21. Mai 2022

Das Aufeinandertreffen von Musikern aus verschiedenen Kulturkreisen ist oft ein sehr spannendes Ereignis, vor allem wenn aus der Konfrontation verschiedener Musiktraditionen etwas ganz Neues entsteht. Zwei der Musiker aus den „Familienbande“ haben mit jeweils einem indischen Musiker ein Duo-Album aufgenommen bei denen dieser kulturelle Austausch extrem gut funktioniert:

― Ravi Prasad & Pedro Soler (1999, Al Sur) ::: Flamencogitarre trifft auf Flöte, Percussion und Gesang. Diese archaische Reduktion kreiert poetisch Magie die von gemeinsamen Wurzeln (im 16. Jh. gab es enge Handelsbeziehungen zwischen Andalusien und Westindien) und gegenseitiger Neugier erzählt.

Latif Kahn & Don Cherry „Music/Sangam” (1982, Heavenly Sweetness) ::: Sangam heißt auf Transkrit „Treffpunkt“ und genau dies umschreibt am besten was der Sitarspieler und der Multiinstrumentalist Cherry an Trompete, Keyboard, Flöte, Stimme und Ngoni (ein- bis siebensaitige Binnenspießlaute der Mandinka aus Westafrika) hier in einem Pariser Studio produziert haben:

Ein aufgeschlossenes Weiterentwickeln afrikanischer und indischer Traditionen mit zeitgenössischem Jazz das ein wunderbares Ergebnis hervorbringt.

Übrigens: Der Geigenvirtuose Yehudi Menuhin und der Tablavirtuose Ravi Shankar, die eine langjährige Freundschaft verband, haben drei gemeinsame Alben aufgenommen. „West meets East“ (1966, 1967 und 1976) heißt das Projekt, ist eher indisch geprägt, aber ebenfalls sehr entdeckenswert.

6. Mai 2022

John Scofield logierte bei mir bis vor etwa einem Jahr in einer „Schublade“. Dann spielte er ein Solokonzert beim Festival in Moers – welches freundlicherweise von Arte übertragen wurde – und das war eine Sensation. Alleine mit der Gitarre, zu Füßen ein paar Loopschalter, servierte er Momente von beeindruckender Intensität – Songs, Improvisationen, ein Gedicht! Und nun erscheint dieses Soloalbum bei ECM (auf das ich seitdem gewartet habe) geziert von einem besonders schönen Cover. Auch hier adelt jeder einzelne Anschlag die Gitarrensaiten, kein weiteres Instrument lenkt vom Purismus der Melodien ab, kurzum eine tief gehende Musik bei der nicht nur Saiten bewegt werden …

Fazit: Immer wieder mal den Inhalt seiner Schubladen überprüfen oder am Besten das Schubladendenken ganz sein lassen!

30. April 2022

Familienbande (3/3)
Die Soler-Claus’

Auf Peter und Caspar folgen nun zum Abschluss der „Familienbande“ Pedro und Gaspar. Pedro Soler (*1938) hat sich nach Anfängen mit der Violine bei einem Jazzkonzert in den Klang der Gitarre verliebt und eine Leidenschaft für die technischen und spielerischen Freiheiten des Flamencospiels entwickelt. Hierin ließ er sich von Meistern des Genres in Spanien ausbilden. (Quelle – ein auch optisch sehr schöner Film, 30 min., französisch).

Neben der traditionellen Begleitung von Gesang und Tanz erschloss sich Soler zudem neue Wege als Solist, als Begleiter von Poesierezitationen („Lorca“ mit Germaine Montero, 1968/2017) und mit anderen Musikern wie z. B. dem Bassisten Renaud Garcia-Fons („Suite Andalouse“, 1994).

Das Instrument seines Sohns Gaspar Claus (*1983) ist das Cello, mit dem dieser in vielen verschiedenen Musikgenres, von Klassik bis Elektronik, unterwegs ist. Zum Beispiel im Duo mit dem Elfterklang-Sänger Caspar Clausen („Live at St-Merry“, 2016), mallorquinische Arbeiterlieder interpretierend mit der Sängerin Marion Cousin („Jo Estava Que M’Abrasava“, 2016) oder solo mit seinem 2021 erschienenen Album „Tancade“ auf dem er die Möglichkeiten seines Instruments weitläufig erforscht. Seine ausführliche Webseite lädt dazu ein, sich in seinen zahlreichen Projekten zu verlieren …

Auf beide aufmerksam geworden bin ich über ihre gemeinsamen Alben „Barlande“ (2011) und vor allem „Al Viento“ (2016, beide Infiné), zwei Meisterwerke bei denen die tiefe Musikalität von Vater und Sohn Flamenco weit über seine Grenzen hinausträgt.

22. April 2022

Heute vor hundert Jahren wurde Charles Mingus geboren. Zu diesem Anlass bezieht er nun seinen eigenen Unterpunkt.

12. April 2022

Es ist wieder „Passionszeit“

Im Zuge eines Arbeitsprojekts über Neue Musik entdeckte ich die finnische Komponistin Kaija Saariaho (*1952) und ihr faszinierendes Werk „La Passion de Simone“ (2013, Ondine), ein modernes Oratorium für Sopran, Stimme, Chor, Orchester und Elektronik aus dem Jahr 2006.

Das Libretto hat der französisch-libanesische Schriftsteller Amin Maalouf (*1949) geschrieben, der vor allem für seine Romane zu historischen Themen bekannt ist und zuletzt die sehr interessante Dystrophie „Nos frères inattendus“ (2020, Grasset) geschrieben hat.

Das in 15 „Stationen“ aufgeteilte Werk orientiert sich an den klassischen Kreuzwegen und erzählt vom Leben der französischen Philosophin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943), die sich vehement für soziale, gesellschaftliche Gerechtigkeit einsetzte. In ihrem kurzen Leben arbeitete sie u. a. als Philosophielehrerin, in der spanischen und französischen Résistance, in einer Fabrik um die Lebensbedingungen der Arbeiter kennen zu lernen und suchte zuletzt Antworten vermehrt in religiösen Gefilden.

Natürlich ist diese Art der Musik immer ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber allein die voluminösen Klangwolken des Orchesters, sind es absolut wert sich dieser außergewöhnlichen Passion anzunähern.

30. März 2022

Familienbande (2/3)
Die Brötzmanns

Als Neubauten-Fan führte einen der Weg in den frühen 1990ern zwangsläufig zu Caspar Brötzmann (*1962). Seine Alben mit dem Caspar Brötzmann Massaker (mit Eduardo Delgado-Lopez am Bass und Danny Arnold Lommen am Schlagzeug) sind für mich bis heute Ausnahmewerke, die mich immer wieder in den Bann ziehen. Vor allem „Koksofen“ (1993) und „Home“ (1995).

Er begann sein Gitarrenspiel auf einem Instrument das Carla Bley im Hause Brötzmann zurückgelassen hatte und stieg bald danach auf E-Gitarre um. Dieser entlockt er gewaltige, brachiale und extreme, zugleich aber auch unglaublich lyrische und nuancierte Töne, von denen eine beispiellose Energie ausgeht und kombiniert sie mit beschwörender Sprachperformance. HIER gibt es eine sehr schöne Filmcollage, in der der Musiker sein Werk reflektiert. Seine melodiöseste Platte ist „Mute Massaker“ (2000, alle Rough Trade/Southern Lord) und mutet, obwohl sie mit Bass- und Schlagzeugbegleitung aufgenommen ist, fast wie ein Soloalbum an, das ihn als höchst legitimen Erben von Jimi Hendrix ausweist. Ebenso wie sein Vater ziert er seine Cover zumeist mit eigenen Kunstwerken, was immer ein sehr stimmiges Ganzes ergibt.

Dieser zunächst als Grafiker ausgebildete Peter Brötzmann (*1941) – seine Instrumente sind alle Arten von Saxophonen und Klarinetten – hatte seine ersten Auftritte in einem Projekt von Don Cherry. Wenig später wurde er zu einem der wichtigsten Akteure des deutschen Freejazz, dem er immer weiter teilweise sehr extreme Schattierungen hinzufügt. Sein Werk ist so komplex, dass ich hier nur ein paar wenige Alben nennen will. Den Klassiker „Machine Gun“ (1968) sollte man sich auf jeden Fall mal konzentriert angehört haben. Eine schöne Kuriosität ist die Platte „Schwarzwaldfahrt“ (1977, FMP) bei der er zusammen mit dem Drummer Han Benninck und Instrumenten durchs Unterholz zieht und Bachrauschen, Vogelgesänge, das Klopfen auf Baumstämme mit in die gemeinsamen vor Ort aufgenommenen Improvisationen einfließen lässt. Meine erste Begegnung (und das ist immer etwas Besonderes) war das Solo-Projekt „No Nothing“ (1991, FMP) bei er gleich einem Schlangenbeschwörer auf verschiedenen Blasinstrumenten den Zuhörer betört. Eine weitere beeindruckende Solo-Live-Aufnahme stammt aus dem „Münster Bern“ (2015, cubus) bei der er den Resonanzraum der gotischen Kirche für Register von Bellen bis zu sanften Melodien mit nutzt. Sehr hörbar sind seine in den letzten Jahren entstandenen Arbeiten mit der Pedal-Steel Gitarristin Heather Leigh wie „Sparrow Nights“ (Trost, 2018). Eine ganz gute Zusammenfassung seines weiteren Werks findet sich HIER.

1990 haben Vater und Sohn ein gemeinsames Album „Last Home“ (Pathalogical) aufgenommen das leider mehr oder weniger vergriffen ist.

20. März 2022

Familienbande (1/3)
Die Cherrys

Don Cherry (1936–1995) ist so ein bisschen der „Hidden Track“ der Jazzgeschichte. Er war bei wichtigen Evolutionen wie der Entdeckung des Free Jazz (1961, Atlantic) mit Ornette Coleman und der Entwicklung der Avant-Garde (1966, Atlantic) mit John Coltrane dabei und spielte mit vielen anderen die Rang und Namen hatten (dazu ein anderes Mal mehr). Vielleicht war es seine immer vorwärtstreibende Rastlosigkeit, die dazu führte dass er bis heute nicht in der ersten Reihe der großen Jazzmusiker wahrgenommen wird. 

Sein Instrument war die Taschentrompete, aber neben diversen Flöten und Klavier beherrschte er noch zahlreiche andere Instrumente, die er im Laufe seines Lebens zusammensammelte. Für mich prägend waren vor allem seine Alben „Mu“ First Part (1969, actuel 1) und „Mu“ Second Part (1969, actuel 31), die er als Multiinstrumentalist zusammen mit dem Perkussionisten Ed Blackwell einspielte. Seine Kompositionen verweben hier traditionelle Musik ganz verschiedener Kulturkreise mit freier Jazzimprovisation und setzten einen aufregenden Meilenstein für die Globalisierung des Jazz.

Seine Stieftochter Neneh Cherry (*1964) ging etwas andere Wege, trägt aber durchaus den Geist ihres Vaters in sich. Vom Punk kam sie zum Hip Hop und war an der Entwicklung des Trip Hop beteiligt.

Ihr sind Pophymnen wie „Manchild“ und „7 Seconds“ (mit Youssou N’Dour) zu verdanken und weitere, immer sehr engagierte, Musikproduktionen wie z.B. „Broken Politics“ (2018). Das Erbe ihres Vaters verarbeitete sie mit dem Jazztrio „The Thing“ um den Saxophonisten Mats Gustafsson (Blogeintrag vom 11.12.21) auf dem Album „The Cherry Thing“ (2012). Sehr besonders finde ich ihr Album „Blank Projekt“ (2014, alle Smalltown Supersound), das sich sehr minimalistisch auf elektronische-perkussive Klänge und ihre warme Soul-Stimme reduziert. Möglicherweise gar nicht so weit von „Mu“ entfernt.

9. März 2022

Jason Moran bewegt sich sehr frei zwischen verschiedenen Musikstilen, bildender und darstellender Kunst. Das Whitney-Museum in New York widmete ihm im Herbst 2019 eine eigene Ausstellung mit seinen Kunstwerken, Performances und Konzerten. (Es lohnt sich das anzusehen!)

Vor allem ist er ein ausgezeichneter Komponist und Pianist, was mit folgenden Werken gut bezeugt werden kann: Vor einem Jahr erschien sein von der Literatur Toni Morrisons (1931–2019) inspiriertes Soloalbum „The Sound Will Tell You“ (2021, via bandcamp.com). Dieses faszinierende Album beginnt mit einem Stück, das den Titel „Follow the Light“ trägt und man hat tatsächlich dem Eindruck über dem Rest der Platte einem hellen Strahlen zu folgen.

Im selben Jahr erschien ein Duoalbum mit Archie Shepp „Let My People Go“ (2021, Archiball). Der Saxophonist hat in Jason Moran für sein Instrument und seinen Gesang wieder einmal einen höchst ebenbürtigen Partner gefunden (» duo – erste Spalte).

„Wie ein Maler mit einer frischen Leinwand benutzt Moran sein Klavier, um Farben, Stimmungen und Ideen nach Lust und Laune zu illustrieren.“ (AllAboutJazz)

Eine weiteres Duoalbum, diesmal mit dem Saxophonisten Charles Lloyd „Hagar’s Song“ (2013, ECM), zeigt ebenso, dass Moran zum einen ein sehr sensibler Begleiter ist, dennoch aber auch hier ganz eigene Akzente zu setzen weiß! 

11. Februar 2022

„Ou bien le débarquement désastreux“
ist eine Musiktheaterinszenierung von Heiner Goebbels aus dem Jahr 1995 (ECM) mit Texten von Joseph Conrad, Heiner Müller und Francis Ponge über das Verhältnis von Mensch und Natur. Hier verschmelzen afrikanische Klänge (Gesang, Kora, Djembe) mit E-Gitarre, Keyboard und Posaune zu einer dichten Sprach-Musik-Collage. Tragend dabei ist die Stimme des Schauspielers André Wilms, die dem ganzen Stück einen quasi rappenden Rhythmus verleiht und den Texte ihre eigene Melodie. Einer der größten Schätze meiner Plattensammlung (> basis).

Diese Woche ist André Wilms, der dem Theater und unter anderem den Filmen von Aki Kaurismäki ganz besondere poetische Momente verliehen hat, verstorben.

30. Januar 2022

Ein fantastisches Album (das Cover eher weniger) mit einer Liveaufnahme vom Montreux Jazz Festival aus dem Jahr 1981 – auch für Jazz-Einsteiger. Der Pianist Oscar Peterson saust schwindelerregend über die Tasten, Niels-Henning Øersted-Pedersen bearbeitet so federnd seine Bassseiten, dass es eine wahre Freude ist (ist es bei ihm eigentlich immer) und Terry Clark trommelt sich um Kopf und Kragen. Zusammen erzeugen sie eine Energie die sowohl als Hintergrundmusik, als auch konzentriert gehört, sehr schnell Herz und Hirn erreicht.

29. Januar 2022

Livemusik

Nach einem kurzen Kochrezept geht’s wieder mit Musik weiter, und zwar mit einem Rückblick auf ein – trotz allem – sehr aufregendes Konzertjahr. Glücklicherweise haben viele Veranstalter nicht resigniert und unter Einhaltung von vertrauenserweckenden Sicherheitsmaßnahmen, weiter Livemusik geboten. In Zeiten, in denen digitales Musikhören zunimmt (welches man über Abos und das Zahlen für Downloads und Streamingkonzerte durchaus unterstützen kann!) und Plattenverkäufe zurückgehen, sind auch Konzerte eine wichtige Einnahmequelle für Musiker.

Neben dem dreitägigen Inntöne-Festival-Marathon (siehe Blogeintrag vom 30. Juli), war das von Juni bis Dezember ein abwechslungsreicher Strauß mit Musikern aus Frankreich (Sylvain Kassap, Aïrelle Besson, Michel Portal, Jean-Louis Martinier, Daniel Humair), aus Deutschland (Autochrom, XXXX, Nils Wogram/MUSE, Heiner Goebbels, Rebecca Trescher), insbesonders aus München (Jason Seizer/Claus Raible, Embryo, Moon Not War, Musica Povera, TMTxplosif, Hugo Siegmeth/Axel Wolf, Mathias Lindermayer Trio, Trio Sfera), aus Dänemark (Christian Wallumrød Ensemble) und aus den USA (Thumbscrew, Myra Melford und Uri Caine) – alle Konzerte im Großraum München und alle richtig gut!

Am interessantesten ist es die Konzerte danach auszuwählen, ob der Ankündigungstext vielversprechend klingt, oder man die bisherige Arbeit der Künstler schätzt, nicht aber das aktuelle Programm kennt. Heraus kommt dann eine Art „Blind Date“, aber da Livemusik selten schlecht ist, bleibt das Risko auf große Enttäuschungen überschaubar …

Ich überlege schon länger ob ich auf dieser Seite eine Rubrik mit Konzerten eröffne, bin aber noch zu keiner Entscheidung gekommen. Auf jeden Fall finde ich, dass es immer wieder eine gute Idee bleibt, den Umständen zu trotzen und weiterhin Konzerte (Kino, Theater, Ausstellungen) zu besuchen.

14. Januar 2022

ein ohr draufwerfen wird ein Jahr. Zu diesem Anlass gibt es hier ausnahmsweise ein Kochrezept: 

STADTWURST MIT MUSIK – eine fränkische Brotzeit
Dazu braucht man einen Ring (Nürnberger) Stadtwurst oder Regensburger, zur Not gehen auch Lyoner. Die Wurst wird in dünne Scheiben geschnitten, ein paar Essiggurken auch. Diese werden mit in feine Ringe geschnittenen roten Zwiebeln vermischt. Angemacht wird der Salat mit Essig, Öl, Salz und Pfeffer. Und hier beginnt die Improvisation: ob Sonnenblumen-, Oliven-, Kürbiskernöl oder anderes, ob Weißwein-, Himbeer- oder Balsamicoessig bleibt jedem selbst überlassen. Manchmal nehme ich auch frische Gurken- bzw. Rettichscheiben statt der Essiggurken, füge Kräuter wie Petersilie, Schnittlauch, Majoran oder ähnliches hinzu. Warum es „mit Musik“ heißt ist nicht so klar, aber wenn man noch Scheiben von rotem und weißem Presssack und/oder Ochsenmaulsalat hinzufügt, heißt das in Franken „Gwerch“ (= Zeugs) und ist noch spezieller – so wie Freejazz oft auch.

Besten Dank all denen die hier bisher vorbeigeschaut haben und ich freue mich über weiteres Interesse.

3. Januar 2022

Vielleicht doch ein Album des Jahres 2021 ?

Dieses Album ist keine leichte Kost, aber es wird bei jedem erneuten Hören schöner und selbst beim zehnten oder elften Durchlauf hat man immer noch den Eindruck die Stücke ganz neu zu hören.

Die amerikanische Gitarristin Mary Halvorson und die Schweizer Pianistin Sylvie Courvoisier, beide feste Bestandteile der New Yorker Avantgardejazzszene, schmiegen und kräuseln ihre Töne so intensiv umeinander herum, bis man nicht mehr so genau weiß welcher Klang zu welchem Instrument gehört. Dabei wird dialogisiert, gestritten, harmoniert, gespaßt, gerieben und in vielen Momenten ergreifende Schönheit produziert, die oft lange im Ohr nachklingt. Sozusagen Avantgardejazz-Ohrwürmer – und das sind sehr seltene Tierchen.

Als Referenz für dieses Album nennen beide Musikerinnen das Album „Undercurrent“ (1962) von Bill Evans (Klavier) und Jim Hall (Gitarre) – darauf könnte man bei der Gelegenheit auch mal (wieder) ein Ohr werfen …

Sylvie Courvoisier & Mary Halvorson
Searching For The Disappeared Hour
2021, Pyroclastic

30. Dezember 2021

Dave Brubeck, Botschafter der Jazzmusik

Zum 100. Geburtstag von Dave Brubeck (1920–2012) sendete France Musique vor ziemlich genau einem Jahr ein beeindruckendes 10-teiliges Portrait mit dem Titel „Take 100“. Bis auf die letzte Folge (ein unveröffentlichtes Livekonzert) sind alle Folgen noch auf der Seite des Senders abrufbar.

Die Reihe basiert auf einem Interview (das auch separat auf Englisch abrufbar ist), das der Jazzjournalist Alex Dutilh 2009 in Brubecks Haus in Newport/Connecticut mit ihm aufgezeichnet hatte, und für diese Episoden mit Esprit und Leidenschaft in neun Themenblöcke aufgeteilt hat:

1. die Ausbildung bei Darius Milhaud am Mills College in Oakland; 2. die Jahre des Ausprobierens mit verschiedenen Formationen; 3. die ersten Tourneen durch amerikanische Universitäten; 4. der Dialog mit anderen Kulturen auf Konzertreisen durch die ganze Welt, aus dem die Aufnahmereihe „Jazz Impressions of …“ (Japan, Eurasia, New York) entstand; 5. das mit Brubecks Frau Iola und Louis Armstrong konzipierte Musical „The Real Ambassadors“ über die Geschichte schwarzer Jazzmusiker; 6. seine Experimente mit ungewöhnlichen Rhythmen; 7. die enge musikalische Beziehung zum Saxophonisten Paul Desmond; 8. Zusammenarbeiten mit anderen Musikern, auch aus folgenden Generationen, insbesondere mit seinen Kindern; und abschließend 9. ein Parcours durch die „geheimen Gärten“ seines Werks in denen sich Ballettmusik ebenso wie ein Duo mit Charles Mingus und eine Gesangsversion des Brubeck-Klassikers „Take Five“ finden.

All dies ermöglicht einen tiefen, ausführlichen Einblick in das Werk des Komponisten, Bandleaders und Pianisten Dave Brubeck und selbst wenn man des Französischen nicht mächtig ist, alleine die Musikauswahl ist eine lohnenswerte Auswahl von teils weniger bekannten Höhepunkten seines Schaffens.

P.S. Ich hatte mir diese Reihe an zehn aufeinanderfolgenden Tagen bei ausgedehnten Winterspaziergängen angehört. Seitdem verbinde ich verschiedene Orte mit einzelnen Brubeck-Stücken.

21. Dezember 2021

Keine Experimente zu Weihnachten

Auch wenn es bei mir musikalisch sonst gerne abwechslungsreich zugeht, an Weihnachten läuft seit Jahren dasselbe:

Das Weihnachtsoratorium“ von J. S. Bach: Bisher unübertroffen, die 2007 erschienene Aufnahme der Cappella Amsterdam mit dem Combattimento Consort Amsterdam unter der Leitung von  Jan Willem de Vriend (Challenge Classics). Eine sehr luftige, beschwingte Version in historischer Aufführungspraxis.

Die Weihnachtsgeschichte“, 1963 inszeniert und geschrieben von Carl Orff und Gunild Keetmann mit dem Tölzer Knabenchor (harmonia mundi). Auch wenn hier frühe Kindheitserinnerungen mitspielen, bleibt dieses musikalische Krippenspiel mit Orffschem Instrumentarium und bayerischen Sprechtexten einzigartig und zeitlos.

Die Betlehem Allstars unter der Leitung von Klaus Trabitsch (Gitarre) und Otto Lechner (Akkordeon) spielen traditionelle Weihnachtlieder die sich zwischen hawaiianischen und alpenländischen Klangspektrum bewegen, aber trotzdem immer noch sehr weihnachtlich klingen. („Fürchtet Euch nicht“, 2000, Windhund; „Still“, 1996, geco Tonwaren)

Mit Kindern (eigentlich auch ohne) sind die beiden Bilderbuch-CDs von Franziska Biermann und Nils Kacirek der Hit: ”Am Weihnachtsbaume …” (2013) und „Übermorgen kommt der Weihnachtsmann“ (2019, beide Carlsen Verlag) mit flott und humorvoll arrangierten Liedern zum laut mitsingen.

15. Dezember 2021

Keine Alben des Jahres !

Gerade sprießen wieder aus allen Richtungen die Bestenlisten des Jahres 2021 und meistens sind sie doch sehr ähnlich. Leider werden dabei die „Meisterwerke“ aus den kleinen, feinen Labels nur selten erwähnt. Diese Seite ist auch ein Versuch den Blickwinkel  mehr hierauf zu lenken und wenn ich mir meine in diesem Jahr entstandene Liste unter „NEUES“ so anschaue, sind das zumeist Alben die ich immer noch wahnsinnig gerne höre und eigentlich nicht gegeneinander abwägen möchte.   

Ein paar Dinge sind mir dabei dennoch aufgefallen: der französische Bassist Bruno Chevillon war an gleich drei Projekten beteiligt („Là“, „Ricerare“ und „MP85“), was aber auch nicht verwunderlich ist weil er seit langer Zeit zur Riege der kreativsten Bassisten gehört (hierzu ein andermal mehr). Überraschungen des Jahres waren zum einen ein Typ namens Danger Dan, der der Gilde der engagierten Liedermacher einen frischen Anstrich verpasste und zum anderen ein Album mit dem schönen Titel „The Kiss“,  das die Fähigkeit hat jegliches Pandemie-Trübsal (mit Saxophon, Bass und Drums) wegzublasen.  

Ein Platte hatte ich übrigens völlig vergessen zu erwähnen: „As An Unperfect Actor“ (2021, ACT) auf der die Schauspielerin Birgit Minichmayr begleitet von Quadro Nuevo und anderen hervorragenden Musikern Shakespeare-Sonette singt. Musik, die die durchaus auch derben Seiten des 16. Jahrhunderts schön heraufbeschwört und seit dem Sommer bei mir oft läuft.

11. Dezember 2021

Fire! – Defeat
2021, Rune Grammofon

Das Cover lässt an die Schatteninstallationen  Christian Boltanskis denken, die Musik transportiert Pharoah Sanders „Thembi“ (Impulse!, 1971) konsequent ins 21. Jahrhundert. Mats Gustafsson reizt – wie es ihm der Free-Jazz Saxofonist Peter Brötzmann, mit dem er öfters spielt, vorgemacht hat – Blech- und Holzblasinstrumente in Extreme aus. Weitere Blechbläser fügen Brass-Band-Elemente hinzu. Donnernder Beat der Rhythmustruppe. Klingt radikal, ist es auch, aber – die ganzen 37 Minuten sind richtig gut anhörbar.

Mats Gustafsson: Flöte, Baritonsaxofon, Elektronik
Johan Berthling: E-Bass 
Andreas Werlin: Schlagzeug 
Als Gäste:
Mats Äleklint: Posaune, Sousaphon
Goran Kajfes: Trompete


P.S.
In erweiterter Besetzung (bis zu 28 Musiker) nennt sich das ganze Fire! Orchestra. Das ist rockiger aber genauso interessant.

7. Dezember 2021

Nina Simone – Little Girl Blue
1959, Bethlehem 

Dies ist ein Album das von vorne bis hinten große Freude macht: Das sehr beachtliche Debüt der gerade Mitte zwanzigjährigen Nina Simone, das sie in einem einzigen Take 1957 aufgenommen hat. Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und akzentuiertem Klavierspiel (dem man die klassische Ausbildung hier besonders deutlich anmerkt), entwickelt sie einfache aber wirkungsvolle Arrangements. Auf den ersten Blick ein sehr bescheidenes Album, das beim aufmerksamen Hören seine Schönheit erst richtig entfaltet. Und für Fußball-Fans ist auch etwas dabei: ein perlendes „You’ll never walk alone“ als Instrumentalfassung mit ergreifend schöner Kontrabass-Begleitung am Ende. (siehe auch „stimmen“)

2. Dezember 2021

Stille Knaller aus Norwegen

Norwegen ist ein Land mit weiten, einsamen Landschaften und einer vorbildlichen Jazzförderung. Kein Wunder dass dort immer wieder spannende Projekte wie diese entstehen:

1 ― Maridalen (2021, Jazzland): Das Maridalen Trio besteht aus Saxophon, Trompete und einem Kontrabass. Zu hören sind wohlklingende Melodien bei denen die Blasinstrumente meist so zart gespielt werden, dass der Atem der Spieler präsent bleibt. Der Kontrabass setzt ein meist swingendes und rhythmisierendes Fundament darunter. Der warmen Ton und die in sich ruhende Atmosphäre resultiert bestimmt aber auch daraus, dass die Aufnahme in einer einsam gelegenen Holzkirche entstand.

2 ― Christian Wallumrod Ensemble, „Many“ (2020, Hubro): Auch diese Musik ist von ganz viel Ruhe getragen, manchmal hat man sogar den Eindruck die Kompositionen sind um die Pausen herumgebaut. Vor einiger Zeit hatte ich das Glück dieses Ensemble mit diesem Programm live zu erleben. Dabei zelebrierten sie das Unerwartete so dicht, dass die Aufmerksamkeit auf jedes noch so kleinste Detail gezogen wurde. Neben Klavier, Schlagzeug, Saxophon und Trompete spielten Cello und Tenorblockflöte und alle Musiker erzeugten weitere Töne aus kleinen elektronischen Utensilien.
Auch hervorragend: „Outstairs“ (2013, ECM). (siehe „mehr“)



3 ― Maria Kannegaard Trio, „Sand I en vik“
(2020, Jazzland): Beginnend mit drei zeitversetzten „Paukenschlägen“ entwickelt das Trio (Klavier, Bass, Schlagzeug) eine Spannung die voller überraschender Details steckt. Auch hier haben die Pausen bzw. Stille einen hohen Stellenwert. Dennoch ist das Album insgesamt eher von expressivem Sturm und Drang geprägt (wie man es von nordischem Jazz kennt), aber eben auch von viel Minimalismus durchwoben.

16. November 2021

Bei meinen Streifzügen durch die Musikwelt bin ich kürzlich auf das Duo von Steve Lacy (1934–2004) und Mal Waldron (1925–2002) gestoßen. Die beiden amerikanischen Musiker spielten viel mit Jazzgrößen wie Gil Evans oder Charles Mingus, bevor sie beide Mitte der 1960er Jahre nach Europa übersiedelten und dort in verschiedenen Musikgenres Impulse setzen.



Der Saxophonist Steve Lacy, ein wichtiger Akteur des Avantgardejazz war u. a. in Italien Teil des Ensembles Musica Elettronica Viva, das sich mit der Erforschung elektronischer Möglichkeiten im Bereich der Neuer Musik beschäftigte. Der Pianist Mal Waldron spielte u.a. mit der Gruppe Embryo die in zahlreichen Reisen durch die ganze Welt, ihre anfänglich eher rockigen Klänge mit Einflüssen aus anderen Musikkulturen anreicherte.

Beide Musiker fanden immer wieder zum gemeinsamen Spielen zusammen und bildeten eine enge musikalische Einheit, die ich besonders und schön finde. Ihre gemeinsame Leidenschaft für Thelonious Monk bildete oft eine Grundlage, aber Kompositionen beider Musiker sind zu hören zum Beispiel auf: „Live in Berlin“ (2007, Jazzwerkstatt) oder „Live at Dreher Paris 1981“ (2003, hatOLOGY). Ich denke da gibt es – in beide Richtungen – noch einiges zu entdecken.

10. November 2021

Das Konzept des Jazzfest Berlin gleicht immer mehr dem der Kunstbiennale in Venedig: Ein groß gedachtes Event mit Blick auf anderen Kontinente, neue Trends und bei der Auswahl der Musiker mehr auf das Konzept als auf berühmte Namen schauend.

Beeindruckende Spielorte, Zuspielungen aus anderen Metropolen, beauftragte Kompositions- und Videoarbeiten, adäquat ergänzt durch Konzertaufnahmen verschiedener deutscher Rundfunkanstalten. Und alles (!) absolut hörenswert. Da sieht man als durchaus kulturverwöhnter Münchner schon auch mal sehr wehmütig nach Berlin.

ABER, großes Glück – auf der Webseite des Festivals und auf ARTE Concert stehen nun ein Jahr lang sämtliche Beiträge zum Ansehen und Anhören zur Verfügung. Genug Zeit also, sich – auch jenseits der oft etwas überfordernden Festivalatmosphäre – auf allerlei Spannendes in Ruhe einzulassen.

22. Oktober 2021

Der mit den Worten tanzt

Heute vor hundert Jahren wurde Georges Brassens (1921-1981), der große Freigeist des französischen Chansons geboren. Vieles gäbe es von ihm zu erzählen: von seiner Großherzigkeit, von seiner scharfsinnigen Beobachtungsgabe, seiner spitzbübischen Freude an der Provokation, seinen wunderschönen zeitlosen Melodien, die immer sehr kunstvoll auf die Texte abgestimmt sind. Gerade diese von Brassens’ fein ausgearbeiteten (Lied-)Texte, die nach wie vor von bestechender Aktualität sind, bilden das einzigartige Zentrum seines Werks. Sie sind vor Kurzem in sehr passabler deutscher Übersetzung im Mandelbaum Verlag erschienen und laden ein dieses vielfarbige Universum auch ohne Französischkenntnisse zu entdecken. Leider ist das Buch nicht ganz günstig, aber durchaus lohnenswert, denn der Übersetzer bleibt ganz nahe am Original.

Und dann hört man sich natürlich noch durch seine 14 Studioalben (1952-1976), welche jeweils den Titel des ersten Chansons tragen und von derart gleichbleibender Qualität sind, dass man beim bestem Willen keines besonders hervorheben könnte. Eine schöne Ergänzung hierzu ist das 1980 aufgenommene Album „Georges Brassens chante les chansons de sa jeunesse“, mit einer sehr charmanten Auswahl und Darbietung von Liedern, die ihn seit seiner Jugend ganz besonders beeinflusst haben. 

11. Oktober 2021

Sit down and play!

Faszinierend und komplex ist das energiegeladene Klavierspiel Erroll Garners (1921–1977). Bei seiner besonderen Technik hat man manchmal den Eindruck er würde sein Instrument mit Hämmern bearbeiten. Das 1955 entstandene „Concert by the Sea“ (Columbia) gehört zu den großen Werken des Jazz. Anlässlich seines 100. Geburtstags in diesem Jahr ist gerade das 1959 gegebene „Symphony Hall Concert“ (Mack Avenue) erschienen – ein weiteres sehr schönes Zeugnis seiner Kunst.

29. September 2021

Kurioses aus der Musikgeschichte

Dieses Album nennt sich „Nick Mason’s Fictious Sports“ und ist 1981 erschienen. Nick Mason ist der Drummer von Pink Floyd. Dieser ist mit Michael Mantler befreundet. Der war als das Album entstanden ist mit der Jazzkomponistin Carla Bley verheiratet. Und genau die hat dieses Album geschrieben, komponiert und arrangiert und mit Nick Mason und vielen anderen (Jazz)Musikern aus ihrem Umkreis aufgenommen. Herausgekommen ist verdammt gut arrangierte, mitreißende Musik. Ein Stück klingt noch ein bisschen nach Pink Floyd (Hot River), andere eher funky (Wervin’, Can’t get my motor to start) oder poppig ( I was wrong). Kurzum ein großer Spaß mit humorvoll-absurden Texten und vielen musikalischen Einfällen. Ach ja, auch Robert Wyatt ist als Sänger mit von der Partie.

14. September 2021

Chris Speed – Light Line

2021, Intact Records

Chris Speed erlebte ich zum ersten Mal Anfang der 90er Jahre in einem kleinen Club in Paris, den Instants Chavires, bei einem denkwürdigen Konzert mit dem Tim Berne’s Bloodcount. Seitdem begegne ich dem amerikanischen Saxophon- und Klarinettenspieler immer wieder in verschiedenen breitgefächerten Avantgarde-Jazz-Formationen live und auf Platte – was eigentlich immer hörenswert ist.

Und nun also ein ganzes Album solo mit der Klarinette. Nur Kompositionen – eigene und von anderen (Eric Dolphy, Paul Motion, etc.). 15 Titel, 49 Minuten. Dies erfordert natürlich Aufmerksamkeit – aber man bekommt schnell das Gefühl als würde man auf einer Parkbank sitzend einem Vogel beim Singen zuhören. Kurzum eine unterhaltsame, entspannende und durchaus lohnenswerte Hörerfahrung!

15. August 2021 – kleine Sommerpause

30. Juli – 1. August 2021

Kleines feines Festival in Österreich.

26. Juli 2021

Reisetagebücher

Anfang der neunziger Jahre lud der Magnum-Fotograf Guy Le Querrec drei mit ihm befreundete Musiker ein, ihn auf zwei seiner Reisen durch den afrikanischen Kontinent zu begleiten. Er selbst fotografierte mit seiner Leica, die drei anderen gaben Konzerte und musizierten mit Einheimischen. Aus diesen Erfahrungen entstanden diese drei – zuhause in Frankreich aufgenommenen – Alben, die von ausladenden Booklets begleitet werden, in denen die entstandenen Fotografien abgebildet sind. Der Musik merkt man die Einflüsse der afrikanischen Rhythmen sehr wohl an, es ist allerdings keine sogenannte Weltmusik, sondern mal lyrischer, mal sehr freier und meist sehr energiegeladener europäischer Jazz, der den Vergleich mit amerikanischen Kollegen nicht scheuen muss.

Das Trio mit Louis Sclavis (Klarinette, Saxofon), Henri Texier (Bass) und Aldo Romano (Schlagzeug; Gitarre auf „AF“) existierte zwar (abgesehen von ein paar Liveauftritten) nur für dieses Projekt, aber alle drei leisten in zahlreichen anderen Formationen weiterhin Beachtliches für den französischen Jazz.


Romano ◆ Sclavis ◆ Texier ◆ Le Querrec
Carnet de Route (1995)
Suite Africaine (1999)
African Flashback (2005, alle Label Bleu)

18. Juli 2021

Manchmal ist es in Ordnung, wenn Musik einfach nur schön ist. Man lässt sich auf einer Wolke nieder und lässt sich durch wohlklingende Klanglandschaften tragen. Dennoch ist Schönheit eine ganz eigene Kunst, die es zu beherrschen gilt und die Komponistin und Trompeterin Airelle Besson ist darin ganz meisterhaft.
„Radio One“ (2016, Naive) & „Try“ (2021, Papillon Jaune)
Auch gut: „Aïrés“ (2017, Alpha – mit Édouard Ferlet und Stéphane Kerecki)

8. Juli 2021

Dieses 2019 erschienenene Album ist äußerst rätselhaft. „Finding Gabriel“ heißt es und ist von Brad Mehldau, einem großartigen amerikanischen Jazzpianisten. Wabernde, zuckrige Synthesizerklänge, biblische Themen, viel Elektronik, sphärische Chöre, umherschwirrende Stimmen … extrem vielseitig, abwechslungsreich, neuartig, hervorragende Musiker, variationsreiches Instrumentarium …
So irritieren das alles ist, dieses Werk zieht mich immer wieder magisch an. Und daher ringe ich – wie Jakob in der Bibel mit dem Engel (Gabriel) – immer wieder von Neuem mit dieser Musik um zu verstehen was hier passiert. Möglicherweise doch ein Meisterwerk? Einen Grammy gab es bereits!
Auf jeden Fall ist es schön, wenn einen „Lieblings“-Musiker dazu bringen, bestehende Hörgewohnheiten zu überdenken ………

30. Juni 2021

Goldberg-Variationen

Musik die ich in eigentlich jeder Stimmung hören kann sind die Goldbergvariationen, der „heilige Gral“ der Klaviermusik. Die Versionen dieser vier Pianisten haben es mir besonders angetan:

1 ― Glenn Gould
Er ist sozusagen der Gralshüter. Von ihm gibt es zwei Gesamteinspielungen. Ich bevorzuge die erste aus dem Jahr 1955. Goulds Tempi reichen von sehr flott bis äußerst langsam, trotzdem ist sein Spiel von derartiger Klarheit dass es immer wieder ein Erlebnis ist ihm durch die 30 Variationen zu folgen.

2 ― Zhu Xiao-Mei
Von tiefer Ruhe und Einfachheit getragen ist das unprätentiöse Klavierspiel der chinesisch-französischen Pianistin. Es bringt Essenz des Bachschen Variationen zum Vorschein ohne dass es der Aufnahme an fröhlicher Lebendigkeit mangelt. (2007, harmonia mundi).

3 ― Wilhelm Kempff
Sehr sympathische Version (Deutsche Grammophon, 1970), die sich durch das Weglassen aller Verzierungen auszeichnet.

4 ― Dan Tepfer
Der amerikanische Jazzpianist spielt alle Variationen (in sehr eigenwilligem Rhythmus) im Wechsel mit eigenen freien Interpretationen (2011, Sunnyside). Das ist ungewöhnlich spannend und ein oft sehr lustiges Hörerlebnis. Denn manchmal klingen diese Interpretationen ein bisschen als hätte der Pianist Schluckauf … (Am Rande: Schluckauf/Hoquetus ist auch eine eigene Musikgattung »)

Interessantes Spiel: Von jeder Aufnahme jeweils das gleiche Stück hintereinander spielen und mit der freien Improvisation Tepfers enden …

Lesebefehl:
„Der Fetzen“ von Philippe Lançon (2019, Tropen Verlag). Der Kulturjournalist, der 2015 das Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion schwer verletzt überlebt hat, beschreibt in dieser beeindruckenden Erzählung seine langwierige körperliche und mentale Wiederherstellung. Hierbei haben ihm neben Literatur (Proust, Kafka und Manns „Zauberberg“) und Filmen vor allem die Bachschen Klavierwerke – insbesondere die Goldberg-Variationen – geholfen Würde zu bewahren und Kraft gegeben durchzuhalten. Ein starkes Buch auch über Kunst und Kultur als Lebenselixir.

17. Juni 2021

Graham Costello – Second Lives
2021, Gearbox

So, hier kann man die Anlage mal ruhig richtig aufdrehen. Nach einem ersten spährischen Stück mit dem sonderbaren Namen အစ, und einem nachfolgendem Crescendo knallt zunächst das Schlagzeug bei Drei so richtig los. Die Melodielinien der Instrumente sind mal zu mächtigen (sind das tatsächlich nur zwei Blechbläser?), mal zu zarten Klangteppichen verwoben. Es sind Kompositionen des Schlagzeugers Graham Costello der mit seinen vier Mitspielern Fergus McCreadie (Piano), Joe Williamson (E-Gitarre), Liam Shortall (Posaune), Harry Weir (Tenorsaxofon) und Mark Hendry (E-Bass) diese extrem gut aufgebaute Platte eingespielt hat. Und nach einem abwechlungsreichen Trip lässt einen letztendlich das finale (Titel)Stück sanft wieder aus der Aufnahme gleiten.

9. Juni 2021

Hurraaaaaaa – ein Livekonzert! Und was für ein tolles: Autochrom, ein Trio das sich nach der Technik der ersten Farbfotografie benannt hat. Drei Farben, die zusammen ein farbiges Ganzes ergeben – besser kann man einen Bandtitel kaum wählen. Angeführt von Luise Volkmann, einer der derzeit interessantesten deutschen Musikerinnen. Autochrom verbindet die kindliche Freude am „Herumspinnen“ (die man eigentlich nie verlieren sollte) mit raffinierter Komposition. Jazz? Neue Musik? Egal!

Stilmäßig noch wüster wird es mit Volkmanns Projekt Eté large, das unter anderem an britischen Experimental-Rock/Jazz der 70er und 80er Jahre erinnert oder auch die Dreigroschenoper. Dies und vieles mehr mit einer 13-köpfigen Musikercombo extrem kreativ und gekonnt weitergedacht und performt.

Ganz wundervoll finde ich auch das Projekt der Saxophonistin bei dem sie in Dialog mit einem Organisten (Didier Matry) an der Kirchenorgel tritt (ein durchaus ausbaufähiges Konzept :-)).

Vor ein paar Tagen ist noch eine neue Platte herausgekommen: LEONEsauvage, eine kollektive Free Jazz Big Band unter Volkmanns Leitung, die in alter Charlie Haden/Carla Bley-Tradition, eine ganze Menge an Revolutionen ausruft. Bleibt also weiter spannend!!

Autochrom
RGB
2019, Nwog

Été Large 
When The Birds Upraise Their Choir
2020, Nwog

Luise Volkmann ◆ Didier Matry 
Wünsche
2019, Umland

LEONEsauvage
Dreams to come
2021, Umland

31. Mai 2021

Wenn das Motto des ECM-Labels „The most beautiful sound next to silence“ genau zutrifft, dann ist es bei dieser Aufnahme „Sunrise“ (2012) des Trios um den Pianisten Masabumi Kikuchi (1939–2015) mit Thomas Morgan (*1981) am Kontrabass und Paul Motian (1931–2011) am Schlagzeug.

Das ist Musik, die sich an der Schwelle zum Verschwinden befindet. Derartig Minimales kann unter Umständen anstrengend sein, doch hier entwickelt sich ab dem ersten Ton eine Zauber der (mich) tief berührt. Warum das so ist? Ich weiß es nicht! Erfahrung? Sensibilität? Auf jeden Fall ist es ist immer schön wenn sich ein solches Gefühl bei Musik einstellt …

Auch Cover ist so strahlend schön wie die Töne selbst. Kleiner Kritikpunkt könnten die Geräusche sein die der Pianist hin und wieder ausstößt, aber entweder man stellt sich einfach einen Baum voller Krähen im Hintergrund vor oder man akzeptiert es als archaisches Zusatzinstrument.

24. Mai 2021

Happy Birthday Mr. Dylan

Wein nach Etikett zu kaufen funktioniert meistens ganz gut. Bei Musik ist das anders: Vor vielen Jahren, als man noch stundenlang in Plattenläden herumlungerte, war oft das Cover ein verlockender Erstkontakt. In meiner Erinnerung waren es letztendlich aber nur zwei Alben die ich mehr oder weniger nur kaufte, weil mir das Cover so gut gefiel.

„Breadcrumb Sin“ von Jamie Saft das eine Handpuppe zierte, das andere „World Gone Wrong“ mit einem besonders stimmungsvollen Foto von Bob Dylan. Kurioserweise erschien einige Jahre später ein Album auf dem Jamie Saft seine Lieblingssongs von Bob Dylan covert. Und diesem Fall sind Cover UND Musik wahnsinnig lässig.

Bob Dylan wird heute achtzig. Ich bin weder Dylanologe, noch zähle ich zu den bedingungslosen Fans, dennoch fasziniert er mich seit langem: als legitimer Erbe der Beat Generation, als eleganter Stilist, als jemand der sich stetig weiterentwickelt und neu erfindet. Man kann das als Brüche sehen, aber vielleicht ist er einfach jemand, der keine Lust hat immer nur das Gleiche zu machen. Ist auf jeden Fall spannend sich immer wieder von neuem mit ihm zu beschäftigen. (siehe auch Cover)

Jamie Saft Trio
Trouble
2006, Tzadik

Jamie Saft: Klavier, Hammondorgel
Greg Cohen: Kontrabass 
Ben Perowsky: Schlagzeug
Gäste: Antony, Mike Patton (Gesang)

18. Mai 2021

Maschinenpoesie

Der Franzose Pierre Bastien (*1953) ist Literaturwissenschaftler, Musiker und Komponist mit tiefer Liebe zu altem Jazz und traditioneller Weltmusik  – und er baut Maschinen, Spieluhren, Klangskuplturen. Aus Meccano (dem französischen Pendant zu Fischer-Technik), mit Instrumenten aus der ganzen Welt und was er sonst noch so findet. Und damit macht er Musik.

Unterstützt werden diese mechanischen Klänge durch „normale“ Instrumente wie eine Taschentrompete oder Horn. Das alles zusammen klingt unglaublich poetisch und vielfältig. Live ist das ein multimediales Erlebnis mit Projektionen und stetigem Bedienen seiner skurrilen Klangskulpturen.

Aber auch ohne Visualisierung erliegt man schnell dem Charme und der Eleganz dieses wunderbaren Klanguniversums :„Die Präzision der Akkorde, Rhythmen und Töne schaffen eine monotone, hypnotische und gemütliche mechanische Wiederholungen mit einem sehr starken menschlichen Gefühl, da diese Roboter auch eine gewisse Wärme und bunte Verspieltheit haben.“ (Quelle)

Pierre Bastien arbeitet oft allein, kooperiert aber auch mit Musikern wie Pascal Comelade, Jackie Liebezeit (CAN), Robert Wyatt und ist – obwohl leider relativ unbekannt – einer der interessantesten Experimentalmusiker.

Anspieltipps:
Les Premières Machines 1968 – 1988
2007, Gazul Records
The Oblique Sessions
mit Pascal Comelade, Jac Berrocal und Jaki Liebezeit 1997, Les Disques du Soleil et de l’Acier
The Mecanocentric World of Pierre Bastien
2017, Discrepant
Tinkle Twang ‘n Tootle
2019, Marionette

11. Mai 2021

Eine persönliche Reise zur Winterreise

Vor einiger Zeit erschien folgende Konzertankündigung: Ein Kammerorchester, ein Jazztrio und ein singender Schauspieler präsentieren einen Abend mit Liedern aus Franz Schuberts Winterreise und … von Nick Cave. Klang abenteuerlich, also hin! Der Abend war dann richtig spannend. Allerdings gab es weniger Cave, mehr Schubert. Kurze Zeit später erschien die durchaus empfehlenswerte Aufnahme : „Mercy Seat – Winterreise mit dem Ensemble Resonanz und Charly Hübner (2020, resonanzraum records). Und bei mir regete sich die Vermutung, dass dieses Werk aus dem Jahr 1827, gar nicht so schlecht ist …

Etwa zur gleichen Zeit erschien eine weitere Aufnahme der Winterreise: Axel Wolf an der Laute, Hugo Siegmeth am Saxophon und diesmal ein sprechender Schauspieler –  Stefan Hunstein (2020, Oehms Classic). Alle drei Garanten für Anspruchsvolles. Und das ist es dann auch, ein bewegendes Feuerwerk mit starkem Akzent auf den Texten Wilhelm Müllers. 

Aber wie sieht es eigentlich mit der Originalbesetzung – Klavier und Stimme – aus?
Die Recherche geht jetzt erst richtig los: Erster stop beim Label alpha. Julian Prégardien (Sohn), aber wer ist Hans Zender der da neben Franz Schubert als Komponist steht? Zender ist der Erfinder der „komponierte Interpretation“ – das heißt, er hat, in diesem Fall, Schuberts Werk weitergedacht und für Orchester umgeschrieben. Eine wunderbare Aufnahme mit überraschender Instrumentierung und expressiver Interpretation (2018, alpha)! Aber –  immer noch keine „Originalfassung“ …

Also weiter: Fischer-Diskau / Moore – Bostridge / Andsnes – Prégardien (Vater) / Staier –  Web-Winterreise-Foren … und plötzlich fällt der Name Benjamin Britten. Moment – der ist doch Komponist?

Ja schon – ABER er ist AUCH ein brillianter Klavierbegleiter, unter anderem für seinen Lebensgefährten, den Tenor Peter Pears. Im Internet findet sich ein Video, in dem diese beiden extrem angetan die Winterreise diskutieren (it’s like a psycologic casebook, it has every situation in it of a disstressed person (…) the most alarming a was found in performing this, was there ist actually so little on the page (…) extraordinary moods and athmospheres with so few notes (…). Und mit genau diesem Respekt interpretieren sie dann auch tief ergreifend dieses Werk: das Klavierspiel klar und schnörkellos, der Gesang gefühlvoll und unprätentiös. (decca, Aufnahme von 1963). Kleiner Kritikpunkt bleibt die mangelnde deutsche Artikulation des britischen Sängers, aber alles andere macht das locker wett.

Interessant ist nun auch, was mit so einer einzigen Komposition alles möglich ist. Aber darin liegt die Stärke dieser Winterreise, nämlich dass sie musikalisch und textlich so genial und zeitlos ist, dass sie dann auch sehr viel aushält. Und wer weiß, vielleicht begibt sich ja irgendwann auch Nick Cave „auf Winterreise“? À suivre …

P.S. Goerne / Brendel sind auch gut.

3. Mai 2021

Jorn Swart’s Malnioa – Hello Future
2021, Outside in Music

Wenn man diese Musik mit einem Etikett versehen möchte, würde wahrscheinlich Kammerjazz daraufstehen. Aber eigentlich ist es viel mehr. Bereits die Besetzung ist ungewöhnlich: der Bandleader Jorn Swart am Klavier, an der Bassklarinette Lucas Pino und an der Bratsche Benni von Gutzeit. Jedes Stück basiert auf einer eigens dafür geschriebenen Kurzgeschichte. Das erzeugt sehr breite aber stimmige und elegante Stilivariationen, so dass das Anhören immer wieder zu einer neuen Entdeckungsreise wird. 

26. April 2021

21. April 2021

Enzo Carniel & Filippo Vignato – Aria

Menace, 2021

Es gibt Musik die ist so schön, dass man beim Zuhören kaum wagt zu atmen. Diese gehört definitiv dazu: „Silent Room“ nennen der französische Pianist Enzo Carniel und der italienische Posaunist Filippo Vignato ihr Duo. Und ja, ihre musikalische Zwiesprache ist extrem ruhig und bedächtig und baut dennoch eine unglaubliche Spannung auf, die sich durch das komplette Album trägt. Faszinierend auch wie im Lauf der Stücke dezent immer mehr elektronische Elemente hinzukommen.

Auch unbedingt interessant: „Ghost“ mit Filippo Vignato in wundervollem Dialog mit dem amerikanischen Cellisten Hank Roberts (2019, Cam Jazz) und „Echoides“ von Enzo Carniels Projekt „House of Echo“ mit analogen und elektronischen Klangexperimenten (2017, jazz&people).

18. April 2021

Valentin & Théo Ceccaldi – Constantine
2020, Full Rhizome

Constantine ist eine Stadt im Norden von Algerien. Dort ist der Vater – Serge – der französischen Jazzmusiker Théo (Violine) und Valentin (Cello) Ceccaldi 1960 geboren und musste von dort zweijährig mit seiner Familie nach Frankreich auswandern. Dieses Album ist eine musikalische Reise durch die Zeit zu den Wurzeln der Familie Ceccaldi, hauptsächlich mit Kompositionen des Vaters, der Theatermusiker ist und nebenbei eine assoziative Musikschule gegründet und geleitet hat. Eingeladen wurden hierzu zahlreiche Weggefährten die diese bunte, musikalisch Revue in zahlreiche Klangfarben und Stile tauchen: das Grand Orchestre du Tricot, entstanden auf Initiative der Gebrüder Ceccaldi und weiteren ehemaligen Schülern der Musikschule des Vaters, die wunderbare Sängerin Leila Martial, Emile Parisien mit einem flotten Klarinettenritt, Michel Portal am Bandoneon und einige mehr. Man spürt die vibrierende Hitze der algerischen Sonne und das laute Gewusel nordafrikanischer Metropolen. Eine wagemutige, engagierte Platte, die im letzten Jahr erschienen ist.


P.S. Wer sich für die Umstände interessiert warum ab Anfang der 1960er Jahre zahlreiche Algerier nach Frankreich auswanderten, dem empfehle ich den hervorragenden und aufschlussreichen Roman „Die Kunst zu verlieren“ von Alice Zeniter (2019, Berlin Verlag).

15. April 2021

Ramsey LewisMother Nature’s Son
1968, Cadet

10 Songs des „White Album“ der Beatles vom amerikanischen Jazzpianisten Ramsey Lewis (*1935) arrangiert und live unter anderem mit Streichorchester und Moog-Synthesizer aufgenommen. Das Verrückte daran ist, dass die Aufnahmen im Dezember 1968 entanden, nur kurze Zeit nach der Veröffentlichung des Albums der Beatles am 22. November 1968. Und noch verrückter: Dieses Album ist extrem cool und macht ziemlich gute Laune! Das Cover übrigens auch …

9. April 2021

Mike Westbrook – Ja, Pathos!

Neben den kleinen, intimen musikalischen Formaten, habe ich ein großes Faible für die voluminösen, pathetischen Produktionen. Ein Meister in zweiterem ist Mike Westbrook, der im März seinen 85. Geburtstag gefeiert hat. Ebenso hat er einen nicht unerheblichen Verdienst an der Entwicklung und Emanzipation des britischen und auch europäischen Jazz ab den 1960er Jahren bis heute. Als Pianist, Komponist, Arrangeur, Orchester- und Bandleader in kleinen bis größten Formationen hat er vieles auf den Weg gebracht. Um eine Vorstellung der enormen Bandbreite seines Schaffens bekommen, habe ich ein paar Alben, die ich interessant finde, herausgesucht:


1 ― Marching Song , Vol. 1 & Vol. 2
(1969): Eine Anti-Kriegs-Symphonie, mit brennender Intensität gespielt vom Who-is-Who britischer Jazzgrößen wie John Surman, der Westbrooks Schüler war, am Saxophon oder dem Amerikaner Barre Phillips am Bass – insgesamt sind sie 25.

2 ― Metropolis (1971): Das kraftvolle 9-teilige Konzeptalbum mit einer 23-köpfigen Big-Band-Besetzung gilt als Meilenstein des britischen Jazz. Eher dissonant beginnend, gipfelt es nach einem wilden Ritt durch alles Mögliche (z.B. groß- und eigenartiger „Gesang“ von Norma Winstone in Part III) in einem fulminanten Trompetensolo in Part IX. (Es gibt ein gleichnamiges Album vom Willem Breuker Kollektief, aber das ist ein anderes und dennoch ähnliches Kapitel …)

3 ― Piano (1978): Die Vertonung britischer Gedichte (Emily Bronte, Edward Lear, Rudyard Kipling) für Klavier, solo – ohne Gesang. Abwechslungreich und eine Freude anzuhören.

4 ― The Westbrook Blake: Bright as Fire (1980): Vertonung von Gedichten William Blakes (1757–1827). Kraftvoll gesungen von Phil Minton und Kate Westbrook (und einem Kinderchor) und Westbrooks Brass Band. Grandios in Brecht/Weillscher Tradition. Herausragender Song: „Let the Slave“

5 ― Westbrook-Rossini, Zürich Live (1986): Interpretationen von Werken des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini (1792–1868), Nicht komplett durch den musikalischen Fleischwolf gedreht, aber schon ein bisschen (sehr) … Dies alles sehr glänzend und facettenreich. Besonders toll: die wild-rhythmische Version der Ouvertüre des „Barbiers von Sevilla“. Ein eher instrumentales Album, aber ein paar schmissige Opernarien sind auch dabei.


6 ― Off Abbey Road
(1990): Beatles covern können viele (und auch gut), aber so konsequent (alles komplett in Originalreihenfolge gecovert) und phantasievoll nur wenige. „I Want You“ mit der Tuba und derbem Gesang (Phil Minton), „Because“: äusserst schmachtend (Kate Westbrook), „Mean Mr. Mustard“: ganz schön schrill, u.v.m. Das Ganze macht richtig Spaß – so wie das Original auch!

7 ― The Serpent Hit (2013): Texte und Gesang um das Thema der Vertreibung aus dem Paradies von Mike Westbrooks (der die Arrangements komponiert hat) langjähriger Mitstreiterin und Ehefrau Kate – un- und außergewöhnlich begleitet von einem Saxophonquartett und einem Schlagzeug.

8 ― Catania – Live in Sicily 1992 (2019): Aufgenommen an drei Tagen im Juli 1992 in Catania, Sizilien, während des Mike-Westbrook-Festivals, das dort von lokalen Jazz-Liebhabern organisiert wurde. Sehr schöner, mitreissend gespielter Überblick über Westbrooks Gesamtwerk. Großes Orchester, viel Pathos und Solomusiker wie Dominique Pifarely an der Geige und der italienische Posauniste Danilo Terenzi.


Ja, und das ist noch lange nicht alles, aber vielleicht schon ein ganz guter Überblick …

29. März 2021

Passions-Zeit

Ich bin mit Kirchenmusik aufgewachsen – insofern gehört zur Karwoche natürlich ein Passionsoratorium. In diesen Jahr sind es zwei. Zwei Vertonungen des bluttriefenden Textes „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ von Barthold Heinrich Brockes (1680–1747). Dessen Zeitgenossen gefiel dieser Text so gut dass er gleich von mehr als zehn Komponisten verwendet wurde.


Angezogen durch ein auffällig schönes Cover (und ein gewisses Grundvertrauen in die spanndenden Veröffentlichungen des Labels α) wurde ich auf die soeben erschienene Brockes-Passion von Georg Friedrich Händel mit dem Ensemble Arcangelo unter der Leitung von Jonathan Cohen (2021, Alpha) aufmerksam. Diese Aufnahme ist wunderbar luftig und enschärft so ein wenig die drastische Bildsprache der Texte („Schäumest du, du Schaum der Welt, speit dein Basiliskenrachen, Brut der Drachen, dem, der alle Ding’ erhält, Schleim und Geifer ins Gesicht, und die Höll’ verschlingt dich nicht?“).

Die Version des mit Händel befreundeten Georg Philipp Telemann in einer Aufnahme mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von René Jacobs (2009, harmonia mundi) ist wesentlich expressiver und voluminöser. Ich finde beide absolut hörenswert.

22. März 2021

Michel Portal
Nachtrag zum 5. März

Michel Portal ist ein feste Größe in der internationalen Musikwelt – leider wissen das ausserhalb Frankreichs nur wenige. Der 1935 geborene Klarinettist, Saxophonist, Bandoneonspieler und Komponist macht vor keiner musikalischen Grenze halt. Hier eine Auswahl an Alben, die das vielleicht deutlich machen:


1 ― Splendid Yzlement
(1972): Vor etwa 30 Jahren mein erster Kontakt zu Michel Portal. Ist nicht sein zugänglichstes Werk, aber die 1970er Jahre waren eben auch die Zeit der großen musikalischen Experimente. Und dieses hier ist dafür ein sehr spaßiges Beispiel. Aus dem gleichen Jahr findet man im Web die für den französischen Jazz wegweisende Live-Aufnahme „Michel Portal Unit – Chateauvallon 1972“.

2 ― Dejarme solo (1970): Die Sehnsucht nach Einsamkeit – nach jahrelangem Spielen im Kollektiv – führte zu diesem Soloalbum, das im Multitrack-Verfahren unter Verwendung fast der gesamten Saxophon- und Klarinettenfamilie entstand. Am Ende wird es gekrönt mit einer ausgelassenen Bandoneon-Performance. Vielleicht Portals schönstes Album.

3 ― Arrivederci Le Chouartse (1980): Ein Live-Aufnahme mit den Schweizern Pierre Favre am Schlagzeug und Léon Francioli am Bass. Für geübte Ohren ein Genuss.

4 ― Musiques de cinémas (1995): Ein Fusion-Ausflug – oft sehr emotionale aber auch kraftvolle Filmusikkompositionen mit großartigen Musikerkollegen.



5 ― Bailador
(2010): Französisch-amerikanische Zusammenarbeit voller mitreissender Spiellust. Eigentlich (fast schon) tanzbar …

6 ― Eternal Stories (2017): Ein Jazztrio (inkl. Monsieur Portal) und das Streichquartett „Quatuor Ébène“ – das ist Musik die man eigentlich gar nicht näher definieren möchte. Gespielt wird Portal, Astor Piazzolla und mehr. Einfach selbst hören wie das klingt.

7 ― MP85 (2021): Siehe 5. März

Übrigens: Das Allerschönste gibt es (noch?) nicht auf Platte: ein Duo mit dem Pianisten Roberto Negro – allerdings in Form einer Konzertaufzeichnung die auf der Homepage des Pariser Musikclubs „Le Triton“ für
2 Euro angeboten wird).

Und sonst: Tangomusik mit Richard Galliano („Blow up“, 1996); Klarinettenkonzerte von Mozart, Brahms, etc. (z.B. „Double“ mit Paul Meyer, 2020); Hommagen an den amerikanischen Jazz („Minneapolis“, 2000), Afrika („Burundi“, 2000) u.v.m.

Fussnote: Frühes in Erscheinung treten Michel Portals im französischen Chanson u.a. bei Serge Gainsbourg („Machin choses“, 1964) und Barbara („Pierre“, 1964).

11. März 2021

meets, with, &

Seit einiger Zeit stoße ich immer wieder auf ein Phänomen, das sich „meets, with oder & Gerry Mulligan“ nennt. Dave Brubeck Trio & Gerry Mulligan, Gerry Mulligan with Chet Baker, Gerry Mulligan with Lee Konitz, Mulligan meets Monk und nun auch noch Astor Piazzola (der heute hundert geworden wäre) & Gerry Mulligan … hm …

Nachtrag 19. März:
Also, Gerry Mulligan (1927–1996) spielte Baritonsaxophon - zu dessen Druchbruch als Soloinstument er maßgeblich beteiligt war - und so eigentlich mit allem was Rang und Namen hatte (von Miles Davis bis Zubin Meta) auftrat und aufnahm und arragierte. Ganz besonders fiel nun mein Ohr auf die Aufnahmen eines Konzerts in der Carnegie Hall aus dem Jahr 1974 mit Chet Baker, einem sehr jungen John Scofield und einer wunderschön fragilen Version von My Funny Valentine.

8. März 2021

Humpf – It’s Monk-Time

Ein Gelegenheitskauf, ein Flohmarktfund und eine gezielte Ergänzung bescherten mir gerade einen Einstieg die wundersame Monk-Galaxie. 
Zunächst eine Biografie – „Monk“ – aus der sehr persönlichen Sicht des leidenschaftlichen Monk-Fans und Jazzpianisten Laurent de Wilde. Weniger wissenschaftlich als anekdoten-gespickt und analytisch ein großer Lesespaß. Leider nur französisch – mittleres Spachniveau reicht – bzw. englisch erhältlich.
Die Zeitschrift „du“ (Nr. 3) betrachtet Thelonious Monk aus zahlreichen Blickwinkeln wie etwa in einem (fiktiven) Gespräch des Jazzjournalisten Michael Naura mit Carl Philip Emanuel Bach über Monk oder Erinnerungen Abdullah Ibrahims an Monk. 
Eine schöne Ergänzung ist die umfangreiche Graphic Novel „Monk!“ von Youssef Daoudi (englisch bzw. französisch), die die damalige Aufbruchzeit des amerikanischen Jazz zum Bebop wunderbar in atmosphärische Bilder umsetzt. Beschrieben wird neben dem Werdegang Monks auch die Geschichte seiner Förderin, der Baronesse Pannonica de Königswinter. 
Am Ende vieler „du“-Artikel haben die Autoren Listen ihrer Monk-Lieblingsalben gesetzt, da ich aber –  noch – Monk-Neuling bin, hier nur ein paar spontane Eindrücke: Mir gefällt vor allem das Skizzenhafte seiner ersten Aufnahmen für das Label „Prestige“ (1954–56) und eines in Paris aufgenommenes Solo-Albums (1954). Überraschend gut auch das Live-Konzert in der New Yorker Town Hall (1959) mit einer für Monk ungewöhnlichen Tentet-Besetzung, deren Spiel extrem feinfühlig um den Pianopart herum arrangiert ist.

5. März 2021

Dieses Album ist, wie bei dieser Besetzung nicht anders zu erwarten war, ein Ereignis!
Hier tanzt jeder mit jedem: Klarinette mit Posaune, Klavier mit Bass und Schlagzeug, alle zusammen und immer so weiter. Fünf Musiker, drei Generationen reiten durch die überwiegend französische Jazzgeschichte, die der 85-jährige Michel Portal ganz maßgeblich mitgeschrieben hat und das macht großen Spass. Überraschende Zäsuren, schräge Töne, ergreifende Läufe, irre Grooves, entspanntes Swingen, puh …
Und dann noch gelebtes Europa obendrein: zwei Franzosen, ein Belgier, ein Deutscher und ein Serbe.

17. Februar 2021

Chick Corea (1941–2021)

Aus traurigem aktuellem Anlass habe ich mich mal wieder mehr mit Chick Corea beschäftigt. Um ehrlich zu sein habe ich mit ihm in den letzten Jahren, aufgrund seiner Scientology-Zugehörigkeit, eher gehadert. Ich bin auch immer noch nicht sicher ob man diese so einfach ausklammern kann. Nun ist er leider doch ein so sympatischer und vielseitiger Musiker, und Dank der zahlreichen Berichterstattung zu seinem Tod habe ich so viel neues und erstaunliches entdeckt, dass ich denke, es ist gut sich einfach auf sein musikalisches Werk zu konzentrieren. Meinen ganz großen Respekt haben nach wie vor seine „Children Songs“ (>solo), kleine solistische Klavierminiaturen, aber auch sein erstes Werk mit dem Trio Vitous/Haynes „Now he sings, now he sobs“ und die freien Improvisationen mit gleicher Formation (>trio) sind ganz große Klasse. Das aktuellere Trio mit Christian McBride und Brian Blade ist aber auch nicht ohne… Neben der symbiotischen Duoformation mit Gary Burton am Vibrafon (>duo), fiel mir ein Duo mit dem Banjospieler Béla Fleck neu ins Ohr, das gemeinsame Album heißt „The Enchantment“ und ist genau dies. Ich denke meine Reise mit Chick Corea geht jetzt weiter und irgendwann werde ich mich auch noch mit dem brasilianisch geprägten Teil seines Werks anfreunden …

6. Februar 2021

Max Roach | Abdullah Ibrahim,
Streams of Conciousness, 1978
Was für eine tolle Überraschung! Die beiden von mir seit langem geschätzten Musiker Max Roach und Abdullah Ibrahim haben zusammen 1977 ein Album aufgenommen. Vielleicht nicht ganz abwegig, trotzdem ist es das einzige gemeinsame Werk. Und was für eines: Das Spiel der beiden, die hier sowohl ihre musikalische Freiheiten, als auch ihre gemeinsamen Wurzeln zelebrieren ist absolut großartig.
Ein zweites Dokument der beiden Musiker befindet sich hier im Web: Ein Konzert aus dem Jahr 1997.
Mehr habe ich nicht gefunden …

Januar 2021

2020 erschienene Platten die ich besonders mochte:

1 ― Alabaster Deplume |
To Cy & Lee: Instrumentals Vol. 1 
Schwer zu sagen was das genau ist, aber es macht gewaltig Spaß.

2 ― Calabashed | Behold A Black Wave
Aus ähnlichem Londoner Kochtopf wie Nr. 1,
zusätzlich mit Hip-Hop gewürzt.

3 ― Carla Bley | Life goes on
Drei alte Hasen (davon eine Häsin) die nach wie vor frisch und unverbraucht klingen.

4 ― Claude Tchamitchian Trio | Poetic Power
Französischer Bassist mit armenischen Wurzeln, poetisch stark in Trioformation.

5 ― Dinosaur | To The Earth
Bestes Kopfkino aus England: zu den Ohren rein und dann 41 Minuten ablaufen lassen.

6 ― Été large |
When the birds upraise their choir
Glücklich machendes Rock-Jazz-Musical-Big-Band-Experimentier-Gemisch vom musizierenden Nachwuchs.

7 ― Eva Kruse | New Legend
Hier spielen fünf Personen unglaublich guten Jazz.

8 ― Hugo Siegmeth, Axel Wolf und
Stefan Hunstein | Winterreise
Schubert mit Saxophon, Laute und gesprochen. Fast hat man den Eindruck eine Tom Waits-Platte zu hören.

9 ― Jarv is …  | Beyond The Pale
Cool, glamourös, ironisch, intelligent und
immer besser: Jarvis Cocker 

10 ― Jean-Louis Matinier, Kevin Seddiki |
Rivages
Alter Bekannter am Akkordeon mit „jugendlichem“ Gitarristen, ein sehr feines Duo-Gespann.

11 ― Jî Drû | Western
Irgendwie hypnotisch und sehr elegant groovig.

12 ― Mary Halvorson’s Code Girl |
Artlessly Falling
Jonglierende Töne, verdrehte Harmonien auf verschlungenen Wegen und Robert Wyatts Gesang ist die Sahnehaube.

13 ― Michael Wollny | Mondenkind
Lunatisches Klavierspiel mit spannenden Wendungen.

14 ― Paul McCartney | III
Sir Paul rockt 78-jährig im Alleingang. Das rührt extrem und ist verdammt gut und klingt fast innovativ.

15 ― Phillip Sollmann | Monophonie
Berghain-DJ begibt sich berauschend auf das Feld der neuen Musik. 

16 ― River | River
Für alle die es noch nicht wissen: Im Münchener Independent-Untergrund brodelt es gut und heftig!

17 ― Stefano Bollani |
Piano Variations on Jesus Christ Superstar
Wenn eine Platte mehrere Tage lang non-stop laufen kann, spricht das für sie …

18 ― Thurston Moore | By The Fire
Hervorragendes E-Gitarren-Feuerwerk und insbesondere live ein Höhepunkt in 2020.

19 ― Vincent Courtois | Love of Life
Der französische Tausendsassa am Cello lässt sich mit zwei Saxophonisten in sehr zufriedenstellender Weise vom Werk Jack Londons inspirieren.

20 ― Wayne Horvitz, Sara Schoenbeck |
Cell Walk
Langer konzentrierter Reigen mit Klavier und Fagott.