einsamkeit seines Kellers, am Klavier auf die Suche nach neuen Wegen begibt. Dabei erfährt man viel über seinen bisherigen Weg und kann nur erahnen wo die Reise hingegangen wäre. Vielleicht sind es nur Skizzen … auf jeden Fall sind diese intimen gelegentlich leise von Svenssons Summen begleiteten Aufnahmen extrem bewegend.


27. Oktober 2022

Vorhang auf …

Fieses Fiepen, Rauschen, in das sich leise der Ton eines Flügelhorns schleicht und plötzlich abrupt: Stille

Was folgt ist ganz großes Theater:
Die Akteure sind die Instrumente – Klarinette, Klavier, Trompete, Flügelhorn, Cello, Schlagzeug, Sounderzeuger – allein, zu zweit, mehr – von den Musikern in immer neuen Dialog gebracht. Gesang einer männlichen Altstimme über Texte aus John Miltons „Paradise Lost“ (1667). Die Titel heißen poetisch „evening on, twilight gray“, „moon rising in clouded majesty“, oder „over the dark, silver“. Die Atmosphäre gleicht der eines shakespeareschen Sommernachtstraums. Die Musik ist minimal, ein Tasten zwischen Nichts und Tönen das immer wieder neue Bilder erzeugt. Dieses Album ist die erste Komposition des französischen Schlagzeugers und Perkussionisten Didier Lasserre (*1972) – eine aufregende Klangreise, die bei voller Aufmerksamkeit, immer wieder zum Staunen bringt.


Didier Lasserre
Silence was pleased
Ayler Records, 2022


18. Oktober 2022

Inspirationen

In diesem Jahr sind zwei faszinierende Musikwerke erschienen die sich mit Werken der bildenden Kunst beschäftigen: „For the Love of Fire and Water“ (Rogueart) von Myra Melford, die Cy Twomblys gleichnamiges Werk, auch Gaeta-Zyklus genannt (Sammlung Brandhorst, München), aus dem Jahr 1981 zur Inspiration genommen hat und „Secular Psalms“ (Greenleave music) von Dave Douglas, ein Auftragswerk zum 600-jährigen Jubiläum des Genter Altars, ein Flügelaltar der von Jan van Eyck erschaffen wurde.

Die Kunst Cy Twomblys (1928-2011) und die Musik Myra Melfords (*1957) haben gemeinsam, dass sie in ihrer Abstraktion zunächst irritieren und je länger man sich damit beschäftigt, mit den Hintergründen oder einfach nur durch sehen bzw. hören tritt aus der Abstraktion – sobald man sie akzeptiert – nach und nach eine Ästhetik zutage, aus der spannende Form-, Ton- und Farbexplosionen entstehen. Für „For the Love of Fire and Water“ hat sich die Pianistin sehr indivduelle und starke Musikerinnen mit ins Boot geholt: Mary Halvorson an der Gitarre, Ingrid Laubrock am Saxophone, Tomeka Reid am Cello und Susie Ibarra am Schlagzeug.

Wie Myra Medford hat auch der Trompeter Dave Douglas (*1963) für seine Produktion der „Secular Psalms“ ein Ensemble aus jungen amerikanischen und europäischen Musikern zusammengestellt. Die Cellistin Tomeka Reid ist auch hier dabei, die Pianistin Marta Warelis, Berlinde Deman spielt Serpent und Tuba und singt, der Gitarrist Frederick Leroux und am Schlagzeug Lander Gyselinck. Instrumente des Spätmittelalters wie Laute und Serpent kommen ebenso zum Einsatz wie E-Gitarre, Elektronik und Pferdegewieher. Die Kombination religiöser Mystik des 15. Jahrhunderts mit Zeitgenössischem ergibt hier eine tatsächlich neu- und eigenartige Musik deren Detailreichtum der Malerei Jan van Eycks (um 1390–1441) durchaus ebenbürtig ist. Schwer zu fassen, aber vielleicht gerade deshalb auch extrem fesselnd.


4. Oktober 2022

Keith Jarrett – Konzert

Obwohl mir Keith Jarretts Musik seit Jahrzehnten regelmäßig den Boden unter den Füßen wegzieht, hatte ich nie das Bedürfnis der „Heiligen Messe“ seiner Solokonzerte vor Ort beizuwohnen. Mir reicht es, wenn ich auf dem Sofa liege und er im CD-Player liegt und spielt oder – noch besser – bei nächtlichen Autobahnfahrten aus dem Lautsprecher klingt. Zwar hat man letztendlich bei jedem seiner Konzerte, die immer aus dem Moment heraus entstehen, seine Lieblingsstellen aber die Dramaturgie eines Konzerts ist es immer wert als Ganzes entdeckt zu werden.

Nun also das „Bordeaux Concert“ aus dem Jahr 2016, das gerade bei ECM erschienen ist und viel leichter und heller erscheint als die Konzerte in München und Budapest aus demselben Jahr. Die dreizehn relativ kurzen Stücke sind - wie so oft - nummeriert (I – XIII) womit nichts im Voraus andeutet wohin die Reise geht. Und die hat es in sich, denn im Gegensatz zu Jarretts oft endlosen Konzertimprovisationen (in denen man sich immer wieder gerne verliert), zeigt dieses Kaleidoskop der kleineren Einheiten gut die große Breite seines Repertoires: Detailreiche Abstraktion, tastende Übergänge, strahlende Melodien, die einem die Tränen in die Augen treiben, bluesiges, kleine Etüden, Standards und natürlich auch Pathos. Der krönende Abschluss dieser Konzertaufnahme führt in spanische Gefilde und entlässt den Zuhörer sanft in die Stille.


Zum Abschluss dankte der Pianist dem Publikum in der Oper von Bordeaux mit folgenden Worten: „Sie sind buchstäblich ein außergewöhnliches Publikum. Ich danke Ihnen dafür. Und glauben Sie mir, ich sage das nicht jedes Mal“ (Quelle). Wahrscheinlich ist es auch deshalb ein außergewöhnliches Konzert geworden.


24. September 2022

Hurdy-Gurdy

In den 90er Jahren veranstaltete ein Münchener Kaufhaus, das neben viel Mode, auch eine sehr passable Tonträgerabteilung beherbergt, eine Konzertreihe namens „Jazz im Beck“. Mein erstes Konzert, an das ich mich dort erinnern kann, fand zwischen zur Seite geschobenen Kleiderständern statt und es konzertierte der Drehleierspieler Valentin Clastrier, begleitet von verschiedenen europäischen Musikern (siehe Bild) mit denen er damals hervorragende Alben wie „Hérésie“ (1992) und „Le bûcher des silences“ (1994) produzierte. Ganz besonders mochte ich das Trioprojekt „Palude“ (1995, Wergo, » trio) zusammen mit dem Saxofon- und Klarinettenspieler Michael Riessler und dem Tamburinspieler Carlo Rizzo.

Die Drehleier (engl. Hurdy Gurdy) ist ein Instrument dessen Ursprünge im Mittelalter liegen und das – grob gesagt – aus Saiten, Tasten und einer Kurbel besteht, die an einem Holzkasten befestigt sind und für ein sehr besonderes Klangspektrum sorgen. Vertiefend dazu empfehle ich den Dokumentarfilm Im Inneren des Klanges“ über den Drehleierbauer Wolfgang Weichselbaumer, der – unter anderen mit der Unterstützung von Valentin Clastrier (der bis heute zu den wichtigsten Drehleierinterpreten zählt) – entscheidend an der Weiterentwicklung dieses Instrumentes mitarbeitet hat.

Ein weiterer Kunde Weichselbaumers ist Matthias Loibner von dem soeben ein Duoalbum „Still Storm“ (2022, Intakt) mit dem Schweizer Perkussionisten Lucas Niggli erschienen ist. Darauf befinden sich Stücke, die wie vom zarten Hauch japanischer Haikus durchweht sind und für ein entspanntes, anspruchsvolles Hörerlebnis sorgen.

Übrigens: Matthias Loibner hat auch Schuberts Winterreise für Drehleier adaptiert und mit einer Sopranistin 2010 aufgenommen (RaumKlang). Eine weitere interessante Etappe dieses Werks (siehe 30.06.22 und 11.05.21).


15. September 2022

Subaqueous Silence

Schweigsam und tiefgründig – fast wie eine Vertonung des Gedichtes „Fisches Nachtgesang“ (1887) von Christian Morgenstern: Die „Subaqueous Silence“ (= Unterwasserstille) des Ayumi Tanaka Trios (ECM, 2021), ein weiterer „stiller Knaller“ aus Norwegen. (Blogeintrag von 2. Dezember 2021)


30. August 2022

Der Jazz wird weiblicher

Nachdem das weite Feld des Jazz lange eher eine Männerdomaine war, machen seit einiger Zeit immer mehr Musikerinnen, scheinbar wie selbstverständlich, mit innovativen Projekten auf sich aufmerksam. Soeben sind wieder zwei ungewöhnlich spannende Alben von deutschen Musikerinnen erschienen:

Das ist zum einen „13 Rabbits“ der Leipziger Komponistin und Pianistin Friederike Bernhardt die sich für dieses Projekt Moritz Fasbender nennt. Eine hervorragende Symbiose von Elektronik und aller Arten von Tasteninstrumenten, bei der man sich ein wenig wie unter einem sommerlichen Sternenhimmel fühlt und mit jedem Stück neue faszinierende „Himmelsphänomene“ entdeckt.

Das andere Album nennt sich „Tzivaeri“ und ist ein Werk der deutsch-griechischen Bassistin Athina Kontou, die sich hierfür auf die Erforschung ihrer griechischen Wurzeln begeben hat. Mit ihrem famosen Jazzquartett und zwei Gästen an traditionellen Instrumenten wie Oud, Bouzouki und Lavta werden hier Melodien des griechischen Kulturkreises behutsam, aber sehr energiegeladen auf moderne Weise interpretiert.

» NEUES


24. August 2022

jaimie branch (1983–2022)

Musik als Notwendigkeit, Musik als Lebenselixir. Wenige konnten das so authentisch und intensiv transportieren wie jaimie branch, die seit ihrem neunten Lebensjahr Trompete spielte. Konservatorisch geschult, in Trompeterkreisen geachtet, hat sie nicht nur dem politischen Jazz eine ganz neue Note hinzugefügt – die zugleich roh und elegant sein kann – ohne ihre feste Verwurzelung in ihm zu leugnen.

jaimie branch hinterlässt einige sehr aufregende Aufnahmen – mit feinen Kompositionen und Arrangements und hervorragenden Mitmusikern (Jason Ajemian am Bass, Chad Taylor am Schlagzeug, Tomeka Reid bzw. Lester St. Louis am Cello) – die bereits vor ihrem viel zu frühen Tod einen festen Platz in der Musikgeschichte eingenommen haben:

Fly or Die (2017)
Fly or Die II: bird dogs of paradise (2019)
Fly or Die Live (2021)
Anteloper (Duo mit Jason Nazary):
Pink Dolphins (2022), mit „Earthlings“, das von ihrer sehr schönen Stimme zeugt
alle International Anthem


19. August 2022

Silence

Zitat aus „Vortrag über etwas“ aus John Cage, „Silence“:


8. August 2022

Louis Sclavis

Der 1953 geborene Klarinettist und Saxofonist Louis Sclavis ist seit langem eine feste Größe im europäischen Jazz. Er komponiert u.a. auch für Film, Theater und Tanz, verarbeitet diverse Erfahrungen aus Kunst, Fotografie und von Reisen und stellt immer wieder neue Musikerkonstellationen zusammen, die er zunächst nach menschlichen Aspekten auswählt und daraufhin erst die Musik entwickelt. 

„Eine CD von Louis Sclavis ist immer das Versprechen einer Reise zur Kunst der eindrucksvollen Melodie, zur Erkundung neuer Klanglandschaften und neuer Aromen. Komponierte Musik, improvisierte Musik, Folklore, zeitgenössische Musik, Jazz, Kammermusik, Weltmusik … man spürt die Freude daran, die Genres und Persönlichkeiten zu kombinieren, um daraus glühende Musik zu machen, die, bevor sie im Studio aufgenommen wird, in der Begegnung mit dem Publikum bei Konzerten verfeinert wird.“ (Quelle)


2. August 2022

Bassisten, kein Witz 

Ja, meine heimliche Liebe gilt den Bassisten, genauer gesagt den Jazz-Kontrabassisten und dies natürlich rein musikalisch. Das Instrument, das oft die Verbindung zwischen Rhythmus- und Melodieinstrument darstellt, aber auch solo heftig in seinen Bann ziehen kann. Gezupft, geklopft, gestrichen – viele Möglichkeiten ein großes Klangspektrum zu erzeugen. Und es ist immer wieder lohnenswert beim Zuhören speziell die Basslinien zu verfolgen.

Im Folgenden nun ein paar Bassisten die ich zu meinen persönlichen Favoriten zähle:

Niels-Henning Ørsted Pedersen (1946–2005), der mit schwindelerregender Virtuosität oft sehr temporeich, alle zehn Finger im Einsatz, seine Basssaiten bearbeitete. 

Charles Mingus und Charlie Haden (1937–2014), die beide auch weitreichenden, kompositorischem Einfluss haben.

Thomas Morgan (*1981), der große Zauberer, der in immer wieder neuen Konstellationen (u.a. mit Craig Taborn, Bill Frisell oder Masabumi Kikuchi) überwältigende Bassakzente setzt.

Die Bassisten des französischen Jazz Jean-Francois Jenny-Clark (1944–1998), der Triogeschichte mit Joachim Kühn und Daniel Humair geschrieben hat, Henri Texier (*1945), der seine Karriere mit drei allein eingespielten Alben begann („Amir“, „Varech“ und „À cordes et à cris“), Bruno Chevillon (*1959), kongenialer Begleiter aller möglichen Projekte, u.a mit Louis Sclavis, Joëlle Léandre (*1951), mit der es unzählige Duoeinspielungen mit sehr unterschiedlichen Musikern gibt und Renaud Garcia-Fons (*1962), der ein fünfsaitiges Instrument spielt und damit meist mediterrane Einflüsse verarbeitet.

Zwei große Meister des Solospiels sind Barre Phillips (*1934), der 1968 wahrscheinlich das erste Jazz-Bass-Soloalbum und 1971 das erste Jazz-Bass-Duo-Album mit Dave Holland aufnahm und Claude Tchamitchian (*1960), der u.a. einen Kontrabass von JF Kenny-Clarke spielt. (>solo)

Diese und noch weitere hervorragende Kontrabassisten, tauchen immer wieder auf diesen Seiten auf und werden es sicher weiterhin auch noch tun.

Übrigens – eine der schönsten Basslinien, die man verfolgen kann, ist die von Gary Peacock (1935-2020) bei „God bless the Child“ mit dem Keith Jarrett Trio auf „Standards, Vol. 1“ (1983, ECM).


30. Juni 2022

Die Winterreise geht weiter

Den Blogeintrag über Franz Schuberts Winterreise vom 11. Mai 2021 schloss ich mit dem Gedanken, ob und wie wohl das Werk aus dem Jahr 1827 einer Verarbeitung in Rock/Pop-Gefilden standhält. Diese soeben erschienene Aufnahme (2022, col legno) mit dem (Indie-Rock-) Sänger Oliver Welter und der klassischen Pianistin Clara Frühstück übertrifft nun meine – imaginären – Erwartungen bei Weitem.

Die Texte Wilhelm Müllers sind unverändert, die musikalische Begleitung mit Klavier, Synthesizer und E-Gitarre behutsam bis wagemutig adaptiert. Die erdige Stimme des Sängers, zu der sich manchmal der zarte Gesang der Pianistin gesellt, illustriert die Verzweiflung des Winterreisenden eindrücklich. Ein erstaunlicher Meilenstein in der Rezeption dieses Werks. (> Neues)


20. Juni 2022

Brian Wilson

Der Beach Boys-Mastermind Brian Wilson wird heute, zwei Tage nach Paul McCartney, achtzig Jahre alt. Aus dem letzten Jahr stammt ein Album „At My Piano“ (2021, Decca) auf dem er eine Auswahl seiner Werke alleine am Klavier eingespielt hat. Dabei wird deutlich, dass seine Songkompositionen, auch ohne die grandiosen Arrangements, ganz auf den Kern reduziert, hervorragend funktionieren. So wie die von Paul McCartney auch.


10. Juni 2022

Relationen

Einer der Beweggründe diese Seite zu betreiben ist, dass ich enorme Freude daran habe Neues zu erforschen und Zusammenhänge aufzutun (und dies eben auch mitzuteilen). Gerade auf dem Gebiet, das man weitläufig Jazz nennt, ist solches eine spannende Angelegenheit da sich immer wieder über Grenzen hinweg Musiker zu neuen Formen und Kombinationen zusammenfinden.

Dieses Album ist hierfür ein gutes Beispiel: „Autum in Paris“ (1991) eines Trios, das sich aus zwei Japanern (dem Schlagzeuger Masahiko Togashi, der auch mit Don Cherry gespielt hat und dem Pianisten Masahiko Satō, der auch mit Peter Brötzmann gearbeitet hat) und dem französischen Bassisten Jean-François Jenny-Clark (zu ihm bald mehr) zusammensetzt.

Die das Cover zierende Collage ist ein Werk des Schweizer Schlagzeugers Daniel Humair (ein alter Kumpel des Bassisten), der hier zwar nicht mitspielt aber auch als bildender Künstler ziemlich gut ist.

Sehr erinnert hat mich das Ganze an das Album „Sunrise“ des Masabumi Kikuchi Trios (Blogeintrag vom 31. Mai 2021). Beide Aufnahmen zeichnen sich durch Intensität aus, die sich, inklusive ihrer japanischen Einfärbungen, erst mit der Zeit ganz erschließen lässt.  Dass beide Cover den Grundton Gelb haben ist sicher Zufall, vielleicht aber auch nicht …


31. Mai 2022

DER ÜBERRASCHER – Don Cherry mit …

…  Lou Reed: „The Bells“ (1979, Arista), ein kurioses Album an dem Cherry, der mit Reed befreundet war und hin und wieder mit dessen Band spielte (interessante Quelle), beteiligt war. Höhepunkt der Aufnahme (und auch in Lou Reeds Œuvre) ist das hypnotische Titelstück, bei dem Don Cherrys Trompete konstant im Hintergrund „raunt“. 

… Terry Riley: „Live in Köln February 23, 1975“ eine Aufnahme mit dem Komponisten und Mitbegründer der Minimal Music am Keyboard und Karl Berger (der, grob gesagt, weiträumig die Weltmusik zum Jazz gebracht hat) am Vibraphon. Entstanden am selben Ort und eine Woche nach dem erheblich berühmteren Köln Concert. Rhythmisierter Minimalismus mit beruhigender Wirkung – leider nur noch online zu finden.

… Heiner Goebbels, „Der Mann im Fahrstuhl“ (1988, ECM) – eine beachtliche Musik-Sprach-Toncollage mit Texten von Heiner Müller und weiteren Avantgardemusikern wie Fred Frith und Arto Lindsay.

… Abdullah Ibrahim (Klavier, Flöte, Stimme) und Carlos Ward (Altsaxofon, Percussion, Flöte, Stimme) und Cherry (Trompete, Percussion, Flöte, Stimme): „The Third World-Underground“ (1974, Trio Records, Japan) – eine Konzertaufnahme aus einem Kopenhagener Jazzclub 1972. Ein kleines Juwel, bei dem alle drei Musiker, äußerst ausgelassen, musikalisch begeistern.

… Krzysztof Penderecki: „Actions“ (2002, Intuition) ein Zusammentreffen von Jazz, traditioneller und neuer Musik auf dem Donaueschinger Musiktagen 1971. Das Stück „Actions for Free Jazz Ochestra“ wurde vom polnischen Komponisten für das Festivals und für Cherrys New Eternal Rhythm Orchestra, einem Ensemble mit zukunftsweisenden europäischen Jazzmusikern (Peter Brötzmann, Albert Mangelsdorff, Willem Breuker und viele mehr) komponiert. Für Penderecki blieb es die einzige Jazzkomposition, die 2020 vom Fire! Orchestra unter der Leitung von Mats Gustafsson (Rune) neu eingespielt und interpretiert wurde. Auch sehr hörenswert.


21. Mai 2022

Indien

Das Aufeinandertreffen von Musikern aus verschiedenen Kulturkreisen ist oft ein sehr spannendes Ereignis, vor allem wenn aus der Konfrontation verschiedener Musiktraditionen etwas ganz Neues entsteht. Zwei der Musiker aus den „Familienbande“ haben mit jeweils einem indischen Musiker ein Duo-Album aufgenommen bei denen dieser kulturelle Austausch extrem gut funktioniert:

― Ravi Prasad & Pedro Soler (1999, Al Sur) ::: Flamencogitarre trifft auf Flöte, Percussion und Gesang. Diese archaische Reduktion kreiert poetisch Magie die von gemeinsamen Wurzeln (im 16. Jh. gab es enge Handelsbeziehungen zwischen Andalusien und Westindien) und gegenseitiger Neugier erzählt.

Latif Kahn & Don Cherry „Music/Sangam” (1982, Heavenly Sweetness) ::: Sangam heißt auf Transkrit „Treffpunkt“ und genau dies umschreibt am besten was der Sitarspieler und der Multiinstrumentalist Cherry an Trompete, Keyboard, Flöte, Stimme und Ngoni (ein- bis siebensaitige Binnenspießlaute der Mandinka aus Westafrika) hier in einem Pariser Studio produziert haben:

Ein aufgeschlossenes Weiterentwickeln afrikanischer und indischer Traditionen mit zeitgenössischem Jazz das ein wunderbares Ergebnis hervorbringt.

Übrigens: Der Geigenvirtuose Yehudi Menuhin und der Tablavirtuose Ravi Shankar, die eine langjährige Freundschaft verband, haben drei gemeinsame Alben aufgenommen. „West meets East“ (1966, 1967 und 1976) heißt das Projekt, ist eher indisch geprägt, aber ebenfalls sehr entdeckenswert.


6. Mai 2022

John Scofield …

logierte bei mir bis vor etwa einem Jahr in einer „Schublade“. Dann spielte er ein Solokonzert beim Festival in Moers – welches freundlicherweise von Arte übertragen wurde – und das war eine Sensation. Alleine mit der Gitarre, zu Füßen ein paar Loopschalter, servierte er Momente von beeindruckender Intensität – Songs, Improvisationen, ein Gedicht! Und nun erscheint dieses Soloalbum bei ECM (auf das ich seitdem gewartet habe) geziert von einem besonders schönen Cover. Auch hier adelt jeder einzelne Anschlag die Gitarrensaiten, kein weiteres Instrument lenkt vom Purismus der Melodien ab, kurzum eine tief gehende Musik bei der nicht nur Saiten bewegt werden …

Fazit: Immer wieder mal den Inhalt seiner Schubladen überprüfen oder am besten das Schubladendenken ganz sein lassen!


30. April 2022

Familienbande (3/3)

Die Soler-Claus’

Auf Peter und Caspar folgen nun zum Abschluss der „Familienbande“ Pedro und Gaspar. Pedro Soler (*1938) hat sich nach Anfängen mit der Violine bei einem Jazzkonzert in den Klang der Gitarre verliebt und eine Leidenschaft für die technischen und spielerischen Freiheiten des Flamencospiels entwickelt. Hierin ließ er sich von Meistern des Genres in Spanien ausbilden. (Quelle – ein auch optisch sehr schöner Film, 30 min., französisch).

Neben der traditionellen Begleitung von Gesang und Tanz erschloss sich Soler zudem neue Wege als Solist, als Begleiter von Poesierezitationen („Lorca“ mit Germaine Montero, 1968/2017) und mit anderen Musikern wie z. B. dem Bassisten Renaud Garcia-Fons („Suite Andalouse“, 1994).

Das Instrument seines Sohns Gaspar Claus (*1983) ist das Cello, mit dem dieser in vielen verschiedenen Musikgenres, von Klassik bis Elektronik, unterwegs ist. Zum Beispiel im Duo mit dem Elfterklang-Sänger Caspar Clausen („Live at St-Merry“, 2016), mallorquinische Arbeiterlieder interpretierend mit der Sängerin Marion Cousin („Jo Estava Que M’Abrasava“, 2016) oder solo mit seinem 2021 erschienenen Album „Tancade“ auf dem er die Möglichkeiten seines Instruments weitläufig erforscht. Seine ausführliche Webseite lädt dazu ein, sich in seinen zahlreichen Projekten zu verlieren …

Auf beide aufmerksam geworden bin ich über ihre gemeinsamen Alben „Barlande“ (2011) und vor allem „Al Viento“ (2016, beide Infiné), zwei Meisterwerke, bei denen die tiefe Musikalität von Vater und Sohn Flamenco weit über seine Grenzen hinausträgt.


22. April 2022

Mingus

Heute vor hundert Jahren wurde Charles Mingus geboren. Zu diesem Anlass bezieht er nun seinen eigenen Menüpunkt.


12. April 2022

Es ist wieder "Passionszeit"

Im Zuge eines Arbeitsprojekts über Neue Musik entdeckte ich die finnische Komponistin Kaija Saariaho (1952-2023) und ihr faszinierendes Werk „La Passion de Simone“ (2013, Ondine), ein modernes Oratorium für Sopran, Stimme, Chor, Orchester und Elektronik aus dem Jahr 2006.

Das Libretto hat der französisch-libanesische Schriftsteller Amin Maalouf (*1949) geschrieben, der vor allem für seine Romane zu historischen Themen bekannt ist und zuletzt die sehr interessante Dystrophie „Nos frères inattendus“ (2020, Grasset) geschrieben hat.

Das in 15 „Stationen“ aufgeteilte Werk orientiert sich an den klassischen Kreuzwegen und erzählt vom Leben der französischen Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943), die sich vehement für soziale, gesellschaftliche Gerechtigkeit einsetzte. In ihrem kurzen Leben arbeitete sie u. a. als Philosophielehrerin, in der spanischen und französischen Résistance, in einer Fabrik um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennen zu lernen und suchte zuletzt Antworten vermehrt in religiösen Gefilden.

Natürlich ist diese Art der Musik immer ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber allein die voluminösen Klangwolken des Orchesters, sind es absolut wert sich dieser außergewöhnlichen Passion anzunähern.


30. März 2022

Familienbande (2/3)

Die Brötzmanns

Als Neubauten-Fan führte einen der Weg in den frühen 1990ern zwangsläufig zu Caspar Brötzmann (*1962). Seine Alben mit dem Caspar Brötzmann Massaker (mit Eduardo Delgado-Lopez am Bass und Danny Arnold Lommen am Schlagzeug) sind für mich bis heute Ausnahmewerke, die mich immer wieder in den Bann ziehen. Vor allem „Koksofen“ (1993) und „Home“ (1995).

Er begann sein Gitarrenspiel auf einem Instrument das Carla Bley im Hause Brötzmann zurückgelassen hatte und stieg bald danach auf E-Gitarre um. Dieser entlockt er gewaltige, brachiale und extreme, zugleich aber auch unglaublich lyrische und nuancierte Töne, von denen eine beispiellose Energie ausgeht und kombiniert sie mit beschwörender Sprachperformance. HIER gibt es eine sehr schöne Filmcollage, in der der Musiker sein Werk reflektiert. Seine melodiöseste Platte ist „Mute Massaker“ (2000, alle Rough Trade/Southern Lord) und mutet, obwohl sie mit Bass- und Schlagzeugbegleitung aufgenommen ist, fast wie ein Soloalbum an, das ihn als höchst legitimen Erben von Jimi Hendrix ausweist. Ebenso wie sein Vater ziert er seine Cover zumeist mit eigenen Kunstwerken, was immer ein sehr stimmiges Ganzes ergibt.

Dieser zunächst als Grafiker ausgebildete Peter Brötzmann (*1941-2023) – seine Instrumente sind alle Arten von Saxophonen und Klarinetten – hatte seine ersten Auftritte in einem Projekt von Don Cherry. Wenig später wurde er zu einem der wichtigsten Akteure des deutschen Freejazz, dem er immer weiter teilweise sehr extreme Schattierungen hinzufügt. Sein Werk ist so komplex, dass ich hier nur ein paar wenige Alben nennen will. Den Klassiker „Machine Gun“ (1968) sollte man sich auf jeden Fall mal konzentriert angehört haben. Eine schöne Kuriosität ist die Platte „Schwarzwaldfahrt“ (1977, FMP) bei der er zusammen mit dem Drummer Han Benninck und Instrumenten durchs Unterholz zieht und Bachrauschen, Vogelgesänge, das Klopfen auf Baumstämme mit in die gemeinsamen vor Ort aufgenommenen Improvisationen einfließen lässt. Meine erste Begegnung (und das ist immer etwas Besonderes) war das Solo-Projekt „No Nothing“ (1991, FMP) bei er gleich einem Schlangenbeschwörer auf verschiedenen Blasinstrumenten den Zuhörer betört. Eine weitere beeindruckende Solo-Live-Aufnahme stammt aus dem „Münster Bern“ (2015, cubus) bei der er den Resonanzraum der gotischen Kirche für Register von Bellen bis zu sanften Melodien mit nutzt. Sehr hörbar sind seine in den letzten Jahren entstandenen Arbeiten mit der Pedal-Steel Gitarristin Heather Leigh wie „Sparrow Nights“ (Trost, 2018). Eine ganz gute Zusammenfassung seines weiteren Werks findet sich HIER.

1990 haben Vater und Sohn ein gemeinsames Album „Last Home“ (Pathalogical) aufgenommen das leider mehr oder weniger vergriffen ist.


20. März 2022

Familienbande (1/3)

Die Cherrys

Don Cherry (1936–1995) ist so ein bisschen der „Hidden Track“ der Jazzgeschichte. Er war bei wichtigen Evolutionen wie der Entdeckung des Free Jazz (1961, Atlantic) mit Ornette Coleman und der Entwicklung der Avant-Garde (1966, Atlantic) mit John Coltrane dabei und spielte mit vielen anderen die Rang und Namen hatten (dazu ein anderes Mal mehr). Vielleicht war es seine immer vorwärtstreibende Rastlosigkeit, die dazu führte dass er bis heute nicht in der ersten Reihe der großen Jazzmusiker wahrgenommen wird. 

Sein Instrument war die Taschentrompete, aber neben diversen Flöten und Klavier beherrschte er noch zahlreiche andere Instrumente, die er im Laufe seines Lebens zusammensammelte. Für mich prägend waren vor allem seine Alben „Mu“ First Part (1969, actuel 1) und „Mu“ Second Part (1969, actuel 31), die er als Multiinstrumentalist zusammen mit dem Perkussionisten Ed Blackwell einspielte. Seine Kompositionen verweben hier traditionelle Musik ganz verschiedener Kulturkreise mit freier Jazzimprovisation und setzten einen aufregenden Meilenstein für die Globalisierung des Jazz.

Seine Stieftochter Neneh Cherry (*1964) ging etwas andere Wege, trägt aber durchaus den Geist ihres Vaters in sich. Vom Punk kam sie zum Hip-Hop und war an der Entwicklung des Trip Hop beteiligt.

Ihr sind Pophymnen wie „Manchild“ und „7 Seconds“ (mit Youssou N’Dour) zu verdanken und weitere, immer sehr engagierte, Musikproduktionen wie z.B. „Broken Politics“ (2018). Das Erbe ihres Vaters verarbeitete sie mit dem Jazztrio „The Thing“ um den Saxophonisten Mats Gustafsson (Blogeintrag vom 11.12.21) auf dem Album „The Cherry Thing“ (2012). Sehr besonders finde ich ihr Album „Blank Projekt“ (2014, alle Smalltown Supersound), das sich sehr minimalistisch auf elektronische-perkussive Klänge und ihre warme Soul-Stimme reduziert. Möglicherweise gar nicht so weit von „Mu“ entfernt.


9. März 2022

Jason Moran …

bewegt sich sehr frei zwischen verschiedenen Musikstilen, bildender und darstellender Kunst. Das Whitney-Museum in New York widmete ihm im Herbst 2019 eine eigene Ausstellung mit seinen Kunstwerken, Performances und Konzerten. (Es lohnt sich das anzusehen!)

Vor allem ist er ein ausgezeichneter Komponist und Pianist, was mit folgenden Werken gut bezeugt werden kann:

Vor einem Jahr erschien sein von der Literatur Toni Morrisons (1931–2019) inspiriertes Soloalbum „The Sound Will Tell You“ (2021, via bandcamp.com). Dieses faszinierende Album beginnt mit einem Stück, das den Titel „Follow the Light“ trägt und man hat tatsächlich dem Eindruck über dem Rest der Platte einem hellen Strahlen zu folgen.

Im selben Jahr erschien ein Duoalbum mit Archie Shepp „Let My People Go“ (2021, Archiball). Der Saxophonist hat in Jason Moran für sein Instrument und seinen Gesang wieder einmal einen höchst ebenbürtigen Partner gefunden (» duo – erste Spalte).

„Wie ein Maler mit einer frischen Leinwand benutzt Moran sein Klavier, um Farben, Stimmungen und Ideen nach Lust und Laune zu illustrieren.“ (AllAboutJazz)

Eine weiteres Duoalbum, diesmal mit dem Saxophonisten Charles Lloyd „Hagar’s Song“ (2013, ECM), zeigt ebenso, dass Moran zum einen ein sehr sensibler Begleiter ist, dennoch aber auch hier ganz eigene Akzente zu setzen weiß! 


11. Februar 2022

André Wilms (1947–2022)

„Ou bien le débarquement désastreux“ ist eine Musiktheaterinszenierung von Heiner Goebbels aus dem Jahr 1995 (ECM) mit Texten von Joseph Conrad, Heiner Müller und Francis Ponge über das Verhältnis von Mensch und Natur. Hier verschmelzen afrikanische Klänge (Gesang, Kora, Djembe) mit E-Gitarre, Keyboard und Posaune zu einer dichten Sprach-Musik-Collage. Tragend dabei ist die Stimme des Schauspielers André Wilms, die dem ganzen Stück einen quasi rappenden Rhythmus verleiht und den Texten ihre eigene Melodie. Einer der größten Schätze meiner Plattensammlung (> basis).

Diese Woche ist André Wilms, der dem Theater und unter anderem den Filmen von Aki Kaurismäki ganz besondere poetische Momente verliehen hat, verstorben.


30. Januar 2022

Nigerian Marketplace

Ein fantastisches Album (das Cover eher weniger) mit einer Liveaufnahme vom Montreux Jazz Festival aus dem Jahr 1981 – auch für Jazz-Einsteiger. Der Pianist Oscar Peterson saust schwindelerregend über die Tasten, Niels-Henning Øersted-Pedersen bearbeitet so federnd seine Bassseiten, dass es eine wahre Freude ist (ist es bei ihm eigentlich immer) und Terry Clark trommelt sich um Kopf und Kragen. Zusammen erzeugen sie eine Energie die sowohl als Hintergrundmusik, als auch konzentriert gehört, sehr schnell Herz und Hirn erreicht.


29. Januar 2022

Livemusik

Nach einem kurzen Kochrezept geht’s wieder mit Musik weiter, und zwar mit einem Rückblick auf ein – trotz allem – sehr aufregendes Konzertjahr. Glücklicherweise haben viele Veranstalter nicht resigniert und unter Einhaltung von vertrauenserweckenden Sicherheitsmaßnahmen, weiter Livemusik geboten. In Zeiten, in denen digitales Musikhören zunimmt (welches man über Abos und das Zahlen für Downloads und Streamingkonzerte durchaus unterstützen kann!) und Plattenverkäufe zurückgehen, sind auch Konzerte eine wichtige Einnahmequelle für Musiker.

Neben dem dreitägigen Inntöne-Festival-Marathon (siehe Blogeintrag vom 30. Juli), war das von Juni bis Dezember ein abwechslungsreicher Strauß mit Musikern aus Frankreich (Sylvain Kassap, Aïrelle Besson, Michel Portal, Jean-Louis Martinier, Daniel Humair), aus Deutschland (Autochrom, XXXX, Nils Wogram/MUSE, Heiner Goebbels, Rebecca Trescher), insbesonders aus München (Jason Seizer/Claus Raible, Embryo, Moon Not War, Musica Povera, TMTxplosif, Hugo Siegmeth/Axel Wolf, Mathias Lindermayer Trio, Trio Sfera), aus Dänemark (Christian Wallumrød Ensemble) und aus den USA (Thumbscrew, Myra Melford und Uri Caine) – alle Konzerte im Großraum München und alle richtig gut!

Am interessantesten ist es die Konzerte danach auszuwählen, ob der Ankündigungstext vielversprechend klingt, oder man die bisherige Arbeit der Künstler schätzt, nicht aber das aktuelle Programm kennt. Heraus kommt dann eine Art „Blind Date“, aber da Livemusik selten schlecht ist, bleibt das Risko auf große Enttäuschungen überschaubar …

Ich überlege schon länger ob ich auf dieser Seite eine Rubrik mit Konzerten eröffne, bin aber noch zu keiner Entscheidung gekommen. Auf jeden Fall finde ich, dass es immer wieder eine gute Idee bleibt, den Umständen zu trotzen und weiterhin Konzerte (Kino, Theater, Ausstellungen) zu besuchen.


14. Januar 2022

1 Jahr eod

ein ohr draufwerfen wird ein Jahr. Zu diesem Anlass gibt es hier ausnahmsweise ein Kochrezept: 

STADTWURST MIT MUSIK – eine fränkische Brotzeit
Dazu braucht man einen Ring (Nürnberger) Stadtwurst oder Regensburger, zur Not gehen auch Lyoner. Die Wurst wird in dünne Scheiben geschnitten, ein paar Essiggurken auch. Diese werden mit in feine Ringe geschnittenen roten Zwiebeln vermischt. Angemacht wird der Salat mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer. Und hier beginnt die Improvisation: ob Sonnenblumen-, Oliven-, Kürbiskernöl oder anderes, ob Weißwein-, Himbeer- oder Balsamicoessig bleibt jedem selbst überlassen. Manchmal nehme ich auch frische Gurken- bzw. Rettichscheiben statt der Essiggurken, füge Kräuter wie Petersilie, Schnittlauch, Majoran oder ähnliches hinzu. Warum es „mit Musik“ heißt ist nicht so klar, aber wenn man noch Scheiben von rotem und weißem Presssack und/oder Ochsenmaulsalat hinzufügt, heißt das in Franken „Gwerch“ (= Zeugs) und ist noch spezieller – so wie Freejazz oft auch.

Besten Dank all denen die hier bisher vorbeigeschaut haben und ich freue mich über weiteres Interesse.


3. Januar 2022

Vielleicht doch ein Album des Jahres 2021?

Dieses Album ist keine leichte Kost, aber es wird bei jedem erneuten Hören schöner und selbst beim zehnten oder elften Durchlauf hat man immer noch den Eindruck die Stücke ganz neu zu hören.

Die amerikanische Gitarristin Mary Halvorson und die Schweizer Pianistin Sylvie Courvoisier, beide feste Bestandteile der New Yorker Avantgardejazzszene, schmiegen und kräuseln ihre Töne so intensiv umeinander herum, bis man nicht mehr so genau weiß welcher Klang zu welchem Instrument gehört. Dabei wird dialogisiert, gestritten, harmoniert, gespaßt, gerieben und in vielen Momenten ergreifende Schönheit produziert, die oft lange im Ohr nachklingt. Sozusagen Avantgardejazz-Ohrwürmer – und das sind sehr seltene Tierchen.

Als Referenz für dieses Album nennen beide Musikerinnen das Album „Undercurrent“ (1962) von Bill Evans (Klavier) und Jim Hall (Gitarre) – darauf könnte man bei der Gelegenheit auch mal (wieder) ein Ohr werfen …

Sylvie Courvoisier & Mary Halvorson
Searching For The Disappeared Hour
2021, Pyroclastic


30. Dezember 2021

Dave Brubeck, Botschafter der Jazzmusik

Zum 100. Geburtstag von Dave Brubeck (1920–2012) sendete France Musique vor ziemlich genau einem Jahr ein beeindruckendes 10-teiliges Portrait mit dem Titel „Take 100“. Bis auf die letzte Folge (ein unveröffentlichtes Livekonzert) sind alle Folgen noch auf der Seite des Senders abrufbar.

Die Reihe basiert auf einem Interview (das auch separat auf Englisch abrufbar ist), das der Jazzjournalist Alex Dutilh 2009 in Brubecks Haus in Newport/Connecticut mit ihm aufgezeichnet hatte, und für diese Episoden mit Esprit und Leidenschaft in neun Themenblöcke aufgeteilt hat:

1. die Ausbildung bei Darius Milhaud am Mills College in Oakland; 2. die Jahre des Ausprobierens mit verschiedenen Formationen; 3. die ersten Tourneen durch amerikanische Universitäten; 4. der Dialog mit anderen Kulturen auf Konzertreisen durch die ganze Welt, aus dem die Aufnahmereihe „Jazz Impressions of …“ (Japan, Eurasia, New York) entstand; 5. das mit Brubecks Frau Iola und Louis Armstrong konzipierte Musical „The Real Ambassadors“ über die Geschichte schwarzer Jazzmusiker; 6. seine Experimente mit ungewöhnlichen Rhythmen; 7. die enge musikalische Beziehung zum Saxophonisten Paul Desmond; 8. Zusammenarbeiten mit anderen Musikern, auch aus folgenden Generationen, insbesondere mit seinen Kindern; und abschließend 9. ein Parcours durch die „geheimen Gärten“ seines Werks in denen sich Ballettmusik ebenso wie ein Duo mit Charles Mingus und eine Gesangsversion des Brubeck-Klassikers „Take Five“ finden.

All dies ermöglicht einen tiefen, ausführlichen Einblick in das Werk des Komponisten, Bandleaders und Pianisten Dave Brubeck und selbst wenn man des Französischen nicht mächtig ist, alleine die Musikauswahl ist eine lohnenswerte Auswahl von teils weniger bekannten Höhepunkten seines Schaffens.

P.S. Ich hatte mir diese Reihe an zehn aufeinanderfolgenden Tagen bei ausgedehnten Winterspaziergängen angehört. Seitdem verbinde ich verschiedene Orte mit einzelnen Brubeck-Stücken.


21. Dezember 2021

Keine Experimente zu Weihnachten

Auch wenn es bei mir musikalisch sonst gerne abwechslungsreich zugeht, an Weihnachten läuft seit Jahren dasselbe:

Das Weihnachtsoratorium“ von J. S. Bach: Bisher unübertroffen, die 2007 erschienene Aufnahme der Cappella Amsterdam mit dem Combattimento Consort Amsterdam unter der Leitung von  Jan Willem de Vriend (Challenge Classics). Eine sehr luftige, beschwingte Version in historischer Aufführungspraxis.

Die Weihnachtsgeschichte“, 1963 inszeniert und geschrieben von Carl Orff und Gunild Keetmann mit dem Tölzer Knabenchor (harmonia mundi). Auch wenn hier frühe Kindheitserinnerungen mitspielen, bleibt dieses musikalische Krippenspiel mit Orffschem Instrumentarium und bayerischen Sprechtexten einzigartig und zeitlos.

Die Betlehem Allstars unter der Leitung von Klaus Trabitsch (Gitarre) und Otto Lechner (Akkordeon) spielen traditionelle Weihnachtlieder die sich zwischen hawaiianischen und alpenländischen Klangspektrum bewegen, aber trotzdem immer noch sehr weihnachtlich klingen. („Fürchtet Euch nicht“, 2000, Windhund; „Still“, 1996, geco Tonwaren)

Mit Kindern (eigentlich auch ohne) sind die beiden Bilderbuch-CDs von Franziska Biermann und Nils Kacirek der Hit: ”Am Weihnachtsbaume …” (2013) und „Übermorgen kommt der Weihnachtsmann“ (2019, beide Carlsen Verlag) mit flott und humorvoll arrangierten Liedern zum laut mitsingen.


15. Dezember 2021

Keine Alben des Jahres !

Gerade sprießen wieder aus allen Richtungen die Bestenlisten des Jahres 2021 und meistens sind sie doch sehr ähnlich. Leider werden dabei die „Meisterwerke“ aus den kleinen, feinen Labels nur selten erwähnt. Diese Seite ist auch ein Versuch den Blickwinkel  mehr hierauf zu lenken und wenn ich mir meine in diesem Jahr entstandene Liste unter „NEUES“ so anschaue, sind das zumeist Alben die ich immer noch wahnsinnig gerne höre und eigentlich nicht gegeneinander abwägen möchte.   

Ein paar Dinge sind mir dabei dennoch aufgefallen: der französische Bassist Bruno Chevillon war an gleich drei Projekten beteiligt („Là“, „Ricerare“ und „MP85“), was aber auch nicht verwunderlich ist weil er seit langer Zeit zur Riege der kreativsten Bassisten gehört (hierzu ein andermal mehr). Überraschungen des Jahres waren zum einen ein Typ namens Danger Dan, der der Gilde der engagierten Liedermacher einen frischen Anstrich verpasste und zum anderen ein Album mit dem schönen Titel „The Kiss“, das die Fähigkeit hat jegliches Pandemie-Trübsal (mit Saxophon, Bass und Drums) wegzublasen.  

Ein Platte hatte ich übrigens völlig vergessen zu erwähnen: „As An Unperfect Actor“ (2021, ACT) auf der die Schauspielerin Birgit Minichmayr begleitet von Quadro Nuevo und anderen hervorragenden Musikern Shakespeare-Sonette singt. Musik, die die durchaus auch derben Seiten des 16. Jahrhunderts schön heraufbeschwört und seit dem Sommer bei mir oft läuft.


11. Dezember 2021

Fire! – Defeat

2021, Rune Grammofon

Das Cover lässt an die Schatteninstallationen Christian Boltanskis denken, die Musik transportiert Projekt wie Pharoah Sanders „Thembi“ (Impulse!, 1971) konsequent ins 21. Jahrhundert. Mats Gustafsson reizt – wie es ihm der Free-Jazz Saxofonist Peter Brötzmann, mit dem er öfters spielt, vorgemacht hat – Blech- und Holzblasinstrumente in Extreme aus. Weitere Blechbläser fügen Brass-Band-Elemente hinzu. Donnernder Beat der Rhythmustruppe. Klingt radikal, ist es auch, aber – die ganzen 37 Minuten sind richtig gut anhörbar.

Mats Gustafsson: Flöte, Baritonsaxofon, Elektronik
Johan Berthling: E-Bass 
Andreas Werlin: Schlagzeug 
Als Gäste:
Mats Äleklint: Posaune, Sousaphon
Goran Kajfes: Trompete

P.S.
In erweiterter Besetzung (bis zu 28 Musiker) nennt sich das ganze Fire! Orchestra. Das ist rockiger aber genauso interessant.


7. Dezember 2021

Nina Simone - Debüt

Nina Simone – Little Girl Blue
1959, Bethlehem 

Dies ist ein Album das von vorne bis hinten große Freude macht: Das sehr beachtliche Debüt der gerade Mitte zwanzigjährigen Nina Simone, das sie in einem einzigen Take 1957 aufgenommen hat. Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und akzentuiertem Klavierspiel (dem man die klassische Ausbildung hier besonders deutlich anmerkt), entwickelt sie einfache aber wirkungsvolle Arrangements. Auf den ersten Blick ein sehr bescheidenes Album, das beim aufmerksamen Hören seine Schönheit erst richtig entfaltet. Und für Fußball-Fans ist auch etwas dabei: ein perlendes „You’ll never walk alone“ als Instrumentalfassung mit ergreifend schöner Kontrabass-Begleitung am Ende. (siehe auch „stimmen“)


2. Dezember 2021

Stille Knaller aus Norwegen

Norwegen ist ein Land mit weiten, einsamen Landschaften und einer vorbildlichen Jazzförderung. Kein Wunder dass dort immer wieder spannende Projekte wie diese entstehen:

1 ― Maridalen (2021, Jazzland): Das Maridalen Trio besteht aus Saxophon, Trompete und einem Kontrabass. Zu hören sind wohlklingende Melodien bei denen die Blasinstrumente meist so zart gespielt werden, dass der Atem der Spieler präsent bleibt. Der Kontrabass setzt ein meist swingendes und rhythmisierendes Fundament darunter. Der warmen Ton und die in sich ruhende Atmosphäre resultiert bestimmt aber auch daraus, dass die Aufnahme in einer einsam gelegenen Holzkirche entstand.

2 ― Christian Wallumrod Ensemble, „Many“ (2020, Hubro): Auch diese Musik ist von ganz viel Ruhe getragen, manchmal hat man sogar den Eindruck die Kompositionen sind um die Pausen herumgebaut. Vor einiger Zeit hatte ich das Glück dieses Ensemble mit diesem Programm live zu erleben. Dabei zelebrierten sie das Unerwartete so dicht, dass die Aufmerksamkeit auf jedes noch so kleinste Detail gezogen wurde. Neben Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Trompete spielten Cello und Tenorblockflöte und alle Musiker erzeugten weitere Töne aus kleinen elektronischen Utensilien.
Auch hervorragend: „Outstairs“ (2013, ECM). (siehe „mehr“)

3 ― Maria Kannegaard Trio, „Sand I en vik“ (2020, Jazzland): Beginnend mit drei zeitversetzten „Paukenschlägen“ entwickelt das Trio (Klavier, Bass, Schlagzeug) eine Spannung die voller überraschender Details steckt. Auch hier haben die Pausen bzw. Stille einen hohen Stellenwert. Dennoch ist das Album insgesamt eher von expressivem Sturm und Drang geprägt (wie man es von nordischem Jazz kennt), aber eben auch von viel Minimalismus durchwoben.


16. November 2021

Waldron & Lacy im Duo

Bei meinen Streifzügen durch die Musikwelt bin ich kürzlich auf das Duo von Steve Lacy (1934–2004) und Mal Waldron (1925–2002) gestoßen. Die beiden amerikanischen Musiker spielten viel mit Jazzgrößen wie Gil Evans oder Charles Mingus, bevor sie beide Mitte der 1960er Jahre nach Europa übersiedelten und dort in verschiedenen Musikgenres Impulse setzen.

Der Saxophonist Steve Lacy, ein wichtiger Akteur des Avantgardejazz war u. a. in Italien Teil des Ensembles Musica Elettronica Viva, das sich mit der Erforschung elektronischer Möglichkeiten im Bereich der Neuer Musik beschäftigte. Der Pianist Mal Waldron spielte u.a. mit der Gruppe Embryo die in zahlreichen Reisen durch die ganze Welt, ihre anfänglich eher rockigen Klänge mit Einflüssen aus anderen Musikkulturen anreicherte.

Beide Musiker fanden immer wieder zum gemeinsamen Spielen zusammen und bildeten eine enge musikalische Einheit, die ich besonders und schön finde. Ihre gemeinsame Leidenschaft für Thelonious Monk bildete oft eine Grundlage, aber Kompositionen beider Musiker sind zu hören zum Beispiel auf: „Live in Berlin“ (2007, Jazzwerkstatt) oder „Live at Dreher Paris 1981“ (2003, hatOLOGY). Ich denke da gibt es – in beide Richtungen – noch einiges zu entdecken.


10. November 2021

Jazzfest Berlin

Das Konzept des Jazzfest Berlin gleicht immer mehr dem der Kunstbiennale in Venedig: Ein groß gedachtes Event mit Blick auf anderen Kontinente, neue Trends und bei der Auswahl der Musiker mehr auf das Konzept als auf berühmte Namen schauend.

Beeindruckende Spielorte, Zuspielungen aus anderen Metropolen, beauftragte Kompositions- und Videoarbeiten, adäquat ergänzt durch Konzertaufnahmen verschiedener deutscher Rundfunkanstalten. Und alles (!) absolut hörenswert. Da sieht man als durchaus kulturverwöhnter Münchner schon auch mal sehr wehmütig nach Berlin.

ABER, großes Glück – auf der Webseite des Festivals und auf ARTE Concert stehen nun ein Jahr lang sämtliche Beiträge zum Ansehen und Anhören zur Verfügung. Genug Zeit also, sich – auch jenseits der oft etwas überfordernden Festivalatmosphäre – auf allerlei Spannendes in Ruhe einzulassen.


22. Oktober 2021

Der mit den Worten tanzt

Heute vor hundert Jahren wurde Georges Brassens (1921-1981), der große Freigeist des französischen Chansons geboren. Vieles gäbe es von ihm zu erzählen: von seiner Großherzigkeit, von seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe, seiner spitzbübischen Freude an der Provokation, seinen wunderschönen zeitlosen Melodien, die immer sehr kunstvoll auf die Texte abgestimmt sind. Gerade diese von Brassens fein ausgearbeiteten (Lied-)Texte, die nach wie vor von bestechender Aktualität sind, bilden das einzigartige Zentrum seines Werks. Sie sind vor Kurzem in sehr passabler deutscher Übersetzung im Mandelbaum Verlag erschienen und laden ein dieses vielfarbige Universum auch ohne Französischkenntnisse zu entdecken. Leider ist das Buch nicht ganz günstig, aber durchaus lohnenswert, denn der Übersetzer bleibt ganz nahe am Original.

Und dann hört man sich natürlich noch durch seine 14 Studioalben (1952-1976), welche jeweils den Titel des ersten Chansons tragen und von derart gleichbleibender Qualität sind, dass man beim bestem Willen keines besonders hervorheben könnte. Eine schöne Ergänzung hierzu ist das 1980 aufgenommene Album „Georges Brassens chante les chansons de sa jeunesse“, mit einer sehr charmanten Auswahl und Darbietung von Liedern, die ihn seit seiner Jugend ganz besonders beeinflusst haben. 


11. Oktober 2021

Sit down and play!

Faszinierend und komplex ist das energiegeladene Klavierspiel Erroll Garners (1921–1977). Bei seiner besonderen Technik hat man manchmal den Eindruck er würde sein Instrument mit Hämmern bearbeiten. Das 1955 entstandene „Concert by the Sea“ (Columbia) gehört zu den großen Werken des Jazz. Anlässlich seines 100. Geburtstags in diesem Jahr ist gerade das 1959 gegebene „Symphony Hall Concert“ (Mack Avenue) erschienen – ein weiteres sehr schönes Zeugnis seiner Kunst.


21. September 2021

Kurioses aus der Musikgeschichte

Dieses Album nennt sich „Nick Mason’s Fictious Sports“ und ist 1981 erschienen. Nick Mason ist der Drummer von Pink Floyd. Dieser ist mit Michael Mantler befreundet. Der war als das Album entstanden ist mit der Jazzkomponistin Carla Bley verheiratet. Und genau die hat dieses Album geschrieben, komponiert und arrangiert und mit Nick Mason und vielen anderen (Jazz)Musikern aus ihrem Umkreis aufgenommen. Herausgekommen ist verdammt gut arrangierte, mitreißende Musik. Ein Stück klingt noch ein bisschen nach Pink Floyd (Hot River), andere eher funky (Wervin’, Can’t get my motor to start) oder poppig ( I was wrong). Kurzum ein großer Spaß mit extrem lustigen Texten und vielen musikalischen Einfällen. Ach ja, auch Robert Wyatt ist als Sänger mit von der Partie.


14. September 2021

Solo

Chris Speed – Light Line
2021, Intact Records

Chris Speed erlebte ich zum ersten Mal Anfang der 90er Jahre in einem kleinen Club in Paris, den Instants Chavires, bei einem denkwürdigen Konzert mit dem Tim Berne’s Bloodcount. Seitdem begegne ich dem amerikanischen Saxophon- und Klarinettenspieler immer wieder in verschiedenen breitgefächerten Avantgarde-Jazz-Formationen live und auf Platte – was eigentlich immer hörenswert ist.

Und nun also ein ganzes Album solo mit der Klarinette. Nur Kompositionen – eigene und von anderen (Eric Dolphy, Paul Motian, etc.). 15 Titel, 49 Minuten. Dies erfordert natürlich Aufmerksamkeit – aber man bekommt schnell das Gefühl als würde man auf einer Parkbank sitzend einem Vogel beim Singen zuhören. Kurzum eine unterhaltsame, entspannende und durchaus lohnenswerte Hörerfahrung!


15. August 2021

Sommerpause


3. August 2021

Inntöne

30. Juli – 1. August 2021

Kleines feines Festival in Österreich.


26. Juli 2021

Reisetagebücher

Anfang der neunziger Jahre lud der Magnum-Fotograf Guy Le Querrec drei mit ihm befreundete Musiker ein, ihn auf zwei seiner Reisen durch den afrikanischen Kontinent zu begleiten. Er selbst fotografierte mit seiner Leica, die drei anderen gaben Konzerte und musizierten mit Einheimischen. Aus diesen Erfahrungen entstanden diese drei – zuhause in Frankreich aufgenommenen – Alben, die von ausladenden Booklets begleitet werden, in denen die entstandenen Fotografien abgebildet sind. Der Musik merkt man die Einflüsse der afrikanischen Rhythmen sehr wohl an, es ist allerdings keine sogenannte Weltmusik, sondern mal lyrischer, mal sehr freier und meist sehr energiegeladener europäischer Jazz, der den Vergleich mit amerikanischen Kollegen nicht scheuen muss.

Das Trio mit Louis Sclavis (Klarinette, Saxofon), Henri Texier (Bass) und Aldo Romano (Schlagzeug; Gitarre auf „AF“) existierte zwar (abgesehen von ein paar Liveauftritten) nur für dieses Projekt, aber alle drei leisten in zahlreichen anderen Formationen weiterhin Beachtliches für den französischen Jazz.


Romano ◆ Sclavis ◆ Texier ◆ Le Querrec
Carnet de Route (1995)
Suite Africaine (1999)
African Flashback (2005, alle Label Bleu)


28. Juli 2021

Airelle Besson

Manchmal ist es in Ordnung, wenn Musik einfach nur schön ist. Man lässt sich auf einer Wolke nieder und lässt sich durch wohlklingende Klanglandschaften tragen. Dennoch ist Schönheit eine ganz eigene Kunst, die es zu beherrschen gilt und die Komponistin und Trompeterin Airelle Besson ist darin ganz meisterhaft.
„Radio One“ (2016, Naive) & „Try“ (2021, Papillon Jaune)
Auch gut: „Aïrés“ (2017, Alpha – mit Édouard Ferlet und Stéphane Kerecki)


8. Juli 2021

Gabriel suchen

Dieses 2019 erschienenene Album ist äußerst rätselhaft. „Finding Gabriel“ heißt es und ist von Brad Mehldau, einem großartigen amerikanischen Jazzpianisten. Wabernde, zuckrige Synthesizerklänge, biblische Themen, viel Elektronik, sphärische Chöre, umherschwirrende Stimmen … extrem vielseitig, abwechslungsreich, neuartig, hervorragende Musiker, variationsreiches Instrumentarium …
So irritieren das alles ist, dieses Werk zieht mich immer wieder magisch an. Und daher ringe ich – wie Jakob in der Bibel mit dem Engel (Gabriel) – immer wieder von Neuem mit dieser Musik um zu verstehen was hier passiert. Möglicherweise doch ein Meisterwerk? Einen Grammy gab es bereits!
Auf jeden Fall ist es schön, wenn einen „Lieblings“-Musiker dazu bringen, bestehende Hörgewohnheiten zu überdenken ………


30. Juni 2021

Goldberg-Variationen

Musik die ich in eigentlich jeder Stimmung hören kann sind die Goldberg-Variationen, der „heilige Gral“ der Klaviermusik. Die Versionen dieser vier Pianisten haben es mir besonders angetan:

1 ― Glenn Gould
Er ist sozusagen der Gralshüter. Von ihm gibt es zwei Gesamteinspielungen. Ich bevorzuge die erste aus dem Jahr 1955. Goulds Tempi reichen von sehr flott bis äußerst langsam, trotzdem ist sein Spiel von derartiger Klarheit dass es immer wieder ein Erlebnis ist ihm durch die 30 Variationen zu folgen.

2 ― Zhu Xiao-Mei
Von tiefer Ruhe und Einfachheit getragen ist das unprätentiöse Klavierspiel der chinesisch-französischen Pianistin. Es bringt Essenz des Bachschen Variationen zum Vorschein ohne dass es der Aufnahme an fröhlicher Lebendigkeit mangelt. (2007, harmonia mundi).

3 ― Wilhelm Kempff
Sehr sympathische Version (Deutsche Grammophon, 1970), die sich durch das Weglassen aller Verzierungen auszeichnet.

4 ― Dan Tepfer
Der amerikanische Jazzpianist spielt alle Variationen (in sehr eigenwilligem Rhythmus) im Wechsel mit eigenen freien Interpretationen (2011, Sunnyside). Das ist ungewöhnlich spannend und ein oft sehr lustiges Hörerlebnis. Denn manchmal klingen diese Interpretationen ein bisschen als hätte der Pianist Schluckauf … (Am Rande: Schluckauf/Hoquetus ist auch eine eigene Musikgattung »)

Interessantes Spiel: Von jeder Aufnahme jeweils das gleiche Stück hintereinander spielen und mit der freien Improvisation Tepfers enden …

Lesebefehl:
„Der Fetzen“ von Philippe Lançon (2019, Tropen Verlag). Der Kulturjournalist, der 2015 das Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion schwer verletzt überlebt hat, beschreibt in dieser beeindruckenden Erzählung seine langwierige körperliche und mentale Wiederherstellung. Hierbei haben ihm neben Literatur (Proust, Kafka und Manns „Zauberberg“) und Filmen vor allem die Bachschen Klavierwerke – insbesondere die Goldberg-Variationen – geholfen Würde zu bewahren und Kraft gegeben durchzuhalten. Ein starkes Buch auch über Kunst und Kultur als Lebenselixir.


17. Juni 2021

Schotten

Graham Costello – Second Lives
2021, Gearbox

So, hier kann man die Anlage mal ruhig richtig aufdrehen. Nach einem ersten spährischen Stück mit dem sonderbaren Namen အစ, und einem nachfolgendem Crescendo knallt zunächst das Schlagzeug bei Drei so richtig los. Die Melodielinien der Instrumente sind mal zu mächtigen (sind das tatsächlich nur zwei Blechbläser?), mal zu zarten Klangteppichen verwoben. Es sind Kompositionen des Schlagzeugers Graham Costello der mit seinen vier Mitspielern Fergus McCreadie (Piano), Joe Williamson (E-Gitarre), Liam Shortall (Posaune), Harry Weir (Tenorsaxofon) und Mark Hendry (E-Bass) diese extrem gut aufgebaute Platte eingespielt hat. Und nach einem abwechlungsreichen Trip lässt einen letztendlich das finale (Titel)Stück sanft wieder aus der Aufnahme gleiten.


9. Juni 2021

Luise Volkmann

Hurraaaaaaa – ein Livekonzert! Und was für ein tolles: Autochrom, ein Trio das sich nach der Technik der ersten Farbfotografie benannt hat. Drei Farben, die zusammen ein farbiges Ganzes ergeben – besser kann man einen Bandtitel kaum wählen. Angeführt von Luise Volkmann, einer der derzeit interessantesten deutschen Musikerinnen. Autochrom verbindet die kindliche Freude am „Herumspinnen“ (die man eigentlich nie verlieren sollte) mit raffinierter Komposition. Jazz? Neue Musik? Egal!

Stilmäßig noch wüster wird es mit Volkmanns Projekt Eté Large, das unter anderem an britischen Experimental-Rock/Jazz der 70er und 80er Jahre erinnert oder auch die Dreigroschenoper. Dies und vieles mehr mit einer 13-köpfigen Musikercombo extrem kreativ und gekonnt weitergedacht und performt.

Ganz wundervoll finde ich auch das Projekt der Saxophonistin bei dem sie in Dialog mit einem Organisten (Didier Matry) an der Kirchenorgel tritt (ein durchaus ausbaufähiges Konzept :-)).

Vor ein paar Tagen ist noch eine neue Platte herausgekommen: LEONEsauvage, eine kollektive Free Jazz Big Band unter Volkmanns Leitung, die in alter Charlie Haden/Carla Bley-Tradition, eine ganze Menge an Revolutionen ausruft. Bleibt also weiter spannend!!

Autochrom
RGB
2019, Nwog

Été Large 
When The Birds Upraise Their Choir
2020, Nwog

Luise Volkmann ◆ Didier Matry 
Wünsche
2019, Umland

LEONEsauvage
Dreams to come
2021, Umland


31. Mai 2021

Sunrise

Wenn das Motto des ECM-Labels „The most beautiful sound next to silence“ genau zutrifft, dann ist es bei dieser Aufnahme „Sunrise“ (2012) des Trios um den Pianisten Masabumi Kikuchi (1939–2015) mit Thomas Morgan (*1981) am Kontrabass und Paul Motian (1931–2011) am Schlagzeug.

Das ist Musik, die sich an der Schwelle zum Verschwinden befindet. Derartig Minimales kann unter Umständen anstrengend sein, doch hier entwickelt sich ab dem ersten Ton eine Zauber der (mich) tief berührt. Warum das so ist? Ich weiß es nicht! Erfahrung? Sensibilität? Auf jeden Fall ist es ist immer schön wenn sich ein solches Gefühl bei Musik einstellt …

Auch das Cover ist so strahlend schön wie die Töne selbst. Kleiner Kritikpunkt könnten die Geräusche sein die der Pianist hin und wieder ausstößt, aber entweder man stellt sich einfach einen Baum voller Krähen im Hintergrund vor oder man akzeptiert es als archaisches Zusatzinstrument.


24. Mai 2021

Happy Birthday Mr. Dylan

Wein nach Etikett zu kaufen funktioniert meistens ganz gut. Bei Musik ist das anders: Vor vielen Jahren, als man noch stundenlang in Plattenläden herumlungerte, war oft das Cover ein verlockender Erstkontakt. In meiner Erinnerung waren es letztendlich aber nur zwei Alben die ich mehr oder weniger nur kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel.

„Breadcrumb Sin“ von Jamie Saft das eine Handpuppe zierte, das andere „World Gone Wrong“ mit einem besonders stimmungsvollen Foto von Bob Dylan. Kurioserweise erschien einige Jahre später ein Album „Trouble“ auf dem Jamie Saft seine Lieblingssongs von Bob Dylan covert. Und diesem Fall sind Cover UND Musik wahnsinnig lässig.

Bob Dylan wird heute achtzig. Ich bin weder Dylanologe, noch zähle ich zu den bedingungslosen Fans, dennoch fasziniert er mich seit langem: als legitimer Erbe der Beat Generation, als eleganter Stilist, als jemand der sich stetig weiterentwickelt und neu erfindet. Man kann das als Brüche sehen, aber vielleicht ist er einfach jemand, der keine Lust hat immer nur das Gleiche zu machen. Ist auf jeden Fall spannend sich immer wieder von neuem mit ihm zu beschäftigen. (siehe auch Cover)

Jamie Saft Trio
Trouble
2006, Tzadik

Jamie Saft: Klavier, Hammondorgel
Greg Cohen: Kontrabass 
Ben Perowsky: Schlagzeug
Gäste: Antony, Mike Patton (Gesang)


18. Mai 2021

Maschinenpoesie

Der Franzose Pierre Bastien (*1953) ist Literaturwissenschaftler, Musiker und Komponist mit tiefer Liebe zu altem Jazz und traditioneller Weltmusik  – und er baut Maschinen, Spieluhren, Klangskuplturen. Aus Meccano (dem französischen Pendant zu Fischer-Technik), mit Instrumenten aus der ganzen Welt und was er sonst noch so findet. Und damit macht er Musik.

Unterstützt werden diese mechanischen Klänge durch „normale“ Instrumente wie eine Taschentrompete oder Horn. Das alles zusammen klingt unglaublich poetisch und vielfältig. Live ist das ein multimediales Erlebnis mit Projektionen und stetigem Bedienen seiner skurrilen Klangskulpturen.

Aber auch ohne Visualisierung erliegt man schnell dem Charme und der Eleganz dieses wunderbaren Klanguniversums :„Die Präzision der Akkorde, Rhythmen und Töne schaffen eine monotone, hypnotische und gemütliche mechanische Wiederholungen mit einem sehr starken menschlichen Gefühl, da diese Roboter auch eine gewisse Wärme und bunte Verspieltheit haben.“ (Quelle)

Pierre Bastien arbeitet oft allein, kooperiert aber auch mit Musikern wie Pascal Comelade, Jackie Liebezeit (CAN), Robert Wyatt und ist – obwohl leider relativ unbekannt – einer der interessantesten Experimentalmusiker.

Anspieltipps:
Les Premières Machines 1968 – 1988
2007, Gazul Records
The Oblique Sessions
mit Pascal Comelade, Jac Berrocal und Jaki Liebezeit 1997, Les Disques du Soleil et de l’Acier
The Mecanocentric World of Pierre Bastien
2017, Discrepant
Tinkle Twang ‘n Tootle
2019, Marionette


11. Mai 2021

Eine persönliche Reise zur „Winterreise"

Vor einiger Zeit erschien folgende Konzertankündigung: Ein Kammerorchester, ein Jazztrio und ein singender Schauspieler präsentieren einen Abend mit Liedern aus Franz Schuberts Winterreise und … von Nick Cave. Klang abenteuerlich, also hin! Der Abend war dann richtig spannend. Allerdings gab es weniger Cave, mehr Schubert. Kurze Zeit später erschien die durchaus empfehlenswerte Aufnahme : „Mercy Seat – Winterreise mit dem Ensemble Resonanz und Charly Hübner (2020, resonanzraum records). Und bei mir regete sich die Vermutung, dass dieses Werk aus dem Jahr 1827, gar nicht so schlecht ist …

Etwa zur gleichen Zeit erschien eine weitere Aufnahme der Winterreise: Axel Wolf an der Laute, Hugo Siegmeth am Saxophon und diesmal ein sprechender Schauspieler –  Stefan Hunstein (2020, Oehms Classic). Alle drei Garanten für Anspruchsvolles. Und das ist es dann auch, ein bewegendes Feuerwerk mit starkem Akzent auf den Texten Wilhelm Müllers. 

Aber wie sieht es eigentlich mit der Originalbesetzung – Klavier und Stimme – aus?
Die Recherche geht jetzt erst richtig los: Erster Halt beim Label alpha. Julian Prégardien (Sohn), aber wer ist Hans Zender der da neben Franz Schubert als Komponist steht? Zender ist der Erfinder der „komponierte Interpretation“ – das heißt, er hat, in diesem Fall, Schuberts Werk weitergedacht und für Orchester umgeschrieben. Eine wunderbare Aufnahme mit überraschender Instrumentierung und expressiver Interpretation (2018, alpha)! Aber –  immer noch keine „Originalfassung“ …

Also weiter: Fischer-Diskau / Moore – Bostridge / Andsnes – Prégardien (Vater) / Staier –  Web-Winterreise-Foren … und plötzlich fällt der Name Benjamin Britten. Moment – der ist doch Komponist?

Ja schon – ABER er ist AUCH ein brillianter Klavierbegleiter, unter anderem für seinen Lebensgefährten, den Tenor Peter Pears. Im Internet findet sich ein Video, in dem diese beiden extrem angetan die Winterreise diskutieren (it’s like a psycologic casebook, it has every situation in it of a disstressed person (…) the most alarming a was found in performing this, was there ist actually so little on the page (…) extraordinary moods and athmospheres with so few notes (…). Und mit genau diesem Respekt interpretieren sie dann auch tief ergreifend dieses Werk: das Klavierspiel klar und schnörkellos, der Gesang gefühlvoll und unprätentiös. (decca, Aufnahme von 1963). Kleiner Kritikpunkt bleibt die mangelnde deutsche Artikulation des britischen Sängers, aber alles andere macht das locker wett.

Interessant ist nun auch, was mit so einer einzigen Komposition alles möglich ist. Aber darin liegt die Stärke dieser Winterreise, nämlich dass sie musikalisch und textlich so genial und zeitlos ist, dass sie dann auch sehr viel aushält. Und wer weiß, vielleicht begibt sich ja irgendwann auch Nick Cave „auf Winterreise“? À suivre …

P.S. Goerne / Brendel sind auch gut.


3. Mai 2021

Jorn Swart's Malnoia – Hello Future

2021, Outside in Music

Wenn man diese Musik mit einem Etikett versehen möchte, würde wahrscheinlich Kammerjazz daraufstehen. Aber eigentlich ist es viel mehr. Bereits die Besetzung ist ungewöhnlich: der Bandleader Jorn Swart am Klavier, an der Bassklarinette Lucas Pino und an der Bratsche Benni von Gutzeit. Jedes Stück basiert auf einer eigens dafür geschriebenen Kurzgeschichte. Das erzeugt sehr breite aber stimmige und elegante Stilivariationen, so dass das Anhören immer wieder zu einer neuen Entdeckungsreise wird. 


26. April 2021

Giuffre


21. April 2021

Silent Room

Enzo Carniel & Filippo Vignato – Aria
Menace, 2021

Es gibt Musik die ist so schön, dass man beim Zuhören kaum wagt zu atmen. Diese gehört definitiv dazu: „Silent Room“ nennen der französische Pianist Enzo Carniel und der italienische Posaunist Filippo Vignato ihr Duo. Und ja, ihre musikalische Zwiesprache ist extrem ruhig und bedächtig und baut dennoch eine unglaubliche Spannung auf, die sich durch das komplette Album trägt. Faszinierend auch wie im Lauf der Stücke dezent immer mehr elektronische Elemente hinzukommen.

Auch sehr interessant: „Ghost Dance“ mit Filippo Vignato in wundervollem Dialog mit dem amerikanischen Cellisten Hank Roberts (2019, Cam Jazz) und „Echoides“ von Enzo Carniels Projekt „House of Echo“ mit analogen und elektronischen Klangexperimenten (2017, jazz&people).


18. April 2021

Valentin & Théo Ceccaldi – Constantine

2020, Full Rhizome

Constantine ist eine Stadt im Norden von Algerien. Dort ist der Vater – Serge – der französischen Jazzmusiker Théo (Violine) und Valentin (Cello) Ceccaldi 1960 geboren und musste von dort zweijährig mit seiner Familie nach Frankreich auswandern. Dieses Album ist eine musikalische Reise durch die Zeit zu den Wurzeln der Familie Ceccaldi, hauptsächlich mit Kompositionen des Vaters, der Theatermusiker ist und nebenbei eine assoziative Musikschule gegründet und geleitet hat. Eingeladen wurden hierzu zahlreiche Weggefährten die diese bunte, musikalisch Revue in zahlreiche Klangfarben und Stile tauchen: das Grand Orchestre du Tricot, entstanden auf Initiative der Gebrüder Ceccaldi und weiteren ehemaligen Schülern der Musikschule des Vaters, die wunderbare Sängerin Leila Martial, Emile Parisien mit einem flotten Klarinettenritt, Michel Portal am Bandoneon und einige mehr. Man spürt die vibrierende Hitze der algerischen Sonne und das laute Gewusel nordafrikanischer Metropolen. Eine wagemutige, engagierte Platte, die im letzten Jahr erschienen ist.


P.S. Wer sich für die Umstände interessiert warum ab Anfang der 1960er Jahre zahlreiche Algerier nach Frankreich auswanderten, dem empfehle ich den hervorragenden und aufschlussreichen Roman „Die Kunst zu verlieren“ von Alice Zeniter (2019, Berlin Verlag).


15. April 2021

Cool

Ramsey LewisMother Nature’s Son
1968, Cadet

10 Songs des „White Album“ der Beatles vom amerikanischen Jazzpianisten Ramsey Lewis (*1935) arrangiert und live unter anderem mit Streichorchester und Moog-Synthesizer aufgenommen. Das Verrückte daran ist, dass die Aufnahmen im Dezember 1968 entanden, nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Albums der Beatles am 22. November 1968. Und noch verrückter: Dieses Album ist extrem cool und macht ziemlich gute Laune! Das Cover übrigens auch …


9. April 2021

Mike Westbrook – Ja, Pathos!

Neben den kleinen, intimen musikalischen Formaten, habe ich ein großes Faible für die voluminösen, pathetischen Produktionen. Ein Meister in zweiterem ist Mike Westbrook, der im März seinen 85. Geburtstag gefeiert hat. Ebenso hat er einen nicht unerheblichen Verdienst an der Entwicklung und Emanzipation des britischen und auch europäischen Jazz ab den 1960er Jahren bis heute. Als Pianist, Komponist, Arrangeur, Orchester- und Bandleader in kleinen bis größten Formationen hat er vieles auf den Weg gebracht. Um eine Vorstellung der enormen Bandbreite seines Schaffens bekommen, habe ich ein paar Alben, die ich interessant finde, herausgesucht:


1 ― Marching Song , Vol. 1 & Vol. 2
(1969): Eine Anti-Kriegs-Symphonie, mit brennender Intensität gespielt vom Who-is-Who britischer Jazzgrößen wie John Surman, der Westbrooks Schüler war, am Saxophon oder dem Amerikaner Barre Phillips am Bass – insgesamt sind sie 25.

2 ― Metropolis (1971): Das kraftvolle 9-teilige Konzeptalbum mit einer 23-köpfigen Big-Band-Besetzung gilt als Meilenstein des britischen Jazz. Eher dissonant beginnend, gipfelt es nach einem wilden Ritt durch alles Mögliche (z.B. groß- und eigenartiger „Gesang“ von Norma Winstone in Part III) in einem fulminanten Trompetensolo in Part IX. (Es gibt ein gleichnamiges Album vom Willem Breuker Kollektief, aber das ist ein anderes und dennoch ähnliches Kapitel …)

3 ― Piano (1978): Die Vertonung britischer Gedichte (Emily Bronte, Edward Lear, Rudyard Kipling) für Klavier, solo – ohne Gesang. Abwechslungreich und schön anzuhören.

4 ― The Westbrook Blake: Bright as Fire (1980): Vertonung von Gedichten William Blakes (1757–1827). Kraftvoll gesungen von Phil Minton und Kate Westbrook (und einem Kinderchor) und begleitet von Westbrooks Brass Band. Grandios in Brecht/Weillscher Tradition. Herausragender Song: „Let the Slave“

5 ― Westbrook-Rossini, Zürich Live (1986): Interpretationen von Werken des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini (1792–1868), Nicht komplett durch den musikalischen Fleischwolf gedreht, aber schon ein bisschen (sehr) … Dies alles sehr glänzend und facettenreich. Besonders toll: die wild-rhythmische Version der Ouvertüre des „Barbiers von Sevilla“. Ein eher instrumentales Album, aber ein paar schmissige Opernarien sind auch dabei.


6 ― Off Abbey Road
(1990): Beatles covern können viele (und auch gut), aber so konsequent (alles komplett in Originalreihenfolge) und phantasievoll nur wenige. „I Want You“ mit der Tuba und derbem Gesang (Phil Minton), „Because“: äusserst schmachtend (Kate Westbrook), „Mean Mr. Mustard“: ganz schön schrill, u.v.m. Das Ganze macht richtig Spaß – so wie das Original auch!

7 ― The Serpent Hit (2013): Texte und Gesang um das Thema der Vertreibung aus dem Paradies von Mike Westbrooks (der die Arrangements komponiert hat) langjähriger Mitstreiterin und Ehefrau Kate – un- und außergewöhnlich begleitet von einem Saxophonquartett und einem Schlagzeug.

8 ― Catania – Live in Sicily 1992 (2019): Aufgenommen an drei Tagen im Juli 1992 in Catania, Sizilien, während des Mike-Westbrook-Festivals, das dort von lokalen Jazz-Liebhabern organisiert wurde. Sehr schöner, mitreissend gespielter Überblick über Westbrooks Gesamtwerk. Großes Orchester, viel Pathos und Solomusiker wie Dominique Pifarely an der Geige und der italienische Posaunist Danilo Terenzi.


29. März 2021

Passionszeit

Ich bin mit Kirchenmusik aufgewachsen – insofern gehört zur Karwoche natürlich ein Passionsoratorium. In diesen Jahr sind es zwei. Zwei Vertonungen des bluttriefenden Textes „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ von Barthold Heinrich Brockes (1680–1747). Dessen Zeitgenossen gefiel dieser Text so gut dass er gleich von mehr als zehn Komponisten verwendet wurde.


Angezogen durch ein auffällig schönes Cover (und ein gewisses Grundvertrauen in die spanndenden Veröffentlichungen des Labels α) wurde ich auf die soeben erschienene Brockes-Passion von Georg Friedrich Händel mit dem Ensemble Arcangelo unter der Leitung von Jonathan Cohen (2021, Alpha) aufmerksam. Diese Aufnahme ist wunderbar luftig und enschärft so ein wenig die drastische Bildsprache der Texte („Schäumest du, du Schaum der Welt, speit dein Basiliskenrachen, Brut der Drachen, dem, der alle Ding’ erhält, Schleim und Geifer ins Gesicht, und die Höll’ verschlingt dich nicht?“).

Die Version des mit Händel befreundeten Georg Philipp Telemann in einer Aufnahme mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von René Jacobs (2009, harmonia mundi) ist wesentlich expressiver und voluminöser. Ich finde beide absolut hörenswert.


22. März 2021

Michel Portal

Nachtrag zum 5. März

Michel Portal ist ein feste Größe in der internationalen Musikwelt – leider wissen das ausserhalb Frankreichs nur wenige. Der 1935 geborene Klarinettist, Saxophonist, Bandoneonspieler und Komponist macht vor keiner musikalischen Grenze halt. Hier eine Auswahl an Alben, die das vielleicht deutlich macht:


1 ― Splendid Yzlement
(1972): Vor etwa 30 Jahren mein erster Kontakt zu Michel Portal. Ist nicht sein zugänglichstes Werk, aber die 1970er Jahre waren eben auch die Zeit der großen musikalischen Experimente. Und dieses hier ist dafür ein sehr spaßiges Beispiel. Aus dem gleichen Jahr findet man im Web die für den französischen Jazz wegweisende Live-Aufnahme „Michel Portal Unit – Chateauvallon 1972“.

2 ― Dejarme solo (1970): Die Sehnsucht nach Einsamkeit – nach jahrelangem Spielen im Kollektiv – führte zu diesem Soloalbum, das im Multitrack-Verfahren unter Verwendung fast der gesamten Saxophon- und Klarinettenfamilie entstand. Am Ende wird es gekrönt mit einer ausgelassenen Bandoneon-Performance. Vielleicht Portals schönstes Album.

3 ― Arrivederci Le Chouartse (1980): Ein Live-Aufnahme mit den Schweizern Pierre Favre am Schlagzeug und Léon Francioli am Bass. Für geübte Ohren ein Genuss.

4 ― Musiques de cinémas (1995): Ein Fusion-Ausflug – oft sehr emotionale aber auch kraftvolle Filmusikkompositionen mit großartigen Musikerkollegen.


5 ― Bailador
(2010): Französisch-amerikanische Zusammenarbeit voller mitreissender Spiellust. Eigentlich (fast schon) tanzbar …

6 ― Eternal Stories (2017): Ein Jazztrio (inkl. Monsieur Portal) und das Streichquartett „Quatuor Ébène“ – das ist Musik die man eigentlich gar nicht näher definieren möchte. Gespielt wird Portal, Astor Piazzolla und mehr. Einfach selbst hören wie das klingt.

7 ― » MP85 (2021)

Übrigens: Das Allerschönste gibt es (noch?) nicht auf Platte: ein Duo mit dem Pianisten Roberto Negro – allerdings in Form einer Konzertaufzeichnung die auf der Homepage des Pariser Musikclubs „Le Triton“ für
2 Euro angeboten wird).

Und sonst: Tangomusik mit Richard Galliano („Blow up“, 1996); Klarinettenkonzerte von Mozart, Brahms, etc. (z.B. „Double“ mit Paul Meyer, 2020); Hommagen an den amerikanischen Jazz („Minneapolis“, 2000), Afrika („Burundi“, 2000) u.v.m.

Fussnote: Frühes in Erscheinung treten Michel Portals im französischen Chanson u.a. bei Serge Gainsbourg („Machin choses“, 1964) und Barbara („Pierre“, 1964).


11. März 2021

meets, with, &

Seit einiger Zeit stoße ich immer wieder auf ein Phänomen, das sich „meets, with oder & Gerry Mulligan“ nennt. Dave Brubeck Trio & Gerry Mulligan, Gerry Mulligan with Chet Baker, Gerry Mulligan with Lee Konitz, Mulligan meets Monk und nun auch noch Astor Piazzola (der heute hundert geworden wäre) & Gerry Mulligan … hm …

Nachtrag 19. März:
Also, Gerry Mulligan (1927–1996) spielte Baritonsaxophon - zu dessen Druchbruch als Soloinstument er maßgeblich beteiligt war - und so eigentlich mit allem was Rang und Namen hatte (von Miles Davis bis Zubin Meta) auftrat und aufnahm und arragierte. Ganz besonders fiel nun mein Ohr auf die Aufnahmen eines Konzerts in der Carnegie Hall aus dem Jahr 1974 mit Chet Baker, einem sehr jungen John Scofield und einer wunderschön fragilen Version von My Funny Valentine.


8. März 2021

Humpf – It’s Monk-Time

Ein Gelegenheitskauf, ein Flohmarktfund und eine gezielte Ergänzung bescherten mir einen Einstieg die wundersame Monk-Galaxie. 
Zunächst eine Biografie – „Monk“ – aus der sehr persönlichen Sicht des leidenschaftlichen Monk-Fans und Jazzpianisten Laurent de Wilde. Weniger wissenschaftlich als anekdoten-gespickt und analytisch ein großer Lesespaß. Leider nur französisch – mittleres Spachniveau reicht – bzw. englisch erhältlich.

Die Zeitschrift „du“ (Nr. 3) betrachtet Thelonious Monk aus zahlreichen Blickwinkeln wie etwa in einem (fiktiven) Gespräch des Jazzjournalisten Michael Naura mit Carl Philip Emanuel Bach über Monk oder Erinnerungen Abdullah Ibrahims an Monk. 

Eine schöne Ergänzung ist die umfangreiche Graphic Novel „Monk!“ von Youssef Daoudi (englisch bzw. französisch), die die damalige Aufbruchzeit des amerikanischen Jazz zum Bebop wunderbar in atmosphärische Bilder umsetzt. Beschrieben wird neben dem Werdegang Monks auch die Geschichte seiner Förderin, der Baronesse Pannonica de Königswinter. 


Am Ende vieler „du“-Artikel haben die Autoren Listen ihrer Monk-Lieblingsalben gesetzt, da ich aber –  noch – Monk-Neuling bin, hier nur ein paar spontane Eindrücke: Mir gefällt vor allem das Skizzenhafte seiner ersten Aufnahmen für das Label „Prestige“ (1954–56) und eines in Paris aufgenommenes Solo-Albums (1954). Überraschend gut auch das Live-Konzert in der New Yorker Town Hall (1959) mit einer für Monk ungewöhnlichen Tentet-Besetzung, deren Spiel extrem feinfühlig um den Pianopart herum arrangiert ist.


5. März 2021

mp85

Dieses Album ist, wie bei dieser Besetzung nicht anders zu erwarten war, ein Ereignis!
Hier tanzt jeder mit jedem: Klarinette mit Posaune, Klavier mit Bass und Schlagzeug, alle zusammen und immer so weiter. Fünf Musiker, drei Generationen reiten durch die überwiegend französische Jazzgeschichte, die der 85-jährige Michel Portal ganz maßgeblich mitgeschrieben hat und das macht großen Spass. Überraschende Zäsuren, schräge Töne, ergreifende Läufe, irre Grooves, entspanntes Swingen, puh …
Und dann noch gelebtes Europa obendrein: zwei Franzosen, ein Belgier, ein Deutscher und ein Serbe.


17. Februar 2021

Chick Corea (1941–2021)

Aus traurigem aktuellem Anlass habe ich mich mal wieder mehr mit Chick Corea beschäftigt. Um ehrlich zu sein habe ich mit ihm in den letzten Jahren, aufgrund seiner Scientology-Zugehörigkeit, eher gehadert. Ich bin auch immer noch nicht sicher ob man diese so einfach ausklammern kann. Nun ist er leider doch ein so sympatischer und vielseitiger Musiker, und Dank der zahlreichen Berichterstattung zu seinem Tod habe ich so viel neues und erstaunliches entdeckt, dass ich denke, es ist gut sich einfach auf sein musikalisches Werk zu konzentrieren. Meinen ganz großen Respekt haben nach wie vor seine „Children Songs“ (>solo), kleine solistische Klavierminiaturen, aber auch sein erstes Werk mit dem Trio Vitous/Haynes „Now he sings, now he sobs“ und die freien Improvisationen mit gleicher Formation (>trio) sind ganz große Klasse. Das aktuellere Trio mit Christian McBride und Brian Blade ist aber auch nicht ohne… Neben der symbiotischen Duoformation mit Gary Burton am Vibrafon (>duo), fiel mir ein Duo mit dem Banjospieler Béla Fleck neu ins Ohr, das gemeinsame Album heißt „The Enchantment“ und ist genau dies. Ich denke meine Reise mit Chick Corea geht jetzt weiter und irgendwann werde ich mich auch noch mit dem brasilianisch geprägten Teil seines Werks anfreunden …


6. Februar 2021

Roach – Ibrahim

Max Roach | Abdullah Ibrahim,
Streams of Conciousness, 1978

Was für eine tolle Überraschung! Die beiden von mir seit langem geschätzten Musiker Max Roach und Abdullah Ibrahim haben zusammen 1977 ein Album aufgenommen. Vielleicht nicht ganz abwegig, trotzdem ist es das einzige gemeinsame Werk. Und was für eines: Das Spiel der beiden, die hier sowohl ihre musikalische Freiheiten, als auch ihre gemeinsamen Wurzeln zelebrieren ist absolut großartig.
Ein zweites Dokument der beiden Musiker befindet sich hier im Web: Ein Konzert aus dem Jahr 1997.
Mehr habe ich nicht gefunden …


1. Januar 2021

2020

2020 erschienene Platten die ich besonders mochte:

1 ― Alabaster Deplume |
To Cy & Lee: Instrumentals Vol. 1 
Schwer zu sagen was das genau ist, aber es macht gewaltig Spaß.

2 ― Calabashed | Behold A Black Wave
Aus ähnlichem Londoner Kochtopf wie Nr. 1,
zusätzlich mit Hip-Hop gewürzt.

3 ― Carla Bley | Life goes on
Drei alte Hasen (davon eine Häsin) die nach wie vor frisch und unverbraucht klingen.

4 ― Claude Tchamitchian Trio | Poetic Power
Französischer Bassist mit armenischen Wurzeln, poetisch stark in Trioformation.

5 ― Dinosaur | To The Earth
Bestes Kopfkino aus England: zu den Ohren rein und dann 41 Minuten ablaufen lassen.

6 ― Été large |
When the birds upraise their choir
Glücklich machendes Rock-Jazz-Musical-Big-Band-Experimentier-Gemisch vom musizierenden Nachwuchs.

7 ― Eva Kruse | New Legend
Hier spielen fünf Personen unglaublich guten Jazz.

8 ― Hugo Siegmeth, Axel Wolf und
Stefan Hunstein | Winterreise
Schubert mit Saxophon, Laute und gesprochen. Fast hat man den Eindruck eine Tom Waits-Platte zu hören.

9 ― Jarv is …  | Beyond The Pale
Cool, glamourös, ironisch, intelligent und
immer besser: Jarvis Cocker 

10 ― Jean-Louis Matinier, Kevin Seddiki |
Rivages
Alter Bekannter am Akkordeon mit „jugendlichem“ Gitarristen, ein sehr feines Duo-Gespann.

11 ― Jî Drû | Western
Irgendwie hypnotisch und sehr elegant groovig.

12 ― Mary Halvorson’s Code Girl |
Artlessly Falling
Jonglierende Töne, verdrehte Harmonien auf verschlungenen Wegen und Robert Wyatts Gesang ist die Sahnehaube.

13 ― Michael Wollny | Mondenkind
Lunatisches Klavierspiel mit spannenden Wendungen.

14 ― Paul McCartney | III
Sir Paul rockt 78-jährig im Alleingang. Das rührt extrem und ist verdammt gut und klingt fast innovativ.

15 ― Phillip Sollmann | Monophonie
Berghain-DJ begibt sich berauschend auf das Feld der neuen Musik. 

16 ― River | River
Für alle die es noch nicht wissen: Im Münchener Independent-Untergrund brodelt es gut und heftig!

17 ― Stefano Bollani |
Piano Variations on Jesus Christ Superstar
Wenn eine Platte mehrere Tage lang non-stop laufen kann, spricht das für sie …

18 ― Thurston Moore | By The Fire
Hervorragendes E-Gitarren-Feuerwerk und insbesondere live ein Höhepunkt in 2020.

19 ― Vincent Courtois | Love of Life
Der französische Tausendsassa am Cello lässt sich mit zwei Saxophonisten in sehr zufriedenstellender Weise vom Werk Jack Londons inspirieren.

20 ― Wayne Horvitz, Sara Schoenbeck |
Cell Walk
Langer konzentrierter Reigen mit Klavier und Fagott.